Sozialisierungspläne, 1918/19

Otto Neurath, Durch Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft. Titelblatt des 1919 in München erschienenen Buches.
Otto Neurath, undatiert. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Lujo Brentano (aus: Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft. 1. Band, Berlin 1931, S. 214)

von Johannes Merz

Die Behandlung der Sozialisierungsfrage im Bayern der Weimarer Zeit bewegte sich in den Bahnen, die durch die Entwicklungen auf der Reichsebene vorgezeichnet waren. Sie unterschied sich allerdings deutlich in der Intensität der Diskussionen und Maßnahmen, die hervorgerufen wurde durch die Staatskrise nach der Ermordung Kurt Eisners (1867-1919) am 21. Februar 1919. Deshalb war Bayern auch das einzige Land der Weimarer Republik, in dem unter dem Einfluss des bedeutenden österreichischen Wissenschaftlers Otto Neurath (1882-1945) die Vollsozialisierung beschlossen und praktisch in Angriff genommen wurde. Die militärische Liquidierung der Räteherrschaft Anfang Mai 1919 beendete dieses Experiment.

Allgemeine Ausgangslage

Nach der Revolution von 1918 setzte rasch eine ausgedehnte Kontroverse um die Verwirklichung der Sozialisierung als eines der Hauptziele der deutschen Sozialdemokratie ein. Gemeint war damit allgemein der "Übergang der Produktionsmittel in den Besitz der Gesamtheit" (Erfurter Programm der SPD, 1891). Konkrete und durchführbare Konzepte dafür waren jedoch kaum vorhanden.

Auf der Reichsebene stellte der Rat der Volksbeauftragten zwar in einer programmatischen Rede vom 12. November 1918 die Verwirklichung der Sozialisierung in Aussicht und setzte eine Sozialisierungskommission ein, die am 15. Februar 1919 einen vorläufigen Bericht abgab. Doch lehnten die Mehrheitssozialdemokraten tief greifende Sozialisierungsmaßnahmen unter dem Eindruck der harten Forderungen der Alliierten, der Demobilmachungsprobleme und der katastrophalen Ernährungslage ab. Das Sozialisierungsgesetz vom 20. März 1919 erklärte die Zuständigkeit des Reiches und kündigte die Verstaatlichung von Schlüsselbetrieben im Bergbau an. Aber schon im Sommer 1919 schälte sich deutlich heraus, dass es im Deutschen Reich nicht zu durchgreifenden Sozialisierungsmaßnahmen kommen würde.

Abgesehen von wenigen wirtschaftspolitischen Zugeständnissen (Betriebsrätegesetz, Reichswirtschaftsrat) und von einer Neuauflage der Sozialisierungskommission 1920 spielte die Sozialisierungsfrage bis in die 1930er Jahre in der öffentlichen Diskussion keine besondere Rolle mehr.

Selbst in Sachsen, das mit einer absoluten Mehrheit der sozialistischen Parteien prädestiniert schien, die Sozialisierung umzusetzen, entstand nur eine Landesstelle für Gemeinwirtschaft (22. April 1919), die den politischen Handlungsdruck verringern sollte.

Situation in Bayern bis Februar 1919

Kurt Eisner (1867-1919) sprach sich schon im November 1918 gegen Sozialisierungsmaßnahmen aus, weil er sie aufgrund der zerrütteten Produktion für unmöglich hielt. Um die Diskussion zu beruhigen, gründete auch er eine Sozialisierungskommission. Sie nahm am 22. Januar 1919 ihre Arbeit unter dem Vorsitz des bekannten Nationalökonomen Lujo Brentano (1844-1931) auf. Die Bedeutung der Sozialisierungsfrage in der praktischen Regierungsarbeit blieb jedoch gering, bis sich mit der Ermordung Kurt Eisners am 21. Februar 1919 die politische Lage vehement radikalisierte.

Der Eintritt Otto Neuraths in die bayerische Sozialisierungsdebatte

Der Anstoß zu einer konkreten Diskussion in Bayern kam von Otto Neurath (1882-1945), später Mitglied des "Wiener Kreises", der heute als einer der bedeutenden Philosophen des 20. Jahrhunderts gilt. Neurath hatte als Nationalökonom im Krieg durch planwirtschaftliche Überlegungen auf sich aufmerksam gemacht, die er in seiner so genannten Kriegswirtschaftslehre zu einem komplexen System zusammenfasste. An die Stelle des Kapitalismus sollte eine zentral gelenkte Planwirtschaft treten, deren wesentlicher Kern ein unmittelbarer Naturaltausch- bzw. Kompensationsverkehr von Gütern und Leistungen war.

