Hinweis: Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr erfahren

Kriegsschuldfrage, 1918/1919

Kundgebung des Kabinetts Eisner an die Siegermächte vom 10. November 1918. Eisner ruft darin zu einer echten Versöhnung der Völker auf, die aber durch die Waffenstillstandsbedingungen gefährdet sei. (Monacensia.Literaturarchiv und Bibliothek)
"Deutschland vor dem Tribunal des Völkerbundes". Karikatur in der Zeitschrift "Jugend" aus dem Jahre 1919. (Jugend. Münchner illustrierte Woschenschrift für Kunst und Leben 1919, Nr. 7 Bayerische Staatsbibliothek 4 Per. 11 i - 24,1)
"Los von Versailles! Nieder mit der Schuldlüge", Plakat eines Arbeitsausschusses, der 1922 zur Revision des Schuldanerkenntnisses im Versailler Vertrag aufrief. (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Plakatsammlung)

von Bernhard Grau

Das Ringen um die Kriegsschuldfrage war für den Ersten Weltkrieg von seinem Beginn an bezeichnend. Im Laufe des Krieges veröffentlichten nahezu alle beteiligten Mächte so genannte Farbbücher, das heißt Sammlungen mit ausgewählten diplomatischen Dokumenten, die belegen sollten, dass das eigene Land alles unternommen habe, um den Krieg zu vermeiden. In den auch nach Kriegsende andauernden Diskussionen spielte Bayern insofern eine Sonderrolle, als sich sein Ministerpräsident, Kurt Eisner (1867-1919), offen zur deutschen Kriegsschuld bekannte und Dokumente veröffentlichte, die diese belegen sollten. Eisners Kriegsschuldbekenntnis, mit dem er hoffte, die internationale Isolierung Deutschlands zu durchbrechen, stieß in der deutschen Öffentlichkeit überwiegend auf massive Ablehnung. Damit scheiterte sein Versuch, das Ausland von dem Gesinnungswandel der Deutschen zu überzeugen.

Vorgeschichte

Kurt Eisner (1898 SPD, seit 1917 USPD, 1867-1919) war bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Juli 1914 noch von einem russischen Angriffskrieg ausgegangen und daher für die Bewilligung der Kriegskredite durch die SPD eingetreten. Infolge eines intensiven Studiums der von verschiedenen Ländern herausgegebenen Dokumente zum Kriegsausbruch war er allerdings bereits im zweiten Kriegsjahr zu einer gegenteiligen Anschauung gekommen. Die Art der deutschen Kriegsführung und weitere, überwiegend illegal verbreitete Darstellungen zur Julikrise von 1914 (Lichnowsky-Denkschrift, Mühlon-Veröffentlichung) bestätigten ihn in dieser Auffassung. Die Pressezensur sowie die Isolierung durch die eigenen Parteifreunde verhinderten jedoch, dass er seine Überzeugungen während des Krieges publik machen konnte. Auch nach Kriegsende hielt Eisner daran fest, dass das Deutsche Reich den Krieg zu verantworten habe. Zur Untermauerung gab er Ende November 1918 Dokumente der bayerischen Gesandtschaft in Berlin an die Presse.

Die Motive für Eisners Kriegsschuldbekenntnis

Das Eingeständnis der Kriegsschuld Deutschlands verstand Eisner zum einen als Signal an die siegreichen Feindmächte, dass Deutschland sich durch die Revolution von Grund auf gewandelt habe. Zum anderen sollte aber auch die deutsche Bevölkerung darüber aufgeklärt werden, dass sie bewusst über die wahren Beweggründe von Reichsregierung und Militärführung hinweggetäuscht worden war. Unter diesem Vorzeichen nutzte Eisner die Vorwürfe auch dazu, die Ablösung der alten Eliten in Militär, Staat und Verwaltung zu fordern. Hierin sah er eine wesentliche Voraussetzung für die Demokratisierung von Staat und Gesellschaft. In diesen Motiven wurde er von dem bayerischen Gesandten in der Schweiz, Friedrich Wilhelm Foerster (1869-1966), aber auch von seinen Gewährsleuten in Berlin, Maximilian Harden (1861-1927) und Friedrich Muckle (geb. 1883), bestärkt.

