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Kabinett Schäffer, 1945

Aus Historisches Lexikon Bayerns

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von Alexander Wegmaier

Die US-Besatzungsmacht setzte am 28. Mai 1945 Fritz Schäffer (1888-1967) als 'Temporary Minister-Präsident for Bavaria' ein. Von einer Regierung im eigentlichen Sinn kann beim Kabinett Schäffer nicht gesprochen werden: Es war vollständig den Weisungen der Militärregierung unterworfen, hatte angesichts des umfassenden Mangels nach Kriegsende nur geringe Spielräume und sollte vor allem die Entnazifizierung und den Wiederaufbau der Verwaltung betreiben. Führende US-Offiziere unterstützten zunächst Schäffers Priorisierung einer funktionierenden Verwaltung. Nachdem liberale US-Zeitungen einen mangelnden Entnazifizierungswillen und eine einseitig konservative Personalpolitik in Bayern kritisierten, verschärften die USA im Spätsommer ihre Entnazifizierungspolitik. Als Signal entließ US-Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower (1890–1969) am 28. September 1945 sowohl den Militärgouverneur von Bayern George S. Patton (1885-1945), der diesen Kurswechsel offen ablehnte, als auch Ministerpräsident Schäffer und den Großteil seines Kabinetts.

Ernennungsumstände

Erstarrung des Öffentlichen Lebens

Unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs erstarrte das öffentliche Leben. Versammlungen waren verboten. Amtsleiter wurden von den Besatzungstruppen automatisch interniert. Schulen und Universitäten wurden geschlossen, Post, Radio und Zeitungen eingestellt und die Polizei aufgelöst. Viele Beschäftigte blieben ihren Arbeitsstätten zunächst fern.

Bayern als Land existierte zwar noch, war aber staatsrechtlich nur ein Torso, weil es im nationalsozialistischen System sowohl vom Reich als auch von der Partei weitgehend entkernt worden war. Die Staatsministerien waren praktisch zu Vollzugsorganen der Reichsbehörden degradiert.

Einsetzung Schäffers als Ministerpräsident

In den ersten Maiwochen sondierte für die US-Militärregierung in München vor allem Arthur W. Bromage (1904-1979) die Lage in Gesprächen mit katholischen und sozialdemokratischen Persönlichkeiten, die dem Nationalsozialismus ferngestanden hatten.

Am 4. Mai wurde zunächst Karl Scharnagl (1881-1963) kommissarisch als Münchner Oberbürgermeister eingesetzt und ihm gleichzeitig aufgetragen, die Arbeitsfähigkeit der Landes- und Reichsbehörden in Bayern wiederherzustellen. Parallel dazu setzten die lokalen Militärregierungen überall in Bayern vorläufige Regierungspräsidenten, Landräte und Bürgermeister ein.

Über Scharnagl kam Bromage am 11. Mai mit dem ehemaligen Vorsitzenden der Bayerischen Volkspartei (BVP) Fritz Schäffer (1888-1967) in Kontakt. In den folgenden zwei Wochen verdichteten sich langsam die Hinweise, dass Schäffer eine Übergangsregierung bilden sollte. Er führte dazu Gespräche mit Sozialdemokraten und Kommunisten über mögliche Personalvorschläge. Nachdem ihn auch Kardinal Michael von Faulhaber (1869-1952) als möglichen Ministerpräsidenten genannt hatte, forderte der neue Leiter der Militärregierung Charles E. Keegan (1893-1966) Schäffer am 24. Mai auf, eine Kabinettsliste zu entwerfen. Am 28. Mai 1945 ernannte Keegan ihn dann zum 'Temporary Minister-Präsident for Bavaria'.

Keegan und seine Berater trafen diese Entscheidung ohne Weisung, aber auch nicht gegen den expliziten Willen einer vorgesetzten Stelle. Ihr Ziel war es, die Verwaltung so zügig wie möglich wieder in Gang zu bringen.

