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Räterepublik Baiern (1919)

Rotgardist am Marienplatz, Gemälde von Berta Kaiser (1875-1962) von 1919. (Zur Interpretation: bavarikon) (Stadtmuseum München, GM-67/518)

von Matthias Bischel

Die "Räterepublik Baiern" markiert die letzte Phase der Revolution 1918/1919 und den Versuch, in Bayern ein neues Gemeinwesen zu etablieren: Hauptziele waren die Machtübernahme durch die Arbeiterparteien, der Anschluss an die Weltrevolution sowie die Vergesellschaftung der Wirtschaft. Im April 1919 gelang es Linkssozialisten und Kommunisten mit diesem Programm, die gewählte Staatsregierung aus München und Teilen Südbayerns zu verdrängen und sich dort für wenige Tage oder Wochen als faktische Inhaber der öffentlichen Gewalt zu behaupten. Die Räteherrschaft setzte sich also nicht landesweit, sondern nur in einigen urbanen und industriellen Zentren kurz durch. In München und Rosenheim zerfällt die Zeit außerdem in eine sozialistische und eine radikalere kommunistische Phase, die schließlich in die "Diktatur der Roten Armee" mündete. Die nach Bamberg ausgewichene Staatsregierung konnte ihre Autorität schließlich nur unter Zuhilfenahme von Reichstruppen und Freikorps im ganzen Land wiederherstellen und die Rote Armee der Räterepublik Ende April 1919 in einem kurzen Bürgerkrieg militärisch besiegen.

Die Räte unter der Regierung Eisner (7. November 1918 - 21. Februar 1919)

Die Räte als politische Institution waren keine Neuschöpfung der Räterepublik: Die Bildung sog. Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte ging direkt mit der vorangehenden Novemberrevolution einher oder erfolgte - wie im Falle der Januarstreiks 1918 - sogar noch vor dem Umsturz. Der Zusammentritt von Räten kann somit als eine Art revolutionärer Gründungsakt gelten: Gerade der Revolutionsführer Kurt Eisner (USPD, 1867-1919) sah in ihnen ein wichtiges Instrument der Erziehung zur Demokratie und veranlasste noch in der Umsturznacht (7./8.11.1918) die Konstituierung provisorischer Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte. Er vertrat damit eine nie ganz klar definierte Position zwischen Rätedemokratie und Parlamentarismus, traf mit seinen Überlegungen jedoch nicht einmal bei den Räten auf ungeteilte Zustimmung. Denn viele ihrer moderaten Mitglieder strebten weniger eine Umgestaltung der Gesellschaft an, sie wollten vielmehr ein Machtvakuum verhindern oder die Staatsverwaltung bei der Erfüllung ihrer Aufgaben unterstützen. Die Rolle der Räte bildete dann auch eine der zentralen politischen Konfliktlinien der ersten Phase der Revolution: Während ihnen Eisner und die USPD zumindest für eine Übergangszeit politischen Einfluss zugestehen wollten, sprach sich die SPD unter ihrem Vorsitzenden Erhard Auer (1874-1945) klar für die sofortige Verwirklichung der parlamentarischen Demokratie aus. Den Räten sollte demnach höchstens die Funktion von Beratungs- und Ausführungsorganen zukommen. Die Landtagswahlen am 12. Januar 1919 ergaben auch in dieser Frage ein klares Votum: Denn konnte die SPD ihren Stimmenanteil von 33 % als Erfolg verbuchen, wurde die USPD mit lediglich 2,5 % fast völlig marginalisiert. Der Bildung einer Staatsregierung unter weitgehender Ausschaltung der Räte schien nun nichts mehr im Wege zu stehen, zumal Eisner seinen Widerstand gegen die baldige Einberufung des Parlaments schließlich aufgab. Mit den Attentaten vom 21. Februar 1919, bei denen Eisner getötet, Auer schwer verletzt und der gewählte Landtag gesprengt wurde, wurde der bereits eingeschlagene Weg in Richtung parlamentarische Demokratie dann jedoch jäh unterbrochen.

Bildung der Regierung Hoffmann und Konflikt mit den Räten

Die Flugschrift "Die Vollsozialisierung Bayerns" klärte über die Sozialisierungsmaßnahmen auf, die die USPD-Minister im Kabinett Hoffmann vor der Ausrufung der Räterepublik in Angriff nehmen wollten. Abb. aus: Sammlung von Flugblättern betreffend die Münchener Räterepublik 1919. (bavarikon) (Bayerische Staatsbibliothek, 4 H.un.app. 219 t-1/145)

Völlig unerwartet ging die politische Initiative nun wieder an die Räte über, die sich nach dem Austritt der meisten gemäßigten Mitglieder inzwischen radikalisiert hatten. Diese "zweite Revolution" führte zur Bildung eines neuen Zentralrates, der mit der Ausrufung eines Generalstreiks, der Vorzensur der bürgerlichen Presse und der Festsetzung bürgerlicher Geiseln auch sogleich seine Handlungsfähigkeit beweisen wollte. Angesichts des Widerstands der Landtagsfraktionen und Parteien gelang es dem Landes-Rätekongress jedoch nicht, eine neue Staatsregierung zu bilden. Nach zähen Verhandlungen einigten sich beide Seiten daher erst am 7. März, den Rätekongress zu vertagen und dafür im Landtag ein sozialistisches Ministerium unter dem bisherigen Kultusminister Johannes Hoffmann (SPD, 1867-1930) zu wählen. Ab 17. März verfügte Bayern deshalb wieder über eine handlungsfähige und erstmals auch parlamentarisch legitimierte Regierung. Der Konflikt mit den Räten brach allerdings sofort wieder auf, als diese mit Unterstützung der beiden USPD-Minister die rasche Sozialisierung der Wirtschaft forderten. Zwar gelang es dem Kabinett, die direkte Konfrontation mit der Gründung eines Zentralwirtschaftsamtes ein letztes Mal zu vermeiden. Gerüchte um eine bevorstehende Gegenrevolution und die Ausrufung der ungarischen Räterepublik am 21. März verschärften die Lage allerdings zusätzlich.

Die Ankündigung, den Landtag für den 8. April wieder einzuberufen, führte schließlich zum definitiven Bruch: Der Zentralrat betrachtete dies als Verstoß gegen die Vereinbarung vom 7. März, während die Regierung Hoffmann die Legislative allein zur Sicherung ihrer politischen Legitimität nicht auf unbestimmte Zeit ausschalten konnte. Das Ministerium musste allerdings schnell erkennen, dass es seine Beschlüsse nicht mehr gegen den Widerstand der Räte durchsetzen konnte. Am 4. April weigerten sich alle Münchner Soldatenräte, den Schutz des Landtags zu gewährleisten, dessen Ältestenrat sich daraufhin gezwungen sah, die Sitzung unter Protest abzusagen.

Vertreter beider Seiten versuchten nun, in mehreren Konferenzen die drohende Eskalation zu verhindern, standen jedoch bereits unter dem Druck der zuerst aus Augsburg erhobenen Forderung nach der sofortigen Ausrufung einer Räterepublik. Da sich in den Verhandlungen kein tragfähiges Ergebnis abzeichnete und einige Minister München bereits verlassen hatten, fasste schließlich eine vom Zentralrat einberufene Versammlung in der Nacht vom 6./7. April den Beschluss, den Bruch zu vollziehen und die Räterepublik zu bilden. Die Anwesenden wählten im Anschluss einen neuen "revolutionären Zentralrat" sowie Volksbeauftragte und erklärten die Regierung Hoffmann für abgesetzt.

