Weltwirtschaftskrise, 1929

von Wolfgang Stäbler

Die bereits seit 1928 erkennbare Wirtschaftskrise verschärfte sich nach dem Börsenkrach vom 24. Oktober 1929 deutlich. Betroffen waren alle Bereiche des wirtschaftlichen Lebens – Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe sowie Handel und Dienstleistungen. Im Gegensatz zu anderen Regionen Deutschlands war Bayern nicht so intensiv betroffen (niedrigere Arbeitslosenquote). Der Höhepunkt der Arbeitslosenzahlen wurde im Winter 1931/32 erreicht, ab Ende 1932 besserte sich die wirtschaftliche Situation wieder.

Beginn der Krise

Die Weltwirtschaftskrise, deren erstes dramatisches Zeichen, nicht Auslöser der "Schwarze Freitag" an der New Yorker Börse am 24. Oktober 1929 war, erfasste die deutschen Länder und Regionen mit unterschiedlicher Intensität. Im Intervall der detaillierten Volks- und Betriebszählungen 1925 und 1933 nahm die Zahl der in Handwerk und Industrie Beschäftigten im Reich um 30,3 % ab, in Sachsen um 37,3 %, in Preußen um 31,9 %, in Bayern um 21,2 %, in Württemberg um 15,3 %. Gleichzeitig stieg in Bayern – ähnlich wie in Württemberg – die Zahl der Beschäftigten im Sektor Handel und Verkehr um 6,2 %, während sie reichsweit leicht sank (-1,2 %). (StDR 466, 103).

Diese Zahlen attestieren Bayern zunächst eine im Vergleich nur mäßige Krisenbetroffenheit und zeigen daneben auch den in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren stattfindenden strukturellen Wandel hin zum Ausbau des Dienstleistungssektors. Sie können aber wichtige Aspekte wie die Auswirkungen auf die Bayern zu dieser Zeit noch wirtschaftlich in weiten Teilen prägende Landwirtschaft ebenso wenig wiedergeben wie regionale Besonderheiten.

Landwirtschaft

Bereits kurz nach der Inflation von 1923 erfasste die weltweite Überproduktionskrise die deutsche Landwirtschaft. Zusammen mit der steigenden Steuerbelastung, die um 1925 etwa das Drei- bis Vierfache der letzten Vorkriegsjahre ausmachte, wuchs sie sich bis zum Ende des Jahrzehnts auch für die meist kleinen bis mittelgroßen bäuerlichen Betriebe Bayerns zu einer Depression aus. Hatte der leichte Preisanstieg landwirtschaftlicher Produkte in den 1920er Jahren zunächst noch die Lage stabilisiert, so setzte schon 1928 eine deutliche Abwärtsentwicklung ein: Sachgüter, notwendig für Anbau und Viehzucht, fielen zwar in den Folgejahren ebenfalls nominal im Preis, doch konnte dies den weitaus heftigeren Verfall der erzielten Erlöse nicht ausgleichen. (Preisindex Sächliche Betriebsmittel Wirtschaftsjahr 1928/29: 100,2, 1932/33: 74,4; landwirtschaftliche Erzeugnisse 1928/29: 100,8, 1932/33: 58,5; Basis 1927/29 = 100) (Zeitschrift des Bay. Statistischen Landesamts 69 [1937], 28).

Die Krise in Industrie und Gewerbe erreichte die bayerische Landwirtschaft über den Umweg des allgemeinen Kaufkraftschwundes, der sich besonders deutlich auf den Fleischpreis auswirkte: Die Schlachtviehpreise in München halbierten sich von 1929 bis 1933. Wesentlich stabiler zeigten sich die Getreidepreise in Bayern, die – wie bei Roggen und Weizen – im selben Zeitraum nahezu ihr Niveau halten konnten. Die bayerischen Viehzüchter waren damit wesentlich stärker von der Krise betroffen als die Getreidebauern.

Besonders hart traf es Landwirte in Regionen wie des Alpenrandes, die neben der Viehzucht auf Holzverkäufe angewiesen waren. Der Schnittholzindex (Basis 1928/30 = 100) sank aufgrund mangelnder Nachfrage und russischer Dumpingexporte bis 1933 auf 62,8. Folgen waren eine sprunghafte Verschuldung und die Zunahme an Vergantungen (= Konkurse). 1928 wurden 415 landwirtschaftliche Betriebe in Bayern zwangsversteigert, 1932 waren es 1.923.

Industrie und Gewerbe

Mit der Wiederherstellung des geregelten Geldverkehrs in Deutschland zur Jahreswende 1923/24 weitete sich auch in Bayern bis 1927 die Produktion mit kleineren Unterbrechungen enorm aus. Bereits 1928 zeigten sich aber Anzeichen der Stagnation. Wegen des in Bayern außergewöhnlich strengen Winters 1928/29 schnellten die Arbeitslosenzahlen in die Höhe. Sie sanken danach nur langsam, und schon im Sommer 1929 ließ die einbrechende Baukonjunktur eine heftige Zunahme der Arbeitslosigkeit im nächsten Winter befürchten.