Kabinettsbildung

Fotografie der Mitglieder des Kabinetts Schäffer. Von Links nach rechts: Wirtschaftsminister Karl Arthur Lange, Kultusminister Otto Hipp, Ministerpräsident Fritz Schäffer, Leiter Abteilung Landwirtschaft Ernst Rattenhuber, Kommisarischer Leiter des Innenministeriums Karl August Fischer. (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Bildersammlung 429)

Schäffer schlug der Militärregierung am 1. Juni als Innenminister Hans Ritter von Lex (1893-1970, ehem. BVP-Reichstabgeordneter und Beamter im Reichsinnenministerium), als Kultusminister Otto Hipp (1885-1952, ehem. BVP-Oberbürgermeister von Regensburg), als dessen Staatssekretär Hans Meinzolt (1887-1967, ehem. Vizepräsident des Landeskirchenrats), als Wirtschaftsminister Karl Arthur Lange (1881-1947, Direktor der Münchener Löwenbräu AG) und als Finanzminister sich selbst vor. Da Lex nicht auffindbar war, sollte Ministerialdirektor Karl August Fischer (1885-1975) kommissarisch das Innenministerium leiten.

Zudem empfahl er weitere Benennungen: Der ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete Albert Roßhaupter (1878-1949) sollte die Abteilung Arbeit und Fürsorge im Innenministerium übernehmen und der Direktor des Landesamtes für Ernährung und Landwirtschaft Ernst Rattenhuber (1887-1951) die Abteilung Landwirtschaft im Wirtschaftsministerium leiten. In einem nächsten Schritt sollten aus diesen Abteilungen eigene Ministerien werden. Ebenso schlug er neue Präsidenten der Reichsbahndirektion und Reichspostdirektion München vor, um treuhänderisch diese bisherigen Reichsfunktionen zu übernehmen.

Am 6. Juni wurden die Minister, in den folgenden Wochen die Staatsräte als ihre Vertreter und weitere Amtsträger ernannt.

Mitglieder des Kabinetts Schäffer
Ministerium Staatsminister Staatsräte
Inneres Karl August Fischer (6.6.-12.9.)

Heinrich Wirschinger (14.9.-28.9.), beide nur kommissarische Leitung

Albert Roßhaupter (13.6.-20.6. als Abteilungsleiter Arbeit und Fürsorge)
Finanzen Fritz Schäffer Hans Müller (15.6.-28.9.)
Kultus Otto Hipp (6.6.-18.9.) Hans Meinzolt (15.6.-28.9.)
Wirtschaft Karl Arthur Lange (6.6.-28.9.) Ernst Rattenhuber (13.6. Abteilungsleiter Landwirtschaft, 13.7. Staatsrat, bis 28.9.)
Arbeit Albert Roßhaupter (20.6.-28.9.)
Weitere Amtsträger, die an den Sitzungen des Kabinetts Schäffer teilnahmen
Person Funktion Bemerkung
Hans Ehard (1887-1980) und Wilhelm Hoegner(1887-1980) seit Mai bzw. Juni 1945 von Schäffer ohne Amt mit dem Wiederaufbau der Justiz beauftragt
Alfred Hoepffner(1880-1970) Landesforstmeister (ab 1.6.)
Karl Rosenhaupt(1885-1972) Präsident der Reichsbahndirektion München (ab 9.6.)
Ludwig Geiger(1884-1946) Präsident der Reichspostdirektion München (ab 13.7.) Nicht Hugo Geiger
Karl Scharnagl Oberbürgermeister von München
Otto Geßler(1875-1955) Leiter der Staatskanzlei (Mitte Juli bis 27.8.)

Charakter

Weisungsgebundene Zivilverwaltung unter der Militärregierung

Die "höchste gesetzgebende, rechtsprechende und vollziehende Machtbefugnis" lag seit der militärischen Besetzung infolge der Proklamation Nr. 1 des alliierten Oberbefehlshabers Dwight D. Eisenhower (1890–1969) bei der Militärregierung.

Das Kabinett Schäffer war also keine Regierung im klassischen Sinn. In seinem Ernennungsschreiben wurde Schäffer lediglich zum Leiter der "Zivilverwaltung in Bayern" ernannt. Aufgabe des Kabinetts war es, "der Militärregierung als ministerieller Stab zur Verfügung zu stehen, die Tatbestände festzustellen und Vorschläge für notwendige Maßnahmen zu machen", so der stellvertretende Leiter der Militärregierung in Bayern, Colonel Robert A. Reese im Juni an Schäffer.

Der Ministerpräsident hatte beinahe täglich Treffen mit der Militärregierung, in der diese neben allgemeinen Lagebesprechungen vor allem auch Weisungen erteilte, Entscheidungen aufhob und Veränderungen einforderte.

