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Beziehungen zu Spanien (nach 1800)

von Hubert Pöppel

Wilhelm Gail (1804-1890), Picadores in einer Taverne an der Alhambra, 1842: Neben Italien wurde Spanien für viele Künstler Ziel von Studienreisen. Ergebnis dieser Spanien-Affinität waren Bilder, die spanische Alltags- und Landschaftsmotive zeigen. Über diese Künstler gelangten Informationen über Spanien auch nach Bayern, wenngleich deren Verbreitung und Umfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts noch überschaubar waren. (Gemeinfrei via Wikimedia Commons)

Nachdem die bayerisch-spanischen Beziehungen im 18. Jahrhundert deutlich an Bedeutung verloren hatten, nahmen sie im Verlauf des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts langsam wieder zu. In Bayern interessierte man sich für spanische Kunst und Literatur und in Spanien für die bayerische Wissenschaft. Ebenfalls große Bedeutung erlangten die dynastischen Beziehungen zwischen den Wittelsbachern und den spanischen Bourbonen. Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stand zunächst im Zeichen der Frage, wie das Verhältnis Bayerns zur fortbestehenden Diktatur in Spanien gestaltet werden sollte. Dabei gab es mit den sog. Gastarbeitern aus Spanien und dem beginnenden Massentourismus an den spanischen Küsten mehr Begegnungen als jemals zuvor. Seit der Demokratisierung Spaniens nach 1975 sind die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zwischen Bayern und Spanien eng und intensiv, wovon beide Staaten gleichermaßen profitieren.

Die Wiederentdeckung der spanischen Kultur in Bayern

Joseph Karl Stieler (1781-1858), Portrait von Lola Montez (1821-1861, eigtl. Elizabeth Rosanna Gilbert), 1847: Der Begriff Spanien wurde in Bayern ab Mitte des 19. Jahrhunderts v.a. mit dem Namen "Lola Montez" in Verbindung gebracht. Sie kam 1846 nach München und gab vor, eine Tänzerin aus Andalusien zu sein. Bayerns König Ludwig I.(1786-1868, König 1825-1848) verfiel ihr. Er löste dadurch sogar eine Staatskrise aus, an deren Ende er 1848 auf den Thron verzichten musste. (Gemeinfrei via Wikimedia Commons)

Die Spanien-Euphorie, die bereits vor 1800 die deutschen Romantiker und die Vertreter der Weimarer Klassik mit der Wiederentdeckung des spanischen Goldenen Zeitalters (ca. Mitte 16. Jahrhundert bis Mitte 17. Jahrhundert) erfasst hatte, fand im jungen Königreich Bayern zunächst wenig Niederschlag.

Zwar gab es weiterhin punktuelle Begegnungen, wie etwa die Tätigkeit von Johann Andreas Schmeller (1785-1852), dem nachmaligen Verfasser des Bayerischen Wörterbuchs, an einer Modellschule in Madrid. Oder die Teilnahme von bayerischen Soldaten und Offizieren am Freiheitskrieg gegen Napoleon Bonaparte (1769-1821, Erster Konsul der Französischen Republik 1799-1804, Kaiser der Franzosen 1804-1814 und 1815). Oder auch 1832/33 die Reise des Architekturmalers Wilhelm Gail (1804-1890) nach Andalusien und an die Mittelmeerküste. Zudem kam es um 1820 sogar kurzzeitig zur Entsendung diplomatischer Vertreter. Aber der langfristig wirksame Aufbau von institutionellen und kulturellen Beziehungen setzte erst Mitte des 19. Jahrhunderts ein.

Am Anfang stand dabei eine Täuschung. 1846 gab sich in München eine junge irische Tänzerin als Andalusierin namens Lola Montez (eigentlich Elizabeth Rosanna Gilbert, 1821-1861) aus. Und König Ludwig I. (1786-1868, König 1825-1848), der des Spanischen zu dieser Zeit erst annähernd mächtig war, bemerkte nicht – bzw. er wollte es nicht wahrhaben –, dass die Sprachkenntnisse "seiner Spanierin" äußerst dürftig waren. So stürzte er sich in eine Affäre, die zur Staatsaffäre wurde und ihm letztlich den Thron kostete.

