Fronleichnamsprozession München, 3. Juni 1945

Michael Kardinal von Faulhaber (1869-1952) im Februar 1946 in Rom. (Foto: Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Die Fronleichnamsprozession in der Residenzstraße, mit Blick auf das zerstörte Viertel nördlich des Neuen Rathauses (heute: Marienhof). (Foto: Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Die Fronleichnamsprozession in der Theatinerstraße; im Hintergrund ist der zerstörte Dachstuhl der Münchner Frauenkirche zu sehen. (Foto: Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Walz)
Die Münchner Dreifaltigkeitskirche kurz nach Kriegsende 1945. (Foto: Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Links im Bild: Pater Rupert Mayer (1876-1945, Seligsprechung 1987) auf der Münchner Fronleichnamsprozession am 3. Juni 1945, wenige Wochen vor seinem Tod am 1. November 1945. (Foto: SJ-Bild München)

von Susanne Kornacker

Im Zweiten Weltkrieg konnte die Fronleichnamsprozession in München nur unter großen Einschränkungen stattfinden. Daher hatte es einen großen Symbolwert, dass kurz nach Kriegsende die US-Militärregierung die Prozession als erste Großveranstaltung in München genehmigte. Die Prozession konnte auf der ursprünglichen Wegstrecke stattfinden; 25.000 Teilnehmer, darunter der Bayerische Ministerpräsident, und 10.000 Zuschauer erfreuten sich des Ereignisses.

Bedeutung der Prozession im öffentlichen Leben

Die Fronleichnamsprozession, die öffentliche Verehrung der Eucharistie, hatte für die mehrheitlich katholische Bevölkerung Münchens eine große Bedeutung im Kirchenjahr. Sie ist seit dem 14. Jahrhundert für München bezeugt und wurde jeweils durch die gesellschaftliche und religiöse Situation geprägt. Somit ist sie auch Abbild der Lage der Kirche in der jeweiligen Zeit. 1918 nahm zum letzten Mal der bayerische König Ludwig III. (reg. 1913-1918) daran teil, 1919 wurde die Prozession auf Grund eines allgemeinen Versammlungsverbotes im Rahmen der revolutionären Unruhen verboten, ab 1920 fand sie ohne offizielle Vertreter der Behörden statt, Mitte der 1920er Jahre wurde deren Teilnahme wieder gestattet. Im "Dritten Reich" behielt man den Feiertag von staatlicher Seite zunächst bei; erst 1940 wurde das Fest auf den darauf folgenden Sonntag verlegt. Es gab aber zunehmende Einschränkungen bei der Wegführung und Auflagen an die Teilnehmer. Langfristig sollte dieses öffentliche Bekenntnis zum katholischen Glauben abgeschafft werden. Die Zahl der Teilnehmer ging jedoch nur geringfügig zurück; in den Kriegsjahren nahm sie sogar wieder zu.

Genehmigung durch die Militärregierung

In der Erzdiözese München und Freising war Michael Kardinal von Faulhaber (1869-1952) seit 1917 Erzbischof. Die Amerikaner setzten großes Vertrauen in ihn und suchten ihn nach ihrem Einmarsch in München als einen der ersten Ansprechpartner auf. Die US-Militärregierung hatte zunächst jegliche Straßenumzüge verboten. Nachdem die Feiertagsordnung von vor 1933 schon sehr bald wiederhergestellt worden war (Kardinal Faulhaber selbst schreibt am 17. Mai 1945: "Unsere alte Feiertagsordnung wurde gleich mit Christi Himmelfahrt wieder hergestellt.", vgl. Volk, Faulhaberakten II, 1061), richtete Kardinal Faulhaber am 18. Mai 1945 ein Schreiben an die Alliierte Militärregierung, in dem er bat, die Prozession am 31. Mai 1945, einem Donnerstag, durchführen zu dürfen. Als abschließende Begründung schreibt er: "For the people of Munich the great procession has been the one open air solemnity, to which they clung unanimously with zeal and devotion, particularly in the last years, when the assistants were exposed to heavy persecutions on the part of the nat.-soc. party. The population of Munich would not understand, that after the downfall of the nat.-soc. government the great Corpus-Christi procession should not be allowed" (Hürten, Akten, 7f.). Als erste Großveranstaltung in München nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Prozession vier Tage später genehmigt.

Durchführung der Prozession

Wegen des starken Regens am 31. Mai fand die Prozession schließlich am 3. Juni, dem darauf folgenden Sonntag, bei strahlendem Sonnenschein statt. Nach einem Pontifikalamt in der Dreifaltigkeitskirche wurde wieder die lange Wegstrecke gegangen mit den Altären auf dem Marienplatz, an der Ludwigskirche, an der Feldherrnhalle und auf dem Promenadeplatz. Kardinal Faulhaber, mittlerweile 76 Jahre alt, trug während der beinahe vier Stunden dauernden Prozession über weite Strecken das Allerheiligste. An der Prozession nahmen wieder alle kirchlichen Stände, Verbände und Organisationen sowie die Stadtverwaltung und die Beamtenschaft teil. Die Stadt München beteiligte sich an den Vorbereitungen u. a. durch das Schmücken des Rathauses und anderer öffentlicher Gebäude. Die Prozession sollte bewusst von kommunaler Seite einen würdigen Rahmen erhalten und so eine positive Haltung gegenüber der katholischen Kirche signalisieren. Es nahmen u. a. der Bayerische Ministerpräsident Fritz Schäffer (1888-1967) und der Münchner Oberbürgermeister Karl Scharnagl (1881-1963, Oberbürgermeister 1945-1948) teil.

