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Streiks (Erster Weltkrieg und Weimarer Republik)

Streiks in Bayern 1889-1931. (aus: Bayern im Lichte seiner hundertjährigen Statistik, München 1933, 84)

von Elisabeth Jüngling

Streiks, vom englischen Wort "to strike" abgeleitet, werden in Bayern seit 1889 statistisch erfasst. Dienten sie bis zum Ersten Weltkrieg ausschließlich der Durchsetzung von Lohnerhöhnungen und Arbeitszeitverkürzungen sowie als Druckmittel in innerbetrieblichen Auseinandersetzungen, wurden Streiks seit Januar 1918 ein Instrument der politischen Auseinandersetzung. Aufgrund dieser Politisierung verminderte sich in den Jahren der Weimarer Republik die Zahl der Streiks anfangs nicht, obwohl 1918 wichtige Forderungen der Arbeiterbewegung durchgesetzt worden waren. Erst ab 1925 ging die Zahl der Streiks deutlich zurück. 1933 wurden Streiks verboten.

Gesellschaftliche Relevanz des Streiks

Der Streik war auch in der Weimarer Republik das wichtigste Kampfinstrument der Arbeiterschaft im Ringen um erträgliche Lebens- und Arbeitsbedingungen, seit etwa 1918 zudem Ausdruck politischer Ziele. Über die involvierten Konfliktparteien - Arbeitnehmer und Arbeitgeber - hinaus betraf er wirtschaftlich und mental deren Familien, Nachbarn und die gesamte örtliche, oft auch regionale Gemeinschaft. Er fand Widerhall in der Presse und beschäftigte Ordnungsmacht, Behörden und Regierungen. Eine sich schnell ändernde Wirtschaftsstruktur sowie neue Organisationsformen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern verschärften und erweiterten seit 1918 erheblich die Auswirkungen eines Streiks auf Industrie, Gewerbe, Bevölkerung und Politik.

Wortbedeutung, gesetzliche Regelungen, amtliche Erfassung, Übersicht

Das Recht auf „Streik“, abgeleitet vom englischen Wort "to strike" (= schlagen, stoßen, treffen), findet sich erstmals in der Gewerbeordnung des Norddeutschen Bundes von 1869, die nach der Reichsgründung auch in Bayern gültig wurde. Streiks wurden im Königreich seit 1872 durch die Polizeibehörden genau erfasst. Ab 1889 entwickelte sich daraus die amtliche Statistik über Arbeitskämpfe in Bayern, die, unterbrochen während der nationalsozialistischen Herrschaft (1933-1945), bis heute geführt wird.

Ergibt sich um 1900 mit einer Verdoppelung der Streiks gegenüber 1889 ein erster und 1906 mit mehr als der Verdreifachung gegenüber 1900 der absolute Höchststand der Arbeitseinstellungen vor 1914, so wird bis zum Ausbruch und während des Kriegs immer weniger gestreikt. Die Zunahme der Streiks ab 1918, besonders 1919 (194) und extrem auffallend 1920 (500), als fast eine halbe Million Menschen die Arbeit einstellten, sind Folge der politischen Umwälzungen jener Jahre. Der Rückgang der Streikfrequenz bis Mitte der 1920er Jahre setzte sich in den Jahren der Rezession fort. 1932 wurden zum letzten Mal Streikzahlen (77) ausgewiesen. Nach 1933 erlosch mit der Zerschlagung von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen auch offiziell das Streikrecht.

Der Streik wird politisch

Erst 15 Jahre zuvor, mit der "Zentralarbeitsgemeinschaft der industriellen und gewerblichen Arbeitgeber und Arbeitnehmer Deutschlands", am 15. November unterzeichnet und am 18. November 1918 im Reichsanzeiger veröffentlicht, war der Streik unumstritten akzeptiert worden. Die Gewerkschaften wurden als "berufene Vertreter der Arbeiterschaft" anerkannt und das uneingeschränkte Koalitionsrecht, Arbeiterausschüsse, Schlichtungswesen und Kollektivverträge zur Regelung der Arbeitsbeziehungen garantiert, ebenso der Achtstundentag, der in München bereits am 7. November durch den revolutionären Arbeiter- und Soldatenrat unter Kurt Eisner (1867-1919, USPD) beschlossen worden war. 1920 verwirklichte das Betriebsrätegesetz Arbeiterausschüsse in allen Unternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten. Im Dezember 1923 trat reichsweit die Verordnung über die staatliche Zwangsschlichtung in Kraft.