Spätestens mit Lola Montez (1821-1861, eigtl. Elizabeth Rosanna Gilbert) und ihrer Affäre mit König Ludwig I. (1786-1868, König 1825-1848) war Spanien vielen Bayern ein Begriff. Vor allem an spanischer Kunst, Literatur und Kultur fand man in Bayern seit den 1840er Jahren Gefallen. Allen voran die Könige Ludwig I. und Maximilian II. (1811-1864, König 1848-1864). Künstler und Literaten wie Eduard Gerhardt (1813-1888) und Paul Heyse (1830-1914, Nobelpreis für Literatur 1910) kamen oder wurden vom König nach München berufen. Fast 20 Jahre nach seiner Affäre mit Montez veröffentlichte Ludwig I. 1865 eine Übersetzung des spanischen Lustspiels "Recept gegen Schwiegermütter". Ludwig von Bayern: Recept gegen Schwiegermütter: Lustspiel in einem Aufzuge. Berlin 1866. (Bayerische Staatsbibliothek, P.o.Hisp. 74 m)

Erst unter seinem Nachfolger, König Maximilian II. (1811-1864, König 1848-1864), kam es zu einer wirklichen Verdichtung der Kontakte. Seit Mitte der 1850er Jahre bis zur Reichsgründung 1871 gab es pro forma diplomatische Beziehungen zwischen Bayern und Spanien, doch es wurden keine Botschafter entsandt, sondern jeweils benachbarte Vertretungen (Paris bzw. Wien) mit dieser Aufgabe betraut. Ungleich bedeutsamer war daher für Bayern die zunehmend intensive Auseinandersetzung mit spanischer Kunst, Literatur und Kultur.

Ende der 1840er Jahre hatten die Maler Friedrich Gärtner (1824-1905), Eduard Gerhardt (1813-1888) und Fritz Bamberger (1814-1873) Spanien bereist und ließen sich anschließend in München nieder. Wenig später berief der König die beiden Dichter Emanuel Geibel (1815-1884) und Paul Heyse (1830-1914, Nobelpreis 1910), die 1852 zusammen das Spanische Liederbuch herausgegeben hatten, nach München. Zu ihnen gesellte sich ab 1855 der ausgewiesene Spanienexperte, Kunstsammler und Privatgelehrte Adolf Friedrich Graf von Schack (1815-1894). Auch Ludwig I. trug noch zu diesem Aufschwung des Spanieninteresses in München bei, als er seine Übersetzung eines allerdings eher seichten Lustspiels unter dem Titel "Recept gegen Schwiegermütter" (1865) drucken ließ.

Doch nicht nur in München nahm das Interesse an Spanien und der spanischen Kultur zu. Einen entscheidenden Beitrag leistete auch das Regensburger Verlagshaus G. J. Manz, das sich zum Sprachrohr der katholischen Erneuerungsbewegung machte. Manz publizierte dazu Schriften der spanischen Mystik und Frömmigkeitsliteratur, aber auch zeitgenössische konservative Autoren aus Spanien und die umfangreiche spanische Kirchengeschichte des in München lebenden Benediktiners Pius Bonifacius Gams (1816-1892).

Dynastische Verbindungen zwischen Bayern und Spanien

Dynastische Verbindungen prägen die Beziehungen zu Spanien seit dem 19. Jahrhundert. Das Familienfoto von 1906 zeigt (v.l.n.r.) Ferdinand Maria von Bayern (1884-1958), Luis Alfonso (1906-1983) und die Infantin von Spanien, Maria Teresa de Borbón (1882-1912). Ferdinand Maria war der älteste Sohn aus der 1883 in Madrid zwischen der Infantin von Spanien, María de la Paz de Borbón (1862-1946), und Prinz Ludwig Ferdinand von Bayern (1828-1875) geschlossen Ehe. Ludwig Ferdinand wiederum war der älteste Sohn aus der Verbindung von Adalbert von Bayern (1828–1875) und der Infantin von Spanien, Amalia del Pilar de Borbón (1834–1905). Ferdinand Maria heiratete, ebenfalls in Madrid, 1906 die spanische Infantin Maria Teresa de Borbón. Aus dieser Ehe ging u. a. der auf dem Bild zu sehende Luis Alfonso von Bayern de Borbón hervor. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv port-031535)

