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Post- und Telegrafenwesen (19./20. Jahrhundert)

Stadtbriefkasten der königlich bayerischen Post. Älteste Bauart, ab 1845. Holz, Entleerung mittels Einsatzkasten. (Museumsstiftung Post und Telekommunikation)
Kraftpostbus der königlich bayerischen Post um 1905. Daimler Motorengesellschaft Berlin-Marienfelde. (Museumsstiftung Post und Telekommunikation)
Kraftpostbus der königlich bayerischen Post: Kraftpostlinie Kochel - Mittenwald 1913, hier bei der Fahrt auf der Kesselbergstraße. (Museumsstiftung Post und Telekommunikation)
Tischapparat W 25, Reichspostministerium Abteilung München ab 1925; F. Merk Telefonbau AG, München. (Museumsstiftung Post und Telekommunikation)
Bayerische Briefmarke mit dem Aufdruck "Deutsches Reich" 5 Pfennige, Abschiedsserie von 1920. Der Aufdruck illustriert den Übergang der Post von Bayern an das Reich. (Privatbesitz)
Postamt München 19 in der Nymphenburger Straße. (Fotografie um 1927 aus: Das Reichspostministerium, in: Das Land Bayern. Seine kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung für das Reich, München 1927, S. 372)
Fern- und Verstärkeramtsgebäude Augsburg. (Fotografie um 1927 aus: Das Reichspostministerium, in: Das Land Bayern. Seine kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung für das Reich, München 1927, S. 372)
Eingang des Postdienstgebäudes Tegernsee. (Fotografie um 1927 aus: Das Reichspostministerium, in: Das Land Bayern. Seine kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung für das Reich, München 1927, S. 373)
Posteigene Mietwohngebäude in Landshut. (Fotografie um 1927 aus: Das Reichspostministerium, in: Das Land Bayern. Seine kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung für das Reich, München 1927, S. 373)
Niels Simonsen, Abfahrt einer bayerischen Eilpostkutsche. Öl auf Leinwand, 1835; dem Bild sind zahlreiche Details des Eilpostwagens bis hin zur neuartigen Federungstechnik zu entnehmen. Die Szene illustriert auch die neue soziale Realität des Reisens. (Museumsstiftung Post und Telekommunikation, Foto: Axel Schneider)

von Stefan Kley

Im 19. und 20. Jahrhundert entstanden durch organisatorische Neuerungen des Postbetriebs, neue Transporttechnik, Telegrafie, Telefonie, Rundfunk und Fernsehen gänzlich neue Möglichkeiten von Kommunikation und Mobilität. Das staatliche Postwesen, das diese neuen Techniken entwickelte, nutzte und vor allem dem Publikum die daraus resultierenden Dienstleistungen anbot, leistete damit zentrale Beiträge zur Umwälzung von Wirtschaft und Gesellschaft im Zuge der industriellen Revolution.

Staatliche Organisation

Bayern verstaatlichte am Beginn des 19. Jahrhunderts das Postwesen. Bis dahin lag die Beförderung von Briefen, Personen und Gütern weitgehend in den Händen des seit 1748 in Regensburg ansässigen Hauses Thurn und Taxis, das seit 1615 das Postregal als kaiserliches Erblehen im Reich ausgeübt hatte. Nach der Erhebung zum Königreich übernahm Bayern zwischen 1806 und 1808 das Postwesen vollständig. Dadurch wurden die höheren Postbediensteten zu königlichen Beamten, an den Posthäusern wurde das Wappen des Königreichs angebracht und die Uniformen der Postillione wechselten die Farbe von gelb zu blau.

Zuständig für das Postwesen waren nacheinander verschiedene Staatsministerien: das Finanzministerium, das Staatsministerium des Äußern und des königlichen Hauses, das Staatsministerium des Handels und der öffentlichen Arbeiten und schließlich, ab 1904, das (bis 1918: königlich bayerische) Staatsministerium für Verkehrsangelegenheiten. Post und Eisenbahn ressortierten seit den späten 1840er Jahren in einer gemeinsamen Generaldirektion; auch gab es z. T. gemeinsame Organe der mittleren und unteren Verwaltung (Oberpost- und Bahnämter bzw. Post- und Bahnexpeditionen). Die Trennung erfolgte wegen des rasch wachsenden Umfangs der beiden Verkehrsanstalten ab der zweiten Hälfte der 1870er Jahre.

