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Deutsche Demokratische Partei in Bayern (DDP), 1918-1930

Wahlplakat der DDP, Januar 1919, mit dem Ordnungsappell "Freiheit, Friede, Arbeit" und dem Motiv des Sämanns als Sinnbild der ewigen Ordnung vor einer strahlenden Sonne. (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Plakatsammlung)
Plakat, in dem die DDP nach dem Ende der Räterepublik in Bayern Anfang Mai 1919 programmatische Aussagen macht. (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Plakatsammlung)
Plakat der DDP zur Reichstagswahl am 4. Mai 1924; nach dem Ende der Hyperinflation im November 1923 präsentiert sich die DDP als Hüterin einer stabilen Währung. (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Plakatsammlung)
Georg Hohmann (1880-1970), (Amtliches Jahrbuch des Bayerischen Landtags, München 1920, S.163).
Dr. Robert Piloty (1863-1926), Verfassungsrechtler (Amtliches Jahrbuch des Bayerischen Landtags, München 1920, S.187).
Eduard Hamm (1879-1944), von 1919 - 1922 Minister für Handel, Industrie und Verkehr. (Illustrierte Zeitung, Heft 165, Leipzig u. a. 1925, S.872)
Ludwig Quidde (aus: Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft. 2. Band, Berlin 1931, S. 1459)
Ernst Müller-Meiningen (1866-1944), Franktionsführer der DDP im bayerischen Landtag und 31.05.1919-15.07.1920 Justizminister (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv, port-024499)

von Petrus Müller

Linksliberale Partei, gegründet im November/Dezember 1918 in München und Nürnberg. Auf Reichsebene war die DDP als Partei der "Weimarer Koalition" mit kurzen Unterbrechungen bis 1932 an allen Reichsregierungen beteiligt. In Bayern stellte sie in den Anfangsjahren der Republik den Justiz- (Ernst Müller-Meiningen, 1866-1944) und den Handelsminister (Eduard Hamm, 1879-1944). In den folgenden Jahren verlor sie zunehmend an Bedeutung und war seit 1928 nicht mehr im Landtag vertreten. 1930 zerfiel die Partei in die Deutsche Staatspartei bzw. die Radikaldemokratische Partei Deutschlands, die jedoch keinen nennenswerten politischen Einfluss mehr erlangten.

Gründungsprozess

Die erste große liberaldemokratische, klar republikanisch orientierte Partei in Bayern wurde im November/Dezember 1918 in München und Nürnberg gegründet. Unter maßgeblicher Leitung der Meinungsführer des Linksliberalismus in Bayern (Georg Hohmann [1880-1970], Ludwig Quidde [1858-1941], Otto Geßler [1875-1955] und Ernst Müller–Meiningen [1866-1944]) beschlossen ca. 300 Delegierte am 17. November 1918 im Münchner Augustinerbräu den Gründungsaufruf. Während des ersten Landesparteitags am 21./22. Dezember 1918 in Nürnberg entstand das organisatorische, personelle und programmatische Profil. Dabei wurde der Anschluss an die auf Reichsebene entstandene DDP einstimmig beschlossen. Die Partei nannte sich zunächst "Deutsche Volkspartei in Bayern (DVP)", ab Oktober 1919 "Deutsche Demokratische Partei in Bayern (DDP)". Die DVP bzw. DDP in Bayern war damit sowohl personell als auch weithin programmatisch die Nachfolgepartei der 1910 gegründeten "Fortschrittlichen Volkspartei in Bayern", die als Zusammenschluss der linksliberalen und bürgerlich-demokratischen Kräfte Bayerns bis 1918 mit fränkischem Schwerpunkt auf der landespolitischen Bühne agierte.

Innerparteilicher Richtungsstreit

Erster Vorsitzender wurde im Dezember 1918 der Demokrat Georg Hohmann, ein Anhänger Friedrich Naumanns (1860-1919). Da sich die große Mehrheit der bayerische Liberalen 1918/19 der DDP anschloss, befanden sich in der Parteispitze sowohl linksliberale als auch nationalliberale Persönlichkeiten aus der Vorkriegszeit, so dass der für das Reich ab 1918 erneut typische Spaltungsprozess zwischen Rechts- und Linksliberalen in Bayern zunächst weniger stark ausgeprägt war. Dafür blieb die bayerische DDP stets von innerparteilichen Richtungskämpfen gekennzeichnet, die sich bereits in einem großen Dissens bezüglich der Haltung gegenüber Ministerpräsident Kurt Eisner (USPD, 1867-1919) manifestierten. Schließlich wurde die "formelle" Unterstützung dieser Regierung mehrheitlich akzeptiert. Dennoch raubten die nicht mehr endenden Meinungsverschiedenheiten in der Parteiführung der DDP in Bayern viel Kraft auf der landespolitischen Bühne.