Hinzu kam die Annäherung der beiden Königshäuser. Bereits 1848 hatte der jüngste Sohn von Ludwig I., Prinz Adalbert (1828-1875), Spanien bereist. 1856 heiratete er in Madrid die Cousine der spanischen Königin Isabella II. (1830-1904, Königin v. Spanien 1833-1868), Amalia del Pilar von Spanien (1834-1905). Dies sollte der Auftakt zu einer drei Generationen umfassenden Verbindung zwischen den bayerischen Wittelsbachern und den spanischen Bourbonen werden. 1883 nahm, ebenfalls in Madrid, der älteste Sohn von Adalbert und Amalia, Prinz Ludwig Ferdinand (1859-1949), die Tochter von Königin Isabella, die Infantin María de la Paz (1862-1946), zur Frau. Deren ältester Sohn wiederum, Prinz Ferdinand Maria (1884-1958), führte die Familientradition fort und ehelichte 1906 in Madrid seine Cousine, die Infantin María Teresa (1882-1912).

Über drei Generationen hinweg gab es gegenseitige Heiratsverbindungen zwischen Madrid und München. Prinz Ludwig Ferdinand (1859-1949) heiratete 1883 in Madrid die Infantin María de la Paz (1862-1946). Portrait von Prinzessin Maria de la Paz von Bayern. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv port-030971)

Wichtige Impulse für die bayerisch-spanischen Beziehungen setzte vor allem Prinzessin María de la Paz. Sie engagierte sich bei Kunstausstellungen, für die sie ihren Bruder, König Alfons XII. (1857-1885, König von Spanien 1874-1885), um die Zusendung von Bildern bat. Darüber hinaus verfasste sie Geschichten über das spanische Königshaus und initiierte schließlich das im Ersten Weltkrieg gescheiterte Projekt, in München ein Internat für spanische Knaben einzurichten, die später in ihrer Heimat als Multiplikatoren für die deutsche Pädagogik und Lehrerbildung wirken sollten.

Wissenschaftskontakte

Bedeutender Vertreter des bayerisch-spanischen Wissenschaftsaustauschs war der Regensburger Prähistoriker Hugo Obermaier (1877-1946). Er beschäftigte sich intensiv mit den Hinterlassenschaften aus der Steinzeit in Spanien. (Gemeinfrei via Wikimedia Commons)

Doch nicht nur im Bereich der Pädagogik hatte Spanien seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert hohes Interesse an den Entwicklungen in Deutschland, sondern in nahezu allen Wissensgebieten. Bayern trug vor allem im Bereich der Altertumskunde und der Archäologie maßgeblich zur wissenschaftlichen Zusammenarbeit bei.

Der in Regensburg geborene Prähistoriker Hugo Obermaier (1877-1946) beispielsweise beschäftigte sich jahrzehntelang mit steinzeitlichen Funden und Höhlenmalereien in Spanien, nahm die spanische Staatsbürgerschaft an und erhielt einen Lehrstuhl an der Universidad Complutense in Madrid. Der Archäologe Adolf Schulten (1870-1960), seit 1907 Professor in Erlangen, arbeitete praktisch sein ganzes Leben in und über Spanien, vor allem an der Erforschung der für die spanische Geschichte und Identität so bedeutenden historischen Stätten Numancia (röm. Numantia) und Tartessos. Aufbauend auf ihren Arbeiten wurde 1943 die Abteilung Madrid des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) gegründet, die seit ihrer Wiedereröffnung 1954 besteht.