Das stürmische Wachstum des Postwesens schlug sich unter anderem in der Zahl der Postanstalten (Ämter, Agenturen und Posthilfsstellen) nieder. Diese wuchs von 229 im Jahr 1808 auf 813 im Jahr 1858 und auf 5.151 im Jahr 1908. Noch deutlicher war die Entwicklung im Bereich des Personals, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts ca. 440 Personen, zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast 20.000 Personen umfasste. Zu den Verwaltungsbeamten des höheren und mittleren Dienstes und den einfachen Postbediensteten wie Konducteure, Packer, Postillione, Briefträger und Paketboten hatten sich nun zahlreiche Angehörige technischer Berufe wie Ingenieure, Telegrafisten, Mechaniker und Motorwagenführer gesellt. Frauen waren in größerer Zahl erst seit 1873 für den Postdienst zugelassen; um die Jahrhundertwende waren sie vor allem als Telefonistinnen, d.h. in der Telefonvermittlung tätig.

Post und Telegrafie erwirtschafteten während des 19. Jahrhunderts fast durchweg Überschüsse zugunsten des Staatshaushalts, die sich für die Zeit zwischen 1808 und 1908 (umgerechnet in Mark) auf über 150 Mio. Mark beliefen. Sowohl Einnahmen als auch Ausgaben wuchsen in der zweiten Hälfte des genannten Zeitraums deutlich stärker als in den vier bis fünf Jahrzehnten zuvor. Allerdings wuchsen die Einnahmen in Folge mehrerer Tarifsenkungen erheblich langsamer als die Ausgaben, wodurch die Ertragsquote langfristig sank. In dieser Entwicklung spiegelt sich auch eine geänderte Einstellung der Staatsverwaltung zum Postwesen wider: Lag das Interesse zu Beginn vornehmlich auf der Erzielung von Einnahmen, verlagerte sich dieses nun auf die Förderung von Handel und beginnender Industrie.

Die eigenständige königlich bayerische Post überstand auch die Reichsgründung von 1870/71, denn als besonderes Zugeständnis an die süddeutschen Staaten konnten Bayern und Württemberg im Rahmen der so genannten Reservatrechte ihre eigenen Postverwaltungen weitgehend unabhängig von der Reichspost weiterführen.

Die bayerische Posthoheit endete nach den Bestimmungen der Weimarer Verfassung von 1919 (Art. 88, 89) mit dem Poststaatsvertrag zwischen Bayern und dem Reich am 1. April 1920. Immerhin sah der Vertrag noch den Fortbestand einer partiellen bayerischen Eigenständigkeit auf dem Gebiet des Postwesens vor. Zu diesem Zweck entstand eine eigene, für Bayern zuständige Abteilung des Reichspostministeriums unter der Leitung eines Staatssekretärs mit Sitz in München, der für alle inneren Angelegenheiten der Post in Bayern, für die Vereinheitlichung der Betriebsformen, wesentliche Veränderungen der Dienstvorschriften und Teile des Personalwesens zuständig war. Insbesondere wurde bestimmt, dass "der Vorstand und mindestens drei Viertel der Mitglieder und Beamten der Abteilung München des RPM [...] die bayerische Staatsbürgerschaft besitzen oder durch langjährigen Aufenthalt in Bayern mit den bayerischen Verhältnisse genau vertraut sein" sollten; gleiches galt für die Vorstände der Oberpostdirektionen (Staatsvertrag zwischen dem deutschen Reiche und dem Freistaat Bayern über den Übergang der Post- und Telegraphenverwaltung Bayerns an das Reich sowie dazugehöriges Schlussprotokoll, abgedruckt in: Reichsgesetzblatt 1920, 644-656). Vereinbart wurde auch eine Entschädigung für Bayern, die nach langwierigen Verhandlungen auf 650 Mio. Mark festgesetzt wurde. Da indessen keine Tilgungsmodalität festgelegt wurde, wirkte sich insbesondere die Inflation sehr nachteilig für Bayern aus. Die für Bayern zuständige Abteilung des Reichspostministeriums bestand bis zum 1. April 1934.

Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches am 8. Mai 1945 kam der Postbetrieb im Sommer 1945 zunächst nur auf lokaler und regionaler Ebene wieder in Gang. Die Militärregierungen der Amerikaner und Briten organisierten bis Ende 1946 unter der Bezeichnung „Deutsche Post“ ein gemeinsames Post- und Fernmeldewesen mit Sitz in Frankfurt am Main. Das Grundgesetz konstituierte mit Wirkung vom 23. Mai 1949 eine unter deutscher Souveränität stehende "Deutsche Bundespost" als bundeseigene Verwaltung. Als regionale Mittelbehörden entstanden in teilweiser Fortführung der ehemaligen Reichspostdirektionen auf bayerischem Gebiet Oberpostdirektionen in München, Nürnberg und Regensburg. Im Zuge der Postreform der Jahre 1989 und 1995 wurde die Bundespost in die Bereiche Postdienst, Telekom und Postbank aufgeteilt, die schließlich in Aktiengesellschaften umgewandelt wurden.

Frühe Reformen

Das 19. und 20. Jahrhundert präsentieren sich in Bayern als die Epoche der staatlichen Postverwaltung. Dennoch ist die Frage, ob die politische Umwälzung zu Beginn des 19. Jahrhunderts Voraussetzung der danach einsetzenden technischen und organisatorischen Umwälzungen war oder diese zumindest begünstigte, nach heutigem Kenntnisstand nicht eindeutig zu beantworten. Tatsache ist, dass sich die königlich bayerische Post anfangs mit Reformen schwer tat und sowohl den Eilpostwagen, einen neuartigen Postkutschentypus, der die Fahrtzeiten um ein Drittel reduzierte, als auch die Stadtbriefkästen, welche die Versendung von Briefen erheblich vereinfachten, später als andere Postverwaltungen in Deutschland einführte. 1849 indessen setzte sich die königlich bayerische Post erstmals an die Spitze des postalischen Fortschritts und führte zum 1. November 1849 mit dem "Schwarzen Einser" die erste Briefmarke in Deutschland überhaupt ein. Zusammen mit der Vereinfachung und Reduzierung der Tarife und der flächendeckenden Versorgung mit Briefkästen war damit die Voraussetzung für die Entwicklung des Briefes zum Massenkommunikationsmittel erfüllt. So konnte die Zahl der Briefsendungen von 15,8 Mio. im Jahr 1852 auf 771,5 Mio. im Jahr 1908 anwachsen - bei einer Einwohnerzahl von ca. 6,2 Mio.

Eisenbahn

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts konnten Nachrichten, Personen und Güter nur mit menschlicher oder tierischer Muskelkraft befördert werden und daher im günstigsten Fall eine Geschwindigkeit von ca. 10 km pro Stunde erreichen. Gleichzeitig waren die Mengenkapazitäten begrenzt und die Transport- und Reisetarife entsprechend hoch. Die Eisenbahn sprengte diese Grenzen und schuf erstmals die Möglichkeit von massenhafter, schneller und billiger Kommunikation und Mobilität. Die Post nutzte das neue Transportmittel wahrscheinlich seit 1835, indem der Poststallhalter von Nürnberg die Briefe nach Fürth auf der Schiene transportieren ließ. In England ging die Post schon wenig später dazu über, die Fahrtzeit für das Sortieren der Briefe zu nutzen, indem sie Postbedienstete in eigens zu diesem Zweck konstruierten Wagen einsetzte. Diese Neuerung, die Bahnpost, verkehrte in Bayern seit 1851 und wurde rasch zum Rückgrat der Postbeförderung. Erst die Konkurrenz durch Straßen- und Luftverkehr, vor allem aber der fortschreitende Einsatz der maschinellen Sortiertechnik in den 1980er Jahren, führte im Jahr 1997 zur Einstellung der Bahnpost in Deutschland.

Kraftpost

Die Post profitierte von der Eisenbahn beim Transport von Briefen und Paketen, doch sie verlor das Monopol bei der Beförderung von Personen. Die Postkutsche hatte Jahrhunderte lang die Reisenden in die Ferne gebracht. Nun trat der Zug an ihre Stelle. Immerhin verblieben der Post die Erschließung der Gebiete abseits der Gleise und der Zubringerdienst zur Eisenbahn, wofür eine Vielzahl von kleinen pferdebespannten Fahrzeugtypen entwickelt wurde.

