Brecht, Bertolt: Trommeln in der Nacht, 1919

Uraufführung des Stückes "Trommeln in der Nacht" in den Münchner Kammerspielen, 1922. Erwin Faber (Mitte) als Andreas Kragler. (Deutsches Theatermuseum München)

von Elisabeth Tworek

Theaterstück des Augsburger Schriftstellers Bertolt Brecht (1898-1956), das am 29. September 1922 in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde und den Beginn seiner Karriere markiert. Ursprünglich unter dem Titel "Spartakus" verfasst, löste das kritische Stück über Weltkrieg, Heimkehr und Revolution heftige Auseinandersetzungen in der Öffentlichkeit aus.

Entstehungsgeschichte

"Trommeln in der Nacht" von Bertolt Brecht (1898-1956) war das erste Stück, das die Wirren der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg auf die Theaterbühne brachte. Der ursprüngliche Titel war "Spartakus", in Anlehnung an den Spartakus-Aufstand in Berlin Anfang 1919. Auf Vorschlag von Marta Feuchtwanger (1891-1987) wählte Brecht später den politisch unverfänglichen Titel "Trommeln in der Nacht". Die Uraufführung fand am 29. September 1922 unter der Regie von Otto Falckenberg (1873-1947) in den Münchner Kammerspielen statt. Es war Bertolt Brechts erste Premiere überhaupt. Mit diesem Theaterstück rückte er in die erste Reihe der modernen Dramatiker auf. Der Theaterkritiker Herbert Ihering (1888-1977) war hingerissen von Brechts "beispielloser Bildkraft der Sprache" und schrieb: "Der vierundzwanzigjährige Dichter Bert Brecht hat über Nacht das dichterische Antlitz Deutschlands verändert" (Berliner Börsen-Courier, 5. Oktober 1922). Auf seine Empfehlung erhielt Brecht im November 1922 den renommierten Kleist-Preis.

Geschrieben hatte Brecht die Komödie 1919 in seiner Geburtsstadt Augsburg, wo er im November 1918 Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates gewesen war. Kurz zuvor war dort bereits "Baal" entstanden. 1920 zog Brecht nach München und arbeitete dort einige Zeit als Dramaturg an den Münchner Kammerspielen, bevor er 1924 nach Berlin übersiedelte.

Inhalt

"Trommeln in der Nacht" spielt im Januar 1919 in Berlin und erzählt die Geschichte des Kriegsheimkehrers Andreas Kragler, der seit vier Jahren vermisst war und nun aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt. Doch inzwischen ist nichts mehr so wie früher. Der Krieg ist verloren, die Zeiten sind unsicher, vielen Menschen geht es schlecht, während Kriegsgewinnler zu neuem Reichtum gelangen. Kraglers frühere Geliebte Anna Balicke ist gerade dabei, sich auf Drängen der Eltern mit einem Kriegsgewinnler zu verloben, der ihr Sicherheit, Wohlstand und Schutz verspricht. Von ihm erwartet sie ein Kind. Zur gleichen Zeit brechen in der Stadt soziale Unruhen aus. Da Kragler ohne feste Bleibe und Perspektive ist, schließt er sich kurzzeitig den Aufständischen an. Vor die Wahl gestellt, für den revolutionären Umsturz oder für die "Macht der Liebe" einzutreten, entscheidet er sich für das "große, weiße, breite Bett" und zieht mit Anna im Arm davon.