Zentrale Stellung des Ministerpräsidenten innerhalb des Kabinetts

Schäffer trug laut Ernennungsschreiben die volle Verantwortung für das Handeln der gesamten Verwaltung innerhalb Bayerns und war bei Verstößen gegen die Weisungen der Militärregierung persönlich haftbar.

Daraus ergab sich eine herausragende Stellung des Ministerpräsidenten. Er hatte den Vorsitz sowie das Letztentscheidungsrecht im Ministerrat. Neben die allgemeine Richtlinienkompetenz innerhalb des Kabinetts trat ein umfassendes Konsultations- und Weisungsrecht gegenüber sämtlichen Behörden und Beamten in Bayern.

Zwar sollten die Staatsminister unmittelbar mit ihren Verbindungsoffizieren ihre Belange besprechen. Allein der Ministerpräsident vertrat das Land aber gegenüber der Militärregierung und war daher über alle Gespräche auf dem Laufenden zu halten. Auch öffentliche Stellungnahmen waren nur mit seinem Einverständnis möglich.

Übernahme von Reichsfunktionen

Seit der Verhaftung der Regierung Dönitz am 23. Mai 1945 gab es auch formal keine Reichsregierung mehr. Die Reichsbehörden in Bayern wurden daher vom Land übernommen, einerseits um ihre Funktionen für das öffentliche Leben und die Versorgung aufrechtzuerhalten. Andererseits sollten aber auch die Zentralisierungen seit 1919 bzw. 1933 wieder rückgängig gemacht werden.

Beim Neuaufbau der Justiz arbeiteten der ehemalige Senatspräsident am Oberlandesgericht München Hans Ehard (1887-1980) und der Sozialdemokat Wilhelm Hoegner (1887-1980) ohne formelles Amt mit der Militärregierung zusammen. Für das Verkehrswesen nahmen die Präsidenten der Reichsbahn- und Reichspostdirektionen München an den Kabinettssitzungen teil. Beides war als Vorstufe zu eigenen Ministerien für Justiz und Verkehr gedacht.

Die Oberfinanzpräsidenten München und Nürnberg wurden dem Finanzministerium unterstellt. Im Wirtschaftsministerium wurde die für die Versorgung der Bevölkerung zentrale Wirtschaftslenkung (Landeswirtschaftsämter München und Fürth) und Ernährung (Abt. Landwirtschaft), im Innenministerium die Energieversorgung und direkt beim Ministerpräsidenten die Brennstoffversorgung (Landesforstmeister) angesiedelt. Das neue Arbeitsministerium übernahm nicht nur die Versorgungs- und Arbeitsämter, sondern hielt auch die Sozialversicherung mit Landesmitteln aufrecht.

Die von den Besatzungsbehörden aufgelöste Polizei wurde dezentral ohne Beteiligung des Innenministeriums auf kommunaler Ebene wieder aufgebaut.

Arbeitsschwerpunkte

Aushang mit der Ankündigung der Rundfunkansprache, die Ministerpräsident Schäffer als eine Art 'Regierungserklärung' hielt. (Hanns-Seidel-Stiftung, ACSP, NL Müller Josef : B 44)

Schäffer wandte sich am 14. Juli über Radio München an die Bevölkerung. Er stellte die neue Regierung vor, betonte ihren unpolitischen Charakter und forderte eine christlich geprägte Neuorientierung der Gesellschaft als Weg aus der NS-Zeit. Schon am 3. Juni hatte Schäffer symbolträchtig an der Münchener Fronleichnamsprozession teilgenommen, um den geistigen Neuaufbau des Staates zu unterstreichen.

Wiederaufbau der Verwaltung und Entnazifizierung

Schäffers Ernennungsschreiben nannte als wichtigste Aufgabe, alle Nationalsozialisten aus den Behörden zu entfernen und zugleich zügig eine funktionierende Verwaltung aufzubauen. Die Schwierigkeit, beide Ziele zugleich zu erfüllen, prägte Schäffers Amtszeit.

Die Behörden aller Ebenen waren im Mai 1945 weitgehend funktionsunfähig: Viele Gebäude, Akten und Kommunikationskanäle waren zerstört. Mitarbeiter waren geflohen, verhaftet oder kamen schlicht nicht mehr zum Dienst und warteten die Entwicklung ab. Das Kabinett konzentrierte sich darauf, zunächst die Leitungspositionen mit unbelasteten Personen neu zu besetzen.

