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Revolution, 1918/1919

Jubelnde Soldaten vor dem Mathäserbräu am 8. November 1918. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-5123)

von Bernhard Grau

Am 7. November 1918 gelang es in München einer kleinen Schar von Linksoppositionellen um den unabhängigen Sozialdemokraten Kurt Eisner (1867-1919), den bayerischen König Ludwig III. (1845-1921, reg. 1912/13-1918) zu stürzen. Erklärte Ziele waren die sofortige Beendigung des Krieges und die Umwandlung des Staatswesens in eine parlamentarische Demokratie. Der Erfolg war umso erstaunlicher, als er ohne ernsthaften Widerstand und völlig unblutig errungen wurde. Mit Verwirklichung der Nahziele war der schichtenübergreifende Minimalkonsens, der den Umsturz ermöglicht hatte, freilich bald aufgezehrt. Deutlich wurde dies vor allem durch die Ausbildung einer extremen Linken, die eine reine Räteherrschaft anstrebte, und die anfangs noch zaghafte Formierung einer militanten Rechten, die auf die Restaurierung eines autoritären Nationalstaats hinarbeitete. Die Ermordung Eisners am 21. Februar 1919 war Folge der sich seit Anfang Januar allmählich zuspitzenden politischen Konflikte und schuf ein gefährliches Machtvakuum. Der erst nach langem Tauziehen bestellten Regierung unter Johannes Hoffmann (1867-1930) gelang es nicht, sich gegen die zentralen Rätegremien durchzusetzen und die Ausrufung der "Baierischen" Räterepublik zu verhindern. Deren Niederschlagung Ende April / Anfang Mai 1919 beendete die Revolution und führte mittelfristig zur Etablierung der "Ordnungszelle" Bayern. Aufgrund ihrer komplexen Wirkungsgeschichte stellt die Revolution des Jahres 1918/19 eines der zentralen, zugleich aber auch meistumstrittenen Ereignisse der jüngeren bayerischen Geschichte dar.

Begrifflichkeit

Unter Revolution wird gemeinhin der gewaltsame Umsturz einer bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung verstanden. Dieses Merkmal trifft auch auf die Ereignisse des 7. und 8. November 1918 in München und die anschließende Ausbreitung der Bewegung über ganz Bayern zu. Dies gilt es vor allem gegenüber Teilen der älteren Forschung zu betonen, die in der deutschen Revolution nur einen Zusammenbruch der alten Ordnung zu erkennen vermochte (siehe hierzu Rürup sowie Hürten). Schwer taten sich mit dem Begriff der Revolution von 1918/19 aber auch einige Forscher mit orthodox-kommunistischer Einstellung.

Tatsächlich weist die Revolution in Bayern unübersehbare Unterschiede sowohl zur französischen als auch zur russischen Oktoberrevolution auf, die herkömmlicherweise den Maßstab für erfolgreiche Revolutionen darstellen. Neben dem Ausbleiben physischer Gewaltanwendung ist hier vor allem auf den nicht erfolgten Elitenwechsel hinzuweisen. Diese Eigenheiten hatten nicht nur mit der vollständigen Kapitulation der alten Herrschaftsträger und der Bereitschaft der Beamten zu tun, sich auf den Boden der neuen Tatsachen zu stellen. Die Revolutionsforschung hat vielmehr gezeigt, dass der Erfolg einer Umsturzbewegung in hoch entwickelten Industriegesellschaften voraussetzt, dass die Funktionsfähigkeit von Verwaltung, Wirtschaft und Infrastruktur erhalten bleibt. Die angespannte Versorgungslage, die Demobilisierung des Feldheeres und die Umstellung der Kriegswirtschaft auf eine zivile Produktion legten der Umsturzbewegung in Bayern daher enge Fesseln an.

In Hinblick auf die Trägerschichten handelte es sich zwar um eine proletarische Revolution. Im Endergebnis wurden aber vor allem liberal-bürgerliche Forderungen dauerhaft in der Verfassungswirklichkeit verankert. Dies hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass die Revolution im stark agrarisch geprägten Bayern weitgehend auf Städte und industrielle Zentren beschränkt blieb, auf dem flachen Land hingegen wenig Rückhalt besaß. Ansätze zur Verwirklichung der Diktatur des Proletariats sind zwar erkennbar, die Beseitigung der parlamentarischen Demokratie zugunsten einer Räterepublik blieb aber eine zeitlich und örtlich begrenzte, mentalitätsgeschichtlich freilich äußerst prägende Episode.

Forschungsstand

Die Revolution des Jahres 1918 gehört zu den am besten untersuchten Gegenständen der jüngeren bayerischen Geschichte. Schon 1957 erschien eine orthodox-marxistisch ausgerichtete Gesamtdarstellung von Hans Beyer (geb. 1920). 1967 folgte die von Allan Mitchell (geb. 1933) verfasste und bis heute maßgebliche Monographie zum Thema.

