Inflation, 1914-1923

Die Graphik verdeutlicht den rapiden Verfall der Währung zwischen 1918 und 1923. Ende 1923 war eine 1 Goldmark fast 1 Billion Papiermark wert. (Graphik von Dephi234 lizensiert durch CC0 via Wikimedia Commons)

von Helmut Braun

Die Inflation, die schon während des Ersten Weltkriegs begann, konnte nach Kriegsende nicht gestoppt werden, da weiterhin Staatsausgaben durch Schulden finanziert wurden. Im Krisenjahr 1923 erreichte die Geldentwertung als Hyperinflation ihren Höhepunkt. Profiteure der Inflation waren alle Kreditnehmer (Staat, Unternehmer, Landwirte), da diese problemlos ihre nun wertlos gewordenen Schulden tilgen und Investitionen finanzieren konnten. Auf Bezieher fester Einkommen und Inhaber von Wertpapieren wirkte sie dagegen enteignend.

Definition und Erfassung von Inflation

Inflation bedeutet einen länger anhaltenden Anstieg des allgemeinen Preisniveaus beziehungsweise eine über längere Zeit währende kontinuierliche Geldentwertung. Inflationsprozesse können mit der Quantitäts- oder Verkehrsgleichung des amerikanischen Ökonomen Irving Fisher (1867-1947) erfasst werden. Diese grob vereinfachende, als Definition zu verstehende Gleichung lautet M*v = P*T. Dabei ist M die nominelle, in einer Volkswirtschaft vorhandene Geldmenge (insbesondere umlaufende Banknoten und Bankguthaben) und v die Umschlagshäufigkeit des Geldes, also die Geschwindigkeit, mit welcher Geld durch Transaktionen wie Käufe den Besitzer wechselt. P entspricht dem Durchschnittspreis pro Transaktion, der in einem Inflationsprozess ansteigt; T ist die Anzahl der Transaktionen während der betrachteten Periode. Hinter T steckt, grob gesagt, auch das in der Periode vorhandene, reale Angebot an Gütern und Dienstleistungen. Wird die Gleichung nach P aufgelöst, werden die antreibenden Faktoren einer Inflation erkennbar: Eine stark ansteigende Geldmenge und/oder eine zunehmende Umschlagshäufigkeit und/oder eine gesunkene Anzahl von Transaktionen beziehungsweise ein gesunkenes reales Angebot.

Ursachen und Beginn der Weimarer Inflation

Auch am Goldpreis lässt sich der Preisverfall ablesen. Angaben stellen die monatlichen Durschnittskurse dar unter Verwendung der Daten aus dem Statistischen Jahrbuch des Deutschen Reiches. (Graphik von Jashuah lizensiert durch CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons)
Werbung für Kriegsanleihen, Postkarte 1917. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-71170)
Plakat aus dem Jahre 1917 zur siebten Kriegsanleihe. (Bayerische Staatsbibliothek, 2 H. un. app. 48s)

Die Ursachen der Inflation während der ersten Jahre der Weimarer Republik waren bereits während des Ersten Weltkriegs begründet worden: Zum Zwecke der Kriegsfinanzierung war durch die Ausgabe von Schuldtiteln einerseits die Geldmenge (Bar- und Buchgeld) stark aufgebläht worden, andererseits entstand durch die Produktion von Kriegs- statt Zivilgütern eine Warenknappheit. 1916 musste schließlich die Dritteldeckung der Mark in Gold aufgegeben werden. Angesichts der Preissteigerung bei Gütern des täglichen Bedarfs, die über der Steigerung der Nominallöhne lag, sanken bis 1917 die Reallöhne. Als 1918 diese aber wieder anstiegen, konnte infolge der physischen Warenknappheit der zivile Bedarf nur noch teilweise gedeckt werden.

In den Wirren nach Ende des Ersten Weltkrieges war in Deutschland daher eine moderate Inflation unvermeidlich, zur schnellen Unterbringung der zurückkehrenden Soldaten in den zivilen Arbeitsprozess sogar willkommen. Denn einerseits mussten Kriegsversehrte und Arbeitslose mit Geld unterstützt werden, andererseits mußte die Kriegswirtschaft erst mühsam wieder auf die Produktion ziviler Investitions- und insbesondere Konsumgüter zur Überwindung der Warenknappheit umgestellt werden. Ein Staatsbankrott durch eine offizielle Erklärung, die innere Staatsschuld in der Form der gezeichneten Kriegsanleihen nicht zurückzahlen zu wollen, kam wegen der destabilisierenden gesellschaftlichen Wirkungen nicht in Frage.