Programmatische Grundpositionen und Parteiorganisation

Der Gründungsaufruf vom 17. November 1918 beinhaltet die Grundelemente liberaldemokratischen Gedankenguts, das im Kernbestand für die DDP in Bayern bis in die späten 1920er Jahre Bedeutung behielt: "Die alte Ordnung ist unter den Schlägen der Revolution zusammengebrochen. Auf neuen Grundlagen muss Bayern, muss Deutschland wieder aufgebaut werden.(...) Wir bekennen uns freudig zum freien Volksstaat. Die Dynastien, die trotz der Überlieferungen von Jahrhunderten wehrlos der Umwälzung zum Opfer gefallen sind, können nicht zurückgeführt werden, ohne die Gefahr eines Bürgerkriegs heraufzubeschwören. Jeden Versuch, das Alte wieder herzustellen, lehnen wir deshalb ab. Ebenso aber verwahren wir uns auf das Schärfste gegen jede einseitige Klassenherrschaft, gegen eine Diktatur , die die Rechtssicherheit gefährdet, das Vertrauen zum Wiederaufbau unseres Wirtschaftslebens untergräbt und die Gefahr der Einmischung des Auslandes heraufbeschwört. Der jetzige auf Gewalt beruhende Zustand muss alsbald in einen geordneten Rechtszustand überführt werden. Deshalb verlangen wir für Bayern, wie für das Reich die schleunigste Einführung einer verfassunggebenden Nationalversammlung. Sie muss aufgrund des allgemeinen und gleichen Wahlrechts für alle volljährigen Männer und Frauen nach den Grundsätzen der Verhältniswahl gebildet werden. Zur Vorbereitung der Wahlen fordern wir volle Freiheit der Meinungsäußerung in Wort und Schrift. Das Ergebnis der Wahlen muss für alle, auch für die revolutionäre Regierung, bindend sein. (...)" (Nürnberger Zeitung, 19.11.1918, Nr. 318).

Die Organisationsstruktur der DDP in Bayern war, wie im gesamten Reich, an den kommunalen bzw. gemeindlichen Verwaltungsrahmen der Reichstagswahlkreise angelehnt. Somit gab es jeweils in München, Regensburg und Nürnberg eine Wahlkreisgeschäftsstelle, von der aus die Parteiarbeit koordiniert wurde. Die Geschäftsstellen versorgten die Kreisverbände, Ortsvereine, Ortsgruppen und Vertrauensleute in kleineren Orten ohne Ortsgruppe mit Informationen und Wahlkampfmitteln. Das Organisationshandbuch der DDP von 1926 zeigt klar, dass die Partei vor allem in Franken bis auf die Ebene der Marktflecken sehr dicht organisiert war. Auffällig dabei ist der sehr hohe Anteil an Lehrern im Bereich der Basisarbeit vor Ort.

Zum Profil der Partei gehörten in Bayern auch die 32 Tageszeitungen, die sich in Bayern (ohne die Pfalz) zur DDP bekannten. 19 davon erschienen in Franken. Große Blätter wie die "Regensburger Neuesten Nachrichten", die "Nürnberg-Fürther-Morgenpresse" und die "Nürnberger Zeitung" unterstützten den politisch organisierten Linksliberalismus in Bayern.

Politische Bedeutung in der bayerischen Landes- und Kommunalpolitik

Persönlichkeiten aus den Reihen der DDP waren vor allem zu Beginn der Weimarer Republik gestalterisch in der bayerischen Landespolitik tätig. Die Ausarbeitung der Bamberger Verfassung wurde von dem DDP–Anhänger Josef von Graßmann (1864-1928) und dem liberalen Würzburger Staatsrechtler Robert von Piloty (1863-1926) auf Geheiß Eisners maßgeblich geleitet.

An der bayerischen Regierung war die DDP zwischen 1919 und 1922 beteiligt. Ernst Müller–Meiningen hatte 1919/1920 in den Kabinetten Hoffmann II und Kahr I das Justizministerium inne. Eduard Hamm (1879-1944), der spätere Reichswirtschaftsminister, führte das bayerische Handelsministerium seit Mai 1919 in den Kabinetten Hoffmann II, Kahr I und Kahr II sowie bis Juli 1922 im Kabinett Lerchenfeld.

Von 1919 bis 1928 war die DDP im Landtag vertreten, allerdings in deutlich abnehmender Stärke (1920: 14%, 25 Abgeordnete; 1924: 3,2%, 3 Abgeordnete).

In der Kommunalpolitik prägten v. a. zwei Oberbürgermeister das Gesicht der Partei: Dr. Hermann Luppe (1874-1945) in Nürnberg und Dr. Hans Löffler (1872-1955) in Würzburg. Beide regierten ihre Städte von 1920 bis 1933 (Löffler ferner 1946-1948).

Wie auch schon vor dem Ersten Weltkrieg waren die fränkischen Wahlkreise, vor allem Mittelfranken, die Hochburgen der DDP in Bayern. Zwischen 1924 und 1933 entwickelte sich die Nürnberger Ortsgruppe immer mehr zum Zentrum des bayerischen Linksliberalismus. In dieser Zeit führte der Nürnberger Stadtschulrat und ehemalige Reichstagsabgeordnete Konrad Weiß (1863-1943) als Landesvorsitzender die Partei. Zusammen mit seinem Freund Hermann Luppe gelang es ihm, im mittelfränkischen Raum eine ideelle Bastion gegen die Hasstiraden Julius Streichers (1885-1946) und den Aufstieg der NSDAP zu errichten. Es ist daher nicht verwunderlich, dass besonders in Nürnberg die jüdisch–liberaldemokratische Weggemeinschaft bis 1933 stark ausgeprägt war. Alleine in der Führungsgruppe der Partei befanden sich mit Rudolph Bing, Dr. Julie Meyer, Dr. Siegfried Guggenheimer und Dr. Richard Kohn (1881-ca. 1941) vier Nürnberger jüdischen Glaubens.

