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Verlagswesen (20. Jahrhundert)

Karikatur Münchner Verleger um 1912. Von links: Georg Müller, Hans von Weber, F. Hanfstaengl, Oldenbourg, Heinrich Beck, J. F. Lehmann, Georg Hirth, G. Callwey, Reinhard Piper, Korfiz Holm. (Archiv Piper Verlag)
von Reinhard Wittmann

Seit dem 19. Jahrhundert stieg insbesondere München zur bedeutenden Buchstadt auf. Während der Weimarer Republik besaß Bayern an 96 Verlagsorten insgesamt 414 Verlage. Der Zentralverlag der NSDAP, Franz Eher Verlag, hatte seinen Sitz bis 1945 in München. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb München dominierend, auch wenn weiterhin namhafte Verlage in den regionalen Zentren ansässig sind. In der deutschen Verlagslandschaft nimmt Bayern zu Beginn des 21. Jahrhunderts den Spitzenplatz ein.

Das bayerische Verlagswesen um 1900

Georg Joseph Manz (1808-1894) war der Gründer des G.J. Manz Verlages. Abb. aus: Georg Joseph Manz, Erinnerungsblätter aus meinem Leben 1808-1880. Für meine Kinder, Verwandte und Freunde. Zum 50jährigen Geschäftsjubiläum, Regensburg 1880. (Bayerische Staatsbibliothek, Biogr. 715 am)
Das Stammhaus des Hugendubel-Verlages befand sich vor dem Zweiten Weltkrieg an der Münchner Salvatorstraße. Foto um 1910. (Stadtarchiv München, DE-1992-FS-NL-PETT1-3140 lizensiert durch CC BY-ND 4.0)

Die traditionellen Druck- und Verlagsorte im Gebiet des heutigen Bayern während der Frühen Neuzeit, insbesondere die ehemaligen Reichsstädte Augsburg, Nürnberg und Regensburg, hatten um 1900 ihre einstige Bedeutung längst verloren. Dort wie in weiteren Orten, die früher Sitz weltlicher oder geistlicher Regenten gewesen waren oder eine Universität beherbergt hatten, etwa Ingolstadt, Würzburg, Bamberg, Bayreuth, Landshut, Erlangen und Passau, hatte sich jedoch eine Anzahl alteingesessener Firmen, insbesondere als konfessionelle Schulbuch- und Wissenschaftsverlage, über die Zeiten halten können. Sie waren vielfach in Familienbesitz und oft im Verbund mit einer Druckerei und/oder Sortimentsbuchhandlung. Einzelne davon besaßen oder gewannen überregionale Bedeutung. Dazu gehörten in Regensburg Friedrich Pustet (seit 1862 wegen seiner liturgischen Drucke "Typographus Apostolicus"), Georg Joseph Manz (Theologie, Kunstdrucke) und Habbel, in Augsburg Max Huttler (1823-1887) und seine Nachfolger, in Erlangen Palm und Enke (Jura, Medizin), in Bamberg Buchner (Schulbuch).

Bayerns Anteil an der Buchproduktion des Deutschen Reichs schwankte um 1900 zwischen 8,1 und 9,3 % und lag damit an dritter Stelle hinter Preußen und Sachsen, jedoch vor Württemberg. Daran war besonders die Hauptstadt beteiligt, deren Anteil an der deutschen Buchproduktion nach Titelzahl 1870 2,9 %, 1890 3,7 % und 1913 5,6 % betrug; dies entsprach dem dritten Platz hinter Berlin und Leipzig (gemeinsam mit Stuttgart). München hatte im 19. Jahrhundert einen frappanten Aufstieg zur bedeutenden Buchstadt erlebt. Hier hatten sich nach der Etablierung der Universität 1826 unter Ludwig I. (1786-1868, reg. 1825-1848) mehrere belletristische, wissenschaftliche und Kunstverlage angesiedelt (u. a. Cotta, Christian Kaiser, Franz Hanfstaengl). Wichtige Firmen kamen unter Maximilian II. (1811-1864, reg. 1848-1864) und Ludwig II. (1845-1886, reg. 1864-1886) hinzu, so Rudolf Oldenbourg (Natur- und Geisteswissenschaften, Technik, Schulbuch), die Kunstverlage Friedrich Bruckmann, Georg Callwey und Georg Hirth, C. H. Beck (Jura), J. F. Lehmanns (Medizin und völkische Propaganda), später Kösel (Theologie). Auch das graphische Gewerbe und Pressewesen erlebten eine Blüte. Um 1900 wurde München neben Berlin und Wien zum Experimentierplatz einer europäischen Moderne. Die Zahl der ansässigen Verlage war 1900 auf 66 angestiegen, auf 141 im Jahr 1915. Besondere Berühmtheit gewannen in der Prinzregentenzeit die sehr aktiven literarischen Verlage, vor allem Albert Langen (hier erschien ab 1896 die bedeutendste deutsche Satirezeitschrift "Simplicissimus"), Georg Müller (gegr. 1903) und Reinhard Piper (gegr. 1904, u. a. 1912 "Der blaue Reiter"), 1919 kam Kurt Wolff dazu.

