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Wirtschaft (nach 1945)

Ein Model präsentiert während einer Modenschau auf der Exportschau der bayerischen Textilindustrie im Haus der Kunst in München am 3. August 1946 einen Trenchcoat mit Hut. (Fotografie: Haus der Bayerischen Geschichte)
Ansprache von Prof. Ludwig Erhard (1897-1977), Direktor des Wirtschaftsrates des Vereinigten Wirtschaftsgebietes in Frankfurt, im bayerischen Landtag anlässlich der Eröffnung der Handwerksmesse am 15. Juli 1949. (Foto: Haus der Bayerischen Geschichte)

von Dirk Götschmann

Bayerns Wirtschaft verzeichnete nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs große Zuwächse. Zwar waren auch hier die Kriegszerstörungen groß und die Wirtschaft war am Boden oder stand unter dem Einfluss der staatlichen Zwangsbewirtschaftung, doch die Verlagerung vieler Unternehmen nach Bayern förderte den raschen Anstieg und die Erholung des Wirtschaftsstandortes Bayern. Darüber hinaus machte sich in den Nachkriegsjahren schnell der Strukturwandel vom Agrar- zum Industrie- und Dienstleistungsstandort bemerkbar, den das sog. Wirtschaftswunder weiter beförderte. Den langen Aufschwung der Wirtschaftswunderjahre konnten jedoch Wirtschaftskrisen und Ölpreisschock nicht nachhaltig stören. Die bayerische Wirtschaft profitierte nach dem Zusammenbruch des Ostblocks enorm von einer geographischen Verschiebung: Bayern war nicht mehr Randgebiet, sondern inmitten des europäischen Wirtschaftsgebietes. Die zunehmende Verzahnung heimischer und internationaler Waren- und Handelsströme macht die bayerische Wirtschaft auch anfällig für globale Krisen wie solche der jüngsten Vergangenheit.

Die Ausgangslage

Bereits Ende 1944 war vor allem wegen der zerstörten Verkehrsinfrastruktur die Versorgung der bayerischen Wirtschaft mit Rohstoffen zusammengebrochen. 1945 sank die industrielle und gewerbliche Produktion um rund zwei Drittel, die landwirtschaftliche um etwa ein Viertel ab. Gleichzeitig musste Bayern ca. 2 Mio. Flüchtlinge und Vertriebene dauerhaft aufnehmen, wozu eine halbe Mio. neuer Arbeitsplätze benötigt wurden. Da es weder in der Landwirtschaft noch im Dienstleistungsbereich einen entsprechenden Bedarf gab, mussten diese hauptsächlich von Industrie und Gewerbe bereitgestellt werden.

Die Voraussetzungen dafür waren grundsätzlich nicht ungünstig, da diese Wirtschaftsbereiche schon vor und während des Krieges erheblich expandiert hatten. Vor allem der Maschinen-, Fahrzeug-, Stahl- und Eisenbau sowie die optische und feinmechanische Industrie waren Dank des großen Bedarfs an Rüstungsgütern, auf deren Herstellung sich diese Industrien während des "Dritten Reiches" konzentriert hatten, kräftig gewachsen; sie stellten vor dem Zusammenbruch 1945 die mit Abstand wichtigsten Industriezweige dar. Große Zuwächse hatte es aus dem gleichen Grund auch bei der chemischen Industrie, der Elektroindustrie, der Eisen-, Stahl- und Blechwaren erzeugende Industrie sowie bei der Nichteisen-Metallindustrie gegeben. Alle diese Branchen hatten sich größtenteils bereits seit dem 19. Jahrhundert sehr positiv entwickelt und verfügten somit über eine solide Basis. Im "Dritten Reich" hatten dann viele Unternehmen von den Rüstungsaufträgen außerordentlich profitiert und ihre Gewinne zu umfangreichen Investitionen genutzt. Da man damit rechnete, dass Bayern voraussichtlich außerhalb des Machtbereiches der UdSSR bleiben würde, verlegten wichtige auswärtige Unternehmen (z. B. Siemens und die Auto-Union) bereits vor dem Zusammenbruch Industrieanlagen dorthin; danach wurden diese Verlagerungen verstärkt fortgesetzt. Von Mai 1945 bis Dezember 1947 wurde allein in den Sparten Eisen und Stahl, Maschinen- und Fahrzeugbau, Optik und Feinmechanik die Zulassung von 632 neuen Industriebetrieben registriert, von denen 138 von Flüchtlingen und Vertriebenen angemeldet wurden.

