Architektur (Weimarer Republik)

von Franz Hauner

Die Architektur zur Zeit der Weimarer Republik ist charakterisiert durch die Auseinandersetzung mit der Moderne. Während Stuttgart, Frankfurt am Main oder Berlin mit modernen Wohnsiedlungen Furore machten, galt Bayern als rückständig. Dennoch avancierten auch dort "Licht, Luft und Sonne" zu allgegenwärtigen Schlagworten. Erkenntnisse auf dem Gebiet der Hygiene revolutionierten nicht nur den Wohnungsbau, sondern wurden nach dem Ersten Weltkrieg in vielen Bereichen in Bezug auf "Volksgesundheit" und "Volkserziehung" umgesetzt. Gegen Ende der Weimarer Republik bot sich im Freistaat ein breites Spektrum des sog. Neuen Bauens. Den Fortschritt verkörperten moderne Krankenhäuser, eine prämierte Stadionanlage, der modernste Milchhof Europas, international beachtete Wohnanlagen sowie Postbauten und sogar Hochhäuser. Im Gegensatz zur Avantgarde, die den Bruch mit der Tradition forderte, setzte die Adaption der Moderne in Bayern eigene Akzente, indem sie auf dem Boden der Tradition eine Anpassung an neue Bedürfnisse anstrebte. Obwohl Bauten aus dieser kurzen Epoche das Bild vieler bayerischer Städte bis heute prägen, lassen sie sich nicht immer auf den ersten Blick dem Neuen Bauen zuordnen, was den Umgang mit dem baukünstlerischen Erbe der 1920er Jahre bisweilen erschwert.

Rahmenbedingungen

Thomas Wechs, Fassade des sog. Schuberthofs in Augsburg von 1928/29. (Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Augsburg)

Die Jahre 1918 bis 1924 mit dem verlorenen Ersten Weltkrieg, der Revolution, der Räterepublik und der Inflation bedeuteten für den jungen Freistaat eine schwere Hypothek und schränkten seine Handlungsfähigkeit ein. Erst durch die Währungsreform vom November 1923 entspannte sich die wirtschaftliche Lage, so dass sich für die Kommunen 1924 bis zum Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 ein kurzes Zeitfenster öffnete, um anstehende Bauaufgaben zu realisieren. Bauprojekte der Gemeinnützigkeit, der Wohlfahrtspflege und der sozialen Fürsorge sowie des Arbeitslebens und der Freizeitgestaltung stellten die bayerischen Städte, die in Folge der Industrialisierung mit Wohnungsnot kämpften, vor neue städtebauliche Herausforderungen. Die zunehmende Abwanderung der Landbevölkerung in die Städte beschleunigte die Urbanisierung und beförderte unhygienische und beengte Wohnverhältnisse in Mietskasernen.

Das Neue Bauen, eine Strömung in Architektur und Städtebau, die sich in ihren Grundzügen bereits vor dem Ersten Weltkrieg herausgebildet hatte, setzte sich in der Weimarer Republik zunehmend durch. Damit eröffnete sich eine Möglichkeit, mit Innovationen den Investitionsstau auf dem Wohnungsmarkt aufzulösen. Zugleich wollte man die Provinzialität überwinden, mit der fast jede größere bayerische Stadt im Wettstreit um die bestmögliche Anpassung an die Moderne haderte. Jedoch erschwerten knappe Finanzen und unterschiedliche Voraussetzungen wie fehlende Generalbebauungspläne oder Kanalisationen eine zukunftsorientierte Stadtplanung.

Vielfach mussten sich die Architekten der städtischen Hochbauämter erst mit Neuem Bauen und neuer Wohnkultur auseinandersetzen. Dennoch versuchten sie, über den Minimalkonsens einer einheitlicheren und sachlicheren Fassadengestaltung, funktional durchdachter Grundrisse und Typisierung, das Neue Bauen in Bayern zu etablieren. Für die Akzeptanz des Neuen Bauens war die personelle Konstellation in Kommunalpolitik und Stadtverwaltung entscheidend. So befürwortete der Nürnberger Oberbürgermeister Hermann Luppe (DDP, 1874-1945, Oberbürgermeister 1920-1933) Neue Sachlichkeit nur bei Sportstadien und Industriebauten. In Augsburg ließen der 2. Bürgermeister Friedrich Ackermann (SPD, 1876-1949, 2. Bürgermeister 1919-1933) und Stadtbaurat Otto Holzer (1874-1933) dem Architekten Thomas Wechs (1893-1970) beim Bau des Schubert- und Lessinghofes weitgehend freie Hand. In der Regel aber schränkten die städtischen Hochbauämter durch Vorgaben den Rahmen für die architektonische Gestaltung der Siedlungen ein, um eine gewisse Einheitlichkeit zu erreichen.