Die erste Räterepublik (7. April - 13. April 1919)

Proklamation in München und Bayern

Der revolutionäre Zentralrat inszenierte die Proklamation der Räterepublik am nächsten Tag als einen Akt der Staatsgründung. Das Gremium versandte am Morgen des 7. April 1919 Kreistelegramme an alle Staats- und Gemeindebehörden und setzte so die gesamte öffentliche Verwaltung von der Machtübernahme der Räte in Kenntnis. Die Rundnachricht enthielt außerdem die Anweisung, die Räterepublik um 12 Uhr Mittags vor Ort auszurufen und dabei eine halbe Stunde lang alle Glocken zu läuten. Als Symbol der Staatsgründung erklärte man den 7. April außerdem zum Nationalfeiertag.

In München wurde an diesem Montagmorgen die Proklamation der "Räterepublik Baiern" auf den Litfaßsäulen plakatiert. Die meisten Betriebe und Geschäfte blieben geschlossen, der Straßenbahnverkehr wurde eingestellt, während das Generalkommando zum Schutz der "Dritten Revolution" den Belagerungszustand über die Stadt verhängte - die Revolutionäre waren sich also durchaus bewusst, dass die Mehrheit der Bevölkerung einer Räterepublik ablehnend oder zumindest kritisch gegenüber stand. Die Mitglieder des neuen Zentralrates hielten dann zur Mittagszeit auf mehreren Plätzen Ansprachen und kündeten die Gründung eines "wahrhaft sozialistischen Gemeinwesens" an. Dieser hehre Anspruch ist auch eine denkbare Erklärung für die veränderte Schreibweise des Staatsnamens "Baiern" - möglicherweise sollte diese nirgends explizit begründete Entscheidung auch symbolisch den Bruch mit der Vergangenheit widerspiegeln.

In vielen größeren Städten und Gemeinden Bayerns verlief der Tag ähnlich: Nach Eintreffen der Kreistelegramme erklärten sich die lokalen Räte häufig zu neuen Inhabern der öffentlichen Gewalt und besetzten die Rathäuser und staatlichen Behörden. Bürgermeister oder Bezirksamtmänner erhielten z.T. eigens bestellte Kontrollkommissare oder wurden ganz abgesetzt. Am Mittag folgte der öffentliche Demonstrationszug durch die Gemeinde und die Proklamation der Räterepublik auf rasch geschmückten Rathausplätzen.

Der neuerliche Kurswechsel in München wurde jedoch nicht mehr landesweit akzeptiert wie noch fünf Monate zuvor beim Sturz der Monarchie. Zwar verlief die Proklamation der Räterepublik an vielen Orten völlig reibungslos, von einer flächendeckenden Umsetzung der erhaltenen Anweisungen konnte indes keine Rede sein. Stattdessen gab es in Bayern höchst unterschiedliche Reaktionen: Denn übernahmen die Räte in manchen Hochburgen nicht nur die Macht, sondern übertrafen das Münchner Vorbild noch durch drastische Maßregeln, wurden die Anweisungen in Städten ohne starke Arbeiterbewegung eher formal oder zögerlich vollzogen. Häufig blieb die Proklamation sogar ganz aus, da sich die Räte nicht durchsetzen konnten oder selbst gegen die Räterepublik stimmten. Schließlich gab es auch Orte, in denen die Verhältnisse aufgrund einer Pattsituation zwischen den politischen Gruppen zunächst unklar blieben.


Politisches System und Regierungshandeln

Scheinbar unbeirrt von solchen Irritationen wurde derweil in München die Liste der Volksbeauftragten bekannt gegeben: Möchte man nach diesen Namen urteilen, lässt sich die erste Räterepublik als Bündnis zwischen USPD-nahen Räteführern und nonkonformistischen Intellektuellen, die grundlegende Veränderungen in Staat und Gesellschaft anstrebten, charakterisieren. Gehörten zur ersten Gruppe etwa die Kommissare für Volkswohlfahrt (August Hagemeister), Inneres (Fritz Soldmann) oder Verkehr (Gustav Paulukum), galten der Schriftsteller Gustav Landauer (Volksbildung) oder der Erfinder der sog. Freigeldtheorie, Silvio Gesell (Finanzen), als typische Vertreter eines revolutionären Idealismus bürgerlicher Prägung.

"Kabinett" der Räterepublik Baiern
Ressort Volksbeauftragter Lebensdaten Besonderheiten Fotografien
Äußeres Franz Lipp, USPD 1855-1937
Finanzen Silvio Gesell 1862-1930 Silvio Gesell (1869-193), Kommissar für Finanzen. (Bayerische Staatsbibliothek, habe-001243)
Inneres Fritz Soldmann, USPD 1878-1945 Fritz Soldmann (USPD, 1878-1945), Kommissar für Inneres. Abb. aus: Reichstags-Handbuch. 1. Wahlperiode, Berlin 1920, 431. (Bayerische Staatsbibliothek, BA/Germ.g. 610 f-1920)
Militärische Angelegenheiten Wilhelm Reichart, USPD, KPD geb. 1878 ab 10. April
Verkehr Gustav Paulukum, USPD 1884-1956
Volksbildung Gustav Landauer, USPD 1870-1919 Gutsav Landauer (1870-1919), Kommissar für Volksbildung. ([Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-2605])
Volkswohlfahrt August Hagemeister, USPD 1879-1923
Justiz Konrad Kübler, BB 1884-1974 Unklar, ob Amtsantritt
Landwirtschaft Martin Steiner, BB 1864-1950 Kein Amtsantritt

Das "Kabinett" der Räterepublik blieb indes unvollständig, da sich die ebenfalls nominierten Martin Steiner (Landwirtschaft) und Johann Wutzlhofer (Staatskommissar für Ernährung) weigerten, ihre Posten zu übernehmen und es vorzogen, in der Regierung Hoffmann zu verbleiben. Auch der provisorische Vorsitzende des Zentralrats, Ernst Niekisch (SPD, 1889-1967), entschloss sich nach kurzer Bedenkzeit zum Rücktritt, da er die Proklamation der Räterepublik zwar anerkannte, diesen Schritt aber insgesamt für verfrüht hielt. Sein Nachfolger wurde der Student und Schriftsteller Ernst Toller (USPD, 1893-1939), der als Anhänger Kurt Eisners bereits 1918 die sog. Januarstreiks unterstützt hatte und seit dessen Tod für eine Räterepublik plädierte.

Die wichtigsten Personalentscheidungen schienen damit zumindest vorläufig getroffen, tatsächlich herrschte jedoch auch weiterhin größtenteils Unklarheit über die nunmehrigen Machtverhältnisse. So lehnte insbesondere die KPD jede Mitarbeit in der Räterepublik ab, da sie aus ihrer Sicht auf einem "Kuhhandel der Führer" beruhte und mit den "Literaten" in der Regierung jede Revolution zum Scheitern verurteilt sei; die Kommunisten sprachen deshalb von einer "Scheinräterepublik". Neben der fraglichen Legitimität der neuen Institutionen blieb außerdem das Verhältnis zwischen dem Zentralrat und den Volksbeauftragten ungeklärt. Beide nahmen die Stellung einer Exekutive ein; wer wann in Aktion zu treten hatte, war indes nicht geregelt. Manche Volksbeauftragte blieben zudem den Sitzungen der Rätegremien fern und erfuhren daher nur aus zweiter Hand von den dort getroffenen Entscheidungen.