Die Direktiven des US-Oberkommandos gingen von einer NS-Belastung aus, wenn bestimmte formale Kriterien (z.B. NSDAP-Mitgliedschaft, Leitungspositionen) erfüllt waren. Betroffene wurden verhaftet oder entlassen. Dies hatte zur Folge, dass ab Juli Verwaltungen aller Ebenen kurz vor dem Zusammenbruch standen. Schäffer und seine Minister suchten beständig nach Mitarbeitern, die von den Amerikanern als unbelastet akzeptiert wurden.

Schäffer plädierte dafür, "gesinnungsmäßige Nazis" zu entlassen. "Mitläufer" sollten dagegen zwar bestraft, aber weiterbeschäftigt werden können. Auch die Militärregierung in Bayern war an einer arbeitsfähigen Verwaltung interessiert, sodass viele Entlassungsverfügungen für dringend benötigte Fachleute auf Bitten Schäffers zunächst einvernehmlich aufgeschoben wurden.

Anfang September entwickelte Schäffer im Auftrag der Militärregierung ein Modell zur individuellen Schuldfeststellung, das die späteren Spruchkammern vorwegnahm. Zugleich verschärfte das amerikanische Oberkommando allerdings den Entnazifizierungskurs und die bisher pragmatische Handhabung im Zusammenspiel von Landes- und Militärregierung endete.

Ordnung der Staatsfinanzen

Um Handlungsspielraum als Landesregierung zu bekommen, drängte Schäffer auf eine rasche Haushaltskonsolidierung. Das Land übernahm mit den bisherigen Reichsaufgaben auch den Einzug der Reichssteuern. Am 22. August beschloss das Kabinett eine Notabgabe in Höhe von 25 % des Einkommens. Da das Steueraufkommen generell aber massiv eingebrochen war, blieb im Haushalt 1945 ein Betrag von 546 Mio. RM ungedeckt.

Landeseinheit und Durchsetzung der Autorität der Landesregierung

Schäffer trug für das Handeln der lokalen Amtsträger laut Ernennungsschreiben die Verantwortung. Vor allem der unterfränkische Regierungspräsident Adam Stegerwald (1874–1945) und auch viele Landräte führten ihre Ämter aber recht autonom.

Da Post- und Telefonverbindungen erst wieder aufgebaut werden mussten, reiste Schäffer im Juli und August in alle fünf Bezirkshauptstädte und nach Nürnberg. Damit wurde zum einen die Landeseinheit Bayerns sichtbar gemacht. Zum anderen wollte Schäffer rasch sein landesweites Weisungsrecht gegenüber allen Behörden durchsetzen.

Auch der Erlass einer Anordnung über den Dienstbetrieb der Behörden sowie das Wiedererscheinen des Bayerischen Gesetz- und Verordnungsblattes diente diesem Zweck.

Schul- und Kulturpolitk

Der Regierung war ein gutes Verhältnis zu den Kirchen wichtig. Sie ging einmütig von der Fortgeltung des Konkordats und der Kirchenverträge aus. Kultusminister Hipp führte daher am 23. Juli die Bekenntnisschule wieder ein, obgleich die Militärregierung diese Frage eigentlich offenhalten wollte. Die Wiedereröffnung der Volksschulen begann am 1. September, infolge der Entnazifizierungsentlassungen unter enormem Lehrermangel.

Ordnungsversuche in der Zusammenbruchgesellschaft

Die Amtszeit des Kabinetts Schäffer war von einer allumfassenden Versorgungskrise geprägt. Mit seinen beschränkten Kompetenzen und Ressourcen konnte das Kabinett nicht die Ursachen bekämpfen, sondern nur versuchen, Symptome zu lindern.

Die von der Militärregierung angeordnete Zwangsbewirtschaftung in Wirtschaft und Ernährung sowie die Bekämpfung des Schwarzmarktes sollte den Mangel einigermaßen gerecht verwalten. Frühzeitig wurde die Bevölkerung darauf eingestellt, dass ausreichend Heizmaterial im Winter trotz erhöhten Holzeinschlags nicht garantiert werden konnte. Angesichts der Wohnungsnot erließ das Kabinett ein Notgesetz zur Beschlagnahme von Wohnungen NS-Belasteter sowie Zuzugsverbote für die größeren Städte. Eine geordnete Rückführung der Evakuierten und Displaced Persons sollte den Druck vermindern, gleichzeitig kamen aber bereits die ersten Flüchtlinge an. Mit deren Betreuung wurde zunächst das Bayerische Rote Kreuz (BRK) beauftragt. Da mit der Vertreibung der Sudetendeutschen schon gerechnet wurde, gab es auch erste Überlegungen für eine staatliche Betreuung, die aber erst im Kabinett Hoegner umgesetzt wurde.