Gerade das Baugewerbe zeigt für die Jahre bis 1933 deutlich die Krisenauswirkungen auf verschiedene Betriebsgrößen: Während gegenüber der Zahl von 1925 in Bayern fast zwei Drittel der in Bau- und Baunebengewerbe abhängig Beschäftigten bis 1933 ihre Arbeit verloren, stieg die Betriebszahl um etwa 10 % an. Oft mussten ländliche Klein- und Kleinstbetriebe ein Mindestmaß an Beschäftigten halten, um überhaupt arbeitsfähig zu sein, lebten aber vielfach aus der Substanz. Viele Arbeitslose belasteten als billige Schwarzarbeiter den Markt, andere suchten sich durch Gründung von Kleinstfirmen über Wasser zu halten.

Die Kredit- und Bankenkrise von 1931 gefährdete vor allem die Liquidität größerer Unternehmen. In den bayerischen Großstädten München, Augsburg und Nürnberg machte sich der Niedergang des traditionsreichen Maschinen- und Fahrzeugbaus stark bemerkbar. Bayernweit sank in diesem Bereich von 1925 bis 1933 die Beschäftigtenzahl auf die Hälfte. Gläubigerbanken übernahmen die maroden Bayerischen Motoren Werke, Kraus und Maffei wurden zusammengelegt. Im Winter 1931/32 zählte Nürnberg über 58.000, München über 73.000 Arbeitslose.

Wie unterschiedlich die Krisenauswirkungen auf engstem Raum in verschiedenen Branchen, aber auch innerhalb eines Produktionszweiges sein konnten, zeigt der Blick auf die traditionsreichen Industriestandorte im nördlichen Oberfranken. Die ohnehin angeschlagene, schon seit den 1920er Jahren unter dem verschärften Konkurrenzdruck auf dem Weltmarkt leidende Porzellanindustrie traf nun zusätzlich der Konsumrückgang der Krisenjahre. In Selb gingen die in diesem Produktionszweig geleisteten Arbeitsstunden von 1929 bis 1932 um 64 % zurück. Kurzarbeit und Entlassungen herrschten auch in der Textilindustrie Hofs vor, während das Arbeitsamt für den nahen Bezirk Münchberg durchweg gute Beschäftigungszahlen meldete. Im Herbst 1932 mussten hier sogar Arbeitskräfte aus den umliegenden Bezirken angeworben werden, um angesichts des beginnenden Konjunkturaufschwungs die Produktion sicherzustellen.

Handel und Dienstleistungen

Der bayerische Handel hatte in den Jahren der Weltwirtschaftskrise mit zwei wesentlichen Faktoren zu kämpfen: Der seit Mitte der 1920er Jahre steigenden und sogar in den Jahren der Depression weiter anwachsenden Zahl von Geschäften, nicht zuletzt auch durch die Ausbreitung von Filialketten, stand der Kaufkraftschwund der Bevölkerung gegenüber. Die Verdienste der einzelnen Unternehmen, oft kleiner Familienbetriebe, gingen spürbar zurück. Der Rückgriff auf Reserven bis zur einsetzenden Verarmung war die Folge.

Im Dienstleistungssektor konnte sich das bayerische Gaststättengewerbe sowohl in Betriebs- wie Beschäftigtenzahlen behaupten, und auch die für manche Regionen wichtigen Nächtigungszahlen im Fremdenverkehr gingen nur moderat zurück. Allein durch starke Preisabschläge fanden dagegen Dienstleister wie Friseure, deren Arbeit für viele Menschen zum Luxus geworden war, noch Kunden.

Schlechte Zeiten brachen für Hausangestellte an: Der wirtschaftliche Niedergang der mittelständischen "Herrschaft" brachte viele um ihren Arbeitsplatz. Personaleinsparungen gab es auch bei den Staatsbetrieben Bahn und Post, doch glich bei letzterer der fortschreitende Ausbau des Fernmeldenetzes manche Rationalisierung an anderer Stelle aus.

Arbeitslosigkeit und ihre Auswirkungen

Als signifikanter Gradmesser der Krise kann die Arbeitslosigkeit in industriellen Zentren gelten; im kleinstädtisch-ländlichen Bereich, der große Teile Bayerns ausmachte, wird sie vielfach überbewertet. In den bäuerlichen Gebieten Bayerns mit größeren Betriebseinheiten, etwa in den fruchtbaren Teilen Niederbayerns, nahm man das Zurückströmen von städtisch-industriellen Arbeitskräften aufs Land zunächst mit Genugtuung auf, half es doch, den stets beklagten Mangel an Knechten und Mägden zu günstigen Konditionen auszugleichen.

Doch auch hier setzte eine Sättigung ein, so dass mit Fortschreiten der Krise Arbeitslosigkeit auch zu einem Problem ländlicher Gegenden wurde. Mitte Juni 1933, also bereits in einer Phase der abklingenden Krise, waren in Bayern noch 26,2 % der erwerbsfähigen Arbeiter, 17,8 % der Angestellten und 11,1 % der Hausangestellten ohne Arbeit.