Nach der Revolution stieg Neurath mit diesem Modell in die Sozialisierungsdebatte in Sachsen ein, wo er ab Februar 1919 für einige Wochen die öffentliche Diskussion maßgeblich beeinflusste. In aller Munde war in dieser Zeit der sog. Kranold-Neurath-Schumann-Plan, der eine komplette Umstellung vom Kapitalismus auf eine sozialistische Planwirtschaft vorsah und überwiegend auf Neuraths Ideen beruhte. Insbesondere die sächsische Regierung lehnte jedoch die ihr vom Zentralrat empfohlenen praktischen Teile des Gutachtens ab.

Um Bewegung in diese Situation zu bringen, veranlasste Neurath den bayerischen Zentralrat zu einem Telegramm vom 13. März 1919 an die sächsische Regierung, in der eine Zusammenarbeit der beiden Staaten vorgeschlagen wurde, weil sich das bayerische Agrar- und das sächsische Industrieland im Sinne eines autarken Wirtschaftsgebietes ideal ergänzten. Während jedoch Neurath in Sachsen nicht weiterkam, sah man in Bayern, wo sozialistische Theoretiker fehlten, in dieser Situation die Chance, einen der Protagonisten der aktuellen politischen Diskussion nach München zu bringen. Treibende Kräfte einer Berufung Neuraths nach Bayern waren der Nationalökonom und Finanzminister im Kabinett Eisner, Edgar Jaffé (1866-1921), sowie Josef Simon (USPD, 1865-1949), der neue Handelsminister im Kabinett Hofmann I.

Der Beschluss zur "Vollsozialisierung" des Landes

Neurath stellte erstmals am 21. März 1919 im Bayerischen Ministerrat seine Pläne vor, worauf dieser beschloss, dass der Referent am 25. März im Sozialisierungsausschuss des Landtags auftreten solle. Hier fand der planwirtschaftliche Ansatz Neuraths Sympathien selbst bei Sebastian Schlittenbauer (1874-1936), dem Vertreter der Bayerischen Volkspartei. Grund dafür war die zu dieser Zeit besonders große Bedeutung des Genossenschaftswesens für die Partei.

Am Tag darauf traf Neurath in der von Eisner eingesetzten Sozialisierungskommission auf wesentlich größere Skepsis, konnte jedoch am 27. März auch durch den Verweis auf drohende Arbeiteraufstände den Ministerrat dazu bringen, einstimmig die Einrichtung eines Zentralwirtschaftsamtes zu beschließen. Nur Ministerpräsident Hoffmann versuchte die Berufung Neuraths zum Leiter dieses Amtes zu verhindern, konnte sich aber nicht mehr durchsetzen.

Schon am 31. März verabschiedete die Mehrheit des Ministerrats ein Statut, das den wesentlichen Forderungen Neuraths nachkam. Diese zielten darauf, die gesamte Wirtschaft des Landes durch das Zentralwirtschaftsamt zu lenken, das rein formal dem noch zu errichtenden Handelsministerium unterstehen sollte. Ziel war es, mit Hilfe einer Universalstatistik einen Überblick über die vorhandenen Produktionsmittel, die Produktionsmöglichkeiten und den Produktionsbedarf zu gewinnen, der dann von einer Naturalrechnungszentrale für die Erstellung von Wirtschaftsplänen ausgewertet werden sollte. Eine Kompensationszentrale sollte den unmittelbaren Warenaustausch mit dem Ausland regeln, eine Rationalisierungszentrale die modernen Erkenntnisse der wissenschaftlichen Betriebsführung nach Frederick Taylor (1856-1915) zur Anwendung bringen, für Normierung und Typisierung sorgen und insbesondere die Arbeits- und Berufsforschung fördern. Eine Kontrollzentrale sollte die Auswirkungen der Sozialisierungsgesetzgebung auf die Wirtschaft dauernd überprüfen, eine Aufklärungszentrale die Arbeit des Zentralwirtschaftsamtes dem Volk nahe bringen. Ebenfalls noch am 31. März genehmigte der Ministerrat den Personaletat für das neue Amt.