So war das Anlagevermögen der bayerischen Industrie nach dem Zusammenbruch trotz der Kriegsschäden erheblich höher als 1939. Bis 1945 waren die neuen industriellen Kapazitäten jedoch nahezu ausnahmslos in den kriegswichtigen Industriebereichen entstanden, so dass nun einem beträchtlichen Teil davon die Demontage drohte. Tatsächlich aber wurde von der amerikanischen Besatzungsmacht nur ein Teil der zunächst geplanten umfangreichen Demontagen durchgeführt, mit der Folge, dass die bayerische Industrie letztlich auch dadurch keine wesentliche Schmälerung ihres Anlagevermögens erlitt.

Diese umfangreichen Kapazitäten in zukunftsträchtigen Industriesparten ermöglichten im Zusammenwirken mit dem großen Potential an Arbeitskräften einen raschen und nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung, sobald die Notjahre unmittelbar nach dem Zusammenbruch überwunden waren. Das Startsignal dazu gab im Juni 1948 die Währungsreform.

Die Mehrzahl der angeworbenen ausländischen Arbeitnehmer hatten wenig bis keine Kenntnisse der deutschen Sprache. Die Unternehmen organisierten daher für ihre ausländischen Mitarbeiter Sprachkurse. (Foto: BSH Hausgeräte GmbH)

Vom "Wirtschaftswunder" zum "Ende des Wachstums" (1950-1973)

Nach der Währungsreform vom 20. Juni 1948 normalisierten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse erstaunlich rasch. Bereits 1950 bewegte sich Bayerns Wirtschaft wieder in den Bahnen der langfristigen Entwicklungstrends. Der Anteil der in Land- und Forstwirtschaft Tätigen sank gegenüber 1946 um 6,6 %, jener der im öffentlichen Dienst und in den Dienstleistungen Tätigen um 0,6 %, wogegen der Anteil der Beschäftigten in Industrie und Handwerk um 7,8 % und der in Handel und Verkehr um 1,4 % zulegte. Die zahlreichen, teilweise erst während des Krieges entstandenen Arbeitsplätze in der Industrie wurden jetzt größtenteils rasch wieder besetzt, und die Lücken, welche Zwangsarbeiter und Dienstverpflichtete hinterlassen hatten, wurden von Flüchtlingen und Vertriebenen sowie in zunehmendem Maße von aus der Landwirtschaft Abwandernden geschlossen.

Mit der Einführung der DM stieg auch die Zahl derjenigen, die Arbeit suchten, d. h. der registrierten Arbeitslosen, stark an. Ihre Zahl wuchs von weniger als 146.000 zum Zeitpunkt der Währungsumstellung im Juni 1948 auf fast 525.000 im Februar 1950 an; das war der absolute, seither nie wieder erreichte Höhepunkt. Von da ab sank die Arbeitslosenzahl kontinuierlich. 1955 lag sie im Monatsdurchschnitt noch bei 230.000, 1960 nur noch bei 68.700, 1965 bei 43.700 und 1970 schließlich bei 36.900; das entsprach 1 % der Erwerbstätigen. Wie an diesen Zahlen abgelesen werden kann, reichte das inländische Arbeitskräftepotential bis gegen Ende der 1950er Jahre aus, den stetig wachsenden Bedarf an Arbeitskräften zu decken. 1959/60 ging dann auch die bayerische Wirtschaft dazu über, gezielt ausländische Arbeitnehmer anzuwerben. Verzeichnete die bayerische Statistik 1958 noch einen Gesamtzuzug aus dem Ausland von 38.207 Menschen, wovon 8.763 Flüchtlinge und Vertriebene waren, so waren es 1960 bereits 63.251, davon noch 6.308 Flüchtlinge und Vertriebene. Bis 1970 stieg dieser jährliche Zuzug auf 174.556 Personen an. Davon kamen 44.145 Menschen aus Jugoslawien, 32.277 aus der Türkei, 27.691 aus Italien, 23.478 aus Österreich und 19.727 aus Griechenland. Die Zahl der ausländischen Arbeitnehmer in Bayern wuchs von knapp 37.000 im Jahr 1960 auf annähernd 351.000 im Jahr 1970 und 376.000 im Jahr 1974 an.

