Beisetzung Kurt Eisners, München, 26. Februar 1919

Improvisiertes Mahnmal an der Stelle des Attentats. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Trauerzug durch die Münchner Innenstadt. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Eine Gruppe russischer Kriegsgefangener, die am Trauerzug teilnimmt. (Aus: Wollenberg, Als Rotarmist vor München, Abbildungsteil)
Kutsche von Else Eisner am Münchner Ostfriedhof. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Die Gruppe russischer Kriegsgefangener im Trauerzug am Ostfriedhof; der Pfeil markiert angeblich Adolf Hitler. Der Pfeil war bereits vorhanden, als die Bayerische Staatsbibliothek 1993 das Fotoarchiv Hoffmann erwarb. (wobei es sich nur um den kleineren Teil der Sammlung handelt, der Rest gelangte schon 1945 in die USA) und anschließend im Rahmen eines DFG-Projekts genau erschlossen. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)

von Bernhard Grau

Die Beisetzung des ermordeten Ministerpräsidenten und Revolutionärs Kurt Eisner (1867-1919) am 26. Februar 1919 auf dem Münchner Ostfriedhof war eine der größten Massenkundgebungen in München bis zu diesem Zeitpunkt und eine machtvolle Demonstration der Stärke der links-revolutionären Kräfte.

Die Ermordung Kurt Eisners

Kurt Eisner (1867-1919) wurde am 21. Februar 1919 auf dem Weg zum Bayerischen Landtag in der Münchner Prannerstraße von dem 22-jährigen Ex-Leutnant Anton Graf von Arco auf Valley (1897-1945) hinterrücks erschossen. Die Bluttat machte Eisner, der zu diesem Zeitpunkt selbst innerhalb der Arbeiterbewegung nicht mehr unumstritten war, zum Märtyrer der Münchner Revolution. Die Erinnerung an sein selbstloses Eintreten für Gewaltlosigkeit und Völkerverständigung drängte die Gegensätze in den Hintergrund und führte in der Arbeiterbevölkerung und in Teilen der bürgerlichen Öffentlichkeit zu einer parteiübergreifenden Solidarisierung. Am Ort des Attentats in der Promenadestraße (heute: Kardinal-Faulhaber-Straße) kam es in den folgenden Tagen immer wieder zu Menschenaufläufen. Vor einem eilig aufgestellten Mahnmal, das aus einem Kranz bestand, der das Portrait des Toten einrahmte und auf einer Gewehrpyramide befestigt war, wurden Blumen niedergelegt. Fotoaufnahmen des Mahnmals wurden als Postkarten in großer Stückzahl verbreitet.

Die Vorbereitung der Trauerfeierlichkeiten

Für die Durchführung der Trauerfeierlichkeiten, die sich des in der Monarchie für Staatsbegräbnisse entwickelten Formenvorrats bedienten, war eine Bestattungskommission zuständig, der Eisners Sekretär Benno Merkle (1872-1959) und der Schauspieler Albert Florath (1888-1957) angehörten. Der Termin der Beisetzung wurde auf Mittwoch, den 26. Februar 1919, festgesetzt. Der Tag wurde vom Zentralrat, einem nach Eisners Ermordung als Übergangsregierung gebildeten Rätegremium, zum Landestrauertag bestimmt, an dem alle Betriebe in Bayern ihre Arbeit ruhen lassen sollten. Für die öffentlichen Gebäude der Stadt wurde Trauerbeflaggung angeordnet, tatsächlich waren am Tag der Beisetzung aber auch Geschäfts- und Privatgebäude mit vorwiegend roten und schwarzen Fahnen geschmückt. Das landesweit angeordnete Trauergeläut ließ sich nicht überall in gleichem Maße durchsetzen und wurde mancherorts von den Anhängern Eisners gegen den Widerstand der Pfarrer mit Gewalt erzwungen.

Der Trauerzug durch München

Da für den Trauerzug alleine wegen der großen Zahl von Abordnungen der organisierten Arbeiterbewegung mit einer Massenbeteiligung gerechnet werden musste, war als Ort der Aufstellung die Theresienwiese ausersehen worden. Die tatsächliche Zahl der Teilnehmer übertraf die Erwartungen aber wohl bei weitem. Es wird davon ausgegangen, dass an der Beisetzung annähernd 100.000 Menschen teilnahmen.