Einer schnellen Wiederzulassung politischer Parteien stand Schäffer kritisch gegenüber, weil er zum einen angesichts der Versorgungskrise Sorge vor neuen Demagogen hatte, zum anderen die Regierung in ihrer vermeintlich unpolitischen Aufbauarbeit beeinträchtigt sah. Ende August erlaubte die Militärregierung aber auf Orts- und Kreisebene Parteigründungen.

Entlassung

Am Kabinett Schäffer hatte es nicht nur in Teilen der Militärregierung von Anfang an Kritik gegeben, weil der Großteil seiner Mitglieder und leitenden Beamten katholisch-konservativ und BVP-nahe war. Hinzu kamen innerhalb der Besatzungsbehörden Konflikte darüber, wie schnell und rigoros NS-Belastete aus der Verwaltung entlassen werden sollten.

In beiden Punkten fand Schäffer zunächst die Unterstützung zentraler Offiziere der Militärregierung, weil diese ebenso wie er die Funktionsfähigkeit der Verwaltung sichern wollten und das Kabinett effektiv arbeitete.

Seit dem August und besonders im September bröckelte Schäffers Rückhalt aber. Zum einen verschärfte sich die US-Haltung zur Entnazifizierung. Zum anderen unterstellten, wohl lanciert von einem SPD-nahen Besatzungsoffizier, liberale US-Zeitungen dem Kabinett, mit Unterstützung katholischer US-Offiziere vermeintlich reaktionär-klerikale Verhältnisse in Bayern wiederherstellen zu wollen. Die Militärregierung drängte Schäffer, sein Kabinett politisch zu verbreitern. Mitte September musste er Hipp und Fischer entlassen. Neue Personalvorschläge wurden nicht mehr genehmigt, seine Ablösung lag bereits in der Luft.

Parallel dazu fanden Gespräche einzelner Politiker von Christlich-Sozialer Union (CSU), Sozialdemokratischer Partei Deutschlands (SPD) und Kommunistischer Partei Deutschlands (KPD) statt, die auf eine Ablösung Schäffers und ein von den Parteien getragenes Kabinett hinarbeiteten. Adam Stegerwald, Josef Müller (1898-1972) und Albert Roßhaupter machten sich Hoffnungen, selbst das Ministerpräsidentenamt zu übernehmen.

Schäffers Entlassung war schließlich vor allem ein Befreiungsschlag für den US-Oberbefehlshaber Eisenhower. Der für Bayern zuständige Militärgouverneur George S. Patton (1885-1945) hatte die dortige Entnazifizierungspraxis mit einer unangemessenen Argumentation öffentlich verteidigt und damit drohte nun auch Eisenhower beschädigt zu werden. Am 28. September teilte Eisenhower Patton seine baldige Versetzung mit und ordnete die Entlassung Schäffers an.

Der Leiter der bayerischen Militärregierung Colonel Roy L. Dalferes entließ noch am selben Abend Schäffer, Lange und Rattenhuber, ernannte Wilhelm Hoegner zum neuen Ministerpräsidenten und beließ Roßhaupter im Amt. Offiziell wurden die Entlassungen als Rücktritte bezeichnet.

Bedeutung

Schäffers Ernennung wird vielfach als erster Akt zur Wiedererrichtung des bayerischen Staates verstanden, was aber zeitgenössisch kaum absehbar war: Grundsätzlich setzten alle Alliierten zunächst auf die bestehenden Verwaltungsstrukturen unterhalb der Reichsebene. Bereits vor Schäffer setzten die Briten in Braunschweig (16. und 24. April), Lippe (17. April) und Oldenburg (16. Mai) neue Ministerpräsidenten ein. Mit Schäffers Ernennung wurde aber innerhalb der Besatzungszone der westalliierten Führungsmacht USA frühzeitig eine erste Weiche gestellt für den Fortbestand des Landes und eine Neuordnung Nachkriegsdeutschlands auf föderaler Grundlage.