Architektonische Strömungen allgemein

Eine Abkehr vom Zuckerbäckerstil des Historismus hatte sich um die Jahrhundertwende mit einer Reduzierung des ornamentalen Gebäudeschmucks und dem Aufkommen der Stahlbetonbauweise angebahnt. Neue Impulse kamen unter anderem aus den USA mit der Architektur Frank Lloyd Wrights (1867-1959), aus den Niederlanden mit der De-Stijl-Bewegung, aus der Schweiz von Le Corbusier (eigentl. Charles-Édouard Jeanneret-Gris, 1887-1965), aus Wien von den neuen Wohnanlagen und den Werkbund-Architekten sowie aus der Sowjetunion mit dem Konstruktivismus. Deutschland gilt mit dem 1919 in Weimar gegründeten Bauhaus allgemein als Kernland des modernen Baustils, wobei die plakative Architektur der Avantgardisten nur 5 bis 10 Prozent des Baugeschehens der Weimarer Zeit ausmacht. Urbanität, innovative Technologien, moderne Materialien sowie sozialreformerische Bestrebungen waren die Voraussetzungen für die Entwicklung einer Vielfalt neuer Baustile. Diese reichen von einer vom Bauhaus propagierten Neuen Sachlichkeit bis zum konservativen Heimatschutzstil als auch zu einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der Architektur zur Moderne. Allen gemeinsam ist das Bemühen um eine klare architektonische Formensprache.

Prägend für die Architektur im süddeutschen Raum waren traditionsorientierte Architekten der sog. Stuttgarter Schule. Während Theodor Fischer (1862-1938) Erneuerung mit regionaler Identität verband und sich dem Bauhaus gegenüber aufgeschlossen zeigte, polemisierte German Bestelmeyer (1874-1942), der wie Paul Schultze-Naumburg (1869-1949) und andere völkisch-nationale Architekten der Vereinigung "Der Block" angehörte, gegen das Neue Bauen.

Bedeutendste architektonische Stilrichtungen in Bayern

Die Architektur in Bayern zur Zeit der Weimarer Republik passt weder in die üblichen kunsthistorischen Schemata, noch lässt sie sich auf die Diskussion "Steildach gegen Flachdach" oder Heimatschutz gegen Bauhaus reduzieren. Die Berührungspunkte zwischen den einzelnen Stilströmungen Bauhaus – Neue Sachlichkeit – Neues Bauen – Heimatschutz spiegeln den Einfluss politischer und sozialer Rahmenbedingungen, kommunalpolitische Entwicklungen sowie das Verhältnis zwischen Bayern und dem Reich wider. Im Gegensatz zum Reich und in Ablehnung der sog. Berliner Moderne beanspruchte Bayern für sich eine Sonderstellung auf Grund seiner kulturellen Prägung durch das vormalige Herrscherhaus der Wittelsbacher und die katholische Kirche. Das Neue Bauen, von seinen Protagonisten als Symbol einer neuen Gesellschaft propagiert, wurde wegen seiner Förderung durch das Reich mit dem Staat der Weimarer Republik assoziiert. Durch das Streben des Freistaats nach Eigenständigkeit und den Kampf gegen ein vermeintliches Kunstdiktat des protestantisch-preußischen Norddeutschland erhielt die Architektur eine politische Note. Als oberstes Prinzip für eine moderne Architektur in Bayern kristallisierte sich unter anderem auf dem "Tag für Denkmalpflege und Heimatschutz" 1928 in Würzburg und Nürnberg der Einklang mit historisch gewachsenen Stadtbildern heraus. Der Baukunstausschuss des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus unterstützte das Handwerk und sah neue Architekturformen kritisch, weshalb Flachdächer und Fertigbauweise in Bayern nur geringen Anklang fanden.