Obgleich die Steuerreformen von Reichsfinanzminister Matthias Erzberger (1875-1921) die Inflation zurückdrängen und den Staatshaushalt ausgleichen sollten, blieben sie wirkungslos. Um die Haushaltslücken zu stopfen, musste der Staat weitere Kredite bei der Reichsbank aufnehmen. Nun begann die Geldmenge M immer stärker zu steigen, auch weil findige Unternehmen begannen, vermehrt Sachwerte auf Kredit zu kaufen um diese später dann mit entwertetem Geld zu tilgen. Ab Juni 1921 schwand das Vertrauen in die Mark immer mehr und jedermann begann, sein Geld, aber auch zinsgünstig aufgenommene Kredite, immer schneller bis fluchtartig in Sachwerte anzulegen; damit stieg die Umschlagshäufigkeit v. Der fortschreitende Verfall der Mark und die äußerst unklare Lage über die Höhe der Reparationsforderungen ließen unternehmerische Entscheidungen als rentabel erscheinen, die sich später als Fehlentscheidungen erwiesen.

Der Weg in die Hyperinflation

Käuferschlage vor einem Berliner Lebensmittelgeschäft, 1923. (Bundesarchiv, Bild 146-1971-109-42 / CC-BY-SA 3.0)

Mitte des Jahres 1922 entwickelten sich eine Kreditkrise und ein Mangel an Zahlungsmitteln. Dies hatte zwei Folgen: Einerseits stieg dadurch, aber nur minimal, die Geldmenge, da Kommunen oder Unternehmen nun im Wert vorerst stabiles, da anfänglich knappes Notgeld ausgaben, andererseits aber die Unternehmen nun Produktionseinschränkungen und Entlassungen vornehmen mussten, was das Angebot an realen Gütern senkte.

Alle Dämme brachen schließlich mit dem "Ruhrkampf" seit Januar 1923, als die Industrieproduktion an der Ruhr massiv sank und die Reichsregierung den passiven Widerstand an der Ruhr durch eine exorbitante Ausweitung des Druckes von Papiergeld finanzierte, was die Geldmenge M erhöhte. Da nun jegliches Vertrauen in die Mark verloren war und daher jedermann jede empfangene Mark schnellstmöglich in Sachwerte anlegte, stieg die Umschlagshäufigkeit v auf eine zuvor unbekannte Höhe.

Zahlen zur deutschen Hyperinflation

Die Steuereinkünfte des Staates deckten im Oktober 1923 nur noch 1 % der Reichsausgaben; 99 % wurden durch den Druck von Papiergeld finanziert. Mitte November 1923 befanden sich 99 % der kurzfristigen staatlichen Schuldtitel im Portefeuille der Reichsbank, zuzüglich privater Handelswechsel über fast 40 Trillionen Mark. Ebenfalls im November 1923 liefen 400 Trillionen Mark Bargeld um, mittlerweile erreichte auch der Notgeldumlauf eine ähnlich geschätzte Größenordnung. Kostete in Berlin am 3. Januar 1923 ein Kilogramm Roggenbrot noch 163 Mark und 1 Kilogramm Rindfleisch 1.800 Mark, lagen die korrespondierenden Preise am 19. November 1923 bei 233 Mrd. Mark und bei 4 Billionen 800 Mrd. Mark. Ein US-Dollar kostete im Mai 1923 im Monatsdurchschnitt 47.670 Mark, am 20. November dann 4.200.000.000.000 Mark.

Gewinner und Verlierer der Inflation

Die Verlierer einer Inflation sind konsequenterweise alle Bezieher von fixen, sich sehr träge anpassenden Geldeinkünften beziehungsweise generell die Inhaber von auf Geld lautenden Ansprüchen. In der deutschen Hyperinflation der Jahre 1922/23 wurde die enteignende Wirkung dieser Kreise dadurch zementiert, dass die deutsche Rechtsprechung im Frühjahr 1923 bei der Rückzahlung von Darlehen entschied, dass "eine Mark gleich eine Mark" sei: Ein Vorkriegsdarlehen auf der Basis von Goldmark konnte nun 1923 mit dem gleichen Betrag wertlosen Papiergeldes getilgt werden. Natürlich galt dieser Grundsatz auch bei der staatlichen Tilgung von Kriegsanleihen: Die gesamten inneren Kriegsschulden des Kaiserreiches in Höhe von 154 Mrd. Mark entsprachen, gerechnet in der Kaufkraft des Vorkriegsjahres 1913, im November 1923 noch einer Kaufkraft von 15,4 Pfennigen. Damit waren die großen Verlierer die Halter von Kriegsanleihen, analog der große "Gewinner" der Staat. Als Bezieher fixer Einkommen waren aber nicht nur die Rentiers die Verlierer, sondern auch Beamte sowie alle "verspätet" angepassten Lohn- und Gehaltsempfänger, Bezieher von festen Mieteinnahmen und alle Halter von Sparguthaben. Banken verloren ihr Eigenkapital ebenso wie die Träger öffentlicher sowie privater Versicherungen, die ihren Kapitalstock in "Geld" angelegt hatten.