Bei allem Tatendrang, den manche Mitglieder des Zentralrats und einige Volksbeauftragte entwickelten, blieben die angestoßenen Maßnahmen daher unkoordiniert und erlauben es nicht, von einer konsistenten Politik zu sprechen. Noch am konsequentesten vollzog der Zentralrat die Überwachung der Presse: Ab dem 7. April erschienen die großen Münchener Zeitungen nur noch unter Vorzensur und mussten Propagandaartikel für die neuen Machthaber abdrucken. Die Räteregierung bestellte außerdem ein Revolutionstribunal zur Aburteilung aller revolutionsfeindlichen Aktivitäten, das sich jedoch trotz seines martialischen Titels durch weitgehende Milde in der Urteilsfindung auszeichnete.

Die meisten anderen, z.T. groß angekündigten Vorhaben, kamen indes nicht über erste Absichtserklärungen hinaus: Dies galt etwa für die besonders vehement eingeforderte Sozialisierung aller Produktionsmittel und Schlüsselindustrien, da der Leiter des hierfür weiterhin zuständigen Zentralwirtschaftsamtes, Otto Neurath (1882-1945), weitgehend passiv blieb und ein klares Bekenntnis zu den Räten vermied. Auch die Aufrufe zur Bildung einer Roten Armee fanden mangels einer effizienten Organisation kaum Resonanz. Die anvisierte Bildungs- und Hochschulreform führte wiederum lediglich zum Abbruch der Vorlesungen an der Münchner Universität, da der "Revolutionäre Hochschulrat" mit dem Senat keine Einigung über notwendige Veränderungen erzielen konnte.

Ausweichen der Staatsregierung nach Bamberg

Wachparade auf dem Weg zur Neuen Residenz in Bamberg am 26. April 1919. (Staatsbibliothek Bamberg, V Bxb 50, Foto: Gerald Raab lizensiert durch CC BY-SA 4.0)

Das Prestige der Räterepublik litt deshalb schnell unter der offensichtlichen Diskrepanz zwischen weitreichenden Ankündigungen und dürftigen Maßnahmen sowie den unklaren Machtverhältnissen. Doch nicht nur das: Das Kabinett Hoffmann dachte nicht daran, seine vermeintliche Absetzung einfach so hinzunehmen, zudem regte sich an vielen Orten Widerstand gegen die Räterepublik, etwa in Form sog. Bürgerstreiks.

Auf seiner Suche nach einem provisorischen Regierungssitz gelang es Hoffmann dann auch sehr schnell, in Bamberg die Unterstützung der lokalen Garnison zu gewinnen und die anderen Regierungsmitglieder sowie die Spitzen der Landtagsfraktionen in der oberfränkischen Stadt neu zu versammeln. Lediglich die beiden USPD-Minister Josef Simon (1865-1949) und Hans Unterleitner (1890-1971) erklärten aus Loyalität zum Rätegedanken ihren Rücktritt.

Das Kabinett Hoffman versuchte zunächst, die Räteherrschaft auf friedlichem Wege oder zumindest ohne Intervention von außen zu beenden: Die Ministerien verhängten deshalb eine teilweise Verkehrs- und Wirtschaftsblockade gegen Südbayern, ließen Flugblätter über München abwerfen und riefen zur Bildung einer Volkswehr auf. Hoffmann versuchte außerdem, Gesprächsfäden mit moderaten Kräften in den Rätegremien zu knüpfen und diese mit der Aussicht auf Straffreiheit zum Einlenken zu bewegen. Dieser Druck genügte häufig schon, um die vielerorts nur oberflächlich etablierte Räteherrschaft wieder zu beenden: So empfing Hoffmann am 12. April eine Delegation aus Augsburg und sagte ihr angeblich zu, die Stadt bei etwaigen Aktionen gegen München nicht anzugreifen, wenn sie sich von der Räterepublik lossage. Daraufhin entschloss sich der örtliche Arbeiter- und Soldatenrat, eine Neutralitätserklärung abzugeben, d.h. die Räterepublik Baiern nicht mehr zu unterstützen.

Widerstand gegen die Räteherrschaft in Bayern

Plakat mit dem Ultimatum des II. Bayerischen Generalkommandos in Würzburg an die Revolutionären Arbeiterausschüsse in Aschaffenburg, Lohr und Schweinfurt vom 10. April 1919. (bavarikon) (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Plakatsammlung 1923)

In Würzburg fand die Räteherrschaft hingegen bereits am 9. April mit einem militärischen Handstreich ein Ende: Die Festnahme von Geiseln durch den revolutionären Aktionsausschuss löste hier eine gewaltsame Gegenreaktion aus, die zuletzt zum Sturm der Residenz durch Armeeeinheiten und bewaffnete Bürger führte. Die von Major Hans Ritter von Seißer (1874-1973) kommandierte Garnison stellte daraufhin ein Ultimatum zur Beendigung der Räteherrschaft im ganzen Regierungskreis, das in allen betroffenen Orten Unterfrankens und z.T. darüber hinaus befolgt wurde. In fast ganz Nordbayern war die Räterepublik also bereits am 10. April wieder Geschichte und die meisten Gemeinden übermittelten der Regierung Hoffmann "einmütige" Unterstützungserklärungen. Das gleiche galt für die Oberpfalz, wo die Räteherrschaft ohnehin nur in wenigen Städten ausgerufen worden war und nun weitgehend unblutig zu Ende ging; in Burglengenfeld (Lkr. Schwandorf) kam es allerdings zu Kämpfen mit mehreren Toten.

Und selbst in München kehrte nach knapp einer Woche Räterepublik bereits spürbare Ernüchterung ein: So konnte nicht nur das eigentlich abgesetzte Kollegium der Gemeindebevollmächtigten am 9. April völlig unbehelligt tagen und eine verklausulierte Erklärung gegen die Räte beschließen; Niekisch, Toller und Landauer stellten auch bereits erste Überlegungen an, ob es nicht sinnvoll wäre, in Verhandlungen mit der Bamberger Regierung einzutreten. In der Sitzung des Zentralrates am 12. April wurde schließlich schonungslos Bilanz gezogen: Dabei waren neben dem Eingeständnis der Niederlage in Nordbayern auch viele Klagen über die ausbleibende Umsetzung der gefassten Beschlüsse und die wirtschaftlichen Folgen der Blockade an der Donaulinie zu hören. Bei allen Durchhalteparolen konnte zudem keiner der Anwesenden einen überzeugenden Weg aus der entstandenen Krise aufzeigen.

Der sog. Palmsonntagsputsch (13. April 1919)

Menschenmenge auf dem Münchner Karlsplatz (Stachus) während des Palmsonntagsputsches am 13. April 1919. (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Bildersammlung 03834)

Führt man sich diese Konstellation vor Augen, schienen die Aussichten für einen Gegenschlag im Sinne der legitimen Staatsregierung also durchaus günstig. Mit der Republikanischen Schutztruppe war sogar noch eine Einheit in München stationiert, die in weiten Teilen insgeheim hinter dem vom Landtag gewählten Ministerium stand. In Abstimmung mit Bamberg bereitete die Schutztruppe deshalb eine Aktion zum Sturz des Räteregimes vor.

Der sog. Palmsonntagsputsch nahm mit der Verhaftung mehrerer Rätefunktionäre dann auch einen vielversprechenden Anfang, geriet jedoch rasch ins Stocken, als sich die Garnison München wider Erwarten nicht anschloss und die Anhänger der Räterepublik erfolgreich zu einer Demonstration auf der Theresienwiese aufriefen. Von dieser Resonanz überrascht, schloss sich dieses Mal sogar die KPD dem Protest an.

