Anarchismus

Titelblatt der ersten Ausgabe der Zeitschrift "Der Ziegelbrenner", 1. September 1917.
"Kain. Zeitschrift für Menschlichkeit", hg. von Erich Mühsam, Titelblatt, 7. Januar 1919.
"Kain. Zeitschrift für Menschlichkeit", hg. von Erich Mühsam, Titelblatt, 15. Februar 1919.
Wahlkampfplakat 1919, wohl von der Bayerischen Volkspartei, das das Ende der Münchner Räterepublik unter dem Motto "bei uns gibts koa` Anarchie!" thematisiert. (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Plakatsammlung)
Gustav Landauer (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann).

von Ulrich Linse

Politische Weltanschauung (von griech. anarchia = ohne Führer), die sich seit dem 19. Jahrhundert entwickelte und ein herrschafts-, klassen- und gewaltloses Zusammenleben ohne staatliche Ordnung anstrebt. In Bayern grenzten sich die Anarchisten seit den 1870er Jahren von der Sozialdemokratie ab. Regionale Zentren waren die Industrieregionen in der Pfalz, in Mittelfranken und im Raum München/Augsburg. Bekannteste Vertreter der äußerst heterogenen Bewegung waren Gustav Landauer (1870-1919) und Erich Mühsam (1878-1934), die auch an der ersten Münchner Räterepublik teilnahmen.

Vorbemerkung

Häufig wird die Geschichte des Anarchismus in Bayern reduziert auf die so genannte "anarchistische" Räterepublik in München 1919, als soziale Träger gelten "landfremde", d.h. jüdische Intellektuelle und Künstler. Diese Perpetuierung politischer Kampfparolen der Zwischenkriegszeit wird den historischen Tatsachen keinesfalls gerecht. Anarchisten gab es in Bayern seit dem Bismarckreich. Sie gehörten der einheimischen Arbeiterschaft an, fanden sich deshalb bevorzugt in den Industrieregionen, vor allem in Ludwigshafen in der bayerischen Pfalz, im Raum Nürnberg/Fürth sowie im Raum München/Augsburg. Dieser bayerische Arbeiter-Anarchismus entstand und äußerte sich als radikale Alternative zur sozialdemokratischen Parteilinie. Er war deshalb nicht nur durch Antikapitalismus, sondern auch durch Antiparlamentarismus und Anti-Staatlichkeit gekennzeichnet (das richtete sich auch gegen den sozialdemokratischen "Volksstaat").

Erste Kontakte über die Schweiz

Bereits auf dem Gothaer Kongress der Sozialdemokratie 1875 hatten sich die Gegensätze in der Partei zwischen Gemäßigten und Radikalen verschärft. Erste Kontakte mit dem Anarchismus fanden deutsche Handwerker dann auf ihrer Wanderschaft bzw. im Exil in der Schweiz über die anarchistische Jura-Föderation der "Internationalen Arbeiter-Association". In der Berner "Arbeiter-Zeitung" wurden 1876/77 die Ideen des Anarchismus erstmals auch Deutschen publizistisch zugänglich. Seit 1877 kamen deutsche Anarchisten aus der Schweiz als geheime Emissäre nach Deutschland und kritisierten die sozialdemokratische Programmatik und Taktik als nicht-sozialistisch und nicht-revolutionär.

Sozialistengesetz: Sozialrevolutionäre und Anarchisten

Mit der durch das Bismarcksche Sozialistengesetz (1878-1890) einhergehenden Verfolgung von Anarchisten und Sozialdemokraten trat die Diskussion um den richtigen Kurs der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Deutschlands in ihre heiße Phase. Zum Wortführer der radikalen Linken wurde dabei der Augsburger Buchbinder und spätere Redakteur Johann Most (1846-1906), 1874-1878 Mitglied des Deutschen Reichstags, auf Grund des Sozialistengesetzes 1878 aus Berlin ausgewiesen und nach London emigriert. Dort redigierte er das seit 1879 vom dortigen, seit 1848 bestehenden "Kommunistischen Arbeiterverein" herausgegebene radikale Blatt "Die Freiheit", dessen Markenzeichen Gewaltphantasien, Attentatsaufrufe und Revolutionsparolen, aber auch der Kampf gegen die "Gottespest" waren. 1880 wurde Most als Anarchist aus der Sozialdemokratie ausgeschlossen. Bis zu seiner Übersiedelung in die USA 1882 schmuggelte er die "Freiheit" nach Deutschland und baute eine aus Kleingruppen von jeweils vier bis fünf Mann bestehende sozialrevolutionäre, dann anarchistische Geheimorganisation auf.