Eine Fülle von Einzelstudien hat deren Aussagen und Bewertungen inzwischen relativiert. Ein besonderes Verdienst kam dabei Karl Bosl (1908-1993) und seinen Schülern zu. In einem breit angelegten Spektrum von Untersuchungen behandelten sie vor allem die Voraussetzungen der Revolution und wiesen auf schwerwiegende gesellschaftliche Konflikte hin, die sich bereits vor dem Ersten Weltkrieg abgezeichnet hatten. Das von der Studentenbewegung geweckte Interesse an den Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräten führte zeitgleich zu ersten entsprechenden Untersuchungen. War die Landesgeschichte in den späten 1960er und den 1970er Jahren noch stark auf die Zentren München und Nürnberg fokussiert, so haben jüngere Untersuchungen auch die Verhältnisse in den Regionen in den Blick genommen.

Gleichwohl bleiben Desiderata bestehen: Unzureichend untersucht sind erstaunlicherweise die Vorgänge innerhalb des bayerischen Heimatheeres. Wenig bekannt ist auch die Rolle, die die äußerste Linke, also Anarchisten, Spartakisten und Kommunisten, bei den revolutionären Ereignissen spielte. Eine eingehendere Analyse hätten zweifellos auch die Interimsphase zwischen der Ermordung Eisners und der Ausrufung der Räterepublik sowie die Etappe der kommunistischen Räteherrschaft verdient. Von größtem Interesse wäre ferner eine Untersuchung darüber, wie die Münchner Geschehnisse im Ausland und hier speziell in den Siegerstaaten wahrgenommen wurden.

Ursachen der Revolution

Der Sturz des bayerischen Königshauses hatte seine Ursache zuvorderst in den Verwerfungen, die der Erste Weltkrieg in Staat und Gesellschaft auslöste. Allerdings sind auch weiter zurückreichende strukturelle Ursachen festzustellen. Ungelöste Probleme der Vorkriegszeit waren unter anderem:

  • der mit der seelischen Erkrankung Ludwigs II. einsetzende, infolge fehlender politischer Durchsetzungskraft der Regenten weiter beförderte Autoritätsverlust der bayerischen Monarchie
  • der in der Verfassung nicht vorgesehene politische Einfluss der Bürokratie
  • das wachsende Gewicht der im Verfassungsrecht ebenfalls unberücksichtigten politischen Parteien
  • der Emanzipationsdrang der Arbeiter- sowie der neu aufstrebenden Frauenbewegung sowie
  • die durch die Industrialisierung aufgeworfene soziale Frage

Nachhaltig erschüttert wurde das Vertrauen in den Staatsapparat allerdings erst durch die kriegsbedingten Versorgungsengpässe, die Härten der Zwangsbewirtschaftung und die vollständige militärische Kapitulation, die große Teile der Bevölkerung unvorbereitet traf. Die Annahme, eine rasche Parlamentarisierung würde Deutschland erträglichere Friedensbedingungen einbringen, wurde daraufhin rasch populär. Das Versagen der in München stationierten Ersatztruppen hatte aber auch mit ihrem drohenden Einsatz zur Verteidigung der Landesgrenzen zu tun. Wie sich zeigte, waren die Soldaten nicht mehr bereit, Leib und Leben für eine ohnehin verlorene Sache zu riskieren.

Felix Fechenbach. Propagandapostkarte, die wohl im Zusammenhang mit dem Prozess um die "Eisnerschen Fälschungen" entstand. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-989)

Vorgeschichte

Die Revolution in Bayern, die dem Umsturz in der Reichshauptstadt um zwei Tage vorausging, nahm ihren Ausgangspunkt Ende Oktober 1918 bei der Meuterei der deutschen Hochseeflotte. Signalcharakter hatte – im Nachhinein betrachtet – allerdings schon die russische Oktoberrevolution des Jahres 1917.

Zur Vorgeschichte gehört ferner die Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung. Bereits ab 1916 hatte sich innerhalb der Münchner SPD ein Oppositionellenzirkel formiert, der den amtlichen Standpunkt in Frage stellte, demzufolge Deutschland einen Verteidigungskrieg gegen Russland und das mit diesem verbündete Frankreich führte (vgl. Beitrag "Kriegsschuldfrage"). Unter Leitung des Journalisten Kurt Eisner, der auch Freidenker wie Erich Mühsam (1878-1934), Josef Sontheimer (1867-1919) und Oskar Maria Graf (1894-1967) zu seinem Umfeld zählte, wurde daher die rasche Beendigung des Krieges und der Verzicht auf Reparationen und Annexionen gefordert.

Nach der Spaltung der SPD Anfang April 1917 schlossen sich die Eisner-Anhänger der neugegründeten Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) an. Im Januar 1918 gelang es ihnen, die Münchner Rüstungsarbeiter in einen mehrtägigen Aufstand zu führen, der bereits auf den Sturz der Monarchie abzielte, jedoch durch die Verhaftung der Streikführer beendet wurde.

