Toller, Ernst: Masse Mensch, 1919/20

Titelblatt der 2. Auflage, Verlag Gustav Kiepenheuer, Potsdam 1922.
Ernst Toller während der Festungshaft in Niederschönenfeld, 27. August 1920. (Bayerische Staatsbibliothek)

von Elisabeth Tworek

Drama von Ernst Toller (1893-1939), entstanden während der provisorischen Festungshaft in Eichstätt im Oktober 1919. Das Stück basiert auf den Ereignissen der Räteherrschaft in München. Es wurde am 17. November 1920 im Nürnberger Stadttheater uraufgeführt.

Hintergrund: die Festungshaft Ernst Tollers

Ernst Toller (1893-1939), in den 1920er Jahren der international bekannteste deutsche Dramatiker, verbüßte als einer der führenden Teilnehmer an der bayerischen Räterepublik 1919 in Niederschönenfeld eine fünfjährige Festungshaft. Dort wurde er zum Dramatiker. Seine revolutionsdeutenden Dramen von der "Wandlung" (1919) bis zum "Hinkemann" (1923) sind in bayerischen Haftanstalten entstanden.

In der provisorischen Festungshaftanstalt Eichstätt, wo Toller zunächst inhaftiert war, schrieb er im Oktober 1919 "Masse Mensch", "Ein Stück aus der sozialen Revolution des 20. Jahrhunderts". Das "den Proletariern" gewidmete Drama wurde am 17. November 1920 im Nürnberger Stadttheater als geschlossene Veranstaltung vor Gewerkschaftern uraufgeführt. Unter der Regie von Jürgen Fehling (1885-1968) wurde es an der Berliner Volksbühne am 29. September 1921 zu einem Riesenerfolg.

Entstehungsgeschichte

Die erzwungene Untätigkeit der Haft gab Toller hinreichend Zeit, ausführlich über seine Erfahrungen während der Revolution nachzudenken. Nach der gewaltsamen Niederwerfung der Räterepublik plagten ihn starke Schuldgefühle und Gewissensbisse. Die dramatische Umsetzung dieser Erfahrung war für ihn eine psychisch notwendige Katharsis. Ohne vorher Skizzen oder Entwürfe gemacht zu haben, vollendete Toller das Stück in einem einzigen kreativen Ausbruch: "Das Drama "Masse Mensch" ist eine visionäre Schau, die in zweieinhalb Tagen förmlich aus mir "brach". Die beiden Nächte, die ich durch den Zwang der Haft in dunkler Zelle im Bett verbringen mußte, waren Abgründe der Qual, ich war wie gepeitscht von Gesichten, von dämonischen Gesichten, von in grotesken Sprüngen sich überpurzelnden Gesichten. Morgens setzte ich mich, vor innerem Fieber frierend, an den Tisch und hörte nicht eher auf, bis meine Finger klamm, zitternd den Dienst versagten". (Ernst Toller, Brief an einen schöpferischen Mittler, 1921)

Inhalt

"Masse Mensch" thematisiert die Unauflösbarkeit des Konfliktes zwischen dem ethischen Prinzip der Gewaltlosigkeit und der politischen Notwendigkeit der Gewaltanwendung im revolutionären Kampf. Die Hauptperson Sonja Irene L. lässt Gesellschaft und Familie hinter sich und folgt ihrem empörten Herzen. Sie stellt sich auf die Seite der revolutionären Masse. Diese personifiziert sich in der Figur des "Namenlosen". Mit ihm ringt die Frau um den Geist der Masse. Sonja Irene L. will diesen Geist pazifistisch-demokratisch ausrichten, der Namenlose hingegen verkündet seine terroristisch-diktatorische Heilslehre. Es kommt zwischen den beiden zum Konflikt. Die Frau wird von der Reichswehr verhaftet, während der Namenlose in der Masse untertaucht. Zuletzt rechnet die Frau mit sich und der Welt ab, weist ein Fluchtangebot zurück und wird standrechtlich erschossen. Ihren ersten vollen Sieg über die Massen erringt sie in der Stunde ihres Todes. Zwei weibliche Gefangene, die die Hinterlassenschaften der Hingerichteten plündern, fragen sich: "Schwester, warum tun wir das?"

Quellen

Die Ereignisse der Räterepublik in Bayern 1919 bilden den Hintergrund des Stückes. Während der Revolution wurde Ernst Toller am 8. April 1919 zum Vorsitzenden des Revolutionären Zentralrates gewählt. Er begriff seine politische Aufgabe als "humanistische Mission", für deren Realisierung er jedoch keine Mittel besaß. Auch blieb seiner Regierung der Zuspruch der Bevölkerung selbst in München versagt. Nach der Anerkennung der neuen kommunistischen Räteregierung am 13. April 1919 trat Ernst Toller formal zurück. Trotz allem bot er weiter seine Mitarbeit an.