Wilhelminisches Zeitalter: Neue anarchistische Strömungen und Organisationen

Mit der Aufhebung des Sozialistengesetzes änderte sich das Bild des deutschen Anarchismus. Sein Zentrum verlagerte sich vom Ausland in die Reichshauptstadt Berlin. Dort kam es zunächst erneut zu einem inneren Differenzierungsprozess der Sozialdemokraten: ein linker Flügel bildete sich heraus. Ein Teil dieser sog. "Unabhängigen" oder "Jungen" bekannte sich schließlich unter Führung Gustav Landauers (1870-1919) zum Anarchismus.

Bald aber zersplitterte der Berliner Anarchismus in sich bekämpfende Gruppierungen mit jeweils eigenen Zeitschriften. Der deutsche Anarchismus um 1900 öffnete sich zudem neuen Einflüssen: Max Stirner (1806-1856), Eugen Dühring (1833-1921), Friedrich Nietzsche (1844-1900) oder Leo Tolstoi (1828-1910) wurden rezipiert; individualistische Strömungen traten neben kollektivistische; die Siedlungs-Utopie – u. a. popularisiert durch Theodor Hertzkas (1845-1924) "Freiland. Ein soziales Zukunftsbild" (1. Ausg. Wien 1889) - ergriff die Herzen ebenso wie die Genossenschafts-Idee. Landauers geist-revolutionärer "Edel-Anarchismus" und der proletarische, ökonomisch orientierte Anarchismus der "schwieligen Hand" gingen bald getrennte Wege. Das Mostsche Verständnis der "Propaganda der Tat" als terroristische Attentate wandelte sich nun zum ökonomischen und militärischen "Generalstreik" einschließlich der "direkten Aktion" im Sinne von Sabotageakten, Boykott, Obstruktion, und passiver Resistenz. Diese syndikalistischen Kampfmittel begrüßte auch die "lokalistische", teilweise dann sich als "anarchosozialistisch" verstehende "Freie Vereinigung deutscher Gewerkschaften".

Ein bayerischer Anarchist: Ferdinand Huber

Landauers Nachruf im "Sozialist" vom 15. Dezember 1911 auf den von der Polizei als "rabiater Mensch", von Landauer als "Kameraden, wie wir einen treueren, zuverlässigeren und aufopfernden nicht wieder finden werden" bezeichneten Ferdinand Huber (1865-1911) beleuchtet den Typus des damaligen bayerischen Arbeiter-Anarchisten: Huber wurde 1865 in Ast geboren und arbeitete in der Landwirtschaft, als Maurer und Stuckateur. Bereits in jungen Jahren trat er in die sozialdemokratische Partei ein und wurde zudem ein kämpferischer Gewerkschafter.

Um 1900 finden wir ihn in München als Anarchisten. Zunächst bekannte er sich zum Individualanarchismus: "(…) die Theorie Stirners entsprach seinem eigenbrötlerischen Volksschlag, seiner Herbigkeit und seinem stolzen, kraftvollen Bedürfnis, allein zu stehen, eigene Wege zu gehen und zu Freunden nur die zu machen, die ihm und seiner Natur entsprachen" (Landauer). Landauer redete ihm dann 1908 seinen "Stirneregoismus" aus und gewann ihn für die Idee des sozialistischen "Gemeingeists", die Sehnsucht nach "echter Gemeinschaft, eine Gemeinschaft des Lebens und der Arbeit" gemäß Landauers Siedlungs-Utopie. Huber war grenzenlos darüber enttäuscht, dass die reale Siedlungsgründung ausblieb. Zermürbt durch Krankheit und gehetzt von der Polizei, vor der er vergeblich ins Rheinland ausgewichen war, beging er dort mit 46 Jahren Selbstmord.