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit der spanischen Literatur, Kultur und Geschichte erhielt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ebenfalls maßgebliche Impulse aus Bayern. Stellvertretend seien hier der Rosenheimer Privatgelehrte Ludwig Pfandl (1881-1942) und der 1938 zwangsemeritierte Münchner Ordinarius für Romanistik und zweimalige Rektor der Ludwig-Maximilians-Universität, Karl Vossler (1872-1949), genannt, sowie der Historiker Adalbert von Bayern (1886-1970), Sohn von Prinzessin María de la Paz.

Nimmt man zu diesem wissenschaftlichen Austausch noch die Tatsache hinzu, dass 1916 in München die erste "Deutsch-Spanische Vereinigung" (später: "Deutsch-Hispanische Gesellschaft") gegründet wurde und dass zu dieser Zeit auch bereits ein spanisches Konsulat in München bestand, so zeichnete sich eine zunehmend intensiver werdende Beziehung ab, die vor allem auf kulturellem und sukzessive auch auf wirtschaftlichem Austausch beruhte.

Spanischer Bürgerkrieg und Zweiter Weltkrieg

Ein schwieriges Kapitel in den bayerisch-spanischen Beziehungen stellen die 1930er Jahre, insbesondere der Einsatz der sog. Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) dar. Untrennbar verbunden mit den Verbrechen während des Bürgerkriegs und dem Einsatz der Legion Condor ist die Zerstörung der baskischen Stadt Gernika. (Bundesarchiv, Bild 183-H25224 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0)

Diese Art der friedlichen Zusammenarbeit änderte sich jedoch durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 und den Putsch der Militärs unter General Francisco Franco (1892-1975, Diktator 1936 bzw. 1939-1975) in Spanien.

Im Spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) kämpfte der Münchner Kommunist Hans Beimler (KPD, 1895-1936) als einer der ersten internationalen Brigadisten für die Republik und fiel bereits Ende 1936 in Madrid. Den Putschisten ihrerseits stellte Adolf Hitler (NSDAP, 1889-1945, Reichskanzler 1933-1945), obwohl Deutschland in diesem Konflikt eigentlich neutral war, mit der "Legion Condor" Luftstreitkräfte zur Verfügung. Diese hatten nicht nur entscheidenden Anteil am Sieg Francos, es kam dabei auch erstmals der von den Bayerischen Flugzeugwerken in Augsburg konstruierte Jagdflieger "Messerschmitt Bf 109" zum Einsatz, u. a. bei der Bombardierung und Zerstörung der baskischen Stadt Gernika.

Im Gegenzug entsandte Franco im Zweiten Weltkrieg für das offiziell neutrale Spanien die sog. Blaue Division mit knapp 18.000 Mann nach Deutschland, die 1941 auf dem Truppenübungsplatz in Grafenwöhr (Lkr. Neustadt a.d. Waldnaab) ihre Grundausbildung erhielten. Zur gleichen Zeit wurden tausende ehemalige republikanische Kämpfer des Spanischen Bürgerkriegs, die nach Frankreich geflohen waren, als sog. Rotspanier in die deutschen Konzentrationslager verschleppt. Die meisten von ihnen kamen nach Mauthausen (Österreich), einige aber auch in die bayerischen Lager.

Nach der Befreiung der Konzentrationslager wandten sich etliche der Überlebenden 1945 hilfesuchend an Prinzessin María de la Paz in Schloss Nymphenburg (München). Ein Jahr später erwiesen die spanischen Republikaner und Kommunisten der Infantin die letzte Ehre, indem sie ihren Sarg in die Grablege der Wittelsbacher in St. Michael (München) trugen.

Wiederaufbau der Beziehungen nach 1945

Innerhalb weniger Jahre wandelte sich das Bild Franco-Spaniens in Deutschland mehrmals. Galt das Land vor Kriegsende als mehr oder weniger verlässlicher Verbündeter des nationalsozialistischen Regimes, so stand es nach 1945 zunächst als eine der letzten verbliebenen Diktaturen Europas am Pranger.