Es kam also zu einer Pattsituation, woraufhin alle Seiten eine klärende Versammlung der Betriebs- und Soldatenräte ins Hofbräuhaus einberiefen. Diese Entscheidung konnte die Lage indes nicht beruhigen, vielmehr brachen auf der Theresienwiese rasch Scharmützel zwischen der Schutztruppe und den Demonstranten aus. Die Straßenkämpfe führten schließlich zur Gewalteskalation: Die erzürnten Demonstranten begannen bald den Hauptbahnhof, das Hauptquartier der Schutztruppe, zu belagern, die ihrerseits sofort scharf in die Menge schloss. Hierauf folgte ein stundenlanges Gefecht um den Bahnhof, der gegen 21 Uhr mit der Flucht der Regierungstruppen endete. 21 Personen verloren hierbei ihr Leben, während 80 als Verletzte zurückblieben.

Als diese Nachricht im Hofbräuhaus eintraf, schlug auch dort die Stimmung um und Eugen Leviné (KPD) plädierte für die Wahl einer neuen Räteregierung als Antwort auf den vermeintlich reaktionären "Putsch". Angesichts der vorherrschenden Empörung stimmten die Betriebsräte diesem Vorschlag tatsächlich zu und wählten einen mit KPD- und USPD-Mitgliedern besetzten Aktionsausschuss, dem allerdings ein fünfköpfiger Vollzugsrat übergeordnet wurde, in dem die KPD-Funktionäre Eugen Leviné, Max Levien und Willi Budich die Mehrheit hatten.

Die kommunistische Räterepublik (13. April - 27. April 1919)

Politische Ausgangssituation und Sofortmaßnahmen

Anstatt des Sturzes der Räteherrschaft bewirkte die aus Bamberg befürwortete Militäraktion also eine weitere Radikalisierung des Räteregimes in München, in dem nun die am Moskauer Vorbild orientierten Kommunisten den Ton angaben. Die zweite Räterepublik verdankte ihre Entstehung zudem einem bürgerkriegsartigen Gewaltakt und hatte allein aus diesem Grund einen ganz anderen Charakter als ihre mit Glockengeläut begrüßte Vorgängerin.

Der neue Vollzugsrat zögerte dann auch nicht, die vermeintlichen Halbherzigkeiten der abgelösten "Scheinräterepublik" durch energische Maßnahmen zu ersetzen: Ein sofort ausgerufener Generalstreik sollte zu diesem Zweck zunächst das öffentliche Leben lahmlegen und so den Weg für eine "Diktatur des Proletariats" bereiten. Die neuen Machthaber ordneten deshalb die vollständige Entwaffnung des Bürgertums und die Aufstellung einer Roten Armee an, die unter dem Kommando des Matrosen Rudolf Egelhofer (1896-1919) stand. Der Vollzugsrat genehmigte außerdem die Beschlagnahmung angeblich gehorteter Lebensmittel in Hotels und "Häusern der Besitzenden", während Ladeninhaber, die ihr Geschäft angesichts der Unruhen "böswillig" geschlossen hielten, mit Enteignung und Aburteilung durch das Revolutionstribunal rechnen mussten.

Der Herrschaftsbereich der zweiten Räterepublik, in dem diese Anordnungen in Kraft traten, war im Vergleich zum 7. April allerdings bereits deutlich geschrumpft: Denn hatte die Rätebewegung zu diesem Zeitpunkt bereits jeden Rückhalt in Nordbayern verloren, brach nach den Vereinbarungen mit der Bamberger Regierung auch die Arbeiterhochburg Augsburg als Basis weg, während die Räte an isolierten Orten wie etwa Passau (Rücktritt des Vollzugsrates am 15. April) zunehmend von selbst aufgaben.

Neben dem Großraum München kam es daher im Wesentlichen nur noch in der Region Rosenheim zur kommunistischen Räterepublik: Dort hatten sich die Rätemachthaber nach einem "Bürgerputsch" am Palmsonntag ebenfalls erst nach Kolbermoor (Lkr. Rosenheim) zurückziehen müssen, konnten die Stadt jedoch am 15. April mit Hilfe aus München zurückgewinnen. Der Gefreite Guido Kopp (KPD, (1896-1971)) übernahm in Rosenheim nun alleine die politische Führung und ordnete die Festsetzung von bürgerlichen Geiseln sowie die Leistung sog. Kontributionszahlungen an.


Kompetenzverteilung und schwelende Konflikte im Innern

Bei allen Beschwörungen der proletarischen Gemeinschaft mit den Völkern Russlands und Ungarns war deshalb von vorneherein kaum damit zu rechnen, dass sich die territorial isolierte "Räterepublik Baiern" auf Dauer behaupten könnte. Das Räteregime wurde zudem von Anfang an durch interne Querelen geschwächt: Zwar konnten die neuen Machthaber auf ihre Legitimation durch die Versammlung der Betriebs- und Soldatenräte verweisen, die revolutionären Bauernräte unter Karl Gandorfer (BB, 1875-1932) waren jedoch nicht mehr bereit, die Räteherrschaft unter kommunistischer Führung weiter zu unterstützen. Kommunismus klang auch für revolutionär gesinnte Bauern zu sehr nach Zwangskollektivierung des Landbesitzes oder Vorherrschaft der städtischen Arbeiterschaft. In den Versammlungen der Betriebsräte, die regelmäßig im Hofbräuhaus stattfanden, fiel außerdem auf, dass sich die Vertreter der Soldaten zunehmend rar machten und stattdessen in eigenen Konferenzen über die Lage berieten: Tatsächlich standen die Einheiten der Münchner Garnison in Wahrheit keineswegs so einmütig hinter der "Vierten Revolution" wie es die offizielle Propaganda immer wieder behauptete. Und schließlich schwelte auch der Konflikt zwischen USPD und KPD weiter, der sich etwa an der Frage entzündete, ob man den proklamierten Generalstreik wirklich konsequent durchführen sollte. Die Symbolfiguren der beiden Richtungen, Toller und Leviné, gingen sich dann auch meist aus dem Weg: Während Leviné als Wortführer im Zentralrat in Erscheinung trat, übernahm der militärstrategische Laie Toller das Abschnittskommando der Roten Armee im Münchner Westen.