Vorkriegs-Anarchismus: Mitgliederzahlen, regionale Vielfalt

Da die staatliche Verfolgung in der wilhelminischen Zeit anhielt, organisierten sich die Anarchisten Deutschlands weiterhin in Geheimgruppen. Nach polizeilicher Einschätzung sollen um 1910 von den etwa 2.000 deutschen Anarchisten über die Hälfte in Preußen, davon 400 in Berlin und Umgebung gelebt haben, im bayerischen Raum ca. zehn bis 60 in Ludwigshafen, 30 bis 90 in München, weitere zehn bis 15 in Fürth ("Freier Bildungs- und Besprechungsverein Fürth" von 1905 bis 1911), etwas weniger in Nürnberg, Hof und Schweinfurt. Sie konnten nach Einschätzung der Polizei allerdings keine Wirksamkeit nach außen entfalten. In München war die stärkste Gruppierung das die lokalistischen "Freien Vereinigungen" der Holzarbeiter, der Zimmerer, der Fliesenleger und der Schlosser zusammenfassende "Ortskartell München und Umgebung der Freien Vereinigung Deutscher Gewerkschaften", mit bis zu 90 Mitgliedern. Einen zweiten Block bildete eine mit dem Anarchismus sympathisierende Gruppe innerhalb der Münchner Freidenkvereinigung, an deren Spitze der Vereinsvorsitzende Josef Sontheimer (geb. 1867), ein Kaufmann, stand.

Erich Mühsams Aktivitäten

Am meisten öffentliches Aufsehen erregten jedoch die von den Schriftstellern Erich Mühsam (1878-1934) und Johannes Nohl (1882-1963) in München im Rahmen von Landauers "Sozialistischem Bund" entfalteten Aktivitäten, die vor allem mit deren Schweizer Kontaktadressen verknüpft waren: nach Ascona zum "Monte Verità" mit dem Psychiater Otto Gross (1877-1920), nach Zürich zur anarchistischen Zeitschrift "Der Weckruf" und zu Fritz Brupbacher (1874-1945), nach Bern zu Margarethe (Faas-)Hardegger alias "Mark Harda" (1882-1963). Über dieses Netz lief auch der Schmuggel von Sacharin aus der Schweiz nach Bayern, einberufene Männer desertierten so in die Schweiz. Durch seine Agitation gegen Kunstzensur und kirchliche Sexualmoral und für Kunstfreiheit und freie Liebe stieß Mühsam in der Münchner Boheme- und Künstlerszene auf eine gewisse Resonanz. Die Polizei wurde besonders auf ihn aufmerksam, als er ab 1909 das durch Freibier angelockte Münchner Lumpenproletariat der Vagabunden, Prostituierten und Kriminellen in einer "Gruppe Tat" von der Asozialität zu kollektiver Solidarität zu heben suchte. Der "Geheimbund-Prozess" ("Soller-Prozess") vor dem Münchner Landgericht im Jahr 1910 dokumentierte die zweifelhaften Resultate seiner idealistischen Bemühungen um den "Fünften Stand" ebenso wie sprachliche Missverständnisse. Mühsams Kommentar: "Man begreife doch, wie schwer es ist, sich diesen oberbayerischen Dialektsprechern in gebildetem Norddeutsch verständlich zu machen" (zit. nach den Akten des sog. Soller-/ oder Geheimbund-Prozesses). Von 1911 bis zum Ersten Weltkrieg und dann wieder in den Revolutionsmonaten von 1918/19 gab Mühsam in München seinen "Kain. Zeitschrift für Menschlichkeit" heraus.

Revolutionszeit 1918/19

Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs lag der deutsche Anarchismus bereits danieder und auch die Kriegsereignisse brachten ihm keinen Massenzulauf. So war es eher der Zufall des Machtvakuums nach der Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner (1867-1919) im Februar 1919, der ganz kurzfristig während der ersten Münchner Räterepublik (7.–13. April 1919) auch Landauer und Mühsam an die politischen Schalthebel brachte, ohne dass sie dieser Räterepublik einen spezifisch anarchistischen Stempel aufzudrücken vermochten. Zudem hatten die beiden selbst sehr unterschiedliche Vorstellungen von den Räten. Landauer, der sich schon seit Jahren mit Formen einer möglichen politischen Selbstbestimmung des Volkes befasst hatte, stand Eisners Konzept einer Rätedemokratie nahe. Mühsam dagegen favorisierte die kommunistische Spielart einer Diktatur der "Sowjets". Die spätere deutliche Kritik des Historikers des Anarchismus, Max Nettlau (1865-1944), an Mühsam ist deshalb verständlich: "der Kult ihrer [= der Masse] Diktatur führte ihn von der Freiheit weg". Und weiter: Mühsams 1920 im Gefängnis Ansbach für Vladimir Jljitsch Lenin (1870-1924) geschriebener Rechenschaftsbericht "Von Eisner bis Leviné. Die Entstehung der bayerischen Räterepublik" (veröffentlicht Berlin 1929) und seine späteren theoretischen Ausführungen "lassen dieses Mitgerissensein von volksautoritärem Glauben und revolutionär-proletarischem Durchführungswillen und alte anarchistische Sympathien nebeneinander in unvereinbarem Widerspruch vor uns erscheinen. Mühsam suchte im "Rätesystem" ein Verbindungsglied zu finden, eine Chimäre, der er bis zuletzt nachjagte" (Nettlau, Geschichte der Anarchie, 5. Band, 1. Teil, Anm. 283). Landauers war kaum mehr als eine Woche als bayerischer Kultusminister tätig und wurde am 2. Mai 1919 im Gefängnis Stadelheim von den Gegenrevolutionären bestialisch umgebracht.