Gewinner waren diejenigen, die die Entwicklung der Inflation vorausahnten und, möglichst auf Kredit, als agile Unternehmer wie Hugo Stinnes (1870-1924) rechtzeitig Sachwerte wie Unternehmen, Grund und Boden oder dauerhafte Konsumgüter kauften oder, wie viele Landwirte, alte Schulden nun mit wertlosem Papiergeld bedienten. Damit konnten sich einerseits viele Landwirte, insbesondere natürlich im damals noch stark agrarisch strukturierten Bayern, ihrer oft seit Generationen lastenden Hypotheken entledigen, anderseits eine Modernisierung ihrer Höfe durch neue Techniken vorantreiben. Jedoch hatte das nach der Währungsstabilisierung Absatzkrisen für landwirtschaftliche Produkte zur Folge, was nun die Bauern in neue Notlagen trieb.

Hyperinflation in Bayern

Bürger verkaufen ihre Wertsachen, 1923. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-5770)

Die Hyperinflation war ein Phänomen innerhalb des gesamten Reiches. Dennoch gibt es bayerische Spezifika, die zum großen Teil mit der damaligen Wirtschaftsstruktur Bayerns in Verbindung stehen: Zur Zeit der Hyperinflation war Bayern noch stark agrarisch geprägt, besaß aber auch städtische Zentren wie München, Nürnberg und Augsburg. Herrschte in den Städten industrielle Arbeitsteilung mit entsprechenden, mittels Geld abzuwickelnden Markttransaktionen vor, so konnte auf dem bäuerlichen Dorf manche Transaktion im nicht auf Geld beruhenden Tausch abgewickelt werden. Die bäuerliche Landbevölkerung konnte sich damit entweder schon innerhalb der Familie, zumindest in großen Teilen innerhalb der Selbsthilfe im Dorf autark von Geld und Markt versorgen. Die Mehrheit der Landwirte profitierte von der Hyperinflation sogar, da sie ihre Schulden problemlos abzahlen konnte. Daher erfolgte die Ausgabe von Notgeld durch bayerische Kommunen oder Unternehmen relativ spät.

Vollkommen anders war die Lage in der auf Arbeitsteilung und marktlich-geldlichen Beziehungen beruhenden Stadtbevölkerung. Insbesondere Mietpreise schufen hier Unruhe, neben den Benachteiligungen von Lohn- und Rentenbeziehern. Daher verwundern zum Beispiel in München abwechselnde "Kaufstreiks" und "Kaufwut"-Phänomene ebenso wenig wie während der Hyperinflation überbordende Vermögensdelikte wie Feld- und Forstfrevel, insbesondere auch gegenüber den "vom Geld unabhängigen" Landwirten. Politisch profitierten von der aufgeheizten Stimmung vor allem Adolf Hitler (1889-1945) und seine NSDAP.

Ein weiteres Problem ergab sich aus der neuen Erzbergerschen Finanzverfassung: Die Zuweisungen des Reichs aus der Einkommens- und Körperschaftssteuer an die Länder, die diese dann teilweise an die Gemeinden weiterleiteten, wurden vom rapiden Verfall des Geldwerts aufgezehrt. Da der innerbayerische Finanzausgleichsfonds hier keine Abhilfe brachte, wurde er schließlich von der Landesregierung 1923 abgeschafft.

Geldscheine der Inflationszeit

Literatur

  • Fritz Blaich, Der Schwarze Freitag. Inflation und Wirtschaftskrise, München 3. Auflage 1994.
  • Costantino Bresciani-Turroni, The Economics of Inflation. A Study of Currency Depreciation in Post-War Germany, London 3. Auflage 1968.
  • Martin H. Geyer, Verkehrte Welt. Revolution, Inflation und Moderne, München 1914-1924 (Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 128), Göttingen 1998.
  • Carl-Ludwig Holtfrerich, The German Inflation 1914-23: Causes and Effects in International Perspectives, Berlin/New York 1986.
  • Karsten Laursen/Jørgen Pedersen, The German Inflation 1918-1923, Amsterdam 1964.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Hyperinflation, Hochinflation

Empfohlene Zitierweise

Helmut Braun, Inflation, 1914-1923, publiziert am 22.01.2007; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Inflation, 1914-1923> (20.09.2017)