Mitglieder des Vollzugsrates
Vollzugsrat-Mitglied Lebensdaten Besonderheiten Fotografien
Willi Budich, KPD 1890-1938 Willi Budich (KPD. 1890-1938), Mitglied des Vollzugsrates der kommunistischen Räterepublik 1919. Abb. aus: Reichstags-Handbuch. VII. Wahlperiode, Berlin 1933, 519. (Bayerische Staatsbibliothek, BA/Germ.g. 390 c-1932,2)
Wilhelm Karl Duske, SPD 1883-1944 Wilhelm Karl Duske (SPD, 1883-1944) war Mitglied des Vollzugsrates der kommunistischen Räterepublik 1919. (Staatsarchiv München, Staatsanwaltschaft München 3122)
Max Levien, KPD 1885-1937 Max Levin (KPD, 1885-1937), Mitglied des Vollzugsrates der kommunistischen Räterepublik 1919. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv  hoff-2646)
Eugen Leviné, KPD 1883-1919 Vorsitzender Eugen Leviné (1883-1919) half den Putschversuch zu vereiteln. Er wurde Vorsitzender des Vollzugsrat der Kommunistischen Räterepublik in München. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-2647)
Emil Maenner, USPD 1893-1990 Emil Maenner (USPD, 1893--1990), Mitglied des Vollzugsrates der kommunistischen Räterepublik 1919. Abb. aus: Heinrich Hoffmann, Ein Jahr bayrische Revolution im Bilde, 1919, 12. (bavarikon) (Bayerische Staatsbibliothek, BA/4 81.10329)

Unter diesen Umständen verwundert es kaum, dass auch die zweite Räterepublik erhebliche Schwierigkeiten hatte, einen funktionierenden Behördenapparat aufzubauen. So wurden nach ihrer Proklamation nur zwei neue Volksbeauftragte ernannt: Der Bankangestellte Emil Maenner leitete ab 15. April das "Volkshaus für Finanzen", während das KPD-Mitglied Dr. Rudolf Schollenbruch ab 26. April als Volksbeauftragter für das Gesundheitswesen amtierte. Verschiedene andere Ressorts - so etwa Militär, Propaganda oder Verkehr - wurden hingehen von sog. Fachausschüssen geführt, wobei oft nicht ersichtlich war, wie getroffene Entscheidungen zustande kamen. Daneben gab es wiederum einige vom Aktionsausschuss gesondert beauftragte Gremien, wie z.B. die Kommission zur Bekämpfung der Gegenrevolution, sowie eigenständig gebildete Räte (Revolutionärer Hochschulrat, Revolutionärer Bankrat etc.), die weitgehend nach eigenem Ermessen vorgingen. Es kam daher nicht selten vor, dass die Bekanntmachung einer Stelle nur wenige Tage später wieder von einer anderen Instanz revidiert wurde.

Entscheidung der Staatsregierung für die militärische Option

Flugblatt der Regierung Hoffmann zur Bildung von Freikorps vom 16. April 1919. Abb. aus: Sammlung von Flugblättern betreffend die Münchener Räterepublik 1919. (bavarikon) (Bayerische Staatsbibliothek, 4 H.un.app. 219 t-1/145)

Die bayerischen Regierungstruppen zeigten sich jedoch auch gegen einen solchen Gegner nicht im Stande, eine militärische Entscheidung herbeizuführen: Zwar besetzten von der Donau vorrückende Einheiten am 15. April das 20 km nordwestlich von München gelegene Dachau, schon der Versuch, weiter nach Süden vorzurücken, scheiterte jedoch am Widerstand der Roten Armee. Die Regierungstruppen verständigten sich daraufhin mit Ernst Toller vorerst auf einen Waffenstillstand, der jedoch nur wenige Stunden hielt. Dann eröffneten Teile der Roten Armee plötzlich ohne Absprache das Feuer und schlugen die davon überraschten Regierungssoldaten, die sich nach Pfaffenhofen an der Ilm zurückzogen, fast kampflos in die Flucht. Die Streitkräfte der Räterepublik zogen daraufhin in die Stadt ein, während der Münchner Zentralrat den Sieg bei der "Schlacht von Dachau" verkündete.

Das Eintreffen dieser Nachrichten in Bamberg markierte schließlich einen Wendepunkt in der Politik der geflüchteten Staatsregierung: Denn hatten der Ministerratsvorsitzende Hoffmann und Militärminister Ernst Schneppenhorst (SPD, 1881-1945) bisher versucht, ein Eingreifen der Reichswehr zu verhindern und auf eine Niederschlagung des Aufstands durch bayerische Kräfte gehofft, mussten sie nun anerkennen, dass dieser Versuch gescheitert war. Unter dem Druck der bürgerlichen Parteien und der Reichsregierung willigte das Kabinett deshalb am 16. April ein, dem Reichswehrminister und Württemberg eine offizielle Bitte um militärische Hilfe zu übermitteln, die auch sofort zugesagt wurde. Das Ministerium rief außerdem zur Werbung für Freikorps auf und stimmte sogar dem Einsatz des "Bayerischen Schützenkorps" zu: Dieser durch Oberst Franz Ritter von Epp (1868-1947) geführte Verband stand im Verdacht, reaktionäre Ziele zu verfolgen, weshalb die Staatsregierung bislang jede Rekrutierung untersagt hatte. Reichswehrminister Gustav Noske (SPD, 1868-1946) forderte zudem die Marinebrigade Ehrhardt, die sich Mitte April an der Niederschlagung eines Räteaufstands in Braunschweig beteiligte, für den Einsatz gegen München an.

Die Entscheidung für die militärische Option war also unwiderruflich gefallen, zumal der Reichswehrminister bereits am 21. April den preußischen General Ernst von Oven (1859-1945) mit der militärischen Führung betraute und ihm den bayerischen Generalmajor Arnold von Möhl (1867-1944) als "bayerischer Oberbefehlshaber" unterstellte. Eine Eskalation des Bürgerkriegs schien damit unvermeidlich: Denn während die Regierung Hoffmann und das Generalkommando Oven verkündeten, nur eine bedingungslose Kapitulation der Räterepublik zu akzeptieren, war den Machthabern in München bewusst, dass sie im Falle einer Niederlage als Hochverräter behandelt würden.

Eskalation der inneren Konflikte und Sturz der kommunistischen Räteregierung

Truppenschau der Roten Armee am 22. April 1919 auf der Ludwigstraße in München (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-5150)
Im Flugblatt "An die Bevölkerung Münchens!" wird die Öffentlichkeit am 27. April 1919 über den Rücktritt des Vollzugsausschusses informiert. Abb. aus: Sammlung von Flugblättern betreffend die Münchener Räterepublik 1919. (bavarikon) (Bayerische Staatsbibliothek, 4 H.un.app. 219 t-1/145)

Die Führung der Roten Armee hielt angesichts dieser Entwicklung den Zeitpunkt für gekommen, mit einer großen Truppenparade die eigene Macht zu demonstrieren und jeden Gedanken an Aufgabe im Keim zu ersticken. Am Osterdienstag (22. April) zogen deshalb mehrere tausend Bewaffnete - u.a. Soldaten der ehem. königlichen Armee, Betriebswehren und Parteisektionen von KPD und USPD - durch die Straßen Münchens vom Siegestor zur Theresienwiese und fanden sich zu einer Massenkundgebung vor dem Wittelsbacher Palais ein. Auch diese lautstarke Inszenierung der Stärke konnte jedoch nur oberflächlich kaschieren, dass sich die innere Krise der Räterepublik immer weiter zuspitzte: Die inzwischen verschärfte Blockade über Südbayern machte sich zunehmend bemerkbar, während der zehntätige Demonstrationsstreik die Wirtschaft weiter zum Erliegen brachte. Auch die Reichsbank hatte am 10. April vorläufig jeden Geschäftsverkehr mit München eingestellt, weshalb die Zahlungsmittel langsam knapp wurden: Finanzkommissar Maenner sah schließlich keinen anderen Ausweg mehr, als das Deponieren von Bargeld in Bankschließfächern zu verbieten und neue Geldscheine zu drucken, die die Regierung Hoffmann jedoch postwendend für ungültig erklärte.