Der bald in libertären Kreisen sehr geschätzte Schriftsteller "B. Traven" (1882-1969) gab in München als "Ret Marut" die Zeitschrift "Der Ziegelbrenner" (1917-1921) heraus. Er ebenso wie der Schöpfer der teilweise als anarchistisch eingestuften Freiwirtschaftslehre Silvio Gesell (1862-1930) und dessen Helfer Theophil Christen (1873-1920) in der Münchner Räterepublik aktiv. An der Fürther Räterepublik wirkte der dortige Anarchist Fritz Oerter (1869-1935) mit, ein in Straubing geborener Lithograph.

Weimarer Republik

Die bisherige Spaltung in "ideell" ausgerichtete kommunistische Anarchisten ("Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands") und gewerkschaftliche Syndikalisten ("Freie Arbeiter-Union Deutschlands") bestand nach dem Ersten Weltkrieg fort. Insbesondere die erste Hälfte der 1920er Jahre sah eine Kräftigung des Anarcho-Syndikalismus auch in vielen Orten Bayerns. So hatte deren Kreisarbeiterbörse Nordbayern mit Oerter als Hauptaktivisten bis zu 2.000 Mitglieder, deren Zahl 1928 auf 800 bis 900 (Ortsgruppen in Nürnberg-Fürth, Röthenbach an der Pegnitz, Amberg, Weiden, Donauwörth, Schweinfurt und Regensburg) absank. Die Kreisarbeiterbörse Südbayern mit Ortsgruppen in München, Augsburg, Trostberg und Dachau zählte 1928 noch etwa 400 Mitglieder, davon die Münchner "Föderation der Bauarbeiter" 264 und die Münchner "Föderation aller Berufe", in welcher auch die geschrumpften Föderationen der Metallarbeiter und Fliesenleger aufgegangen waren, 72. Die Donauschiffer waren in einem gesamtdeutschen Verband der Binnenschiffer organisiert. Die bayerischen Ortsgruppen arbeiteten eng mit den "Vereinen für Sexualhygiene und Lebensreform" zusammen - die Beschaffung von Verhütungsmitteln wurde dabei zum antimilitaristischen "Gebärstreik" überhöht.

Jugend- und Kindergruppen

Im Arbeiter-Anarchismus zeigten sich nach dem Ersten Weltkrieg die Auswirkungen der bürgerlichen Jugendbewegung des Kaiserreiches in der Forderung nach einer Autonomie der Jugend und den daraus folgenden Spannungen gegenüber den "autoritären" Erwachsenen bis hin zu Einlassungen mit anarchistischen "Inflationsheiligen" wie Theodor Plivier (auch Plievier, 1892-1955). Während bei der "Syndikalistisch-anarchistischen Jugend" jedoch eine gewisse Nähe zur "Freien Arbeiter-Union" bestehen blieb – einer ihrer Theoretiker war der frühere Wandervogel Helmut Rüdiger (1903-1966), 1925-1928 Student in München -, betonte Ernst Friedrichs (1894-1967) "Freie Jugend" die jugendbewegte Selbständigkeit. Zumindest in Nürnberg/Fürth und in München gab es zeitweise anarchosyndikalistische Jugend- und Kinder-Organisationen sowie Bemühungen um eine libertäre Pädagogik. Von der bündischen Jugend aber drängte sich unaufhaltsam ein uniformierter Stil auch in die anarchistische Jugend hinein.

Während Mühsam bei der anarchistischen Jugend zum Helden avancierte, blieb Landauer der allseits verehrte Märtyrer, für den die Münchner Gruppe der "Freien Arbeiter-Union" 1923 auf dem dortigen Waldfriedhof einen Grabplatz mietete und dort am 1. Mai 1925 ein Denkmal einweihte. Mit Verfügung des NS-Stadtrats wurde die Grabstätte im Juni 1933 für erloschen erklärt und das Grabmal demoliert.