Im Jahr 1905 schrieb die königlich bayerische Post erneut deutsche Postgeschichte, als sie auf der Strecke zwischen Bad Tölz und Lenggries die erste deutsche Kraftpostlinie einrichtete. Noch vor dem Ersten Weltkrieg entstand in Bayern ein Netz von über 100 Motorwagenlinien, das jährlich mehr als 3 Mio. Passagiere beförderte – rund zehnmal mehr als alle Linien im gesamten Gebiet der Reichspost. Gleichzeitig ergaben sich aus den von der Postverwaltung formulierten Anforderungen zahlreiche Impulse für die deutsche Fahrzeugindustrie. Die gelben Postomnibusse gehörten jahrzehntelang zum Alltag auf dem flachen Land, bis sie bis 1985 aus Kostengründen in den Bahnbusdienst übergeführt wurden.

Telegrafie

Noch tief greifender war die Erfindung der Telegrafie, die es ermöglichte, Nachrichten als elektrische Impulse zum Empfänger zu senden, wo sie praktisch zum gleichen Zeitpunkt eintrafen. Zu dieser komplexen Entwicklung auf der Grundlage des Elektromagnetismus hatte der bayerische Naturwissenschaftler Carl August Steinheil (1801-1870) entscheidende Beiträge geliefert, vor allem durch die Entdeckung des Prinzips der Rückleitung des elektrischen Impulses durch das Erdreich, auf das er 1838 bei Feldversuchen entlang der Eisenbahnlinie Nürnberg–Fürth gestoßen war.

Die Telegrafie hing auch in anderer Hinsicht eng mit der Eisenbahn zusammen, denn zum ersten Einsatz kam die neue Technik als internes Nachrichtensystem zur Weitermeldung von ein- und auslaufenden Zügen. Doch bereits die erste funktionierende Verbindung in Bayern, 1850 entlang der Linie Salzburg–München in Betrieb genommen, wurde sogleich für den öffentlichen Gebrauch geöffnet.

Anfänglich betrieben sowohl Bahn als auch Post Telegrafielinien, während der Bau privater Linien gesetzlich weitgehend eingeschränkt wurde. Das Netz vergrößerte sich dennoch rasch, weil der bayerische Staat beträchtliche Summen investierte. So entstanden noch 1850 eine Linie von München über Augsburg, Nürnberg und Bamberg bis nach Hof mit Abzweigungen nach Leipzig bzw. von Bamberg über Würzburg nach Aschaffenburg sowie zwei weitere Linien von München über Landshut nach Regensburg und von Augsburg nach Kaufbeuren. Insgesamt erstreckte sich das Netz über eine Länge von 101 Meilen (in Bayern galt die deutsche geografische Meile mit einer Länge von 7.420,44 m). In einer zweiten Ausbauphase in den Jahren bis 1865 wurde der Umfang der Leitungen auf über 989 Meilen (inklusive der Bahntelegrafenleitungen) erhöht, im Jahr 1880 erreichte man eine Gesamtlänge von 35.266 km, 1910 knapp 95.000 km – damit war auch das flache Land flächendeckend mit Telegrafenstationen versorgt.

Die Zahl der versandten Telegramme entwickelte sich entsprechend: von etwas mehr als 11.000 in den Jahren 1851/52 über 190.000 in den Jahren 1859/60 und knapp 1,8 Mio. im Jahr 1874 auf 5,355 Mio. Depeschen im Jahr 1908. Einen wichtigen Beitrag zum stürmischen Aufschwung des Mediums lieferten zweifellos auch die drastisch reduzierten Tarife: Kostete eine einfache Depesche (bis 25 Worte) bei einer Entfernung bis 90 km anfangs 3 Gulden, so sank der Tarif bis zum Vorabend der Währungsumstellung auf 17 ½ Kreuzer. Dennoch legen Ergebnisse aus anderen Ländern die Vermutung nahe, dass auch in Bayern der Anteil der privaten Korrespondenz am Telegrammverkehr nur eine untergeordnete Rolle spielte und der Hauptanteil neben dem Austausch zwischen Behörden auf Banken, Handel und Gewerbe entfiel.

Die Presse bezog in einigen Teilen Deutschlands vereinzelt schon um 1850 Nachrichten über den Telegrafen. Seit den 1930er Jahren zählten Fernschreiber mit Verbindung zu den Nachrichtenagenturen zur festen Ausstattung jedes Redaktionsbüros. Die Fernschreiber waren eine Weiterentwicklung der alten Telegrafen, die den großen Vorteil boten, dass sie die einlaufenden elektrischen Signale gleich in Klarschrift umsetzten. Die Reichspost bot auf dieser technischen Basis seit 1933 den „öffentlichen Fernschreibdienst Telex“ an, der für Jahrzehnte die wichtigste Textübertragungstechnik war und erst in den 1970er/1980er Jahren durch die Telefaxtechnik abgelöst wurde.