Im Deutschen Reich waren regionale Varianten moderner Architektur wie der norddeutsche "Backstein-Regionalismus" durchaus verbreitet. Bayern wollte bei einer eigenen Ausprägung des Neuen Bauens Einflüsse amerikanischer oder bolschewistischer Architekturströmungen vermeiden. Anregungen holte man sich von den neuen Wohnvierteln in den Großstädten des Reiches wie Frankfurt am Main oder Berlin als auch in denen benachbarter Staaten, etwa in Amsterdam oder Wien. Architekten, die sich mit dem Neuen Bauen auseinandersetzten, waren in München unter anderen Theodor Fischer, Otho Orlando Kurz (1881-1933), Robert Vorhoelzer (1884-1954), Walther Schmidt (1899-1993), Karl Meitinger (1882-1970) oder Hans Döllgast (1891-1974), in Augsburg Stadtbaurat Otto Holzer und Thomas Wechs, in Nürnberg Konrad Sorg (1879-1961), Otto Ernst Schweizer (1890-1965), Ludwig Wagner (1882-1939) und in Würzburg Franz Kleinsteuber (1886-1961) und Peter Feile (1899-1972).

Die bayerische Postbauschule

Die Bayerische Staatspost war zwar durch den Poststaatsvertrag vom 1. April 1920 in der Reichspost aufgegangen, behielt aber weiterhin eine Sonderstellung als "Abteilung VII" (ab 1924 "Abteilung VI") innerhalb der Reichspostverwaltung. Als Reichsbehörde mit dem Status einer Oberpostdirektion mit eigener Hochbauabteilung konnte sie bei ihren Bauprojekten unabhängig von lokalen behördlichen Genehmigungsverfahren agieren. Zugleich fühlte sie sich aber auch dem Freistaat verpflichtet. Die bayerische Postbauschule um Robert Vorhoelzer, die bei ihren Bauten Licht, Luft, Hygiene, Funktionalismus und Hightech zum Prinzip erklärte, war maßgeblich an der Entwicklung einer bayerischen Alternative zur Avantgarde beteiligt. Mit Einfühlungsvermögen für Tradition, regionale und lokale Besonderheiten setzte sie mit ihren Bauten moderne Akzente und sorgte auf diese Weise für Akzeptanz eines neuen Baustils.

Architekten, die ihre erste Baupraxis an der bayerischen Postbauschule erworben hatten, waren an zahlreichen Bauprojekten in ganz Bayern beteiligt und gestalteten zahlreiche städtische Wohnanlagen mit. Einigen Postämtern (z. B. Schweinfurt, Würzburg, Bad Kissingen) liegt der Typenentwurf für ein modernes Postamt zugrunde. Postbauten wie in München das Postgebäude an der Tegernseer Landstraße und das Paketzustellamt an der Arnulfstraße im Stil der Neuen Sachlichkeit fanden international Anerkennung. Für ihre Mitarbeiter errichtete die Post auch neuzeitliche Werkswohnungen, beispielsweise in Nürnberg, Rosenheim oder Bad Reichenhall (Lkr. Berchtesgadener Land), wobei sich das äußere Erscheinungsbild je nachdem mit Klinker, Fensterläden oder Steildächern in die jeweilige Landschaft und Umgebung einfügte.

Mit der "Münchner Küche", die das traditionelle Familienbild berücksichtigte, präsentierte mit Hanna Löv (1901-1989) eine junge Architektin der bayerischen Postbauschule 1928 auf der Ausstellung "Heim und Technik" in München einen Gegenentwurf zur "Frankfurter Küche". Auch wenn gegenüber Groß- und Mittelstädten auf dem Land die Notwendigkeit für eine umfangreichere Neubautätigkeit weniger gegeben war, versuchte die Post gezielt in den Fremdenverkehrsorten des Voralpenlandes mit progressiver Architektur bei Wartehäuschen für Omnibuslinien oder mit der modernen Postkraftwagenhalle in Bad Hindelang (Lkr. Oberallgäu) die Vorbehalte gegenüber dem Neuen Bauen zu überwinden.