Rückblickend betrachtet, war es deshalb nur eine Frage der Zeit, bis die latenten Konflikte innerhalb der Rätegremien offen ausbrachen: Die skizzierten Engpässe und der immer deutlichere Aufmarsch der Regierungstruppen machten letztlich die Entscheidung unausweichlich, ob man noch radikalere Schritte einleiten oder nicht doch die Aufnahme von Verhandlungen mit Bamberg anbieten sollte. Toller eilte schließlich am 26. April von Dachau nach München zurück und stellte bei den Betriebsräten den Antrag, dem Vollzugsrat, d.h. Leviné und Levien, das Misstrauen auszusprechen. In einem Schreiben erklärte er zusätzlich seinen Rücktritt als Abschnittskommandeur. Diesem Schritt schloss sich Maenner an, der sich weigerte, die von ihm geforderte Beschlagnahmung aller Banksafes anzuordnen. Leviné stellte die Versammlung der Betriebs- und Soldatenräte schließlich selbst vor die Wahl, welcher Richtung sie weiter folgen wollte und verlangte eine offene Abstimmung über diese Frage. Einen Tag später fiel das Votum deutlich für das Programm Maenners aus, woraufhin der Vollzugsrat sofort zurücktrat. Die kommunistische Räteherrschaft endete also bereits am 27. April 1919 und nicht erst mit dem Einmarsch der Regierungstruppen in München.

Belagerung Münchens und "Roter Terror" (28. April - 1. Mai 1919)

Die Karte zeigt die Truppenbewegungen auf München und Verteidigungsstellungen der Roten Armee, Ende April 1919 (nachträglich coloriert). Abb. aus: Das Bayerland 44 (1933), 597. (Bayerische Staatsbibliothek, 4 Bavar. 198 t-44)

Die Räterepublik als solche war somit vorübergehend führungslos, zudem bestanden keine realistischen Aussichten mehr, mit der Bamberger Regierung eine friedliche Lösung zu erreichen: So war die Heeresgruppe West unter General Otto Haas (1864-1930) und Major Seißer schon am 20. April in Augsburg einmarschiert und richtete sich nun gegen München. Das Ministerium Hoffmann hatte am 25. April zudem das Standrecht über ganz Bayern verhängt. Der Belagerungsring um München wurde am 29. April geschlossen, d.h. aus allen Himmelrichtungen rückte Militär auf die Landeshauptstadt vor. Die Betriebs- und Soldatenräte entschieden sich wohl nicht zuletzt aus diesem Grund, den neuen Aktionsausschuss mit kaum bekannten, d.h. weniger kompromittierten Mitgliedern zu besetzen, die die Staatsregierung am 30. April auch telegraphisch um die Aufnahme von Verhandlungen ersuchten.

Die neue Räteregierung scheiterte jedoch nicht nur mit diesem Vorstoß, sie hatte auch nach innen kaum noch Autorität. Vor allem die Rote Armee verweigerte ihr de facto die Anerkennung und ging angesichts der Einkesselung der Stadt vielmehr zu rohen Gewaltmaßnahmen über, um die "Weißen Garden" vom Einmarsch abzuhalten. Dabei wurden u.a. Gefangene, die wegen Propaganda im Auftrag der völkischen Thule-Gesellschaft verhaftet worden waren, am 28. April ins Luitpoldgymnasium verbracht und zwei Tage später Ermittlungsakten der Polizeidirektion in Brand gesetzt. Die Lage eskalierte schließlich endgültig, als Meldungen von Gewalttaten der vorrückenden Regierungstruppen eintrafen und Rudolf Egelhofer sowie Fritz Seidel, der Befehlshabende im Luitpoldgymnasium, beschlossen, als Vergeltung zehn Gefangene zu töten. Tatsächlich ließ Seidel diese Bluttat am Nachmittag des 30. April ausführen.

Militärischer Sieg über die Räterepublik und "Weißer Terror"

Das meist als Geiselmord bezeichnete Verbrechen gilt seitdem als Inbegriff des "Roten Terrors". Es führte am 1. Mai 1919 zu zwei unterschiedlichen Reaktionen: Während sich die schockierte Versammlung der Betriebs- und Soldatenräte in ihrer letzten Sitzung zu einer Schweigeminute erhob, ließen manche Einheiten der Belagerer alle Bedenken fallen und rückten in Missachtung der ausgegebenen Direktive, die einen konzentrierten Einmarsch für den 2. Mai vorsah, auf eigene Faust in die Stadt vor. Diese unkoordinierten Vorstöße verwandelten München nun erst recht in ein Schlachtfeld: Die isolierten Verbände gerieten nämlich sogleich in brutale Straßenschlachten mit der eigentlich hoffnungslos unterlegenen Roten Armee, die sich angesichts des noch überschaubaren Gegners erst recht ermutigt sah, energischen Widerstand zu leisten. Die Kämpfe im Stadtkern tobten also bereits mit aller Intensität, als schließlich der Großteil der Truppen am 2. Mai den Einmarsch begann und vor allem in die Vorstädte und Industriegebiete einrückte. Mehrere Freikorps drangen dann auch in die Arbeiterviertel Sendling und Giesing vor und brachen dort brutal jeden Widerstand. Insgesamt kosteten die militärische Rückeroberung Münchens und die dabei begangenen Verbrechen - nach unterschiedlichen Angaben - zwischen 557 und ca. 1.200 Menschen das Leben.

In Südostbayern nahm die kommunistische Räteherrschaft ein ähnliches Ende: Nach einer Niederlage gegen Freikorpseinheiten bei Rott am Inn (Lkr. Rosenheim) hatte die von Guido Kopp angeführte Rote Armee zuerst Vorbereitungen zur Verteidigung Rosenheims getroffen, sich dann aber am 1. Mai nach Kolbermoor zurückgezogen. Dieses Mal stand freilich keine Unterstützung aus München zur Verfügung, weshalb auch diese Bastion der Industriearbeiterschaft am 4. Mai kapitulieren musste. Dabei erschossen die Freikorps u.a. den von der KPD eingesetzten Bürgermeister von Kolbermoor.


Nachspiel und umstrittene Erinnerung

Auf der Giesinger Geschichtssäule, die 1991 vom Künstler Konstantin Frick (1907-2001) geschaffen und auf dem Tegernseer Platz in München aufgestellt wurde, wird mit einer Inschrift an die Opfer in Ober- und Untergiesing gedacht, die beim Einmarsch der Regierungstruppen erschossen wurden. (Foto von User:Mattes lizensiert durch CC BY 3.0 DE via Wikimedia ommons)

Vom "roten" und "weißen" Terror gezeichnet, blieb das politische Klima danach vor allem in Südbayern nachhaltig vergiftet. Hierzu trug auch das gerichtliche Nachspiel der Räteherrschaft bei: Denn die von der Regierung eingesetzten Stand- und Volksgerichte verhängten gegen zahlreiche Beteiligte der Räterepublik z.T. hohe Haftstrafen wegen vollendetem Hochverrat bzw. verschiedener Gewaltdelikte, wobei in den Prozessen oft grausame Details zur Sprache kamen. Mit Todesurteilen endeten die Verfahren gegen Eugen Leviné (Hinrichtung am 5. Juni 1919) und der viel beachtete Geiselmordprozess gegen 16 Beschuldigte, bei dem sechs Angeklagte die damals vorgesehene Höchststrafe erhielten, die in allen Fällen auch vollstreckt wurde. Im Gegensatz dazu gingen die Strafverfolgungsbehörden den Verbrechen der "Befreier Münchens" nur sehr zögerlich nach und verhängten in den tatsächlich durchgeführten Verfahren auch meist bemerkenswert milde Urteile.