Bundesrepublik Deutschland

Nach dem Zweiten Weltkrieg sammelten sich die wenigen treu gebliebenen Syndikalisten neu, ermutigt durch ihre ins Exil gegangenen ehemaligen Führer Rudolf Rocker (1873-1958) und Helmut Rüdiger. So wurde auch die Münchner Gruppe der "Föderation Freiheitlicher Sozialisten" 1947 gegründet. Ihr Leiter war wie schon vor 1933 der gebürtige Münchner Kellner Hans Weigl (1892-1969). Diese Gruppe hatte 1947 27, 1970 noch 6 Mitglieder. Zuletzt zeichnete sich für die Restgruppe eine neue Perspektive durch den Kontakt mit jungen "68"ern ab, deren Marxismus sie durch die Tradition des antiautoritären Anarchismus und des "freiheitlichen Sozialismus" zu korrigieren suchten. Insbesondere der ehemalige antifrancistische Spanienkämpfer Augustin Souchy (1892-1984), der 1966 seinen Alterswohnsitz nach München verlegt hatte, wurde zur Anlaufstation der an historischen Erfahrungen interessierten neuen Generation. Souchy sah jedoch für die überalterten Anarchisten Münchens keine Zukunft und verschenkte ohne Wissen der Gruppe 1974 deren über die NS-Zeit gerettete wertvolle Bibliothek in die Schweiz. Das war das mehr als symbolische Ende des einhundertjährigen bayerischen Alt-Anarchismus. Zur gleichen Zeit hatte schon der Aufbruch eines in der APO verwurzelten jugendbewegten Neo-Anarchismus begonnen.

Literatur

  • Hans Manfred Bock, Syndikalismus und Linkskommunismus von 1918-1923. Ein Beitrag zur Sozial- und Ideengeschichte der frühen Weimarer Republik, Meisenheim am Glan 1969.
  • Hans Manfred Bock, Geschichte des 'linken Radikalismus' in Deutschland. Ein Versuch, Frankfurt am Main 1976.
  • Hans Jürgen Degen, Anarchismus in Deutschland 1945-1960. Die Föderation Freiheitlicher Sozialisten, Ulm 2002.
  • Helge Döhring, Damit in Bayern Frühling werde! Die syndikalistische Arbeiterbewegung in Südbayern von 1914 bis 1933, Lich 2007.
  • Christoph Knüppel, „Wir haben abweichende Meinungen und verschiedene Naturen.“ Erich Mühsam und Gustav Landauer als Akteure der Münchner Revolution, in: Jürgen-Wolfgang Goette (Hg.), Die Rote Republik. Anarchie- und Aktivismuskonzept der Schriftsteller 1918/19 und das Nachleben der Räte. Erich Mühsam, Ernst Toller, Oskar Maria Graf u. a. (Schriften der Erich-Mühsam-Gesellschaft 25), Lübeck 2004, 41-55.
  • Ulrich Linse, Organisierter Anarchismus im Deutschen Kaiserreich von 1871, Berlin 1969.
  • Ulrich Linse, Die Anarchisten und die Münchner Novemberrevolution, in: Karl Bosl (Hg.), Bayern im Umbruch. Die Revolution von 1918, ihre Voraussetzungen, ihr Verlauf und ihre Folgen, München/Wien 1969, 37-73.
  • Ulrich Linse, Die anarchistische und anarcho-syndikalistische Jugendbewegung 1918-1933, Frankfurt am Main 1976.
  • Ulrich Linse, Vom „Gemeingeist“. Gustav Landauers Räteutopie, in: Richard Faber/Christine Holste (Hg.), Der Potsdamer Forte-Kreis. Eine utopische Intellektuellenassoziation zur europäischen Friedenssicherung, Würzburg 2001, 123-144.
  • Max Nettlau, Geschichte der Anarchie. 5 Bände, Vaduz 1872-1984.
  • Rudolf Rocker, Johann Most. Das Leben eines Rebellen, Berlin 1924.

Quellen

  • Dieter Fricke/Rudolf Knaack (Hg.), Dokumente aus geheimen Archiven. 1. Band Weimar 1983 - 3. Band Berlin 2004.
  • Ulrich Linse (Hg.), Gustav Landauer und die Revolutionszeit 1918/19. Die politischen Reden, Schriften, Erlasse und Briefe Landauers aus der November-Revolution 1918/19, Berlin 1974.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Anarchisten, Vereinigung revolutionärer Internationalisten Bayerns (VRI)

Empfohlene Zitierweise

Ulrich Linse, Anarchismus, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Anarchismus> (17.12.2017)