Aufbau des Zentralwirtschaftsamtes und erste Sozialisierungsgesetze

Neurath begann schon Ende März 1919, hochkarätige Wissenschaftler und praxisorientierte Experten aus Deutschland und Österreich für das neue Zentralwirtschaftsamt zu gewinnen; einige davon trafen auch tatsächlich in München ein. Zum Sitz des Amtes wurde das Prinz-Carl-Palais bestimmt. Anfang April brachte Neurath bereits die ersten Gesetzentwürfe über die Sozialisierung des Bergbaus, des Hüttenwesens, der Wasserkräfte und der Elektrizitätsversorgung auf den Weg, doch wurde seine Tätigkeit von den politischen Ereignissen überrollt. Zwar erreichte er nach der Ausrufung der bayerischen Räterepublik am 7. April, dass der revolutionäre Zentralrat den Entwurf zur Sozialisierung des Bergbaus sowie weitere Entwürfe gegen Kapitalabwanderung und zur Einschränkung der Barabhebungen als Verordnungen publizierte. Doch mit seinen Planungen zur Sozialisierung der Presse scheiterte Neurath an den Zensurvorstellungen der Räteregierung. Noch am 12. April, dem letzten Tag der ersten Räterepublik, schlug Neurath gemeinsam mit dem Zentralratsvorsitzenden Ernst Toller (1893-1939) der österreichischen Regierung ein gemeinsames Vorgehen bei der Sozialisierung vor. In den verbleibenden Wochen der wechselnden Räteregierungen versandeten die eingeleiteten Maßnahmen jedoch weitestgehend.

Das Ende der Sozialisierung in Bayern

Nach der militärischen Niederschlagung der Räteherrschaft beschloss die bayerische Regierung, Neurath seines Amts zu entheben (8. Mai 1919) und das Zentralwirtschaftsamt abzuwickeln (14. Mai 1919). Damit waren alle Sozialisierungspläne in Bayern zunächst einmal gescheitert. Neurath wurde verhaftet, wegen Beihilfe zum Hochverrat zu eineinhalb Jahren Festungshaft verurteilt und Anfang 1920 nach Österreich abgeschoben. In der deutschen Sozialisierungsdebatte, wie sie insbesondere nach der Weltwirtschaftskrise ab 1930 und dann ab 1945 nochmals entflammte, spielte er keine besondere Rolle mehr, beeinflusste jedoch womöglich die frühe Planwirtschaft in der Sowjetunion.

Literatur

  • Andreas Heusler, Die Behandlung der Sozialisierungsfrage in Bayern unter den Regierungen Eisner und Hoffmann 1918/19, München 1988 (M.A. masch.).
  • Johannes Merz, Zur Sozialisierungsbewegung 1918/19. Konzeption und Wirksamkeit Otto Neuraths in Österreich, Sachsen und Bayern, in: Historisches Jahrbuch 121 (2001), 267-285.
  • Klaus Novy, Strategien der Sozialisierung. Die Diskussion der Wirtschaftsreform in der Weimarer Republik, Frankfurt am Main/New York 1978.
  • Hans Schieck, Die Behandlung der Sozialisierungsfrage in den Monaten nach dem Staatsumsturz, in: Eberhard Kolb (Hg.), Vom Kaiserreich zur Republik, Köln 1972, 138-164.

Quellen

  • Lujo Brentano, Mein Leben im Kampf um die soziale Entwicklung Deutschlands, Jena 1931.
  • Otto Neurath, Bayerische Sozialisierungserfahrungen (Aus der sozialistischen Praxis 4), Wien 1920.
  • Niederschrift über die 1.-23. Sitzung der (Bayerischen) Sozialisierungskommission 22. Januar - 5. April 1919, München 1919. (Standort: Bibliothek der Industrie- und Handelskammer München und Oberbayern)

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Sozialisierungskommission, Sozialisierungsausschuss

Empfohlene Zitierweise

Johannes Merz, Sozialisierungspläne, 1918/19, publiziert am 01.12.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Sozialisierungspläne, 1918/19> (18.01.2018)