Dabei ist es bezeichnend, dass die Gerichte mit dieser Spruchpraxis auf weitgehende Zustimmung in bürgerlichen Kreisen stießen: Denn aus Sicht vieler Bayern galt die Räteherrschaft fortan als Paradebeispiel für die ständige Bedrohung durch den russischen Bolschewismus und als beste Legitimation für die Notwendigkeit drastischer Maßnahmen zur Wiederherstellung von "Ruhe und Ordnung"; immerhin hatte Lenin (1870-1924), der Vorsitzende der KPdSU, der Räterepublik Baiern noch am 1. Mai Grüße übermittelt. In der kollektiven Erinnerung wurde die Rätediktatur des April 1919 dann auch immer wieder mit der Revolution als Ganzes gleichgesetzt, wobei auch der am 21. Februar 1919 ermordete Kurt Eisner völlig zu Unrecht als Schuldiger ausgemacht wurde. Gerade antisemitische Kreise versuchten so die Verschwörungstheorie des jüdischen Bolschewismus in ihrer Propaganda zu untermauern: Immerhin waren Eisner, Toller und Leviné geborene Juden und eigneten sich deshalb vorzüglich zur Konstruktion einer entsprechenden Kontinuitätslinie.

Auch die Erinnerung an den "roten" und den "weißen" Terror stand damit einem demokratischen Grundkonsens in der Weimarer Republik massiv im Wege, da die moderate Linke solch pauschale Diffamierungen natürlich nicht hinnehmen konnte und mit dem Vorwurf des Arbeitermordes konterte. Die Kommunistische Partei ging wiederum noch einen Schritt weiter und glorifizierte die Protagonisten der Räterepublik als Helden und Märtyrer im Kampf um die Weltrevolution.

Die Räterepublik in der Forschung

Die Kontroversen um eine angemessene Bewertung der Räterepubliken schlugen sich dann auch auf den Gang der Forschung nieder: So vertrat die Geschichtsschreibung bis in die sechziger Jahre in aller Regel eine sehr kritische Sichtweise und stellte die Räteherrschaft oft in ihrer Gänze als Terrorregime dar oder wertete sie als Versuch, den Bolschewismus nach russischem Muster einzuführen. Die Zeitumstände, etwa der vehemente Antikommunismus im Kalten Krieg, begünstigten solche Deutungen.

Im Kontext der sog. 68er-Bewegung und der damit einhergehenden intellektuellen Neuorientierung kam es dann innerhalb kurzer Zeit zu z.T. fundamentalen Neubewertungen: Vor allem junge Historiker betrachteten Räte und Räterepubliken jetzt als Vorreiter einer politisch-sozialen Erneuerung sowie als Alternative zum vermeintlich bürgerlich-reaktionären Weimarer Staat bzw. zur sog. Ordnungszelle Bayern. In den sechziger und siebziger Jahren kam es daher zu einer starken Zunahme der Studien zum Thema Räterepublik, die allerdings teilweise - zumindest aus heutiger Sicht - politisch einseitige Perspektiven einnahmen. Dies stieß auch zeitgenössisch z.T. auf scharfe Kritik, weshalb sich etablierte und neue Interpretationen oft unversöhnlich gegenüber standen.

In den letzten Jahrzehnten ist in der Debatte eine gewisse Entspannung eingetreten: Zwar ist die Bewertung der Räte(republik) weiter umstritten, allerdings ist die fachliche Auseinandersetzung inzwischen weniger stark von ideologischen Vorannahmen geprägt.

Chronologie der Räteherrschaft in den 20 größten Städten des rechtsrheinischen Bayern (nach München)

Vorbemerkung: In der bayerischen Rheinpfalz hatte die französische Besatzungsmacht alle Räte bereits im Dezember 1918 aufgelöst. Die Proklamation einer Räterepublik war dort deshalb überhaupt nicht möglich.

Stadt Kreis Dauer Proklamation und weitere Ereignisse Ende der Räteherrschaft
Nürnberg Mittelfranken keine keine Proklamation Ablehnung der Räterepublik durch die am 6. April in Nürnberg tagende SPD-Landeskonferenz sowie durch den Arbeiter- und Soldatenrat (7. April)
Augsburg Schwaben 7. - 12. April Kundgebung für die Proklamation einer Räterepublik bereits am 3. April

Nachvollzug der Proklamation in München durch USPD und SPD

Absetzung des Bürgermeisters und der städtischen Kollegien; Bildung eines Bankrates,  Telefon- und Telegrammsperre

Neutralitätserklärung am 12. April nach Zusagen der Regierung Hoffmann und Ablehnung der Räteherrschaft durch die Beamten; Zustimmung des Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrates zum Übereinkommen mit der Regierung Hoffmann (13. April)

Vormarsch der Heeresgruppe West auf die Stadt: Keine Einigung auf Übergabe zwischen SPD und KPD; Entscheidung für Ablehnung von Verhandlungen und raschen Einmarsch bei den Regierungstruppen (Vorrücken gegen München); Ostersonntag 20. April: Militärische Besetzung der Stadt, dabei Kämpfe in den Arbeitervierteln und 40 Todesopfer

Würzburg Unterfranken 7. - 9. April Nachvollzug der Proklamation in München

Besetzung öffentlicher Gebäude; Pressezensur; Verhängung des Belagerungszustandes; Verhaftung von Offizieren und Geiselnahme bürgerlicher Eliten

Generalstreik; Militärische Niederschlagung der Räterepublik durch regierungstreue Teile der Garnison, dabei Belagerung der Residenz; Kämpfe mit 29 Todesopfern
Fürth Mittelfranken 7. - 11. April Nachvollzug der Proklamation in München

Besetzung von Banken und öffentlichen Gebäuden; Rücktrittserklärung des Bürgermeisters; Einsetzung von Stadtkommissaren durch den Vollzugsauschuß des Arbeiter- und Soldatenrates

Arbeitsniederlegung der Gemeindebevollmächtigten und von Teilen der Verwaltung

Isolation der Stadt Fürth (keine Räteherrschaft in Nürnberg und Erlangen, Druck der Bauernschaft)

Arbeiter- und Soldatenrat erklärt auf Druck der Mehrheitssozialisten das Ende der Räterepublik

Regensburg Oberpfalz 7. - 10. April Nachvollzug der Proklamation in München

Besetzung der Telegraphenstation; Vorzensur der Presse; Räte erlangen keine Kontrolle über Verwaltung und Bankwesen

Nach Klärung der Situation in Nordbayern und der Haltung des Generalkommandos des III. Armeekommandos: Garnisonsrat und Arbeiterrat votieren für Ende der Räterepublik
Bamberg Oberfranken keine keine Proklamation Ab 8. April Sitz der parlamentarischen Regierung Johannes Hoffmann
Hof Oberfranken 7. - 10. April Nachvollzug der Proklamation in München

Erlass restriktiver Bestimmungen für den Bankverkehr; Aufforderung der Beamten zur Abgabe einer bindenden Loyalitätserklärung zur Räterepublik

Protestversammlung der Beamten und Lehrer am 10. April

Ablehnung der Räterepublik durch die Bauernräte; Aufhebung der Räterepublik durch den Arbeiterrat

Bayreuth Oberfranken keine keine Proklamation Ablehnung der Proklamation der Räterepublik infolge der proparlamentarischen Haltung Nürnbergs
Aschaffenburg Unterfranken 8. - 10. April Proklamation mit Unterstützung von Soldatenräten aus München

Bildung eines Revolutionären Aktionsausschusses; Presse- und Plakatzensur

Reaktion auf das Ultimatum des Generalkommandos des II. Armeekorps in Würzburg: Kampflose Aufgabe der Räterepublik durch den Aktionsausschuss; bereits zuvor massiver Widerstand gegen die Räterepublik durch das Bürgertum und das lokale Militär
Amberg Oberpfalz 7. - 11. April Nachvollzug der Proklamation in München

Eigenmächtiges Vorgehen radikaler Arbeiterräte: Besetzung von Banken und öffentlichen Gebäuden, besonders des Rathauses; Pressezensur

Drohung eines Lieferstreiks durch die Bauernräte

Ende der Räterepublik nach Protesten der Bevölkerung sowie Parteinahme der Garnisonen Amberg und Grafenwöhr zugunsten der Regierung Hoffmann

Landshut Niederbayern 7. - 14. April Nachvollzug der Proklamation in München

Besetzung öffentlicher Gebäude, Versuch der Koordination der Räterepublik in Niederbayern; Verhängung des Belagerungszustandes und einer Nachrichtensperre; Pressezensur

Anerkennung der Regierung Hoffmann durch den Vollzugsauschuss Landshut am 14. April.