Mit Beginn des Kalten Krieges wurde es insbesondere für konservative Kreise wieder zum Hort der christlich-abendländischen Kultur und zu einem verlässlichen antikommunistischen Partner, der überdies Möglichkeiten für gute wirtschaftliche Beziehungen bot. Es gab jedoch auch weiterhin kritische Stimmen, die vor allem den Gewerkschaften und der SPD nahestanden, die bis in die 1970er Jahre die Überwindung der Diktatur und Demokratisierung forderten. In Bayern kamen diese durchaus antagonistischen Bewegungen in den deutsch-spanischen Beziehungen in ganz besonderer Weise zum Tragen.

Unter maßgeblicher Beteiligung der bayerischen Wirtschaft wurde im Jahr 1950 die "Deutsch-Spanische Gesellschaft" in München mit dem Ziel der Verbesserung der kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen wiedergegründet. Durch ihre exzellenten Verbindungen nach Spanien wurde sie in ihren Anfangsjahren, als die diplomatischen Beziehungen noch nicht wiederhergestellt waren, auch für die bayerische und deutsche Politik interessant. Eine weitere Möglichkeit zur Kontaktaufnahme mit Spanien außerhalb der offiziellen Kanäle bot die 1951 ebenfalls in München gegründete katholisch-konservative "Abendländische Aktion" bzw. die "Abendländische Akademie Eichstätt", die sich eng an das von Spanien finanzierte Europäische Dokumentations- und Informationszentrum (CEDI) anschlossen.

Prinz Adalbert von Bayern (1886-1970) wirkte ab 1952 als deutscher Botschafter in Madrid. Die Bundesregierung machte sich die alten dynastischen Verbindungen der Wittelsbacher zu Nutze, um die Beziehungen der beiden Staaten nach 1945 zu erneuern und zu festigen. (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Geheimes Hausarchiv, Wittelsbacher Bildersammlung, Prinz Adalbert 2/2b)

Allerdings hatte die Bundesregierung im Zuge der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen bereits 1951 begonnen, einen Botschafter für Madrid zu suchen. Die Wahl fiel schließlich 1952 auf Prinz Adalbert von Bayern, der durch seine Familie, als Historiker und als kurzzeitiger Präsident der Deutsch-Spanischen Gesellschaft über beste Kontakte nach Spanien verfügte, aber weder diplomatische noch politische Erfahrung aufwies. Als er 1956 abgelöst wurde, hatte er zwar auf kulturellem Gebiet Erfolge aufzuweisen, in der Frage der Rückerstattung beschlagnahmten deutschen Eigentums und beim Aufbau stabiler Wirtschaftskontakte aber wenig zu bewirken vermocht.

Dass Bayern zu einem wichtigen Zentrum der deutsch-spanischen Beziehungen in den Nachkriegsjahrzehnten wurde, verdankte es noch weiteren Institutionen und Entwicklungen. So wurde z. B. 1954 in München das Spanische Kolleg in kirchlicher Trägerschaft gegründet, das insbesondere spanischen Theologen die Möglichkeit zum Studium in München bot. Hinzu kam die Wiedereinrichtung des Konsulats, das gegen Ende des Krieges zunächst nach Bad Wiessee (Lkr. Miesbach) ausgelagert und dann geschlossen worden war.

Eine besondere Rolle spielte zudem 1956 die Eröffnung des ersten und für lange Zeit einzigen Spanischen Kulturinstituts in Deutschland. Dass der spanische Generaldirektor für kulturellen Austausch bei dieser Gelegenheit München als die Hauptstadt des Hispanismus in Deutschland bezeichnete, spricht für die Bedeutung Bayerns und der bayerischen Hauptstadt für die spanischen Beziehungen zu Deutschland in der Nachkriegszeit. Auch am deutsch-spanischen Kulturaustausch in die Gegenrichtung durch die Einrichtung des Goethe-Instituts in Madrid 1957 war Bayern maßgeblich beteiligt, da diese durch Prinz Adalbert in die Wege geleitet worden war und das Goethe-Institut seit seiner Gründung 1951 seinen Sitz in München hatte.