Die bis 1914 klassischen Streikforderungen, kürzere Arbeitszeit und höhere Löhne, ab 1910 auch die Wiedereinstellung entlassener Kollegen oder die Durchsetzung von Tarifverträgen, sind nach 1918 in einem neuen, politischen Zusammenhang zu sehen. Nach der Statistik dominierten von 1921 bis 1932 weiterhin Lohnforderungen das Streikgeschehen und lediglich 1922 und 1924 spielte daneben die Arbeitszeit als Motiv eine erwähnenswerte Rolle. Zwischen 1918 und 1924 werden zudem "politische" Streiks getrennt ausgewiesen. Aber auch hinter "klassischen" Streikforderungen konnte sich die Verteidigung der oben genannten sozialen Errungenschaften und damit ein "politischer" Grund verbergen. Die Grenzen waren fließend.

Die Streiks Ende Januar 1918 in München und anderen bayerischen Industrieorten waren Teil der Proteste gegen den Krieg und die damaligen Lebensumstände. Sie wurden angetrieben durch die Agitation der jungen USPD. So forderte ihr Führer, Kurt Eisner, den Generalstreik als "Mittel zur Herbeiführung des Friedens, zur Beseitigung der bestehenden Regierung und zur Durchsetzung der Rechte der Arbeiter und des Selbstbestimmungsrechts der Völker" - ein klarer Vorbote der Revolution vom 7./8. November 1918. Allein in München traten etwa 8.000 Arbeiter in den Ausstand. Dem MSPD-Abgeordneten Johannes Timm (1866-1945) gelang es nach drei Tagen, sie zur Wiederaufnahme der Arbeit zu bewegen.

Ebenso politisch sind die Streiks im Gefolge des Kapp-Putsches 1920, zu denen der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) und die Arbeiterparteien (USPD, SPD und KPD) - damit Kräfte von außerhalb der Betriebe - aufriefen. In Nürnberg kam es zum folgenschwersten Streik. Bei Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Reichswehr am 17. März 1920 wurden 22 Menschen erschossen. In Hof, einer Hochburg der USPD, leiteten Vollzugsausschüsse aus USPD-, KPD- und SPD-Anhängern den Generalstreik und entwaffneten die Einwohnerwehren. Reichswehr und Chiemgauer Freikorps schlugen die Erhebung nieder. In Selb wurden beide Kampfgruppen von Räten vertrieben, die sich aus den linken Parteien gebildet hatten.

Der Streik zur Verteidigung sozialer Errungenschaften

Zahlreiche Streiks hatten die Verteidigung der sozialen Errungenschaften des Novembers 1918 zum Ziel, insbesondere des Achtstundentags. So groß die Symbolkraft des Achtstundentags als grundlegender sozialer Fortschritt war, so umstritten war seine Umsetzung. Anfang 1920 arbeitete man in bayerischen Großunternehmen, wie der Lokomotivfabrik Krauss in München, bereits wieder 46 Stunden pro Woche. Im Dezember 1923 ermöglichte die Reichsregierung mit einer neuen Arbeitszeitverordnung eine Aushöhlung dieser revolutionären Errungenschaft.

Schon 1921, bei Tarifverhandlungen in der Metallindustrie Münchens, stand die zweistündige Samstagsverkürzung auf dem Spiel. Ein Schiedsspruch, der neben neuen Lohnregelungen die Rückkehr zur 48-stündigen Wochenarbeitszeit festschrieb, d.h. bei freiem Samstagnachmittag die Verteilung der entfallenden Stunden auf die übrigen Tage, führte im Februar 1922 zu Streiks in den wichtigsten Münchner, dann Augsburger und Nürnberger Metallbetrieben. Auch Kollegen in Württemberg, Baden und Hessen solidarisierten sich. Einigungsverhandlungen durch das bayerische Ministerium für Soziale Fürsorge, später auch durch das Reichsarbeitsministerium, scheiterten. Die 30 größten Münchner Metallbetriebe sperrten ihre Arbeiter aus. Der Metallarbeiterverband konnte nur mit Spenden aller anderen Gewerkschaften des ADGB Streikgelder bezahlen. Am 26. Mai 1922 wurde der Streik mit einem Tarifvertrag beendet. Dieser erlaubte den Betrieben, nach vorheriger Verständigung des Arbeiterrats die Arbeitszeit auf 48 Stunden pro Woche zu verlängern. Die letzte Stunde sollte als Überstunde bezahlt werden.