Das starke Wirtschaftswachstum jener Jahre, das "Wirtschaftswunder", wurde maßgeblich von der Industrie generiert. Wie in ganz Westdeutschland stand in dieser Phase auch in Bayern zunächst die Wiederherstellung der zerstörten oder demontierten Industriekapazitäten im Vordergrund. Da sich diese Verluste in Bayern jedoch in engen Grenzen hielten und vor allem die wenigen traditionell hochindustrialisierten Räume trafen - hier sind an erster Stelle die großen Städte mit ihrem Umland zu nennen, allen voran München, Nürnberg/Fürth/Erlangen sowie Augsburg, aber auch einige kleinere wie etwa Schweinfurt, Aschaffenburg und Ingolstadt -, wurde diese Rekonstruktion hier sehr bald vom Aufbau neuer, zukunftsträchtigerer Industrien flankiert. Besonders gut entwickelten sich die Investitions- und Verbrauchsgüterindustrien, in der nahezu die Hälfte der bayerischen Industriebeschäftigten tätig war. Von 1951 bis 1957 wurden annähernd 1.200 Industriebetriebe mit mehr als 10 Beschäftigten gegründet, womit sich deren Zahl um 12,5 % erhöhte. Eine Reihe dieser Betriebe kam aus der "Ostzone" beziehungsweise der DDR. In den Jahren zwischen Kriegsende und 1955 verlagerten insgesamt rund 800 Betriebe ihre Produktionsstandorte von dort nach Bayern. Darunter waren auch renommierte Industriebetriebe wie Werke von Siemens, die bisher in Eisenach ansässige PKW-Fertigung von BMW, die Auto-Union oder auch das Elektronikunternehmen Loewe. Zudem wurden zahlreiche Unternehmen von Flüchtlingen und Vertriebenen in Bayern neu gegründet. Diese Betriebe stellten zweifellos eine Bereicherung von Bayerns Industrie und Gewerbe dar, aber ihr Anteil daran war entschieden zu gering, als dass es gerechtfertigt wäre, von einer "importierten Industrialisierung" Bayerns zu sprechen.

Die Grundlage des "Wirtschaftswunders" war neben dem boomenden Export eine starke Binnennachfrage, welche auch eine Folge der Bevölkerungszunahme Westdeutschlands war. Da Bayern viele Flüchtlinge und Vertriebene aufgenommen hatte, war diese Zunahme hier größer als im Bundesdurchschnitt. Dies wiederum führte dazu, dass Bayerns Wirtschaft, sobald die Massenkaufkraft anstieg, einen zusätzlichen Schub erhielt. Das rasche industrielle Wachstum veränderte aber auch die Erwerbsstruktur Bayerns und verschob damit die Gewichte zwischen Stadt und Land weiter. Von 1951 bis 1957 entstanden in der Industrie 323.000 neue Arbeitsplätze; von diesen waren 198.000 in den 13 größten Städten angesiedelt, davon der Löwenanteil in München (72.000), Nürnberg (68.000) und Augsburg (33.000). Die schon vor dem Krieg zu beobachtende Landflucht und Wanderbewegung von Nord- nach Südbayern ging damit nach einer kurzen Unterbrechung weiter. Bayernweit wuchs die Bevölkerung 1950 bis 1961 um ca. 3,6 %, in Oberbayern jedoch um ca. 11,4 % und in Mittelfranken um ca. 7,6 %. Dagegen verzeichnete Niederbayern einen Schwund um ca. 13 %, Oberfranken um ca. 2,9 % und die Oberpfalz um knapp 0,8 %.