Als Eisner Mitte Oktober 1918 aus der Untersuchungshaft entlassen wurde, da ihn die USPD als Kandidaten für die in München anstehende Ersatzwahl zum Deutschen Reichstag aufgestellt hatte, setzte er seine Agitation fort.

Kundgebung auf der Münchner Theresienwiese am 7. November 1918. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-5124)
Bekanntgabe der Gründung des Arbeiter- und Soldatenrates. (Monacensia. Literatenarchiv und Bibliothek)

Die Ereignisse vom 7./8. November 1918

Den Auftakt zur Revolution in München bildete eine Friedensdemonstration auf der Münchner Theresienwiese, zu der die beiden Arbeiterparteien und die Freien Gewerkschaften für den 7. November 1918 aufgerufen hatten. Nach offiziellen Schätzungen beteiligten sich zwischen 40.000 und 60.000 Personen an der Veranstaltung, bei der die Gewerkschaftsmitglieder in geschlossenen Formationen auftraten. Der Versuch von Mehrheitssozialdemokratie(MSPD) und Gewerkschaften, die Eisner-Anhänger durch das Übergewicht der eigenen Gefolgsleute in Schach zu halten, misslang jedoch vollständig. Während die Masse der Kundgebungsteilnehmer einen Demonstrationszug durch die Stadt veranstaltete, unternahm eine vergleichsweise kleine Schar von Unabhängigen auf Kommando Felix Fechenbachs (1894-1933) mit Erfolg den Versuch, die Soldaten in den innerstädtischen Kasernen für den Umsturz zu gewinnen. In kürzester Zeit gab es in München keine Einheiten mehr, die gegen die Revolutionäre hätten mobilisiert werden können. So konnten wichtige Einrichtungen in der Innenstadt wie der Hauptbahnhof, das Telegrafenamt und der Bayerische Landtag von den Aufständischen besetzt werden. Im Mathäserbräu wurden ein Arbeiter- und ein Soldatenrat gebildet; im Landtag wurde eine erste gemeinsame Sitzung abgehalten.

Die Konstituierung des Provisorischen Nationalrats und die Bildung einer revolutionären Regierung

In dem Aufruf, den Eisner in der Nacht vom 7. auf den 8. November entwarf, wurde der Freistaat Bayern proklamiert. Wie die Ankündigung baldiger Wahlen verdeutlichte, verstand Eisner darunter eine parlamentarische Demokratie. Bis zur Einberufung der Nationalversammlung sollte der Provisorische Nationalrat die Interessen des Volkes vertreten. Ihm gehörten außer den Vertretern der Räte auch Landtagsabgeordnete der Sozialdemokratie, des Bauernbunds sowie der Liberalen Vereinigung an. In seiner ersten Sitzung am 8. November wurde die neue, zuvor zwischen MSPD und USPD ausgehandelte bayerische Regierung per Akklamation im Amt bestätigt. Mit insgesamt vier Ministern besaß die MSPD im Kabinett Eisner ein zahlenmäßiges Übergewicht:

Name Lebensdaten Partei Amt
Kurt Eisner 1867-1919 USPD Ministerpräsident und Staatsminister des Äußern
Edgar Jaffé 1866-1921 USPD Staatsminister der Finanzen
Erhard Auer 1874-1945 MSPD Staatsminister des Innern
Johannes Hoffmann 1867-1930 MSPD Staatsminister für Unterricht und Kultus
Johannes Timm 1866-1945 MSPD Staatsminister der Justiz
Hans Unterleitner 1890-1971 USPD Staatsminister für soziale Fürsorge
Heinrich von Frauendorfer 1855-1921 parteilos Staatsminister für Verkehrsangelegenheiten
Albert Roßhaupter 1878-1949 MSPD Staatsminister für militärische Angelegenheiten
Soldaten vor dem Landtag in der Münchner Prannerstraße im November 1918. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-5122)

Da die neue Regierung weitreichende exekutive und gesetzgeberische Vollmachten für sich in Anspruch nahm, kann der Provisorische Nationalrat nicht als vollwertige parlamentarische Körperschaft angesehen werden. Er wurde in den folgenden Tagen um weitere Delegierte verschiedener Gremien und Interessensverbände ergänzt.

Die Ausbreitung der Revolution im übrigen Bayern

Von der Landeshauptstadt aus griff die Revolution rasch auf die übrigen industriellen Zentren in Bayern über. So schlossen sich die Nürnberger Militäreinheiten noch am 8. November der Bewegung an und wählten Soldatenräte. Unter Beteiligung von MSPD und USPD bildete sich ein provisorischer Arbeiter- und Soldatenrat, demgegenüber sich der Stadtrat zur neuen republikanischen Ordnung bekannte. Von dort griff der Umsturz auch auf Fürth (8. Nov.) und Erlangen (9. Nov.) über. In Augsburg führten die Nachrichten aus München ebenfalls schon am 8. November zur Bildung eines Soldatenrats unter Führung des Sozialdemokraten Ernst Niekisch (1889-1967) und, daran anknüpfend, zur Konstituierung eines Arbeiterrats. Noch am selben Tag folgten unter anderem Würzburg und Ludwigshafen.

