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Katholische Kirche in Bayern (Weimarer Republik)

Kardinal Michael von Faulhaber, Erzbischof von München und Freising. Aufnahme aus den Jahren der Weimarer Republik. (Erzbischöfliches Archiv München)
Jakobus Hauck (1861-1943), Erzbischof von Bamberg 1912-1943. (aus: Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft. 1. Band, Berlin 1931, S. 674)

von Heinz Hürten

Durch die Revolution von 1918 staatlicher Bevormundung entledigt, konnte sich die katholische Kirche in Bayern im Konkordat von 1924 große Freiheiten sichern. Gleichzeitig behauptete sie mit dem Münchner Erzbischof Michael v. Faulhaber (1869-1952) als führender Persönlichkeit innerhalb des deutschen Katholizismus eine eigenständige Stellung. Große Bedeutung für den geistigen Aufbruch des Katholizismus der 1920er Jahre hatten in Bayern ansässige katholische Schriftsteller und Kulturzeitschriften.

Ausgangslage

Das Ende der Monarchie bedeutete für die katholische Kirche in Bayern die Umstellung von der durch Konkordat und Religionsedikt von 1817/18 begründeten engen und einengenden Verbindung mit dem Staat zu einer staatsrechtlichen Position, die den Normen der zur Trennung beider Gewalten tendierenden Weimarer Verfassung entsprach. Unbeschadet der Andauer oder gar Neubildung von aus der alten Eigenstaatlichkeit Bayerns zu erklärenden Sonderformen und manchen nostalgischen Erinnerungen an die Vergangenheit nahm der bayerische Katholizismus in den 1920er Jahren gewichtigen Anteil an der zeitgerechten Umgestaltung des kirchlichen Lebens.

Kardinal Faulhaber als führende Gestalt

Bedeutendste Persönlichkeit der katholischen Kirche in Bayern war Michael Faulhaber (5.3.1869 in Klosterheidenfeld geboren, 1903 Theologieprofessor in Straßburg, 1911 Bischof von Speyer, 1917 Erzbischof von München und Freising, 1921 Kardinal, bis zu seinem Tode 12.6.1952 im Amt), der als Vorsitzender der Bayerischen Bischofskonferenz wie als Redner und Schriftsteller politisch und religiös weithin orientierende Funktionen besaß.

Gegen die Tendenzen der Regierung Eisner in Richtung einer vollständigen Trennung von Staat und Kirche vertrat er kraftvoll den Anspruch von Kirche und Eltern auf die katholische Bekenntnisschule. Seine Anhänglichkeit an die Monarchie, mit der er bei der Überführung des toten Königspaares in die Frauenkirche 1921 und auf dem Katholikentag 1922 in München großes Aufsehen erregte, und seine konsequente Ablehnung jeder Minderung bayerischer Eigenständigkeit führten ihn aufgrund seiner zutiefst religiös geprägten Denkweise trotzdem nicht zu den Kräften politischer Reaktion.

Seit dem gescheiterten Hitlerputsch von 1923 feindeten ihn die Nationalsozialisten heftig an. Seine lehramtlichen Äußerungen gegen den Nationalsozialismus von 1930 an wurden vielfach übernommen, seine entsprechenden Predigten vom Advent 1933 erregten weltweites Aufsehen.

Weitgehende Autonomie der katholischen Kirche in Bayern

Auch dachte Faulhaber streng föderalistisch, so dass er den Ausdruck "deutscher Katholizismus" ablehnte (obwohl er zugab, dass erst die Weimarer Reichsverfassung die Kirche in Bayern hinreichend gesichert hatte). Vorherrschender Orientierungsrahmen der kirchlichen Organisation blieb auch weiterhin das Land Bayern (außer der mit dem Bistum Speyer deckungsgleichen Rheinpfalz).

Die seit 1850 bestehende Bayerische Bischofskonferenz blieb erhalten und wurde lediglich durch wechselseitige Einladung der Vorsitzenden mit der die übrigen Diözesen Deutschlands repräsentierenden Fuldaer Bischofskonferenz in Verbindung gebracht. Der (gegen anfängliche Bedenken im Episkopat) als Standesvertretung gegründete Klerusverband trat 1919 als bayerische Organisation ins Leben. Eine Besonderheit bildete der ihm nahe stehende Wirtschaftliche Verband (LIGA). Die an sich mögliche Erweiterung des bereits 1905 im übrigen Deutschland verbreiteten Pax-Vereins unterblieb. Ludwig-Missions-Verein und Katholischer Preßverein wahrten Namen und bayerische Eigenständigkeit. Den Gesamtorganisationen der Caritas und der Jugendbewegung wurden nach aller Möglichkeit bayerische Zwischenglieder eingebaut.