Der Wandel der Wirtschaftsstruktur führte zudem zu signifikanten Verschiebungen in der Zusammensetzung des Bruttoinlandsprodukts. Während der Anteil der Land- und Forstwirtschaft von 14,5 % im Jahre 1950 auf 9,4 % im Jahr 1960 absank, nahm der des sekundären Sektors von 45,2 % auf 49,6 % und der des tertiären von 30,4 % auf 32,1 % zu. In der Landwirtschaft sind in diesem Zeitraum rund 369.000 Arbeitsplätze verloren gegangen, während im sekundären Sektor ca. 573.000 und im tertiären rund 397.000 neue entstanden. Anders als in den industriell weiter entwickelten Ländern, die schon ab Mitte der 1950er Jahre unter einem zunehmenden Mangel an Arbeitskräften litten, konnte die Industrie in Bayern auf das große Reservoir des landwirtschaftlichen Sektors zurückgreifen. Auch dies trug dazu bei, dass sie nun schneller wachsen konnte als im Bundesdurchschnitt. Um dieses Arbeitskräftepotential ausschöpfen zu können, zogen manche Unternehmen aufs Land, was die Politik durch Subventionen und einem massiven Ausbau der (Verkehrs-)Infrastruktur förderte.

Bayerns Industrie wuchs auch in den 1960er Jahren kräftig weiter. Ihr Umsatz legte von 1960 bis 1975 von 32,7 Mrd. DM auf 109,2 Mrd. zu, das war eine Steigerung von 234,1 %; die Umsatzsteigerung der gesamten deutschen Industrie lag bei nur 175,5 %. Durch diese Wachstumsunterschiede erhöhte sich der Anteil Bayerns am westdeutschen Industrieumsatz von 12,3 % im Jahr 1960 auf 14,9 % im Jahr 1975. Im Gegenzug verlor die Landwirtschaft weiter an Bedeutung. Die Zahl der hier Tätigen sank von 1.385.200 im Jahr 1950 auf 646.900 im Jahr 1970 ab, womit ihr Anteil an den Erwerbstätigen von 33,1 % auf 13,2 % zurückging. Gleichzeitig vollzog sich hier auch ein Strukturwandel. Die Zahl der landwirtschaftlichen Nebenerwerbsbetriebe nahm von 1949 bis 1971 von ca. 100.000 auf ca. 177.000 zu, ihr Anteil an allen landwirtschaftlichen Betrieben damit von 21 % auf 42 %. Die Zahl der selbständigen Landwirte sank von 1950 bis 1960 um 12,3 % und von 1960 bis 1970 nochmals um 33,2 %, der Anteil der Landwirtschaft am Bruttosozialprodukt von 9,4 % im Jahr 1960 auf 4,7 % im Jahr 1970. Die auf dem Land geschaffenen Industriearbeitsplätze reichten nicht aus, um diese Arbeitskräfte aufzunehmen. Während in den 13 größten bayerischen Städten die Zahl der Erwerbstätigen von 1,024 Mio. im Jahr 1950 auf 1,511 Mio. im Jahr 1970 wuchs, ging ihre Zahl außerhalb davon von 2,876 Mio. auf 2,851 Mio. zurück. Damit vergrößerte sich der Abstand zwischen Stadt und Land bei der Beschäftigtenquote deutlich. Kamen 1950 in den 13 Industriestädten 478 Beschäftigte auf 1.000 Einwohner und außerhalb dieser 413, so waren es 1970 in den Zentren 544 gegenüber 344 außerhalb. Die Differenz hatte sich damit von 65 auf 200 vergrößert. Der Arbeitsplatzabbau in der Landwirtschaft bewirkte zudem, dass die Zahl der Erwerbstätigen relativ wenig zunahm. Diese stieg zwar von 1950 bis 1970 von 4.183.500 auf 4.894.500 und damit um 16,9 % an, aber dieser Anstieg war weitaus geringer als der im sekundären Sektor. Hier nämlich hatte die Zahl der Erwerbstätigen um 47,5 % zugelegt. Auch das Nord-Süd-Gefälle verstärkte sich durch diese Entwicklung. So wuchs von 1961 bis 1970 die Zahl der Erwerbstätigen in Oberbayern um 183.000, in Bayern insgesamt aber nur um 154.800. Grund dafür war, dass ihre Zahl in drei Regierungsbezirken zurückgegangen war: In Niederbayern um 6.800, in Unterfranken um 13.000, und in Oberfranken um 27.700.