An die intensiven bayerisch-spanischen Kontakte der frühen Jahre der Bundesrepublik konnte Franz Josef Strauß (CSU, 1915-1988, Bundesminister 1953-1969) als Minister in Bonn anschließen. Mehrmals reiste er zwischen 1955 und 1960 nach Spanien. Doch sein wichtigstes Projekt, die Einrichtung eines Luftwaffenstützpunktes dort, scheiterte u. a. am Widerstand der Kritiker des Franco-Regimes. Allerdings wirkten in dieser Zeit, von 1952 bis 1960, der bayerische Flugzeugkonstrukteur Willy Messerschmitt (1898-1978) und seine Ingenieure in Sevilla maßgeblich an der Modernisierung der spanischen Luftwaffe mit.

Kritik an Franco aus Bayern

Die enger werdenden Beziehungen der Bundesrepublik, aber auch Bayerns zu Spanien seit den 1950er Jahren machten vielen Exilspaniern Hoffnung auf politische Reformen im eigenen Land. Der 1962 in München stattfindende "Kongress der Europäischen Bewegung", der vom Diplomaten und Schriftsteller Salvador de Madariaga (1886-1978) mitinitiiert worden war, gilt in der Forschung heute als wichtiger Schritt hin zum Ende der Franco-Diktatur. (Gemeinfrei via Wikimedia Commons)

Mit den wirtschaftlichen Reformen in Spanien seit Ende der 1950er Jahre, der vorsichtigen Annäherung Francos an europäische Institutionen und der Öffnung des Landes für den Massentourismus gab es in Spanien selbst und bei den Spaniern, die seit dem Bürgerkrieg im Ausland lebten, Hoffnungen auf eine auch politische Öffnung.

Dies nutzten die Exilspanier, um beim Kongress der Europäischen Bewegung 1962 in München erstmals mit der demokratischen Opposition, die sich innerhalb Spaniens formiert hatte, ins Gespräch zu kommen und Leitlinien für die künftige Demokratisierung zu entwickeln. Das Regime jedoch unterband energisch alle Versuche, die Ergebnisse des Münchner Treffens weiterzuverfolgen. Heute hingegen gilt dieses als ein überaus wichtiger Schritt auf dem Weg zur Überwindung der Diktatur.

Seit Ende der 1950er Jahre warb die Bundesrepublik Deutschland in Spanien sog. Gastarbeiter an. Das industriell im Aufstreben begriffene Bayern nahm allerdings lediglich 10% der nach Deutschland einwandernden Spanier auf und stand damit an vierter Stelle. Dennoch produzierte der Bayerische Rundfunk (BR) ab 1964 die spanischen Radiosendungen für alle Landesrundfunkanstalten in Deutschland. Wenig Verständnis brachte Franco-Spanien dafür auf, dass dort durchaus kritische Stimmen zu Wort kamen. Mehrfach kam es zu diplomatischen Interventionen auf höchster Ebene, und auch Vertreter von Politik und Wirtschaft in Bayern baten um Mäßigung angesichts der freundschaftlichen Beziehungen beider Länder.

Sogar nach Francos Tod, inmitten der Zeit des politischen Umbruchs, fand in Bayern noch ein regimekritisches Ereignis statt, dem aber nurmehr symbolische Bedeutung zukam. Seit 1941 hatten die in Europa, Süd- und Nordamerika lebenden Exilkatalanen jährlich einen Dichterwettstreit, die sog. Jocs Florals, veranstaltet, um gegen die Unterdrückung der katalanischen Sprache und Kultur unter der Diktatur zu protestieren. Mit den Blumenspielen von München endete nun 1977 dieser Abschnitt der katalanischen Geschichte, denn im Jahr darauf begann mit der Verabschiedung der neuen Verfassung die Zeit der Autonomie Kataloniens innerhalb des demokratischen Spaniens.