Parteipolitische Gegensätze und die Verteidigung sozialer Errungenschaften spiegeln sich beispielhaft in den Arbeitskämpfen der Porzellanindustrie von Selb am Ende der Weimarer Republik wieder. Das Dilemma der gespaltenen Gewerkschaftsbewegung entsprach dem der ideologisch verfeindeten Arbeiterparteien SPD und KPD. Offiziell ging es um die Abwehr von Lohnminderungen. Den Arbeitgebern gelang es dabei mehrfach, den Keramischen Bund, der sich 1926 dem SPD-nahen ADGB angeschlossen hatte, und die junge kommunistische Revolutionäre Gewerkschaftsopposition (RGO) gegeneinander auszuspielen und mit dem Keramischen Bund Lohnsenkungen zu vereinbaren.

Ausblick: Streiks nach 1933

Die amtliche Statistik verneint nach 1933 die Existenz von Streiks. Nach den Unterlagen der Deutschen Arbeitsfront (DAF) ereigneten sich in Bayern jedoch 1936 31 und 1937 11 Streiks, vor allem auf Reichsautobahn-, Kraftwerks- und Militärbaustellen, auch bei der Eisenbahn. Spontan und meist von kurzer Dauer, erinnern sie an vor- und frühindustrielle Proteste in einem rechts- und organisationsfreien Raum. Bei Differenzen über Löhne und Arbeitzeit vermittelte die DAF, vermutete man jedoch politische Aktionen als Streikhintergrund, so hieß die Konsequenz lapidar "Schutzhaft" oder "KZ Dachau".

Literatur

  • Bernhard Adam, Arbeitsbeziehungen in der bayerischen Großstadtmetallindustrie von 1914-1932, München 1983.
  • Karl-Ludwig Ay, Die Entstehung einer Revolution. Die Volksstimmung in Bayern während des Ersten Weltkrieges (Beiträge zu einer historischen Strukturanalyse Bayerns im Industriezeitalter 1), Berlin 1968.
  • Albrecht Bald, Gewerkschaften und Arbeiterparteien der nordostfränkischen Industriestädte Hof und Selb, in: Acht Stunden sind kein Tag. Geschichte der Gewerkschaften in Bayern (Veröffentlichungen zur bayerischen Geschichte und Kultur 34), Augsburg 1997, 83-89.
  • Claus-Peter Clasen, Streikgeschichten. Die Augsburger Textilarbeiterstreiks 1868 - 1934 (Studien zur Geschichte des bayerischen Schwaben 38), Augsburg 2008.
  • Elisabeth Jüngling, Streiks in Bayern - Grundmuster und Beispiele, in: Acht Stunden sind kein Tag. Geschichte der Gewerkschaften in Bayern (Veröffentlichungen zur bayerischen Geschichte und Kultur 34), Augsburg 1997, 76-82.
  • Michael Kittner, Arbeitskampf. Geschichte, Recht, Gegenwart, München 2005.

Quellen

  • Zeitschrift des Bayerischen Statistischen Landesamtes (erschien jährlich mit Statistik der Streiks und Aussperrungen in Bayern, die gemäß Entschließungen des Bundesrats und des Bayerischen Innenministeriums von 1898 erfasst wurden).

Weiterführende Recherche

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Generalstreik

Empfohlene Zitierweise

Elisabeth Jüngling, Streiks (Erster Weltkrieg und Weimarer Republik), publiziert am 12.12.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Streiks (Erster Weltkrieg und Weimarer Republik)> (20.01.2019)