Auch der Dienstleistungssektor hat bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit seinen Teil zum Wachstum der bayerischen Wirtschaft beigetragen, auch wenn er erst in den 1970er Jahren dem sekundären Sektor den Rang abzulaufen begann. Gut nachvollziehen kann man diese Entwicklung am Beispiel des Fremdenverkehrs. Die aussagekräftigste Zahl ist hier wohl die der Gästeübernachtungen: Sie lag mit 4,9 Mio. im Jahr 1947 weit unter der von 1938, als es schon 21,9 Mio. waren. 1950 waren es immerhin wieder 8,5 Mio., und bis 1960 wuchs diese Zahl dann auf 26,3 Mio. an, womit man die höchsten Vorkriegszahlen deutlich überschritten hatte. Bis 1970 konnte man diese Zahl dann auf 50,8 Mio. erhöhen, womit man in ganz neuen Größenordnungen angelangt war.

Zwischen Krise und Wiedervereinigungs-Boom (1973-1990)

Die mit der Ölversorgungskrise von 1973 verbundene starke und dauerhafte Ölpreiserhöhung beendete die Epoche eines nahezu stetigen Wirtschaftswachstums. Das "Goldene Zeitalter" der Nachkriegszeit war zu Ende; nun begannen von starken Konjunkturschwankungen geprägte "Krisenjahrzehnte". Die Bundesrepublik erlebte ihre erste schwere Rezession; die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte wurde vorübergehend gestoppt. In Bayern stieg die Zahl der Arbeitslosen von 36.900 im Jahr 1970 auf fast 200.000 im Jahr 1975 an.

Der starke Anstieg der Energiekosten beschleunigte einen in den fortgeschrittenen Industrienationen schon länger laufenden Wandel: Die energieintensive "klassische" Industrie entwickelte sich zur "Dienstleistungsindustrie" weiter. Da "alte" Industriezweige wie Bergbau, Stahl- und Grundstoffindustrie in Bayern seit jeher gering vertreten waren, vollzog sich der Strukturwandel hier reibungsloser als in anderen Bundesländern. In Bayern waren vom industriellen Arbeitsplatzabbau fast nur die Textil- und Bekleidungsindustrie sowie die feinkeramische und die Glasindustrie betroffen. Die Zahl der Beschäftigten im sekundären Sektor verringerte sich von 1970 bis 1987 von ca. 2.309.200 auf 2.242.600, ihr Anteil an den Erwerbstätigen von 47,2 % auf 44,0 %. Weitaus größer war der Arbeitsplatzabbau in der Landwirtschaft. Waren 1970 hier noch rund 646.900 Menschen tätig, so waren es 1987 nur noch 269.700; ihr Anteil an den Erwerbstätigen ging damit von 13,2 % auf 5,1 % zurück. Kaum ins Gewicht fiel dagegen der Arbeitsplatzabbau in den "alten" Bereichen Bergbau und Stahlproduktion, vom dem vor allem der Kohlenbergbau in Oberbayern und die Hüttenwerke in der Oberpfalz betroffen waren.

Von 1970 bis 1992 nahm die Gesamtzahl der Erwerbstätigen Bayerns von 4,9 auf 5,8 Mio. zu, wobei sich der Anteil der im gewerblichen Sektor Tätigen von 47,1 % auf 42,1 % verminderte. Vor allem in den Bereichen Textil, Bekleidung und Leder, aber auch in der feinkeramischen und in der Glasindustrie gingen Arbeitsplätze verloren, wohingegen sich die elektrotechnische Industrie, der Maschinenbau sowie eine Reihe kleinerer Branchen als stabil erwiesen. Einen Zuwachs von fast 100 % und damit den größten innerhalb dieses Sektors aber verzeichnete der Fahrzeugbau, der nun ca. 12 % der Beschäftigten des produzierenden Gewerbes stellte. Geringere Zuwächse wiesen die Bereiche Chemie und Kunststoffe sowie das Ernährungsgewerbe auf.