Bayern und das demokratische Spanien

Nach 1945 wurde München wichtiger Brückenkopf der spanisch-deutschen Beziehungen. Einer der bedeutendsten Einrichtungen hierfür wurde das 1956 in München gegründete Instituto Español de Cultura (seit 1991: Instituto Cervantes). München besaß damit jahrzehntelang das einzige spanische Kulturinstitut in Deutschland. (Instituto Cervantes München, Foto: Sabine Gottstein)

Nach dem Ende der Franco-Diktatur 1975, mit dem Übergang des Landes zur Demokratie und dem Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG, später EG und EU) 1986 haben sich die bayerisch-spanischen Beziehungen in allen Bereichen des kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Lebens intensiviert.

Die Zahl der in Bayern lebenden Spanier nahm durch Rückwanderungen nach 1975 und durch Einbürgerungen zwar zunächst stetig ab, steigt aber in den letzten Jahren wieder deutlich an. Derzeit (2018) leben, statistisch erfasst, gut 20.000 Spanier in Bayern.

Die Vertretung des Königreichs Spanien in Bayern ist das Generalkonsulat in München. Offiziellen Status hat auch das Spanische Fremdenverkehrsamt München. Das ehemalige "Spanische Kulturinstitut" ist heute als "Instituto Cervantes" längst aus den Schatten seiner Anfänge aus der Francozeit getreten und hat sich im Laufe seiner Geschichte als wichtigster Akteur der bayerisch-spanischen Beziehungen neben dem Generalkonsulat etabliert.

Spanisch und spanische Kultur in Bayern

Aus der Zeit der sog. Gastarbeiter stammen noch eine Vielzahl von spanischen Zentren und Familienvereinen in den größeren Städten Bayerns, die damals einen entscheidenden Beitrag für die Integration geleistet hatten. Heute stellen sie zusammen mit den deutsch-spanischen oder deutsch-iberischen Vereinen und Gesellschaften (z. B. in München, Passau, Regensburg oder Würzburg) einen bedeutenden Faktor für den Kulturaustausch dar.

Partnerschaftsvertrag Córdoba-Nürnberg 2010. (Stadt Nürnberg, Amt für Internationale Beziehungen, Fotograf: Esteban Cuya)

Auf kommunaler Ebene gibt es eine Reihe von Städtepartnerschaften mit Spanien (u. a. Würzburg-Salamanca, Nürnberg-Córdoba oder Passau-Málaga), die sich in vielen Fällen zivilgesellschaftlichem Engagement verdanken und durch Partnerschaftsvereine mit Leben gefüllt werden.

An den bayerischen Universitäten wird umfassend über Spanien geforscht. Die Hispanistik ist in den geisteswissenschaftlichen Fakultäten fest verankert. Zudem gibt es gemeinsame Studiengänge mit spanischen Universitäten sowie Forschungszentren zu Spanien, die Iberische Halbinsel oder Lateinamerika. Praktisch alle Hochschulen bieten zumindest Sprachkurse an. In vielen Gymnasien hat sich Spanisch als dritte oder spät beginnende Fremdsprache etabliert und wird auch an Volkshochschulen und Sprachschulen überaus rege nachgefragt. Zu diesem inzwischen auf hohem Niveau konsolidierten Boom der spanischen Sprache in Bayern hat selbstverständlich das Interesse an Lateinamerika in den letzten Jahrzehnten mit beigetragen. Aber dennoch nimmt Spanien in wirtschaftlicher, politischer und touristischer Hinsicht eine Sonderstellung unter den Spanischsprachigen Ländern ein.

Wirtschaft und Tourismus

Die spanische Wirtschaft erlebte in der Folge der Weltfinanzkrise 2007/08 einen im europäischen Vergleich besonders tiefen und lang anhaltenden Einbruch. Darunter litt auch der Handel mit Bayern, insbesondere, was die bayerischen Exporte nach Spanien angeht. Die Zahlen haben sich aber zehn Jahre nach der Krise (2017/18) wieder erholt. In der bayerischen Außenhandelsstatistik liegt Spanien mit einem Volumen von gut sechs Mrd. Euro bei den Exporten und knapp vier Mrd. Euro bei den Importen etwa auf dem zehnten Platz.