Innerhalb weniger Tage wurden nahezu alle größeren Kommunen - zumindest soweit sie über militärische Einrichtungen verfügten - sowie die industriellen Ballungszentren von Räten kontrolliert. Die strukturellen Merkmale, die an den revolutionären Ereignissen in München zu studieren gewesen waren, fanden dabei ihre Wiederholung: Auslöser der Bewegung war vielfach eine militärische Revolte. Dadurch, dass die Arbeiterparteien die Zügel in die Hand nahmen, gewann die Bewegung jedoch eine politische Stoßrichtung. Bürgermeister, Stadträte und Verwaltungsspitzen erklärten ihre Bereitschaft zur Mitarbeit und blieben daraufhin in aller Regel in Amt und Funktion. Da nennenswerte Widerstände ausblieben, verlief die Revolution in nahezu allen Fällen unblutig. Das flache Land schloss sich der revolutionären Bewegung allerdings nicht oder doch erst mit großer Verspätung und nicht selten unter Umständen an, die die örtlichen Machtverhältnisse unberührt ließen.

Etappen der Revolution I: Die Amtszeit des Ministerpräsidenten Kurt Eisner (8. November 1918-21. Februar 1919)

Die Revolution vollzog sich in Bayern – grob betrachtet – in drei Etappen, die von einer zunehmenden politischen Radikalisierung geprägt und von wachsenden sozialen Spannungen begleitet waren. Die erste Etappe, die von der Ausrufung des Freistaats bis zur Ermordung Eisners reicht, war dadurch geprägt, dass mit dem Provisorischen Nationalrat zwar ein parlamentarisches Gremium geschaffen worden war, die Regierung aber primär qua revolutionärem Recht handelte. Ihre Amtszeit verlief zunächst weitgehend ruhig. Der Sturz der Monarchie stieß auf keinen ernstzunehmenden Widerspruch. Die rasche Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung wurde bis weit ins bürgerliche Lager hinein positiv aufgenommen. Die neue Regierung hatte ein konsensfähiges Arbeitsprogramm mit folgenden Punkten vorgelegt:

Kontrovers diskutiert wurde in erster Linie der Termin für die Wahlen zur bayerischen Nationalversammlung.

Die Wahlen vom 12. Januar 1919 (in der Pfalz: 2. Februar) entlarvten Eisners USPD als Splittergruppe. Folge war, dass sich die Regierung fortan zunehmend schwer tat, ihre politischen Entscheidungen zu legitimieren. Nahezu umgehend spitzte sich die politische Auseinandersetzung zu. Destabilisierte die äußerste Linke die Lage durch den Druck der Straße sowie gewaltsame Übergriffe gegen Regierungsmitglieder und Presseorgane, so trug die bürgerliche Rechte vor allem durch ihre mediale Präsenz zur Aufheizung der Stimmung bei. Kontroverse Themen waren dabei die künftige Rolle der Räte, der Aufbau einer Bürgerwehr und Eisners Eingeständnis der deutschen Kriegsschuld.

Etappen der Revolution II: Von der Ermordung Eisners bis zur Ausrufung der Münchner Räterepublik (21. Februar-7. April 1919)

Demonstration auf der Theresienwiese Ende Februar 1919. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv, hoff-5143)

Eine den Bestand der Demokratie gefährdende Radikalisierung führte erst die Ermordung Eisners herbei. Sie läutete eine zweite Revolutionsphase ein, die bis zur Ausrufung der Räterepublik währte und durch politische Orientierungslosigkeit und ein signifikantes Machtvakuum geprägt war. Die Räte gewannen nun erstmals bestimmenden Einfluss auf das politische Geschehen.

Entscheidende Impulse gingen dabei zunächst vom Kongress der bayerischen Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte aus, der vom 25. Februar bis zum 8. März in München tagte. Die von ihm berufene Regierung unter Martin Segitz (1853-1927) trat allerdings nicht in Funktion, da die MSPD ihre Mitglieder wieder zurückzog. Nach Selbstauflösung des Rätekongresses wurden die von ihm eingesetzten ständigen Gremien - Zentralrat und Aktionsausschuss - zu Verhandlungspartnern der sozialdemokratischen Parteien. Doch erst Mitte März konnte ein Kompromiss gefunden werden, dem auch die Abgeordneten der BVP ihre Zustimmung erteilten.