Wichtige Organe und Zeitungen des bayerischen Linksliberalismus (z. B. die "Nürnberg–Fürther–Morgenpresse", die "Nürnberger Zeitung", das "Echo der jungen Demokratie") erschienen in Nürnberg.

Das Ende der DDP

1930 fusionierte die bayerische DDP, analog zur Entwicklung auf Reichsebene, mit der Volksnationalen Reichsvereinigung zur "Deutschen Staatspartei" (DStP) in der Hoffnung, ihr Wählerpotential zu erhöhen. Als Reaktion auf diese Hinwendung zu eher bürgerlich-konservativen Kreisen gründeten einige linksliberale und pazifistisch eingestellte Persönlichkeiten um Ludwig Quidde und Otto Stündt im August 1930 die "Vereinigung unabhängiger Demokraten" in Nürnberg. Diese neue politische Gruppierung kann als Sammelbecken der bayerischen Jungdemokratie verstanden werden, die seit Beginn der 1920er Jahre um Otto Stündt in Nürnberg ihr Zentrum hatte. Die "Jungdemokraten" waren eine reichsweit vernetzte Gruppierung eher jüngerer, sehr idealistischer DDP-Mitglieder, die sich betont für einen sozialen Ausgleich in der Gesellschaft und für eine pazifistische Politik einsetzten. In ihren Reihen befanden sich etliche Deutsche jüdischen Glaubens. Die Trennlinie zur SPD war nicht immer ganz scharf zu ziehen. Im November 1930 schlossen sich diese bayerischen Demokraten der reichsweit agierenden "Radikaldemokratischen Partei Deutschlands" an. Einen nennenswerten politischen Einfluss erzielten weder die "Deutsche Staatspartei" noch die "Radikaldemokratische Partei". Am 28. Juni 1933 lösten sich beide Parteien auf.

Literatur

  • Lothar Albertin, Liberalismus und Demokratie am Anfang der Weimarer Republik. Eine vergleichende Analyse der Deutschen Demokratischen Partei und der Deutschen Volkspartei (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien 45), Düsseldorf 1972.
  • Bruce B. Frye, Liberal democrats in the Weimar Republic: the history of the German Democratic Party and the German State Party, Carbondale 1985.
  • Larry Eugene Jones, German liberalism and the dissolution of the Weimar party system 1918-1933, Chapel Hill 1988.
  • Petrus Müller, Konrad Weiß (1863-1943), Pädagoge, Kommunalbeamter und Politiker, in: Fränkische Lebensbilder 1998 (Band 17), 231-247.
  • Joachim Reimann, Ernst Müller-Meiningen senior und der Linksliberalismus in seiner Zeit. Zur Biographie eines bayerischen und deutschen Politikers (1866-1944), München 1968.
  • Werner Schneider, Die Deutsche Demokratische Partei in der Weimarer Republik, 1924-1930, München 1978.
  • Renate Schober, Auszehrung. Die Geschichte der bayerischen Liberalen in der Weimarer Republik, in: Bayerischer Rundfunk (Hg.), Unbekanntes Bayern. Politik, Staat und Kirche. 2. Band, München 1980, 132-143.
  • Dietrich Thränhardt, Wahlen und politische Strukturen in Bayern 1848-1953. Historisch-soziologische Untersuchungen zum Entstehen und zur Neuerrichtung eines Parteiensystems (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien 51), Düsseldorf 1973.
  • Konstanze Wegner, Linksliberalismus in der Weimarer Republik. Die Führungsgremien der Deutschen Demokratischen Partei und der Deutschen Staatspartei 1918-1933 (Quellen zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien III 5), Düsseldorf 1980.
  • Stephan Werner, Aufstieg und Verfall des Linksliberalismus 1918-1933. Geschichte der Deutschen Demokratischen Partei, Göttingen 1973.

Quellen

  • Quellenmaterial zum größten Teil aus Privatnachlässen und aus der zeitgenössischen Parteipresse.
  • Der Nachlass von Ernst Müller-Meiningen befindet sich im Bayerischen Hauptstaatsarchiv.
  • Organisationshandbuch der Deutschen Demokratischen Partei, Berlin 1926.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Verwandte Artikel

Deutsche Staatspartei (DStP), Deutsche Volkspartei in Bayern, Radikaldemokratische Partei Deutschlands

Empfohlene Zitierweise

Petrus Müller, Deutsche Demokratische Partei in Bayern (DDP), 1918-1930, publiziert am 08.01.2007; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Deutsche Demokratische Partei in Bayern (DDP), 1918-1930> (15.11.2018)