Weimarer Republik 1918-1933

Der Umsturz 1918, Inflation und Depression machten auch Bayerns Verlagswesen während der Weimarer Republik stark zu schaffen. Trotzdem lag 1922 Bayerns Anteil an der deutschen Buchproduktion bei 10,8 %, jener Münchens war auf 7,6 % gestiegen. 1927 besaß Bayern an 96 Verlagsorten 414 Verlage, die insgesamt 2.595 Titel veröffentlichten. Davon verfügte München über 171 Verlage mit 1.662 Titeln und Nürnberg über 29 mit 107 Titeln.

Während des Nationalsozialismus 1933-1945

Sitz des Parteiverlages Franz Eher Nachfolger in der Münchner Thierschstraße 11, Aufnahme von Oktober 1927. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-40049)

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde auch Bayerns Verlagswesen "gleichgeschaltet". Verlage mit politisch oppositioneller Tendenz wurden schnell geschlossen, konfessionelle wie Echter, Kösel, Manz, Habbel und C. Kaiser immer stärker schikaniert, jüdische Firmen unter Zwang "arisiert" und die Inhaber vertrieben. In München hatte der "Zentralverlag der NSDAP Franz Eher Nachf." (benannt nach Franz Xaver Josef Eher [1851-1918]) seinen Sitz, der unaufhaltsam zum mächtigsten Buch- und Pressekonzern des Dritten Reiches anwuchs. Langen-Müller, der sich als führender literarischer Verlag der NS-Zeit betrachtete, gehörte seit 1933 der Deutschen Arbeitsfront (DAF) und ging 1943 in den Besitz des Eher-Verlags über. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Produktion aller Verlage über Papierzuteilungen kontrolliert und gesteuert. Der Proklamation des "Totalen Krieges" folgte 1943/44 die Schließung des größeren Teils der Münchner und bayerischen Verlage. Erheblich waren die Bombenschäden an Bücherlagern und Papiervorräten, ebenso die Zerstörungen von Verlagshäusern.

Die Verlagslandschaft nach 1945: wachsende Dominanz Münchens

Verlagsgründer Reinhard Piper (1879-1953) bei der Eröffnung einer Ausstellung 1951 im Haus der Kunst, vor seinem eigenen Porträt von Max Beckmann (1884-1950). (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv timp-009070)
Der Verleger Klaus Piper (1911-2000) mit seiner Frau und der Buchhändler Hans-Joachim Goltz (1907-1966). Das Bild entstand anlässlich der "Schmökerstunde" während der Woche des Buches (2.11.-9.11.) 1952 in Goltz' Bücherstube am Dom in der Münchner Kaufingerstraße 23. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv timp-01118)