Am 17. März konnte Johannes Hoffmann vom Landtag zum neuen Ministerpräsidenten gewählt werden. Tags darauf stellte er sein Kabinett vor, dem vier Mehrheitssozialdemokraten, zwei Unabhängige, ein Bauernbündler und ein Parteiloser angehörten:

Name Lebensdaten Partei Amt
Johannes Hoffmann 1867-1930 MSPD Ministerpräsident, Staatsminister des Äußeren, Staatsminister für Unterricht und Kultus
Martin Segitz 1853-1927 MSPD Staatsminister des Inneren
Fritz Endres 1877-1963 MSPD Staatsminister der Justiz
Ernst Schneppenhorst 1881-1945 MSPD Staatsminister für militärische Angelegenheiten
Hans Unterleitner 1890-1971 USPD Minister für soziale Fürsorge
Joseph Simon 1865-1949 USPD Staatsminister für Handel, Industrie und Gewerbe
Martin Steiner 1864-1950 Bauernbund Staatsminister für Landwirtschaft (ab 1.4.1919)
Heinrich von Frauendorfer 1855-1921 parteilos Staatsminister für Verkehrsangelegenheiten

Das Finanzministerium blieb zunächst unbesetzt. Durch Ermächtigungs- und Notgesetze wurden der Regierung weitreichende legislative Vollmachten eingeräumt. Da sich das Parlament im Anschluss auf unbestimmte Zeit vertagte, fehlte der Regierung allerdings der politische Rückhalt, um sich gegen den fortbestehenden Machtanspruch der Räte zu behaupten.

Etappen der Revolution III: Die "Baierische" Räterepublik (7. April-1. Mai 1919)

Bewaffnete Arbeiter vor dem Münchner Hauptbahnhof, Mitte April 1919. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-5164)
Plakat zum Generalstreik am 22. April 1919 in München. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-5277)
Plakat zum Generalstreik am 29. April 1919 in München. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-5276)
Das 2. Bamberger Ulanen-Regiment in München, Mai 1919. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-5196)

Die Lage eskalierte, weil in den Räten die äußerste Linke zunehmend an Gewicht gewann und am 7. April in einer gemeinsamen Sitzung von Zentralrat und Revolutionärem Arbeiterrat die Ausrufung der "Baierischen" Räterepublik durchsetzte. Die Regierung sah sich daraufhin gezwungen, fluchtartig nach Bamberg auszuweichen. Dass im Anschluss auch der Landtag die Landeshauptstadt verließ, legte die Machtlosigkeit von Regierung und Parlament offen und verschaffte den Revolutionären in München freie Hand. Weitere Städte in ganz Bayern schlossen sich dem Experiment an. Letztlich blieb die Abkehr vom Parlamentarismus aber weitgehend auf Augsburg, München, Rosenheim und deren Einzugsgebiete beschränkt. Die Räterepubliken in den übrigen Regierungsbezirken, darunter die in Hof und Würzburg, wurden umgehend niedergeworfen oder gaben nach kurzer Zeit auf.

In München zerfiel die vom 7. April bis 1. Mai dauernde Räteherrschaft ihrerseits in mehrere Etappen. Deren erste wurde von dem Mehrheitssozialdemokraten Ernst Niekisch (1889-1967), Unabhängigen wie Carl Kröpelin (1893-1977) und Ernst Toller (1893-1939) sowie Anarchisten wie Gustav Landauer (1870-1919) und Erich Mühsam bestimmt. Sie endete am 13. April, als die Republikanische Schutzwehr unter dem Kommando von Alfred Seyffertitz (1884-1944) zu einem letztlich erfolglosen Gegenschlag ansetzte (Palmsonntagsputsch). In Reaktion hierauf sahen sich die Anführer der KPD gezwungen, wider bessere Einsicht die Zügel in die Hand zu nehmen. Mit Eugen Leviné (1883-1919) und Max Levien (1885-1937) an der Spitze des neu gebildeten Vollzugsrats organisierten sie die Verteidigung der Stadt und ließen bürgerliche Geiseln im Luitpoldgymnasium inhaftieren.

In den Tagen der gewaltsamen Eroberung Münchens durch Reichswehr- und Freikorpseinheiten ging die Macht vollständig an die Rote Armee unter dem Oberkommando Rudolf Egelhofers (1896-1919) über. Dieser Zeitabschnitt muss als Phase des Bürgerkriegs beschrieben werden.

Parlamentarismus oder Räterepublik?

Kurt Eisner kündigte noch in der Revolutionsnacht die Einberufung einer verfassungsgebenden Nationalversammlung an. Das von ihm am 15. November veröffentlichte Regierungsprogramm und das Staatsgrundgesetz vom 4. Januar 1919 untermauerten dieses Versprechen. Auch die mit der Ausarbeitung eines Verfassungsentwurfs beauftragten Staatsrechtler Josef von Graßmann (1864-1928) und Robert Piloty (1863-1926) boten Gewähr für die Verwirklichung einer parlamentarischen Grundordnung. Selbst die Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte standen mehrheitlich für die Einberufung des Landtags. Die Rolle der Räte in der künftigen Verfassung blieb allerdings bis zuletzt unklar. Da ihnen von der Regierung weder legislative noch exekutive Vollmachten in Aussicht gestellt wurden, konnten den Räten allenfalls Funktionen der politischen Meinungsbildung, der Behördenaufsicht oder der Arbeitnehmervertretung überlassen werden.