Wichtige Bauprojekte der Weimarer Zeit

Sakralbau

Gesellschaftliche Umbrüche, die Trennung von Staat und Religion und die in klerikalen Kreisen vielfach als Bedrohung empfundene moderne Lebensweise stürzten die christlichen Kirchen in eine Identitätskrise. Gleichzeitig standen Katholiken und Protestanten mit dem Wachstum städtischer Pfarreien in Folge der Urbanisierung vor neuen Bauaufgaben. Architekten und Entscheidungsträger verfolgten verschiedene Lösungsansätze. So realisierten die Architekten Dominikus Böhm (1880-1955) und Martin Weber (1890-1941) mit St. Peter und Paul in Dettingen am Main (Lkr. Aschaffenburg) 1923 auf bayerischem Boden den ersten modernen Kirchenbau Deutschlands, während der Münchner Kardinal Michael von Faulhaber (1869-1952, Erzbischof von München und Freising 1917-1952) in der Landeshauptstadt zunächst mit Kirchenbauten wie St. Theresia (1922-1924) in Nymphenburg-Neuhausen von Franz Xaver Boemmel (geb. 1873) den Neobarock aus der Zeit der Monarchie favorisierte.

Mit der Wiederaufnahme romanischer Bauformen setzte sich aber zunehmend auch in bayerischen Bistümern ein auf innerkirchlichen Reformbestrebungen beruhender basilikaler Kirchenbaustil durch, dessen christozentrische Ausrichtung gleichsam die erneuerte Kirche symbolisierte. Im Rahmen eines umfangreichen Kirchenbauprogramms entstanden in München mit St. Gabriel in Haidhausen und St. Sebastian in Schwabing von Otho Orlando Kurz moderne Kirchen. Weitere herausragende Beispiele dieser Zeit sind u. a. die Herz-Jesu-Kirchen in Würzburg und Aschaffenburg von Albert Boßlet (1880-1957) sowie St. Anton in Augsburg von Michael Kurz (1876-1957) oder die Dorfkirche St. Raphael in Großohrenbronn (Gde. Dentlein a.Forst, Lkr. Ansbach) von Hans Herkommer (1887-1956). Ordensgemeinschaften, wie die Pallottiner in Freising, konnten als Bauherren mitunter mehr Einfluss auf die Gestaltung ihrer Kirchenneubauten nehmen. In den Jahren 1928 bis 1930 entstand nach den Plänen des Darmstädter Architekten Jan Hubert Pinand (1888-1958) mit St. Johannes der Täufer ein spätexpressionistischer Kirchenbau. Die neuen Sakralbauten zeugen von einer tiefsitzenden Skepsis gegenüber der Weimarer Republik und gegenüber einer Gesellschaft, die sich einem modernen Lebensstil mit Sport, Freizeitaktivitäten und einem sich wandelnden Familienbild zuwandte. Mit den neuen "Gottesburgen" sollte ein Kontrapunkt zum Bedeutungsverlust der Kirche gesetzt werden.

Bei der protestantischen Kirche setzte nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Konzept einer auf die Kanzel hin orientierten Predigtkirche ebenfalls eine Suche nach sakralen Bauformen ein. Den evangelischen Kirchenbau in Bayern prägte maßgeblich German Bestelmeyer, der sich unter anderem mit den Erweiterungsbauten der Technischen Hochschule in München (1923-1928) und des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg (1916-1921) ein gewisses Renommee erworben hatte. Flossen bei seinen Profanbauten barocke, renaissancezeitliche oder klassizistische Stilelemente mit ein, so dienten ihm als Vorbild für seine Sakralbauten die mittelalterlichen gotischen Kathedralen Nürnbergs mit ihrer mystischen Atmosphäre. Mit dem Rückgriff auf den Formenkanon der Romanik oder Gotik bei Kirchen wie der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche in Nürnberg sowie der Auferstehungskirche in München demonstrierte er eine reaktionäre "Deutsche Baugesinnung" und blieb deutlich hinter dem modernen Kirchenbau im Rheinland oder in Norddeutschland zurück.