Neben den Delegationen der sozialistischen Parteien und der Gewerkschaften nahmen an dem Marsch durch München unter anderem der Chor des Nationaltheaters, Vertreter der Stadt, Abordnungen aller Münchner Regimenter, Vertreter der russischen Kriegsgefangenen sowie eine nicht bezifferbare Zahl unorganisierter Einzelpersonen teil. Zehntausende von Münchnern säumten die Straßen der Innenstadt. Selbst die bürgerliche Presse musste anerkennen, dass der Trauerzug nach der Zahl der Teilnehmer ohne Beispiel war.

Die Beisetzung Eisners auf dem Münchner Ostfriedhof

Ziel des Zuges war der Martinsplatz vor dem Münchner Ostfriedhof, auf dem die eigentliche Trauerfeierlichkeit abgehalten wurde. Die Einäscherung der Leiche und die Beisetzung selbst waren neben den Regierungsmitgliedern und den führenden Repräsentanten der sozialistischen Parteien hingegen nur einem vergleichsweise kleinen Kreis von Angehörigen, Freunden und politischen Weggefährten zugänglich. Trauerreden hielten der Minister für soziale Fürsorge, Hans Unterleitner (1890-1971), der USPD-Reichstagsabgeordnete Hugo Haase (1863-1919) und als Vertreter der kommunistischen Partei Max Levien (1885-1938). Höhepunkt war jedoch ohne Zweifel die Ansprache Gustav Landauers (1870-1919), in der dieser vor allem Eisners ethischen Sozialismus hervorhob.

Das Schicksal des Eisner-Grabes

An Stelle eines Grabsteins wurde über Eisners Beisetzungsstätte 1922 ein aus Kunststein gefertigtes Denkmal errichtet, das zugleich an die Toten der Revolution erinnerte. Für Konservative und nationalistische Rechte war es von Anfang an ein Stein des Anstoßes. Schon kurz nach der "Machtergreifung" beschloss der Münchner Stadtrat daher dessen Abbruch (Juni 1933). Kurt Eisners sterbliche Überreste wurden auf den neuen Friedhof der Israelitischen Kultusgemeinde umgebettet und neben der Urne Gustav Landauers beigesetzt. Protagonisten dieser Maßnahme waren die nationalsozialistischen Stadträte Christian Weber (1883-1945) und Hans Zöberlein (1895-1964). Unterstützt wurden sie von Georg Stang (1880-1951), einem Mitglied der Bayerischen Volkspartei. Es dauerte bis zum Jahr 1954, ehe das Denkmal in leicht modifizierter Form wieder errichtet werden konnte.

Literatur

  • Maxi Besold, Ein Stein des Anstoßes. Das Denkmal an die Toten der Revolution 1919, in: Geschichte Quer 8 (2000), 18f.
  • Rudolf Herz, Dirk Halfbrodt, Revolution und Fotografie. München 1918/19, Berlin 1988.
  • Gavriel Rosenfeld, Monuments and the Politics of Memory: Commemorating Kurt Eisner and the Bavarian Revolutions 1918-1919 in Postwar Munich, in: Central European History 30 (1997), No. 2, 221-251.
  • Albrecht Sylla, Kein Glockenläuten für Kurt Eisner. Stiftspfarrer Hergenröther und seine Bienen verhindern revolutionäres Glockenläuten zum Andenken an den ermordeten Ministerpräsidenten Eisner, in: Geschichte Quer 7 (1999), 43f.
  • Wolfgang Zorn, Bayerns Geschichte im 20. Jahrhundert, München1986, 174.

Quellen

Weiterführende Recherche

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Begräbnis Eisners

Empfohlene Zitierweise

Bernhard Grau, Beisetzung Kurt Eisners, München, 26. Februar 1919, publiziert am 16.08.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Beisetzung Kurt Eisners, München, 26. Februar 1919> (22.11.2017)