Damit verstärkte sich auch das wirtschaftliche Nord-Süd-Gefälle weiter, denn die Industriearbeitsplätze gingen vor allem in den strukturschwachen Regionen verloren, während die neuen im Dienstleistungssektor vorzugsweise in den Ballungsräumen entstanden, und zwar besonders in denen südlich der Donau. Von dem Plus von 202.400 Arbeitsplätzen, das Bayern von 1970 bis 1987 verzeichnen konnte, entfiel mit 160.500 der Löwenanteil auf Oberbayern. Deutlich abgeschlagen folgten mit einem Zuwachs von jeweils ca. 27.000 Schwaben und Unterfranken, danach Niederbayern mit 22.300, die Oberpfalz mit 11.600 und Mittelfranken mit 2.900. In Oberfranken dagegen sind in diesem Zeitraum 40.600 Arbeitsplätze verloren gegangen. Das hatte eine weitere Verschiebung der Bevölkerung zur Folge. Während die Bevölkerung ganz Bayerns von 1970 bis 1989 um 7,1 % wuchs, waren es in Oberbayern 11,9 %, in Schwaben 8,6 % und in Niederbayern 8,2 %. Unter dem Durchschnitt lagen Mittelfranken mit 5,4 %, Unterfranken mit 4,5 % und die Oberpfalz mit 2,9 %. Oberfranken verlor in diesem Zeitraum 2,2 % seiner Bevölkerung.

In den 1980er Jahren hat sich das bayerische Wirtschaftswachstum insgesamt deutlich abgeschwächt; 1985 sowie 1988 lag der prozentuale Zuwachs des bayerischen Bruttoinlandprodukts - berechnet nach den jeweiligen Preisen - wieder unter dem des Bundes, was seit zehn Jahren nicht mehr der Fall war. Die sich damit abzeichnende Anpassung an die gesamtwirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik wurde jedoch im Epochenjahr 1989 gestoppt, denn durch die Wiedervereinigung, die Öffnung des "Eisernen Vorhangs" und die Osterweiterung der EU rückte Bayern schlagartig vom Rand des europäischen Wirtschaftraumes in dessen Zentrum. Seine bisherigen Standortnachteile wurden zu Standortvorteilen; der Wirtschaftsstandort Bayern gewann nachhaltig an Attraktivität. 1990 und 1991 wuchs das Bruttosozialprodukt Bayerns jeweils um mehr als 5 %.

Bayerns Wirtschaft im Zeichen der Globalisierung

Dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums und der Auflösung des "Sozialistischen Lagers" folgte ein wirtschaftlicher Entwicklungsschub mit einer enormen Steigerung des weltweiten Austauschs von Waren und Dienstleistungen. Gerade der Dienstleistungssektor wuchs überproportional, da die modernen, komplexen Wirtschaftsgüter vielfach erst durch das in ihnen enthaltene und ihre Verwendung flankierende "Know-how" ihren eigentlichen Wert erhalten. Von 1990 bis 2000 legte die weltweite Industrieproduktion um 80 % zu, der Wert der internationalen Kapitalströme aber versechsfachte sich. Diese "Globalisierung" bewirkte zudem eine enge Verflechtung aller Volkswirtschaften sowie eine starke Ausweitung der gegenseitigen Auslandsinvestitionen und der Landes- und Kontinentgrenzen überschreitenden Unternehmenszusammenschlüsse und Kooperationen.

Für Bayerns Wirtschaft waren die 1990er Jahre vor allem das Jahrzehnt der "Tertiarisierung", denn der Anteil des produzierenden Gewerbes an der Bruttowertschöpfung ging nun erheblich zurück, während der des Dienstleistungssektors entsprechend zunahm. Waren 1992 noch 41,2 % der Beschäftigten im sekundären Sektor und 36,2 % im Dienstleistungssektor tätig, so stellte sich das Verhältnis im Jahr 2000 umgekehrt dar: 38,2 % im Dienstleistungs- und nur noch 35,7 % im sekundären Sektor. Aus den oben genannten Gründen, d. h. vor allem wegen des geringeren Anteils "alter" Industriezweige, hat Bayerns Wirtschaft diesen Wandel schneller vollzogen als die anderer Länder, so dass das bayerische Wirtschaftswachstum in diesen Jahren um etwa einen halben Prozentpunkt höher ausfiel als das auf Bundesebene.

Die Zahl der Erwerbstätigen nahm in dem Jahrzehnt von 1990 bis 2000 um 148.000 Personen von 5,731 Mio. auf 5,879 Mio. zu, die Bevölkerung hingegen um 781.000 Menschen von 11,449 Mio. auf 12,230 Mio.; damit sank die Erwerbsquote von 53,0 % auf 50,9 %. Die Zahl der Arbeitslosen stieg im gleichen Zeitraum von 240.745 auf 339.387 und damit von 5,1 % auf 6,3 %. Dennoch nahm das Bruttoinlandsprodukt in Bayern je Einwohner von 1993 bis 2002 um 15 % zu, während es im Bundesdurchschnitt nur ca. 10 % waren.