Wohnungsbau

Wohnungsnot und soziale Misere veranlassten die Weimarer Nationalversammlung, mit Artikel 155 das Anrecht auf gesundes Wohnen in der Reichsverfassung von 1919 zu verankern. Damit kam auf die Kommunen eine neue Aufgabe zu. Neue Wege im Wohnungsbau zeigte Theodor Fischer in München mit der ersten Zeilenbausiedlung "Alte Haide" (Schwabing-Freimann, 1919) und dem Ledigenwohnheim (Schwanthalerhöhe/Westend, 1926/27) für Männer auf. Dem Historismus verhaftet blieben dagegen Architekten wie Ludwig Naneder mit dem Heim für erwerbstätige Frauen und Mädchen im Charakter einer schlossähnlichen Dreiflügelanlage (1927) oder Hans Grässel (1860-1939) mit der neobarocken Anlage des städtischen Altenheims St. Joseph, dessen Kirche mit oberbayerischen Zwiebelhauben einen städtebaulichen Akzent setzt (Sendling, 1925-1928). Auch Genossenschaften, die einen Teil des Wohnungsbaus schulterten, tendierten häufig zu konservativen Architekten.

Den Wandel der Wohnkultur im Freistaat aber dokumentieren Siedlungsformen mit einer Mischung aus Zeilen- und Blockbauweise bei Wohnsiedlungen in München, Nürnberg, Augsburg oder Würzburg. Die ideale kleine Neubauwohnung in den Stadtrandsiedlungen hatte 50 bis 60 qm (zwei Zimmer, Küche, Bad) und war mit Balkon oder Loggia, elektrischem Strom, fließendem Kalt- und Warmwasser sowie einem Gasherd ausgestattet. Kennzeichen des Neuen Bauens in Bayern waren die Betonung des kubischen Baukörpers, einfache Lochfassaden mit liegenden Kastenfenstern sowie horizontale oder vertikale Fassadengliederung durch Fensterbänder, künstlerischer Schmuck wie Dreieckserker, dezente Bauplastik oder unter anderem mit Gußsteinreliefs gestaltete Hauseingänge. Bis auf wenige Ausnahmen wurde Steildächern oder flachen Satteldächern der Vorzug gegenüber Flachdächern gegeben. Begrünte Innenhöfe, Spielplätze oder kleine Nutzgärten für die Mieter ergänzten die moderne Wohnsiedlung, ebenso Gemeinschaftseinrichtungen wie Waschküche und Trockenböden sowie Läden des täglichen Bedarfs. Das Modell der auf eine Zwei-Kind-Familie zugeschnittenen Kleinwohnung fand im katholischen Bayern wenig Anklang. Spektakuläre moderne Flachdachvillen wie die Musterhäuser der Lerchenhainsiedlung von Peter Feile (1899-1972) in Würzburg waren hingegen in der Öffentlichkeit kontrovers diskutierte Ausnahmen.

Krankenhäuser

Funktionalistische Konzepte und neueste Erkenntnisse in der Hygiene kennzeichnen den Krankenhausbau zur Zeit der Weimarer Republik. Richard Schachner (1873-1936) errichtete mit der Dermatologischen Klinik in München 1929 das erste Hochhaus Deutschlands im Krankenhausbau. Schachner projektierte moderne Krankenhäuser unter anderem in Bad Reichenhall, Schwandorf und Passau. Der Bau eines hochmodernen Zentralklinikums in Augsburg scheiterte mit der Weltwirtschaftskrise. Fachkliniken, wie die Kinderklinik in München-Schwabing (Richard Schachner), die Frauenkliniken in Nürnberg (Robert Erdmannsdorffer, 1888-1968) oder Würzburg (August Lommel, 1878-1945) erforderten Überzeugungsarbeit bei der Bevölkerung. Die geplante flächendeckende medizinische Versorgung brachte Bayern unter anderem das Fürther Krankenhaus von Hermann Herrenberger (1881-1953), einen modernen Klinikbau nach Plänen von Albert Boßlet in Regensburg und ein Krankenhaus im Stil der Neuen Sachlichkeit in Schweinfurt von Heinrich Zierl (1885-1950). Dem Gesundheitskonzept entsprachen im bayerischen Oberland die Trink- und Wandelhalle in Bad Tölz (Heinz Moll, 1899-1987) oder das Ferienhaus für Staatsbedienstete in Kochel (Lkr. Bad Tölz-Wolfratshausen) von Emil Freymuth (1890-1961).