Drastische finanzielle Einschnitte brachte die Erwerbslosigkeit für die Betroffenen vor allem mit Dauer der Krise. Wer aus der Arbeitslosenunterstützung "ausgesteuert" wurde, landete bei den geringeren Unterstützungssätzen der Krisenunterstützung und war schließlich auf die kommunale Wohlfahrtshilfe angewiesen. In Bayern sank so die Zahl der Empfänger der Arbeitslosenunterstützung von Januar 1931 bis Januar 1933 von 275.000 auf 101.000, während die Kommunen nun statt 57.000 Wohlfahrtsbezieher 179.000 unterstützen mussten. Viele städtische und gemeindliche Haushalte brachen unter dieser Belastung zusammen, kommunale Investitionen, die Arbeitsplätze hätten schaffen können, blieben auf der Strecke.

Soziale und politische Folgen

Die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten machte sich vielschichtig bemerkbar: Klagen über das "Bettlerunwesen" wurden laut, mangelbedingte Krankheiten breiteten sich aus, Bedarfskriminalität und Suizidrate nahmen zu. Zur Unterstützung in Not geratener Bürger organisierten viele Städte und Gemeinden Suppenküchen und Spendenaktionen. Bei Bauern der Getreideregionen, etwa des Gäubodens, wurde für die Kollegen im Alpenvorland und im Bayerischen Wald Getreide gesammelt.

Die Verschlechterung der Lebensumstände beeinflusste daneben auch das politische Verhalten. Besonders von der Krise betroffene, unzufriedene Bevölkerungsteile wechselten zunehmend ins Lager der radikalen Parteien, doch erwies sich gerade der politische Katholizismus als stabilisierender Faktor. Die persönliche wirtschaftliche Betroffenheit war damit nicht ein zwangsläufiger Auslöser der politischen Entscheidung.

Das Ende der Krise

Im Winter 1931/32 erreichte die Zahl der Arbeitslosen ihren Scheitelpunkt und schon Ende 1932 gab es erste Anzeichen für eine Stabilisierung der Wirtschaftslage. Nach der Machterübernahme der Nationalsozialisten griff ihre - nun mit einer noch zunächst latenten Aufrüstungspolitik verknüpfte - Krisenbewältigungsstrategie auf bereits bestehende Pläne eines verstärkten Staatsinterventionismus zurück.

  • Eingriffe in die Handlungsfreiheit durch planwirtschaftliche Ansätze oder das noch 1933 neu erlassene Kartellrecht, mit dessen Hilfe meist mittelgroße Firmen bestimmter Produktionszweige zu wirtschaftlichen Verbünden zwangsvereinigt werden konnten, wurden für die Wirtschaft durch die Ausschaltung der Gewerkschaften und - durch Einführung des Führerprinzips auch in den Betrieben - jeder Form der Mitbestimmung mehr als wett gemacht.
  • Die landwirtschaftliche Produktion und das Handwerk erhielten 1933/34 mit dem "Reichsnährstand" und dem Zusammenschluss aller Handwerksverbände mit gleichzeitiger Einschränkung der Gewerbefreiheit ständische Strukturen. Das "Reichserbhofgesetz" kam in erster Linie dem Fortbestand kleinerer und mittlerer Bauernstellen zugute, die in Bayern dominierten. Die Absicherung von 143.000 bayerischen Erbhöfen betraf dennoch letztlich nur gut ein Viertel der bäuerlichen Betriebe.

Zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit trugen propagandistisch überhöhte, kreditfinanzierte Großprojekte wie der Autobahnbau, der auf erste Planungen der 1920er Jahre zurückging, und die Einführung des zunächst freiwilligen, ab 1935 verpflichtenden Arbeitsdienstes nebst der allgemeinen Wehrpflicht bei.

Wie in den USA oder England gingen auch in Deutschland die Arbeitslosenzahlen bis Mitte der 1930er Jahre kontinuierlich zurück (in Nürnberg etwa von 58.000 zu Jahresbeginn 1933 auf 36.000 bis Jahresende 1934), und schon 1936 näherte man sich der Vollbeschäftigung. Bayern machte dabei keine Ausnahme, doch erreichte einzelne monostrukturell geprägte Gebiete - so die grenznahe Porzellanregion Oberfrankens - der Aufschwung erst spät: Hier lagen Beschäftigungsgrad und Einkommensverhältnisse noch Mitte der 1930er Jahre deutlich unter dem Reichsdurchschnitt und dem Stand vor Beginn der Wirtschaftskrise.

Literatur

  • Ludwig Eiber, Arbeiter unter der NS-Herrschaft, Textil- und Porzellanarbeiter im nordöstlichen Oberfranken 1933-1939 (Miscellanae Bavarica Monacensia 86), München 1979.

Quellen

  • Zeitschrift des Bayerischen Statistischen Landesamts
  • Statistisches Jahrbuch des Bayerischen Statistischen Landesamts
  • Statistik des Deutschen Reichs

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Wolfgang Stäbler, Weltwirtschaftskrise, 1929, publiziert am 04.09.2007; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Weltwirtschaftskrise, 1929> (24.05.2017)