Bereits im Mai 1945 begann der Wiederaufbau von Buchhandel und Verlagswesen im US-amerikanisch besetzten Bayern. Bis Ende 1946 waren 80 Verlage lizenziert, darunter besonders erfolgreiche Neugründungen wie Kurt Desch (München), aber auch Weiterführungen "unbelasteter" Firmen. "Belastete" Unternehmen mussten dagegen auf ihre Lizenzierung länger warten. Der bis zur Währungsreform enorme Bücherhunger der Bevölkerung wurde nach 1948 deutlich geringer. 1951 verfügte Bayern über insgesamt 353 Verlage an 84 Verlagsorten und brachte knapp 20 % der westdeutschen Verlagsproduktion heraus. 166 dieser Firmen waren in München angesiedelt (mit 8 % der westdeutschen Produktion), 32 in Nürnberg. Münchens Aufstieg gewann immer mehr an Dynamik: 1958 waren 208 Verlage ansässig, 1969 238. Auch bei der Titelproduktion zeigte sich die Dominanz: 1968 standen Münchens 4.253 Veröffentlichungen in Würzburg 205 und in Nürnberg 136 gegenüber. Eine Reihe namhafter Unternehmen kann sich in den regionalen Zentren bis heute behaupten oder hat sich dort neu angesiedelt, so die Kinderbuchverlage Arena (Würzburg) und Loewe (Bayreuth), auch die besonders erfolgreiche Verlagsgruppe Weltbild (Augsburg). Auch in Coburg (z. B. Ars vivendi) oder Passau (z. B. Passavia) sowie kleineren, ja kleinsten Orten der "Provinz" wie Weißenhorn (Anton H. Konrad) oder Viechtach (Lichtung) wirken engagierte Kleinverlage. Doch ist der Vorsprung der Metropole uneinholbar. Sie profitierte nicht zuletzt auch vom jahrzehntelangen Zuzug aus Ostdeutschland: Nach 1945 waren zahlreiche Firmen aus Leipzig und der gesamten Sowjetzone sowie Berlin nach Bayern übersiedelt, die meisten davon in die Landeshauptstadt und deren Umland.

Wichtige Verlage in München

Zu den deutschlandweit profiliertesten Verlagsunternehmen mit dem Sitz München gehörten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts neben den bereits genannten schöngeistige und Sachbuch-Verlage wie Hanser, Winkler, Droemer, Kindler, List und Nymphenburger, ab 1972 auch die Buchverlage des Bertelsmannkonzerns (Random House), Kunstbuchverlage wie Prestel und Hirmer, Fachverlage wie Urban & Schwarzenberg, Gräfe & Unzer, K. G. Saur und der Bayerische Landwirtschaftsverlag. München ist Zentrum der deutschen Taschenbuchproduktion mit Verlagshäusern wie Goldmann, Knaur, Heyne und ab 1960 dem Gemeinschaftsunternehmen dtv. Es lässt sich gerne als zweitgrößte Verlagsstadt der Welt (nach New York) titulieren, hier ist mehr als jeder zehnte deutsche Buchverlag ansässig. Doch sind auch in München die Konzentrationstendenzen immer stärker geworden. Die Buchbranche leidet an vielerlei Krisensymptomen, die Zahl der Einzelfirmen geht zurück.

Das bayerische Verlagswesen (Stand 2004)

Im Jahr 2004 waren im Freistaat Bayern 405 Mitgliedsverlage der Branchenorganisation Börsenverein des Deutschen Buchhandels beheimatet: 262 in Oberbayern (davon 162 in München), zwölf in Niederbayern, 18 in der Oberpfalz, ebenfalls 18 in Oberfranken, 30 in Mittelfranken, 24 in Unterfranken und 41 in Schwaben. Einem leichten Schwund in Bayern steht ein deutlicher Rückgang in München gegenüber. Mit 20,7 % aller Verlage in Deutschland bleibt Bayern aber an der Spitze aller Länder. Diese Position nimmt der Freistaat ebenfalls bei der Titelproduktion ein (etwa 23 %). Die Titelproduktion Münchens umfasste 2002 14,2 % aller deutschen Erstauflagen und 60,8 % des gesamten bayerischen Bücherausstoßes.

Literatur

  • Walter Flemmer, Verlage in Bayern, Pullach 1974.
  • Reinhard Wittmann, Hundert Jahre Buchkultur in München, München 1993.

Weiterführende Recherche

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Empfohlene Zitierweise

Reinhard Wittmann, Verlagswesen (20. Jahrhundert), publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Verlagswesen_(20._Jahrhundert)> (23.09.2018)