Sportstätten und Bäder

Ganz im Zeichen der Volksgesundheit standen auch in Bayern moderne Sportstätten und Bäder. Der von Alfred Hensel (1880-1969) und Otto Ernst Schweizer geschaffene Sportpark mit Stadion in Nürnberg erhielt 1928 in Amsterdam mit einer olympischen Goldmedaille internationale Anerkennung. Im Gegensatz zu Nürnberg verfolgte die Landeshauptstadt München beim Bau von Dantestadion und -bad das Konzept dezentraler Bezirkssportanlagen. Sportparkprojekte in Würzburg und Augsburg kamen nicht über erste Überlegungen hinaus. Während sich für das Schweinfurter Volksbad mit dem Industriellen Ernst Sachs (1867-1932) ein Mäzen fand, verzögerten oftmals bis in die NS-Zeit hinein finanzielle Belastungen und moralische Bedenken den Bau von Familienbädern, die nur noch mit einer Schwimmhalle konzipiert waren und nicht mehr dem Zweihallenprinzip mit strikter Geschlechtertrennung folgten.

Technische Bauten, Arbeitsstätten, Hochhäuser

Die moderne Stadt in Bayern definierte sich auch über sog. technische Bauten. Die Mobilität der modernen Gesellschaft erforderte den Netzausbau von Eisenbahnen und Verkehrsbetrieben. Bis heute dokumentieren zahlreiche Bahnhofsgebäude die breit gefächerte Architektur der Weimarer Zeit in Bayern. Der Neubau des Bahnhofs Augsburg-Oberhausen (1931/32) im Stil der Neuen Sachlichkeit wurde als Vorteil im Wettbewerb um den Standort des geplanten Zentralklinikums begrüßt. Dagegen passten sich in Fremdenverkehrsregionen Bahnhöfe wie in Bad Tölz mit Uhrturm (1924) oder in Penzberg (1924) im Heimatschutzstil der oberbayerischen Landschaft an. Gleichzeitig gewannen Luftfahrt und Flugsport zunehmend an Bedeutung. So entstanden auf dem Flugplatz Oberwiesenfeld 1928 bis 1930 nach Plänen des Architekten K. J. Moßner (geb. 1878) ein mit zwei Ecktürmen symmetrisch angelegtes Verwaltungsgebäude im Stil der Neuen Sachlichkeit sowie eine funktionale Flugzeughalle. Zugleich glänzte Bayern mit Superlativen wie dem Bau der Zugspitzbahn und dem Schneefernerhaus als höchstgelegenem Hotel Deutschlands, das Regierungsbaumeister Paul Gedon (1896-1945) als einfachen Kubus mit Flachdachterrasse geplant hatte.

Symbole der sich rasant verändernden, modernen Arbeitswelt nach dem Ersten Weltkrieg waren unter anderem in München das Landesamt für Maß und Gewicht von Karl Badberger (geb. 1888) oder das Funkhaus von Richard Riemerschmid (1868-1957). Der von Otto Ernst Schweizer geplante Milchhof in Nürnberg verband Hightech und Hygiene miteinander. Heute erinnert außer dem Verwaltungsgebäude kaum etwas daran, dass das kommunale Unternehmen 1931 als modernster Milchhof Europas galt, der eine zeitgemäße Milchversorgung der Nürnberger und Fürther, später auch der Regensburger Stadtbevölkerung sicherstellen sollte. Hochhäuser, wie das Technische Rathaus von Hermann Leitenstorfer (1886-1972) in München oder das Hochhaus an der Augustinerstraße in Würzburg von Franz Kleinsteuber (1886-1961), verkörperten ebenfalls Fortschritt und Aufbruchsstimmung. Hochfliegende Planungen sahen sogar Hochhäuser als städtebauliche Dominante im Wohnungsbau vor.