Eindrücke

Es existieren zahlreiche Fotografien und ein Film von Willi Cronauer (1901-1974), der beeindruckend zeigt, wie sich die Prozession durch das stark zerstörte München bewegte. Die Kulisse bildeten vorwiegend Ruinen, die Menschen standen auf den Schuttbergen. Vor diesem Hintergrund wenige Wochen nach Kriegsende hinterließ der Kontrast zwischen der Zerstörung auf der einen und der Feierlichkeit sowie tiefen Würde der Prozession auf der anderen Seite einen starken Eindruck. In einem Bericht, den vermutlich eine Münchner Lehrerin verfasste, werden Kardinal Faulhaber subjektive Eindrücke von der Prozession geschildert. Die Zahl der Teilnehmer wird dabei auf 25.000, die Zahl der Zuschauer auf 10.000 Menschen geschätzt. Eigens wird Pater Rupert Mayer (1876-1945, Seligsprechung 1987) erwähnt. Die Berichterstatterin stellt jedoch auch fest, dass in den früheren Prozessionen, als es noch um Bekennermut ging, die Menschen zum Teil andächtiger gewesen seien. Es gebe nun auch manche, so ihre Meinung, die bewusst als Katholiken gesehen werden wollten. Gelobt wurde jedoch die große Zahl der teilnehmenden Jugend sowie ihre Andacht und Disziplin. Hier werde besonders der Wille zum Neuanfang sichtbar.

Bewertung

Der Kardinal äußerte sich dankbar über die Genehmigung der Prozession durch die Militärregierung, die Beteiligung der Stadt und die breite Teilnahme der kirchlichen Stände. Er schreibt: "Nun ist die Stunde der Gewissensfreiheit wieder gekommen. Nun sind die Schranken des religiösen Bekennens gefallen. So wurde die Fronleichnamsprozession ein 'Deogratias' für den Frieden und die religiöse Freiheit. Die Freude über den sonnigen Tag war den Münchnern von den Gesichtern abzulesen. Es kam ihnen aus den Herzen, vor aller Welt ein Bekenntnis zu Christus abzulegen, ein Bekenntnis zu Christus, dem Herrn der neuen Zeit." (EAM, NL Faulhaber 6381).

Die Fronleichnamsprozession wurde als Zeichen des Sieges der Kirche nach den Jahren der Repression gesehen, als Zeichen ihrer Beständigkeit. Für die Menschen hatte sie eine tiefe symbolische Wirkung, stand für einen Neuanfang und machte Hoffnung. Gerade der an Fronleichnam durch die Straßen getragene Leib Christi ist für gläubige Katholiken Zeichen der Auferstehung Christi und somit des Sieges des Lebens über den Tod. Sicher gab dieses Zeichen vielen Menschen Kraft und schenkte ihnen neuen Lebensmut. Nach dem materiellen Aufbau von Kirchen und Häusern, an dem die Kirche tatkräftig mitwirkte, lag Kardinal Faulhaber vor allem am geistigen Aufbau. Er sah es als große Chance der Kirche, das im "Dritten Reich" entstandene Wertevakuum der Menschen neu zu füllen. Er hoffte nun auf eine wirkliche Erneuerung der Gesellschaft in christlichem Sinn.

Literatur

  • Elisabeth Angermair, Die Münchener Fronleichnamsprozessionen unter Kardinal Faulhaber, in: Thomas Forstner/Susanne Kornacker/Peter Pfister (Hg.), Kardinal Michael von Faulhaber 1869-1952. Eine Ausstellung des Archivs des Erzbistums München und Freising, des Bayerischen Hauptstaatsarchivs und des Stadtarchivs München zum 50. Todestag, 6. Juni bis 28. Juli 2002 (Ausstellungskataloge der Staatlichen Archive Bayerns 44), München 2002, 569-573.
  • Susanne Kornacker, Bausteine des geistigen Wiederaufbaus: Die Fronleichnamsprozession 1945 in München und die Wiedereinweihung der Mariensäule, in: Beiträge zur altbayerischen Kirchengeschichte 47 (2003), 269-295.
  • Alexander Loichinger, Die Münchener Fronleichnamsprozession unter Kardinal Faulhaber, in: Georg Schwaiger (Hg.), Das Erzbistum München und Freising in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft. 2. Band, München/Zürich 1984, 100-121.

Quellen

  • Erzbischöfliches Archiv München, NL Fauhaber.
  • Heinz Hürten (Hg., unter Benutzung der Vorarbeiten von Ludwig Volk), Akten Kardinal Michael von Faulhabers, Band 3: 1945-1952 Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe A: Quellen, Band 48), Paderborn 2002.
  • Ludwig Volk (Hg.), Akten Kardinal Michael von Faulhabers, Band 1: 1917-1934 (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe A: Quellen, Band 17), Mainz 1975.
  • Ludwig Volk (Hg.), Akten Kardinal Michael von Faulhabers, Band 2: 1935-1945 (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte, Reihe A: Quellen, Band 26), Mainz 1978.

Weiterführende Recherche

Empfohlene Zitierweise

Susanne Kornacker, Fronleichnamsprozession München, 3. Juni 1945, publiziert am 13.11.2012; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Fronleichnamsprozession_München,_3._Juni_1945> (25.02.2018)