Als die konterrevolutionären Regierungstruppen ("Weiße Garden") auf München zumarschierten, entschloss sich Ernst Toller am 15. April 1919 zum aktiven Kampf. Nach der Einnahme Münchens richteten die Weißgardisten ein Blutbad an. Mehr als 1.000 Menschen wurden erschlagen oder erschossen, unter ihnen der pazifistische Schriftsteller Gustav Landauer (1870-1919). Ernst Toller wurde steckbrieflich gesucht. Auf seine Ergreifung waren 10.000 Mark Kopfprämie ausgesetzt. Nach seiner Verhaftung wurde ihm Anfang Juli 1919 der Prozess wegen Hochverrats gemacht. Eine vorzeitige Begnadigung lehnte er ab.

Individuum und Masse

Wie kein anderes Drama der Zeit beleuchtet das Stück die Revolutionsproblematik von den verschiedensten Seiten. Im Mittelpunkt steht das Problem politischer Verantwortung in politischen Veränderungsprozessen. In der Rückschau betonte Ernst Toller: "Nur wenige erkannten, dass der Kampf zwischen Individuum und Masse sich nicht nur draußen abspielt, dass jeder in seinem Innern Individuum und Masse zugleich ist. Als Individuum handelt er nach der als Recht erkannten moralischen Idee. Ihr will er leben, und wenn die Welt dabei untergeht. Als Masse wird er getrieben von sozialen Impulsen und Situationen, das Ziel will er erreichen, auch wenn er die moralische Idee aufgeben muss. Dieser Widerspruch ist heute noch für den politisch Handelnden unlöslich, und gerade seine Unlöslichkeit wollte ich zeigen." (Ernst Toller, Quer durch, 2) Wie der Anarchist Gustav Landauer war Ernst Toller der Überzeugung, dass es gefährlich sei, ein gutes Ziel mit schlechten Mitteln erreichen zu wollen. Entgegen der kommunistischen Auffassung, dass der Zweck die Mittel heilige, bestimmten für Toller die Mittel ganz entscheidend die humane Qualität des Ziels.

Expressionismus auf der Bühne

"Masse Mensch" ist ein expressionistisches Stück, das weitgehend formale Ähnlichkeiten mit der "Wandlung" aufweist. Es besteht aus sieben Bildern, teils "Traumbildern", teils "realen Bildern". Die Charaktere sind keine individuell erkennbaren Personen, sondern Figuren, die bestimmte Ideen und Prinzipien repräsentieren. Die innere Schuldproblematik, die als direkte Konsequenz aus dem politischen Handeln erwächst, wird in die Gestalten der Sonja Irene L. und des Namenlosen projiziert. Der Chor repräsentiert die Stimme der Massen, die in ihrer Entschlusslosigkeit unfähig sind, eine Revolution zu tragen.

Nach seiner Haftentlassung am 15. Juli 1924 wurde Ernst Toller von Kriminalbeamten an die sächsische Grenze eskortiert und als preußischer Staatsbürger aus Bayern ausgewiesen. Dieser Akt symbolisierte die Vertreibung jenes aktivistischen, mit dem intellektuellen Anarchismus verbundenen Expressionismus, der während der Räterepublik Bayern beherrscht hatte.

Literatur

  • Rosemarie Altenhofer, Masse Mensch, in: Jost Hermand (Hg.), Zu Ernst Toller. Drama und Engagement, Stuttgart 1981, 129-141.
  • Huimin Chen, Inversion of revolutionary ideals. A study of the tragic essence of Georg Büchner's "Dantons Tod", Ernst Toller's "Masse Mensch", and Bertolt Brecht's "Die Massnahme" (Studies on themes and motifs in literature 33), New York 1998.
  • Dieter Distl, Ernst Toller. Eine politische Biographie, Schrobenhausen 1993.
  • Richard Dove, Ernst Toller. Ein Leben in Deutschland, Göttingen 1995.
  • William R. Elwood, Ernst Toller's "Masse Mensch". The individual versus the collective, in: Helmuth Hal Rennert (Hg.), Essays on twentieth-century German drama and theater. An American reception 1977-1999 (New German American studies 19), New York 2004, 88-92.
  • Ingo Leiß/Hermann Stadler, Ernst Toller. Masse Mensch, in: Weimarer Republik (Deutsche Literaturgeschichte 9), München 2003, 285-290.

Quellen

  • Ernst Toller, Brief an einen schöpferischen Mittler, in: Ernst Toller, Gesammelte Werke. Band 2: Dramen und Gedichte aus dem Gefängnis 1918-1924, hg. von John M. Spalek und Wolfgang Frühwald, München 1978, 353.
  • Ernst Toller, Quer durch. Reisebilder und Reden, Berlin 1930.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Ernst Toller: Masse Mensch

Empfohlene Zitierweise

Elisabeth Tworek, Toller, Ernst: Masse Mensch, 1919/20, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Toller, Ernst: Masse Mensch, 1919/20> (23.11.2017)