Erst infolge der Ermordung Eisners wurde das parlamentarische System zunehmend in Frage gestellt. Damit rückte ein Umbau des Gemeinwesens hin zu einem sozialistischen Staatswesen allmählich in greifbare Nähe. Das Experiment scheiterte, weil es nur in Oberbayern und Schwaben auf nennenswerte Resonanz stieß.

Das Verhältnis von Reich und Ländern

Die Revolution vom November 1918 war ein gesamtdeutsches Phänomen und hatte gerade deswegen tiefgreifende Folgen für das Verhältnis von Reich und Ländern. Bayern war davon insofern besonders stark betroffen, als ihm seine Reservatrechte im Deutschen Kaiserreich einen privilegierten Status verliehen hatten, der das Selbstverständnis des Landes auf fundamentale Weise prägte.

Dazu passte, dass Eisner in seinem tiefsitzenden Misstrauen gegenüber Berlin einen dezidierten Föderalismus verfocht, obgleich die deutsche Sozialdemokratie ansonsten eine eher zentralistische Staatsauffassung vertrat. Eine Kooperation mit den übrigen süddeutschen Ländern Baden, Württemberg und Hessen schien daher möglich. Auf der Stuttgarter Konferenz vom 27. Dezember 1918 zeigte sich allerdings, dass deren Regierungen Eisners dezidierten Antizentralismus ebenso wenig teilten wie seine Auffassung vom vollständigen Untergang des Deutschen Reiches.

Die Ermordung Eisners, die Ausrufung der Räterepublik und die Notwendigkeit, zu deren Niederschlagung Reichswehreinheiten anzufordern, lähmten Bayern allerdings in einer entscheidenden Phase der Verhandlungen um die Weimarer Reichsverfassung. Die Regierung Johannes Hoffmanns leistete gegenüber dem von Hugo Preuss (1860-1925) vorgelegten Verfassungsentwurf keinen hinhaltenden Widerstand mehr. Die Aberkennung der Reservatrechte und die Marginalisierung des Landes in der deutschen Innen- und Außenpolitik schwächte die Akzeptanz der Republik von Weimar bei der bayerischen Bevölkerung erheblich.

Vergesellschaftung der Produktionsmittel?

Bereits unmittelbar nach der Revolution hatte Kurt Eisner Forderungen nach einer Vergesellschaftung der Produktionsmittel mit dem Argument abgelehnt, dass nicht sozialisiert werden könne, wo wegen des wirtschaftlichen Ruins nichts zu sozialisieren sei. Auch in der Folge widmete sich seine Regierung dieser Frage nur halbherzig. Einer weit verbreiteten Erwartungshaltung entsprach sie schließlich dadurch, dass eine Sozialisierungskommission mit dem bürgerlichen Sozialwissenschaftler Lujo Brentano an der Spitze eingesetzt wurde. Diese legte ihr Hauptaugenmerk auf das Finanz- und Bankwesen, die Schwerindustrie, die Energiewirtschaft und den landwirtschaftlichen Großgrundbesitz.

Am 27. März 1919, also kurz vor Ausrufung der Räterepublik, beschloss die Regierung Hoffmann schließlich die Errichtung eines Zentralwirtschaftsamtes. Die Leitung wurde dem Wiener Ökonomen Otto Neurath (1882-1945) übertragen. Gegen den erklärten Willen des Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann, aber mit Unterstützung der übrigen Kabinettsmitglieder begann Neurath mit der Umsetzung der von ihm verfochtenen Vollsozialisierung. In der Frühphase der Räterepublik stieg er zum Mitglied des Münchner Rats der Volksbeauftragten auf, wo ihm in dem für Finanzen zuständigen Silvio Gesell (1862-1930) der Erfinder der Schwundgeldtheorie zur Seite stand. Die von Neurath in der ersten Aprilhälfte herausgebrachten Gesetze und Verordnungen wurden durch die Niederschlagung der Räterepublik freilich hinfällig. Die Sozialisierung war damit in Bayern auf lange Sicht kein ernsthaftes Thema mehr.

Die Trennung von Staat und Kirche

Eine fundamentale Neuerung für Staat und Gesellschaft stellte die von der Regierung Eisner eingeleitete und von der Regierung Hoffmann weiterverfolgte Trennung von Staats und Kirche dar. Sie bescherte den Religionsgemeinschaften eine bis dahin nicht gekannte Unabhängigkeit, konfrontierte sie aber auch mit schmerzlichen Neuerungen. Nirgends wurde dies so deutlich wie auf dem Gebiet der Schule. Bereits zum 1. Januar 1919 wurde mit der geistlichen Aufsicht über die Volksschulen ein Eckpfeiler des für das Königreich Bayern kennzeichnenden Staatskirchensystems beseitigt. Mit der Einführung der Fachaufsicht gab sich der neue Kultusminister Johannes Hoffmann allerdings nicht zufrieden. Vielmehr wurde auch der Einfluss der Kirche auf die Lehrerbildung beseitigt und die Teilnahme am Religionsunterricht der Entscheidung der Eltern überlassen. Wenig Zweifel konnten auch darüber bestehen, dass Hoffmann die Simultanschule der Bekenntnisschule vorzog. Damit machte er sich insbesondere die katholische Kirche zur unversöhnlichen Widersacherin. Der Münchner Erzbischof Michael von Faulhaber (1869-1952), prägende Figur des bayerischen Katholizismus, ließ keine Gelegenheit aus, gegen die Revolution und ihr verfassungsrechtliches Programm zu wettern ("Regierung von Jehovas Zorn").