Ausblick nach 1933

Eine vielversprechende Entwicklung kam 1933 mit der NS-Machtergreifung nahezu zum Stillstand. Trotz der Absage an das Neue Bauen der verhassten "Systemzeit" wurden prestigeträchtige Bauprojekte wie das Hallenbad in Würzburg nahezu unverändert übernommen oder wie das Münchner Nordbad architektonisch umgeplant und der Erfolg den nationalsozialistischen Machthabern zugeschrieben. Während modern-funktionale Architektur im öffentlich-repräsentativen Raum als "entartet" verfemt war, konnte das baukünstlerische Erbe der Weimarer Republik in Nischen wie dem Industriebau die NS-Zeit überdauern, so dass die Architekten beim Wiederaufbau nach 1945 an die Erfahrungen des Neuen Bauens anknüpfen konnten.

Literatur

  • Florian Aicher/Uwe Drepper (Hg.), Robert Vorhoelzer - Ein Architektenleben. Die klassische Moderne der Post. Katalog zur Ausstellung im Münchner Stadtmuseum, München 1990.
  • Holger Brülls, Neue Dome. Wiederaufnahme romanischer Bauformen und antimoderne Kulturkritik im Kirchenbau der Weimarer Republik und der NS-Zeit, Berlin/München 1994.
  • Franz Hauner, Licht, Luft, Sonne, Hygiene. Architektur und Moderne in Bayern zur Zeit der Weimarer Republik (Studien zur Zeitgeschichte 93), München 2020.
  • Gert Kähler, Geschichte des Wohnens. 4. Band. 1918-1945. Reform, Reaktion, Zerstörung, Stuttgart 1996.
  • Ulrike Laible, Bauen für die Kirche. Der Architekt Michael Kurz. 1876-1957, Berlin 2003.
  • Karl Mair, Stilfrage. Hotelarchitektur in Südbayern 1870-1930, Graz 2014.
  • Petra Maidt/Eckehard Janofske/Suse Schmuck, Die Lerchenhainsiedlung (Hefte für Würzburg 2), Würzburg 2002.
  • Barbara Miller Lane, Architektur und Politik in Deutschland 1918-1945, Braunschweig/Wiesbaden 1986.
  • Jean Molitor/Kaija Voss, Bauhaus in Bayern. Eine fotografische Reise durch die Klassische Moderne, Berlin 2021.
  • Winfried Nerdinger (Hg.), Thomas Wechs 1893-1970. Architekt der Moderne in Schwaben, Berlin 2005.
  • Ingrid Ostermann, Fabrikbau und Moderne in Deutschland und den Niederlanden der 1920er und 30er Jahre, Berlin 2010.
  • Yasmin Renges, Die Stadtbäder der Goldenen Zwanziger – Kommunale Prestigearchitektur zwischen Tradition und Moderne, Köln 2015.
  • Alexander Schmidt, Kultur in Nürnberg 1918-1933. Die Weimarer Moderne in der Provinz, Nürnberg 2005.
  • Barbara Wolf, Wohnarchitektur in Augsburg. Kommunale Bauten der Weimarer Republik (Schriften des Architekturmuseum Schwaben 2), Augsburg 2000.
  • John Zukowsky (Hg.), Architektur in Deutschland 1919-1939. Die Vielfalt der Moderne, München/ New York 1994.

Quellen

  • Robert Erdmannsdorffer, Frauenklinik und Säuglingsheim Nürnberg, Nürnberg 1931.
  • Richard Hoffmann/Gustav Steinlein (Hg.), Kirchen, Schulen, Klöster, Krankenhäuser, Innenräume. Albert Bosslet, Querschnitt durch sein Schaffen, München 1931.
  • Richard Schachner, Das Hochhaus im Krankenhausbauwesen, in: Richard Schachner/Heinrich Schmieden/Hans Winterstein (Hg.), Krankenhausbau. Handbücherei für das gesamte Krankenhausbauwesen. 1. Bd., Berlin/Heidelberg 1930, 318-339.

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Empfohlene Zitierweise

Franz Hauner, Architektur (Weimarer Republik), publiziert am 11.02.2022; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Architektur_(Weimarer_Republik)> (06.12.2022)






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