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Regierung von Jehovas Zorn, 1918

Michael Faulhaber (aus: Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft. 1. Band, Berlin 1931, S. 419)
Titelblatt von Michael Faulhabers Schrift von 1922. (Bayerische Staatsbibliothek Th.u. 456 e-1)
Textstelle aus Faulhabers Schrift "Deutsches Ehrgefühl und katholisches Gewissen" (Montage der Buchseiten mit farblich markiertem Satz). (Bayerische Staatsbibliothek Th.u. 456 e-1)

von Susanne Kornacker

Bezeichnung von Kardinal Michael von Faulhaber (1869-1952) für die Regierung Eisner in der Silvesterpredigt 1918. Der nur isoliert überlieferte Ausspruch - die Predigt ist als ganze nicht erhalten - wird manchmal falsch als antisemitische Äußerung Faulhabers verstanden. Richtig ist jedoch eine Interpretation vor dem Hintergrund alttestamentarischer Rede über den "Zorn Gottes", die Faulhaber als vormaliger Professor für Exegese des Alten Testaments auf die von ihm als Rechtsbruch angesehene Revolution von 1918 anwandte.

Zur Quelle

Dieser häufig zitierte Ausspruch stammt aus der Silvesterpredigt 1918 von Erzbischof Michael von Faulhaber (1869-1952), 1917-1952 Oberhirte der Erzdiözese München und Freising. Die Predigt selbst ist nicht erhalten; der Bayerische Kurier vom 1./2. Januar 1919 ("Erzbischof Dr. v. Faulhaber über Trennung von Staat und Kirche.") zitiert daraus, ohne jedoch diese Passage aufzuführen. Auch weniger kirchenfreundliche Zeitungen erwähnen diese Aussage nicht, was dafür spricht, dass sie zeitgenössisch kein Aufsehen erregt hat. In einer 1925 erschienenen Publikation von Kardinal Faulhaber ("Deutsches Ehrgefühl und katholisches Gewissen", 22) führt er selbst dieses Zitat an, so dass es als authentisch gelten darf. Möglicherweise hat es erst nach dem Zweiten Weltkrieg größere Aufmerksamkeit gefunden.

Legitimation der staatlichen Obrigkeit

Kardinal Faulhaber sah in Übereinstimmung mit der katholischen Staatslehre die Autorität einer rechtmäßigen staatlichen Obrigkeit von Gott legitimiert. Daraus leite sich für die Regierung umgekehrt auch eine Verpflichtung ab, die Religion zu achten. Wenn die Regierung sich jedoch gegen Gott wende, verliere sie ihre Autorität, so Faulhaber. Das Ende der Monarchie in Bayern und die Revolution im November 1918 waren für den Erzbischof Unrecht; die neue Regierung war somit nicht rechtmäßig an die Macht gekommen. Zudem standen Teile der Regierung vor ideologisch linksgerichtetem Hintergrund der Kirche distanziert bis feindlich gegenüber. Somit fehle dieser neuen Regierung jegliche göttliche Legitimation – so Faulhaber –, was in den folgenden Monaten die Tatsache noch bestärkte, dass zunehmend auf eine Trennung von Kirche und Staat hingearbeitet wurde. Der Bezug auf Gott fehlte in der bayerischen Verfassung von 1919 im Gegensatz zu den Verfassungen von 1818 und 1946.

Bedeutung

Die Aussage "Regierung von Jehovas Zorn" ist ohne Kontext und damit nur isoliert überliefert. Jedoch ergibt sich aus dem oben Gesagten, dass Erzbischof Faulhaber der neuen Regierung bescheinigte, dass sie wegen ihrer glaubens- und kirchenfeindlichen Haltung Jehovas - d.h. Gottes - Zorn hervorrufe. Die Wahl des Gottesnamens Jehova (heute gebräuchlicher: Jahwe) ist somit nicht als antisemitische Aussage gegen die Religionszugehörigkeit des neuen Ministerpräsidenten Kurt Eisner (1867-1919) zu verstehen.

Hintergrund ist vielmehr, dass Erzbischof Faulhaber als ehemaliger Professor für Alttestamtentliche Exegese, der sich dem Judentum verbunden fühlte und freundschaftliche Kontakte zu Juden pflegte, häufig aus dem Alten Testament zitierte. Faulhaber bezog sich dabei auf verschiedene Stellen des Alten Testamentes, in denen von Gottes Zorn die Rede ist, wenn das Handeln seines Volkes Israel ihm missfiel und es sich von ihm abgewandt hatte. Dem bibelkundigen Zuhörer seiner Predigt dürfte diese Formulierung und der damit verbundene Aussagegehalt vertraut gewesen sein.

Es besteht eine Tendenz in der Faulhaber-Rezeption, einzelne rhetorisch sprachgewaltige und sich im Wortspiel verlierende Formulierungen des Kardinals, zu denen er neigte und wozu auch die "Regierung von Jehovas Zorn" gehört, herauszugreifen. Das Zitat wird dann - ohne den Kontext zu beachten - benutzt, um den Kardinal zu diskreditieren. Um der Persönlichkeit des Kardinals gerecht zu werden, ist es jedoch notwendig, sich auf eine breite Quellenbasis zu stützen. Diese steht mit der Aktenedition von Volk/Hürten (1975-2002) und der Öffnung des Kardinal-Faulhaber-Archivs 2002 zur Verfügung.

Literatur

  • Ludwig Volk, Lebensbild [Faulhabers], in: ders. (Bearb.), Akten Kardinal Michael von Faulhabers 1917-1945. Band I: 1917-1934 (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte A 17), Mainz 1975, XXXV-LXXXI.
  • Ludwig Volk, Kardinal Faulhabers Stellung zur Weimarer Republik und zum NS-Staat, in: Stimmen der Zeit 177 (1966), 173-195.
  • Kardinal Michael von Faulhaber. 1869 bis 1952. Eine Ausstellung des Archivs des Erzbistums München und Freising, des Bayerischen Hauptstaatsarchivs und des Stadtarchivs München zum 50. Todestag (Ausstellungskataloge der Staatlichen Archive Bayerns 44), München 2002.

Quellen

  • Erzbischöfliches Archiv München, NL Faulhaber 4203, 9018.
  • Ludwig Volk (Bearb.), Akten Kardinal Michael von Faulhabers 1917-1945. Band I: 1917-1934 (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte A 17), Mainz 1975.
  • Michael Faulhaber, Rufende Stimmen in der Wüste der Gegenwart. Gesammelte Reden, Predigten, Hirtenbriefe. Freiburg im Breisgau 2. Auflage 1932.
  • Michael Faulhaber, Deutsches Ehrgefühl und Katholisches Gewissen (Zur religiösen Lage der Gegenwart 1), München 1925.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Empfohlene Zitierweise

Susanne Kornacker, Regierung von Jehovas Zorn, 1918, publiziert am 07.08.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Regierung von Jehovas Zorn, 1918> (21.06.2018)