Dass mit der Zurückdrängung der Kirchen aus den Schulen auch die Eingriffsrechte des Staates in innerkirchliche Angelegenheiten – auf katholischer Seite etwa das Nominationsrecht bei der Neubesetzung der Bischofsstühle - zur Disposition standen, spielte in den öffentlichen Diskussionen hingegen kaum eine Rolle.

Die Umbildung der Parteienlandschaft

Auch für die Parteien brachte die Revolution fundamentale Veränderungen. Im System der repräsentativen Demokratie waren sie nun nicht mehr nur Organe der politischen Meinungsbildung, sondern die bestimmenden politischen Instanzen.

Der Umsturz führte daneben aber auch ganz generell zu einer allmählichen Neuformierung und Ausdifferenzierung der Parteienlandschaft:

  • Zunächst machte sich vor allem die Aufspaltung der Sozialdemokratischen Partei in Mehrheitssozialdemokratie (MSPD), Unabhängige (USPD) und Kommunisten (KPD) bemerkbar, was mittelfristig erheblich zur Schwächung der politischen Linken beitrug.
  • Von dauerhafter Bedeutung erwies sich auch die Gründung der Bayerischen Volkspartei (BVP), die sich nicht nur als Gegenentwurf zum sozialistischen Lager verstand, sondern gleichzeitig von der Mutterpartei, dem Zentrum, abrückte. Die dezidierte Abgrenzung gegen Links, die betont christlich-konservative Ausrichtung, aber auch die Distanz zu den wechselnden, in Berlin regierenden Koalitionen erwiesen sich als Erfolgsmodell und machten die BVP in Bayern zur beherrschenden Kraft der Zwischenkriegszeit.
  • Der Bayerische Bauernbund (BB) blieb bestehen, stieg anfangs sogar zur Regierungspartei auf, erreichte in der Folge aber nicht mehr die alte Bedeutung.
  • Das liberale Lager wurde durch die Aufspaltung in einen rechts- (Deutsche Volkspartei/DVP) und einen linksliberalen Flügel (Deutsche Demokratische Partei/DDP) geprägt.
  • Die konservative Rechte sammelte sich anfangs mehrheitlich in der neu gegründeten Bayerischen Mittelpartei (BMP), die sich im März 1920 der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) anschloss.
  • Auf dem rechten Flügel wurde die Polarisierung der Parteienlandschaft durch die Ausbildung eines völkischen Lagers komplettiert. In der Deutschen Arbeiterpartei (DAP), später umgewandelt in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), fanden die nationalchauvinistischen und putschistischen Kräfte, die sich zunächst in den Freikorps oder in Geheimbünden wie der Thule-Gesellschaft formiert hatten, ihr politisches Sprachrohr.

Die Ergebnisse der Revolution

Sitzung des Bayerischen Landtags in Bamberg im April/Mai 1919. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-5271)

Mit der Niederschlagung der Räterepublik war in Bayern die revolutionäre Phase beendet. Mittelfristig bedeutete dies auch das Ende der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte. Andere Errungenschaften der Revolution hatten jedoch Bestand. So erwies sich die Beseitigung der Monarchie als dauerhaft. An ihre Stelle trat eine parlamentarische Demokratie mit allgemeinem, gleichem, unmittelbarem und geheimem Verhältniswahlrecht. Dies bedeutete nicht zuletzt, dass nun auch die Frauen wählen durften. Beseitigt wurden die Kammer der Reichsräte und damit die Reste des Ständestaats mit den daran geknüpften politischen Vorrechten des Adels.