Danach Neutralitätserklärung von Stadt und Garnison; wiederholte Vorstöße von Rätetruppen auf die Stadt, nach Verhandlungen jedoch kein Einmarsch

Erlangen Mittelfranken keine keine Proklamation Ablehnung der Räterepublik durch Bürgertum und Mehrheitssozialdemokraten; Aufstellung einer Arbeiterwehr zum Schutz der "Errungenschaften der Revolution" gegen die Räterepublik.

Universität Erlangen wichtige Rekrutierungsbasis des Freikorps Epp

Forderung der Loslösung Frankens vom räterepublikanischen Südbayern in Teilen des Bürgertums

Ingolstadt Oberbayern keine Versuch der Proklamation durch den Arbeiter- und Soldatenrat

Schießerei bei Versuch der Besetzung öffentlicher Gebäude durch die Räte (3 Tote); 9. April: Verhängung des Kriegszustandes durch Festungskommandantur, Magistrat und Gemeindebevollmächtigte erkennen Regierung Hoffmann an

Schweinfurt Unterfranken 7. - 11. April Nachvollzug der Proklamation in München

Eintägiger Generalstreik

Arbeiter- und Soldatenrat weitgehend passiv, jedoch von ihm unabhängige Aktionen der lokalen Spartakusgruppe in der näheren Umgebung

Reaktion auf das Ultimatum des Generalkommandos des II. Armeekorps in Würzburg: Anerkennung der Regierung Hoffmann durch den Arbeiter- und Soldatenrat und Rücktritt desselben am 11. April.

29. April: Besetzung der Stadt durch Freikorps nach Behinderung der Freiwilligenwerbung vor Ort

Unterdrückung der Unruhen, mehrere Todesopfer

Straubing Niederbayern 7. - 10. April Nachvollzug der Proklamation in München durch den Arbeiterrat der Stadt

Besetzung der lokalen Presseredaktion; Entsendung einer Delegation nach München

Bekenntnis des Arbeiterrats und des Garnisonsrates zur Regierung Hoffmann am 10. April.

Straubing wird Ausgangspunkt für vereinzelte militärische Aktionen gegen Anhänger der Räterepublik im Umland (z.B. Dingolfing, Plattling, Landshut) sowie Aufmarschgebiet für das Vorgehen gegen Südbayern.

Kempten Schwaben 7. - 14. April Nachvollzug der Proklamation in München

Verhängung des Belagerungszustandes; Aufstellung einer revolutionären Schutzgarde; Pressezensur; Gemeindekollegium und Magistrat wird Betätigung verboten, Verhaftung des Bürgermeisters

Reaktion auf Fortbestehen der Regierung Hoffmann und Nachrichten vom Palmsonntagsputsch: Bürgerausschuss und Bauernschaft drohen mit gewaltsamem Sturz der Räte; nach Verhandlungen formelle Beendigung der Räterepublik am 14. April.

Danach weiterhin Spannungen zwischen Anhängern der Räterepublik und der Regierung Hoffmann; Besetzung Kemptens durch Freikorps am 12./13. Mai

Passau Niederbayern 7. - 15. April Nachvollzug der Proklamation in München

Zensur der bürgerlichen Presse; Pläne zur Aufstellung einer Roten Garde; Drohungen gegen konterrevolutionäre Agitationen, Versammlungsverbote

Die städtischen Kollegien verbleiben im Amt, der Passauer Vollzugsrat kann sich nicht gegen diesen durchsetzen und bleibt bedeutungslos. Nach teilweise Abschneidung Passaus durch die regierungstreuen Gemeinden des Umlands und der Androhung eines Generalstreiks Beendigung der Räterepublik durch den Vollzugsrat.
Ansbach Mittelfranken 7. April Proklamation der Räterepublik unter Berufung auf München und Würzburg

Besetzung der Banken, Streik am 7. April; keine Absetzung des Magistrats

Die Ansbacher Garnison stellt sich am 11. April auf Seiten der Regierung Hoffmann
Rosenheim Oberbayern 5. - 13. April

und erneut

15. April - 1. Mai

Erste Räterepublik in Verbindung mit Münchener Proklamation: Beteiligung der KPD, Verhaftung von Geiseln, Absetzung des Bürgermeisters, Verhängung des Belagerungszustandes und des Standrechtes, Beschlagnahmungen

Zweite Räterepublik nach Rückeroberung Rosenheims durch Rotarmisten aus München und Kolbermoor: Alleinherrschaft der Kommunisten, Einrichtung eines sog. Revolutionstribunals gegen "Gegenrevolutionäre", Geiselnahmen

Reaktion auf Nachrichten vom sog. Palmsonntagsputsch: Belagerung der Zentrale des Soldatenrates durch Bauern und Bürger, Verhaftung der Räteführung, Machtübernahme durch Bürgerausschuss

Vormarsch der Regierungstruppen aus dem östlichen Niederbayern; Gefecht bei Rott am Inn; Räumung der Stadt durch die Rote Armee am 1. Mai; Fortdauer der Kämpfe bis zur Kapitulation in Kolbermoor am 3. Mai, dabei über 20 Todesopfer

Freising Oberbayern 7. - ca. 26. April Nachvollzug der Proklamation in München

Bildung eines "Provisorischen Arbeiterrats". Vorzensur der Presse. Ernennung eines militärischen Stadtkommandanten, eines Zivilkommissars für die Stadt Freising sowie eines Verwalters für Weihenstephan; mit Ausnahme des Stadtkommandanten zeigen diese keine wesentlichen Aktivitäten, die städtischen Kollegien bleiben im Amt

Die Freisinger Garnison spricht sich zunächst für die Räterepublik aus, später versucht Freising eine neutrale Haltung zwischen der Räterepublik in München und der Regierung Hoffmann in Bamberg einzunehmen.

Zusammenstöße mit vorrückenden Regierungstruppen am 15. April.

Einmarsch von Regierungstruppen am 26. April nach Verhandlungen, vereinzelte Kampfhandlungen im Umland.

Film

Literatur

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  • Erich Wollenberg, Als Rotarmist vor München. Reportage aus der Münchener Räterepublik, Berlin 1929.

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I. Räterepublik, II. Räterepublik, Räterepublik Baiern, kommunistische Räterepublik, 3. Revolution, 4. Revolution, Münchner Räterepublik, Räterepublik

Empfohlene Zitierweise

Matthias Bischel, Räterepublik Baiern (1919), publiziert am 22.03.2019, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Räterepublik_Baiern_(1919) (24.04.2019)