Telefonie

In der Zeit zwischen 1900 und 1908 war die Zahl der innerhalb Bayerns versandten Telegramme erstmals rückläufig – offenkundig eine Folge des aufkommenden Telefons. Das erste Telefonnetz in Bayern war im August 1882 in Ludwigshafen mit neun Teilnehmeranschlüssen entstanden; München folgte mit 263 privaten Anschlüssen, 67 amtlichen und drei öffentlichen Sprechstellen am Jahresende 1883. Ein privates „Komitee für eine Telephon-Einrichtung in Nürnberg-Fürth“ erreichte durch eine Eingabe an das zuständige Staatsministerium den Aufbau eines Netzes für die beiden Städte, das am 1. August 1885 mit 192 Teilnehmern in Betrieb ging. Augsburg, Bamberg, Würzburg, Roth, Schwabach, Kaiserslautern und Hof folgten zwischen 1886 und 1890. Gleichzeitig entstanden die ersten Verbindungslinien zwischen den Städten.

In München stellten die Banken fast ein Viertel der ersten Teilnehmer; in Nürnberg und Fürth hatten die Hopfenhandlungen mit 39 Abonnenten den größten Anteil, es folgten 18 Banken, sieben Eisen- und Metallhandlungen, sechs Bierbrauereien sowie ein Arzt. Privatpersonen tauchten vor den späten 1890er Jahren in den Telefonbüchern überhaupt nicht auf – die Jahresgebühr für einen Anschluss (die Gespräche wurden nicht berechnet) betrug mindestens 150 Mark, was etwa der Jahresmiete für eine Dreizimmerwohnung in Nürnberg entsprach. Hinzu kamen die Kosten für das Telefongerät mit weiteren 90 Mark. Auch wenn die Gebühren rasch sanken, blieb das eigene Telefon lange Zeit fast ausschließlich geschäftlichen Belangen vorbehalten. Noch zu Beginn der 1960er Jahre hatten lediglich 10 % der Privathaushalte in der Bundesrepublik einen eigenen Anschluss; erst in den beiden folgenden Jahrzehnten stieg diese Rate in Westdeutschland auf praktisch 100 %.

In Bayern war es der staatlichen Verkehrsverwaltung, wie zuvor schon im Falle der Telegrafie, wiederum gelungen, entgegen den Bestrebungen zum Aufbau privater Netze ein weitgehendes Monopol für Telefonnetze durchzusetzen. Allerdings bedingte dieser Erfolg, dass große Summen für den Netzausbau aufgebracht werden mussten.

Gleichzeitig entstand in Bayern frühzeitig eine fernmeldetechnische Industrie. Der Nürnberger Mechaniker und Fabrikant Friedrich Heller (1836-1911) zählt zusammen mit dem Münchner Friedrich Reiner (1858-1918) zu den Pionieren des neuen Mediums. Heller präsentierte bereits im Sommer 1877, noch vor den entsprechenden Versuchen des Reichspostamts in Berlin, Nachbauten der Bell'schen Telefonapparate und avancierte rasch zu einem der Hauptlieferanten der bayerischen Postverwaltung. Da die postalische Eigenständigkeit Bayerns auch nach dem Ende des Königreiches 1918 partiell fortbestand, konnten bayerische Hersteller weiterhin eigene Entwicklungen vorantreiben. Bekanntestes Beispiel ist der Tischapparat W 25 des Münchner Herstellers F. Merk Telefonbau, ein elegantes Tischgerät aus dem Jahr 1925, das von der Reichspost zwar nicht als Standardgerät angenommen wurde, im Freistaat jedoch zugelassen war und eine Stückzahl von 8.000 erreichte. Eine weitere bemerkenswerte bayerische Eigenentwicklung war 1923 die Einrichtung der so genannten Netzgruppe Weilheim, die das weltweit erste Telefonamt mit automatischer Vermittlung von Ferngesprächen war.