Die staatskirchenrechtliche Neuordnung

Die Neugestaltung der Beziehungen zwischen Staat und Kirche in Bayern, die durch den Zusammenbruch der Monarchie unumgänglich wurde, war allerdings nicht das Werk Faulhabers, sondern des mit Bayern und Deutschland rasch vertraut werdenden und allgemein geschätzten Apostolischen Nuntius Eugenio Pacelli (2.3.1876 in Rom geboren, 1917-1925 Nuntius in Bayern, seit 1920 bis 1929 auch im Deutschen Reich, 1930 Kardinalstaatssekretär, 1939 als Pius XII. Papst, 9.10.1958 gestorben).

Der Abschluss des bereits seit 1919 projektierten Konkordates am 24. März 1924 (ratifiziert durch gemeinsames Mantelgesetz mit den evangelischen Kirchenverträgen am 15. Januar 1925) schuf im Rahmen der Weimarer Reichsverfassung ein System der Kooperation, das bis heute gilt: Bei grundsätzlicher Freiheit der Kirche (auch in der Auswahl ihres Personals) und ihrer Orden, Garantien für Religionsunterricht, Theologenausbildung und katholische Lehrerbildung erhielt der Staat bestimmte Mitwirkungs- und Mitspracherechte. So müssen Pfarrer und Ordensobere die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen, kann der Staat gegen Kandidaten für das Bischofsamt "Erinnerungen politischer Natur" geltend machen, müssen die Personalien der Pfarrer vor ihrer Ernennung der Staatsregierung mitgeteilt werden.

Die innerkirchliche Erneuerung

An dem erstaunlichen Wachstum katholischer Organisationen in Deutschland, dem allerdings der allmähliche Niedergang des (wiederum in Bayern verhältnismäßig schwach vertretenen) Volksvereins für das katholische Deutschland gegenüberstand, hatte Bayern einen verhältnismäßig geringen Anteil. Dies galt, obwohl der charismatische Generalpräses des Katholischen Jungmännerverbands (KJMV), Ludwig Wolker (1887-1955), aus Bayern stammte und der für die Verwurzelung der Kirche in der Jugendbewegung, für die liturgische Erneuerung und die Bildung einer christlichen Elite wichtige Jugendbund "Quickborn" seine Zentrale auf Burg Rothenfels am Main schuf.

Die Bedeutung Bayerns für die katholische "Kulturfront", die manche heraufziehen sahen, lag vielmehr in der verstärkten Ausprägung einer zeitoffenen katholischen Intellektualität, der "Wiederbegegnung von Kirche und Kultur". Dafür stand vor allem die 1903 gegründete Zeitschrift "Hochland" unter der Leitung von Carl Muth (1867-1944). Neben ihr ist die in München erscheinende Zeitschrift der deutschen Jesuiten, "Stimmen der Zeit", zu nennen. Beachtlichen Rang erreichte auch die "Allgemeine Rundschau" des Bamberger Diözesanpriesters Georg Moenius (1890-1953). Für einen deutschen "renouveau catholique" mit Schwerpunkt in Bayern sprach zeitweilig der literarische Rang von Peter Dörfler (1878-1955), Theodor Haecker (1879-1945) oder Gertrud von Le Fort (1876-1971), die alle in München ihren Wohnsitz nahmen. Als bedeutender Großstadtseelsorger zog damals bereits P. Rupert Mayer SJ (1876-1945), der durch seinen Widerstand gegen den Nationalsozialismus weit bekannt wurde, Aufmerksamkeit auf sich.

Literatur

  • Winfried Becker, Neue Freiheit vom Staat – Bewährung im Nationalsozialismus: 1918-1945, in: Walter Brandmüller (Hg.), Handbuch der bayerischen Kirchengeschichte. Dritter Band: Vom Reichsdeputationshauptschluß bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, Sankt Ottilien 1991, 337-392.
  • Heinz Hürten, Deutsche Katholiken 1918-1945, Paderborn 1992.

Weiterführende Recherche

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Empfohlene Zitierweise

Heinz Hürten, Katholische Kirche in Bayern (Weimarer Republik), publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Katholische_Kirche_in_Bayern_(Weimarer_Republik)> (22.08.2019)




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