Fundamentale und dauerhafte Veränderungen brachte die Revolution auch für die Religionsgemeinschaften mit sich, da sie das Ende der staatlichen Kirchenhoheit bedeutete. Einen noch massiveren Einschnitt stellte aber das Ende des landesherrlichen Kirchenregiments für den Protestantismus dar. Mit dem Monarchen verlor dieser zugleich sein Oberhaupt und damit eine tragende Säule seiner innerkirchlichen Verfassung, weshalb sich 1921 die pfälzische und die bayerische Landeskirche neue Verfassungen gaben. Dass die Religionsgemeinschaften von der Trennung der kirchlichen und der staatlichen Sphäre massiv profitierten, wurde erst nach Verabschiedung der neuen Reichs- und der bayerischen Verfassung richtig deutlich. So entfielen die staatlichen Eingriffe in die innerkirchlichen Angelegenheiten, gleichzeitig wurde den Kirchen freilich ein öffentlich-rechtlicher Status zuerkannt, der nicht zuletzt die Finanzierung über Steuern gewährleistete, die durch den Staat eingetrieben wurden. Der Preis bestand in der Beseitigung der kirchlichen Schulaufsicht und im Recht der Eltern, über die Teilnahme ihrer Kinder am Religionsunterricht zu entscheiden. Rückgängig gemacht wurden hingegen die Maßnahmen zur Beseitigung der Bekenntnisschule. Das Verhältnis Staat-Kirche wurde durch das Konkordat und die Kirchenverträge von 1924/25 neu geregelt.

Mit der Schaffung eines Ministeriums für soziale Fürsorge (Verordnung vom 14. November 1918) war der Sozialstaatsgedanke erstmals im Verwaltungsaufbau verankert worden. Zwar fiel das Ressort der Verwaltungsreform des Jahres 1928 zum Opfer, doch lebte es nach Ende des Zweiten Weltkriegs als Staatsministerium für Arbeit und soziale Fürsorge wieder auf. Auch ein Ministerium für Landwirtschaft sowie ein Ministerium für Handel, Industrie und Gewerbe wurden in der Revolutionszeit begründet (1. bzw. 3. April 1919).

Für das Wirtschaftsleben brachten aber vor allem die Einführung des Achtstundentags und die Anerkennung des Koalitions- und Streikrechts der Staatsarbeiter Neuerungen, die auch im Alltagsleben spürbar waren. Verwirklicht wurde außerdem die weitgehende Befreiung des Kulturlebens und der Medien von staatlicher Aufsicht und Zensur.

Langfristige politische Auswirkungen der Revolution

Propagandapostkarte der Bayerischen Volkspartei von 1919. Revolution und Räterepublik werden als "Schande" tituliert. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-5280).

Die Revolution des Jahres 1918/1919 wird vielfach mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus in Zusammenhang gebracht, der in München seinen Anfang nahm. Das Bemühen, einen stringenten Zusammenhang zwischen beiden Phänomenen herzustellen, ist freilich zum Scheitern verurteilt. Dies bedeutet jedoch nicht, die Augen vor den verhängnisvollen politischen Folgen zu verschließen, die die Revolution gerade in Bayern gehabt hat. Als ambivalent erwies sich insbesondere die politische Mobilisierung breiter Bevölkerungsschichten. Sie führte nicht nur zu einer Zersplitterung, sondern auch zu einer Polarisierung der Parteienlandschaft, das heißt zu einer dauerhaften Etablierung links- wie rechtsradikaler Gruppierungen. Der durch die Erfahrungen der Räterepublik im bürgerlichen Lager tief eingeprägte Antisozialismus verhinderte noch in der Endphase der Weimarer Republik eine Zusammenarbeit mit der gemäßigten Linken und schwächte damit das demokratische Lager.

Als verhängnisvoll erwies sich ferner die Tatsache, dass nach der Niederschlagung der Räterepublik die Deutungshoheit auf die Sieger, das heißt letztlich die politische Rechte und das bürgerlich-konservative Lager, überging. Dies hatte zur Folge, dass der Sturz der Monarchie, der im November 1918 mehrheitlich als unvermeidlich hingenommen worden war, fortan als illegitime Tat einiger weniger landfremder Elemente hingestellt werden konnte. Selbst die militärische Niederlage wurde den "vaterlandslosen Gesellen" aus der politischen Linken in die Schuhe geschoben (vgl. Dolchstoßlegende). Die Verfälschung der wahren Kausalitäten sollte sich als äußerst wirkmächtig erweisen und hatte für die Akzeptanz der demokratischen Grundordnung fatale Folgen.

Literatur

  • Karl-Ludwig Ay, Die Entstehung einer Revolution. Die Volksstimmung in Bayern während des Ersten Weltkrieges (Beiträge zu einer historischen Strukturanalyse Bayerns im Industriezeitalter 1), Berlin 1968.
  • Reinhard Baumann/Paul Hoser (Hg.), Die Revolution 1918/19 in der Provinz (Forum Suevicum 1), Konstanz 1996.
  • Winfried Becker, Neue Freiheit vom Staat – Bewährung im Nationalsozialismus: 1918-1945, in: Walter Brandmüller (Hg.), Handbuch der bayerischen Kirchengeschichte. 3. Band: Vom Reichsdeputationshauptschluss bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, Sankt Ottilien 1991, 337-392.
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Quellen

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Weiterführende Recherche

Externe Links

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Novemberrevolution, Staatsstreich, Erste Revolution

Empfohlene Zitierweise

Bernhard Grau, Revolution, 1918/1919, publiziert am 09.05.2008; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Revolution,_1918/1919> (21.08.2018)