Rundfunk und Fernsehen

Aufgrund der im Reichstelegrafengesetz von 1892 formulierten Fernmeldehoheit spielte die Post auch beim Aufbau und Betrieb des Rundfunks in Deutschland eine zentrale Rolle. Weil frühzeitig die Entscheidung zugunsten eines dezentralen Netzes fiel, entstand in München eine regionale Rundfunkgesellschaft, die „Deutsche Stunde in Bayern G.m.b.H.“, die am 30. März 1924 den Sendebetrieb aufnahm. Die Konzession hatte die in München ansässige Abteilung des Reichspostministeriums erteilt, die auch die Funkanlage zur Verfügung stellte. Post und Staatsregierung übten die inhaltliche und seit Anfang 1932 auch die wirtschaftliche Kontrolle über die Sendegesellschaft aus.

Die Reichweite des Senders betrug anfangs nur 1-2 km, doch erhöhte sich die Zahl der Rundfunkempfänger rasch durch die Verstärkung der Sendeleistung, Verbesserung der Empfangsgeräte und den Aufbau von Nebensendern in Nürnberg, Augsburg und Kaiserslautern und schließlich des Großsenders Ismaning. Zu Beginn der 1930er Jahre bot der Sender täglich 13 Stunden Programm an, die von über 300.000 Teilnehmern in Bayern gehört werden konnten.

Die Nationalsozialisten, für die der Rundfunk eines der zentralen Propagandamedien war, übernahmen nach dem 30. Januar 1933 rasch die personelle und programmatische Kontrolle über die Bayerische Rundfunk GmbH, die sie am 1. April 1934 durch die Umwandlung zum „Reichssender München“ auch formal gleichschalteten. Durch die massenhafte Herstellung von billigen Kleinradios, den sog. Volksempfängern, stieg die Zahl der Rundfunkteilnehmer in Bayern bis Ende 1941 auf fast 1,15 Mio.

In die NS-Zeit fallen auch die Eröffnung des ersten Fernsehrundfunks am 22. März 1935 in Berlin sowie die Anfänge von Kabelfernsehen und Fernsehtelefon zwischen Berlin und Nürnberg (1937) sowie nach München (1938). Die Bedeutung der neuen Bildübertragungstechnik war angesichts der geringen Zahl der Teilnehmer aber begrenzt. Nach 1945 wurden Rundfunk und Fernsehen in Deutschland im Rahmen von öffentlich-rechtlichen Anstalten organisiert; die Rolle des Staates, d.h. der Post, beschränkte sich auf die Bereitstellung der technischen Infrastruktur.

Literatur

  • Karin Amtmann, Post und Politik in Bayern von 1808 bis 1850. Der Weg der koeniglich-bayerischen Staatspost in den Deutsch-Oesterreischen Postverein (Miscellanea Bavarica Monacensia 181), München 2006.
  • Margot Hamm/Bettina Hasselbring/Michael Henker (Hg.), Der Ton, das Bild. Die Bayern und ihr Rundfunk 1924 - 1949 - 1999 (Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 40/99), München 1999.
  • Claudia Kalesse, Postagenten, Schwarzsender und Sommerreisen. Geschichte der Post in Schwaben zwischen 1808 und 1945. Eine Ausstellung des Staatsarchivs Augsburg, [10. Oktober bis 5. Dezember 2003], München 2003.
  • K.B. Staatsministerium für Verkehrsangelegenheiten, Rückblick auf das erste Jahrhundert der K. Bayer. Staatspost (1. März 1808 bis 31. Dezember 1908). Nachdruck der Ausgabe von 1908. Ergänzt durch Beiträge von Helmut Thiel und Willi Feudel. München 1982.
  • Hans Steinmetz/Dietrich Elias, Geschichte der Deutschen Post. Band 4: 1945 bis 1978, Bonn 1979.
  • Verkehrsmuseum Nürnberg, Post, Braunschweig 1991.
  • Wilhelm Volkert, Die Staats- und Kommunalverwaltung, in: Max Spindler (Begr.)/Alois Schmid (Hg.), Handbuch der bayerischen Geschichte. Vierter Band: Das neue Bayern. Von 1800 bis zur Gegenwart. Zweiter Teilband: Die innere und kulturelle Entwicklung, München 2. Auflage 2007, 72-153, hier 130-133.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Postwesen, Telegrafie, Kraftpost, Telefonie

Empfohlene Zitierweise

Stefan Kley, Post- und Telegrafenwesen (19./20. Jahrhundert), publiziert am 09.01.2007; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Post- und Telegrafenwesen (19./20. Jahrhundert)> (15.11.2018)