An diesem Wachstum war auch das produzierende Gewerbe beteiligt, denn obwohl sich die Zahl der Betriebe in diesem Sektor von 9.899 auf 8.057 und die Zahl der darin Beschäftigten von 1.443 auf 1.207 Mio. verringerte, wuchs dessen Umsatz von 308,6 auf 482,3 Mrd. Euro an. Einen weitaus größeren Beitrag zu diesem Anstieg leistete jedoch der Dienstleistungssektor, und hier wiederum vor allem das Finanzdienstleistungsgewerbe. Die Wertschöpfung des letzteren stieg von 1991 bis 2000 um 60 % an, während diejenige der bayerischen Wirtschaft insgesamt in diesem Zeitraum "nur" um 21 % wuchs. Diese Entwicklung war vor allem der Deregulierung und der Ausweitung der Finanzgeschäfte zu verdanken. Da das klassische Bankgeschäft stark an Dynamik verlor, weiteten die Banken ihre provisionsabhängige Geschäftstätigkeit stark aus und erschlossen sich so lukrativere Geschäftsfelder. Die Bildung des europäischen Binnenmarktes 1993, der einen freien Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr erlaubte, sowie die Einführung des "Europäischen Passes", der es den Banken ermöglichte, sämtliche Finanzprodukte in der gesamten EU ohne nochmalige Zulassung anzubieten, beschleunigte diese Entwicklung. Waren 1990 erst drei Münchner Bankinstitute mit insgesamt 19 Auslandsfilialen und 11 Auslandstöchtern im Ausland engagiert, so waren es im Jahr 2000 sechs Institute mit 27 Filialen und 50 Töchtern. Gleichzeitig vollzog sich in der Bankenlandschaft ein Konzentrationsprozess, der auch das Versicherungswesen erfasste. Schon vor der Jahrtausendwende zeichnete sich jedoch auch die Krise ab, in die das Finanzwesen bald danach geriet: Zugunsten der Steigerung des Umsatzes und der Erträge nahmen die Banken immer häufiger unkalkulierbare Risiken in Kauf. Das führte 2007 zu hohen Verlusten, die nicht nur die Staatsfinanzen belasteten, sondern auch einen massiven wirtschaftlichen Einbruch zur Folge hatten.

Literatur

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  • Paul Erker, Industriewirtschaft und regionaler Wandel. Überlegungen zu einer Wirtschaftsgeschichte Bayerns 1945-1995, in: Maximilian Lanzinner/Michael Henker (Hg.), Landesgeschichte und Zeitgeschichte (Materialien zur Bayerischen Geschichte und Kultur 4/97), Augsburg 1997, 41-51.
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  • Klaus Schreyer, Bayern - ein Industriestaat. Die importierte Industrialisierung. Das wirtschaftliche Wachstum nach 1945 als Ordnungs- und Strukturproblem, München/Wien 1969.
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Quellen

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  • Bayern in Zahlen, hg. vom Bayerischen Statistischen Landesamt (seit 1982: Bayerisches Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung) 1947ff.
  • Bayerns Wirtschaft gestern und heute, hg. vom Bayerischen Statistischen Landesamt (seit 1982: vom Bayerischen Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung), 1962-1994 (erschien seit 1976 im zweijährigen Rhythmus)
  • Wolfgang Benz (Hg.), Ludwig Vaubel. Zusammenbruch und Wiederaufbau. Ein Tagebuch aus der Wirtschaft 1945-1949 (Biographische Quellen zur Zeitgeschichte 1), München 1985.
  • Statistisches Jahrbuch für Bayern.
  • Zeitschrift des Bayerischen Statistischen Landesamtes, 1919-1980; 1980 aufgegangen in "Bayern in Zahlen" (s.o.)

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Wirtschaftliche Entwicklung, Volkswirtschaftliche Entwicklung, Bayerische Volkswirtschaft

Empfohlene Zitierweise

Dirk Götschmann, Wirtschaft (nach 1945), publiziert am 01.10.2012; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Wirtschaft_(nach_1945)> (7.12.2019)




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