Das Kabinett Schäffer hat mit seinen begrenzten Mitteln den Wiederaufbau der Staatsverwaltung vorangetrieben. Das gestanden ihm auch führende US-Besatzungsoffiziere zu. Seine Entlassung infolge einer verschärften US-Entnazifizierungspolitik ist weniger auf persönliche Verfehlungen als auf die politische Großwetterlage zurückzuführen. Von General Lucius D. Clay (1897-1978) ist das Zitat überliefert: "All the reports indicate that he [Schäffer] did a good job in getting things started. Now that this has been done, however, I think we will do better to find an official of more liberal leanings to head up the Bavarian authorities."

Forschungsstand und Quellenlage

Die Arbeit des Kabinetts Schäffer ist durch die Edition der Ministerratsprotokolle gut dokumentiert und das Wirken des ersten Ministerpräsidenten Gegenstand mehrerer Studien. Für die weiteren Mitglieder seines Kabinetts und deren Aufbauleistungen innerhalb ihrer Ressorts liegen Erkenntnisse dagegen nur verstreut vor.

Literatur

  • Otto Altendorfer, Fritz Schäffer als Politiker der Bayerischen Volkspartei. 1888-1945 (Untersuchungen und Quellen zur Zeitgeschichte 2), München 1993.
  • Wolfgang Benz (Hg.), Neuanfang in Bayern 1945-1949. Politik und Gesellschaft in der Nachkriegszeit, München 1988.
  • Oliver Braun, Fritz Schäffer – vom monarchistischen Föderalisten zum Bonner Zentralisten? In: Rainald Becker/Christof Botzenhart (Hg.): Die Bayerischen Ministerpräsidenten 1918–2018, Regensburg 2024, 179-198.
  • Paul Erker, Ernährungskrise und Nachkriegsgesellschaft. Bauern und Arbeiterschaft in Bayern 1943-1953 (Industrielle Welt 50), Stuttgart 2005.
  • Barbara Fait, Demokratische Erneuerung unter dem Sternenbanner. Amerikanische Kontrolle und Verfassunggebung in Bayern 1946, Düsseldorf 1998.
  • Karl-Ulrich Gelberg, Das Kabinett Schäffer und Hoegner I (1945-1946), in: Max Spindler/Alois Schmid (Hg.), Handbuch der bayerischen Geschichte. Band IV/1, München 2. Auflage 2003, 666-684.
  • Karl-Ulrich Gelberg/Michael Stephan, Ministerpräsident Fritz Schäffer (28. Mai bis 28. September 1945), in: "Das schönste Amt der Welt". Katalog zur Ausstellung im Bayerischen Hauptstaatsarchiv vom 15.12. 1999 bis 21.01.2000 (Staatliche Archive Bayerns, kleine Ausstellungen 13), München 1999, 31-43.
  • Dirk Götschmann, Die bayerische Wirtschaft in der unmittelbaren Nachkriegszeit (1945-1948), in: Christoph Daxelmüller/Stefan Kummer/Wolfgang Reinicke, (Hg.), Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Aufsätze zur Bayerischen Landesausstellung 2009 (Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 57), Augsburg 2009, 132-145.
  • Christoph Henzler, Fritz Schäffer 1945-1967. Eine biographische Studie zum ersten bayerischen Nachkriegs-Ministerpräsidenten und ersten Finanzminister der Bundesrepublik Deutschland (Untersuchungen und Quellen zur Zeitgeschichte 3), München 1994.
  • Winfried Müller, Schulpolitik in Bayern im Spannungsfeld von Kultusbürokratie und Besatzungsmacht 1945-1949, München 1995.
  • Lutz Niethammer, Die Mitläuferfabrik. Die Entnazifizierung am Beispiel Bayerns, 2. Auflage Berlin 1982.
  • Lutz Niethammer, Die amerikanische Besatzungsmacht zwischen Verwaltungstradition und politischen Parteien in Bayern 1945, in: Viertelsjahrhefte für Zeitgschichte 15 (1967), 153–210.

Quellen

Weiterführende Recherche

Empfohlene Zitierweise

Alexander Wegmaier, Kabinett Schäffer, 1945, publiziert am 26.03.2026, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Kabinett Schäffer, 1945> (27.03.2026)