Eisner auf dem Sozialistenkongress in Bern 1919

Eisners Kriegsschuldbekenntnis war nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch innerhalb der bayerischen Regierung heftig umstritten. Dennoch ließ er sich von seiner Auffassung in der Folge nicht abbringen. Vielmehr nutzte er eine Einladung zum Kongress der Sozialistischen Internationalen in Bern (3.-10. Februar 1919), um auf internationalem Podium seine Thesen zu wiederholen, ja sie noch weiter zuzuspitzen. Er bot an, den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Gebiete durch ein großes Aussöhnungswerk zu fördern, in dessen Rahmen deutsche Arbeiter, Studenten, Künstler und Architekten zur freiwilligen Arbeitsleistung aufgerufen werden sollten. Bloßgestellt wurden von Eisner nicht nur die Spitzenbeamten des Auswärtigen Amtes in Berlin, sondern vor allem die auf dem Kongress anwesenden Delegierten der deutschen Sozialdemokratie, die seine Haltung nicht zu teilen vermochten. Die Mehrzahl der Kongressteilnehmer nahm sein ehrliches Bemühen um die Völkerverständigung jedoch begeistert auf.

Öffentliche Reaktionen

In der Öffentlichkeit stießen Eisners Einlassungen auf eine höchst kontroverse Resonanz. Zustimmung artikulierten vor allem die Anhänger der USPD und der äußersten Linken. Die in Berlin regierende Mehrheitssozialdemokratie neigte hingegen dazu, Russland die Hauptschuld am Kriegsausbruch anzulasten. Das bürgerliche Lager warf Eisner dagegen politische Naivität oder gar Vaterlandverrat vor, weil er den Feindmächten Motive für ein hartes Vorgehen gegen Deutschland geliefert habe. Sein Auftreten in der Schweiz, wenige Tage vor seiner Ermordung, führte in Bayern zu einer erheblichen Zuspitzung der angespannten innenpolitischen Lage. Seine Gegner stellten den Verlauf der Beratungen in einer verzerrenden Weise dar und entfalteten eine kaum mehr zu überbietende Hetzkampagne. Eisners Vorstoß scheiterte letztlich auch daran, dass das von ihm erhoffte diplomatische Entgegenkommen der Alliierten ausblieb.

Die Einschätzung durch die historische Forschung

Auch in der jüngeren historischen Forschung bleibt die Bewertung von Eisners Kriegsschuldeingeständnis uneinheitlich. Ein Teil der Autoren macht ihm zum Vorwurf, seine Politik sei heillos idealistisch gewesen, wenn nicht gar von Frankreich aus ferngesteuert worden. Mehr und mehr scheint sich allerdings die Auffassung durchzusetzen, dass Eisners Vorgehen eine ernstzunehmende Alternative zur Politik der deutschen Reichsregierung dargestellt habe, die in letzter Konsequenz zu einer Rehabilitierung der alten Eliten und damit zur Destabilisierung der jungen Weimarer Demokratie geführt habe.

Literatur

  • Michael Dreyer/Oliver Lembcke, Die deutsche Diskussion um die Kriegsschuldfrage 1918/19 (Beiträge zur Politischen Wissenschaft 70), Berlin 1993.
  • Bernhard Grau, Kurt Eisner 1867-1919. Eine Biographie, München 2001.
  • Peter Grupp, Deutsche Außenpolitik im Schatten von Versailles 1918-1920, Paderborn 1988.
  • Eric J. C. Hahn, The German Foreign Ministry and the Question of War Guilt in 1918-1919, in: Carole Fink/Isabell V. Hull/MacGregor Knox (Hg.), German Nationalism and the European Response 1890-1945, Norman/London 1985, 43-70.
  • Klaus Hildebrand, Das vergangene Reich. Deutsche Außenpolitik von Bismarck bis Hitler (1871-1945), Stuttgart 1995.
  • Henning Köhler, Novemberrevolution und Frankreich. Die französische Deutschlandpolitik 1918-1919, Düsseldorf 1980.
  • Allan Mitchell, Revolution in Bayern 1918/1919. Die Eisner-Regierung und die Räterepublik, München 1967.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Verwandte Artikel

Kriegsschuld, Kriegsschuldbekenntnis, Kriegsschulddebatte

Empfohlene Zitierweise

Bernhard Grau, Kriegsschuldfrage, 1918/1919, publiziert am 17.01.2007; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Kriegsschuldfrage, 1918/1919> (13.12.2018)