Personen

In "Trommeln in der Nacht" lässt Bertolt Brecht verschiedene menschliche Existenzen kurz nach Kriegsende aufeinander treffen. Da sind zum einen die ehemaligen Frontsoldaten wie Andreas Kragler, "verwilderte, verlotterte, der Arbeit entwöhnte Abenteurer, denen nichts mehr heilig ist". An Leib und Seele schwer gezeichnet, streunen sie in der alten Uniform des Kaiserreiches ohne Geld und Bleibe durch die seelenlose Großstadt. Sie treffen dort auf Menschen, die Krieg und Umsturz aus der Bahn geworfen haben. Andere profitieren von der Gunst der Stunde. Der skrupellose und geschäftstüchtige Herr Balicke gehört zu ihnen. Er möchte seine Tochter Anna mit dem Fabrikanten Friedrich Murk verkuppeln. Doch Anna entsagt den materiellen Verlockungen. Sie schließt sich kurzfristig den Aufständischen an und entscheidet sich schließlich für ein Leben mit Kragler.

Quellen

In "Trommeln in der Nacht" gestaltet Bert Brecht weniger Zeitereignisse als vielmehr atmosphärisches Zeitkolorit, das "jenseits aller stofflichen Aktualität" (Herbert Ihering) ist. Zeitgeschichtlich bezieht er sich dabei auf den Spartakus-Aufstand in Berlin. Bereits Anfang Januar 1919 brachen in Berlin soziale Unruhen aus, die blutig niedergeschlagen wurden. Im März 1919 kam es erneut zu schweren Ausschreitungen, nachdem auf Beschluss der Berliner Arbeiterräte am 3. März 1919 der Generalstreik ausgerufen worden war. Die Spartakisten, Anhänger des am 1. Januar 1919 gegründeten Spartakus-Bundes, forderten zum Sturz der demokratisch gewählten Regierung auf unter der Parole: "Alle Macht den Arbeiterräten!". Die Regierungstruppen gingen mit brutaler Härte gegen die Aufständischen vor, verhängten den Belagerungszustand und schlugen den Aufstand nieder. 1.200 Menschen fanden dabei den Tod.

Brechts junges Theater

Literatur- und theatergeschichtlich machte das Stück Furore. Brecht arbeitete mit antiillusionistischen Techniken und bereicherte die dramatische Sprache um Elemente des Volkstheaters, die er beim Komiker Karl Valentin (1882-1948) kennen gelernt hatte. In den Münchner Kammerspielen traten die beiden gemeinsam auf. "Trommeln in der Nacht" setzte sich deutlich vom Theater der Naturalisten ab, die das Alltagsleben auf der Bühne vorspielen wollten. Auch war das Stück realistischer und aktueller als die Theaterstücke des Expressionismus. Der Theaterkritiker Julius Bab (1880-1955) kam im Hannoverschen Tageblatt am 23. Dezember 1922 zu dem Schluss: "In Brechts Dialog ist eine packende und beflügelnde Energie und bei allem sichtbaren Einfluss von Strindberg, Wedekind und Georg Kaiser doch ein eigener Ton – ein rauher Schrei aus blutverschleierter Kehle (...) Unfertig, unselbständig ist dieses Stück, doch der Erstling eines starken, zukunftsträchtigen Talents."

Literatur

  • John Fuegi, Brecht & Co. Biographie. Autorisierte erweiterte und berichtigte deutsche Fassung von Sebastian Wohlfeil, Hamburg 1997.
  • Georg Hensel, Spielplan. Schauspielführer von der Antike bis zur Gegenwart. Band II, Frankfurt am Main/Olten/Wien 1986.
  • Günther Rühle, Theater für die Republik im Spiegel der Kritik. 1. Band: 1917-1925, Frankfurt am Main 1988, 400-410.
  • Wolfgang M. Schwiedrzik (Hg.), Brechts "Trommeln in der Nacht", Frankfurt am Main 1990.

Quellen

  • Bertolt Brecht, Trommeln in der Nacht, in: Ders., Gesammelte Werke. I. Stücke, Frankfurt am Main 1967.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Verwandte Artikel

Bertolt Brecht, Berthold Brecht, Bertold Brecht

Empfohlene Zitierweise

Elisabeth Tworek, Brecht, Bertolt: Trommeln in der Nacht, 1919, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Brecht, Bertolt: Trommeln in der Nacht, 1919> (25.02.2018)