Bezeichnend für die enge wirtschaftliche Verflechtung ist, dass die wichtigsten Handelsgüter in beide Richtungen Kraftfahrzeuge und Fahrzeugteile ausmachen. Bei den spanischen Exporten folgen erst mit weitem Abstand landwirtschaftliche Erzeugnisse sowie chemische und pharmazeutische Produkte, bei den bayerischen Exporten Maschinen sowie elektrische und elektronische Geräte und Anlagen. Im Dienstleistungssektor sind spanische Unternehmen vor allem im Telekommunikationsbereich (O2), mit Banken (Banco Santander) sowie im Bekleidungshandel (Zara-Inditex), aber zunehmend z. B. auch in der Hotelbranche (Eurostars und Meliá Hotels) in Bayern vertreten.

Der Tourismus spielt selbstverständlich eine Sonderrolle in den bayerisch-spanischen Wirtschaftsbeziehungen. Seitdem sich Spanien Ende der 1950er und zu Beginn der 1960er Jahre neben dem Individualtourismus auch dem Massen- und Pauschaltourismus öffnete, investierten bayerische Unternehmen (etwa Touropa oder Quelle-Reisen) in diesen aufstrebenden Markt mit Schwergewicht auf den Standortfaktoren Sonne und Strand an der spanischen Mittelmeerküste, den Balearen mit Mallorca sowie den Kanarischen Inseln. Noch im Kontext der Erschließung immer neuer Urlaubsziele in Spanien geschah am 3. Dezember 1972 auf Teneriffa das für Bayern wohl tragischste Flugzeugunglück. Beim Rückflug nach München starben 155 Menschen, die Mehrzahl von ihnen bayerische Omnibusunternehmer, die die verunglückte Maschine gechartert hatten.

Seit vielen Jahren ist Spanien jedoch nicht nur Ziel für den klassischen Sommerurlaub am Strand, sondern partizipiert auch am zunehmenden Interesse etwa für Städte- oder Kulturreisen (Barcelona und Madrid, Andalusien) sowie am Wunsch, zumindest Teile des Jahres in klimatisch angenehmen Regionen zu verbringen (Residenztourismus). Bereits seit Jahrzehnten gehören bayerische Reiseveranstalter zu den Marktführern im Bereich der Nischenprodukte dieser Branche und bieten beispielsweise Studien- und Kulturreisen nach Spanien (Studiosus) oder Pilgerreisen insbesondere auf dem Jakobsweg (Bayerisches Pilgerbüro) an.

Allerdings ist Spanien nicht nur eines der meistbesuchten Ziele bayerischer Touristen, sondern gehört selbst inzwischen mit über 600.000 Übernachtungen (Stand 2018) auch zu den zehn wichtigsten Herkunftsländern ausländischer Reisender nach Bayern.

Fazit

Spanien ist heute aus bayerischer Sicht nicht nur eines der beliebtesten Reiseziele, aufgrund seiner jüngeren Geschichte steht das Land auch für einen eigenständigen Weg in die Demokratie und ist damit zu einem jederzeit verlässlichen Partner in Europa und für eine intensive wirtschaftliche Zusammenarbeit geworden. Der Freistaat Bayern seinerseits repräsentiert in Spanien nicht nur die Verbindung von Traditionspflege und Technologie, sondern ist für Spanier auch mit seinen Städten und Landschaften, seiner Kultur oder Lebensart attraktiv und gilt darüber hinaus angesichts der eigenen Suche nach einem Ausgleich zwischen den Regionen auf politischem Gebiet als Vorbild für gelungenen Föderalismus.

Literatur

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Weiterführende Recherche

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Empfohlene Zitierweise

Hubert Pöppel, Beziehungen zu Spanien (nach 1800), publiziert am 24.09.2019; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Beziehungen_zu_Spanien_(nach_1800)> (14.11.2019)






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