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Städtische Unruhen (Spätmittelalter)

von Volker Turnau

Im Raum des heutigen Freistaats Bayern lassen sich im Spätmittelalter zahlreiche Auseinandersetzungen zwischen den vielfältigen Gruppierungen im Gefüge der Städte feststellen. In bestimmten Phasen traten diese Unruhen gehäuft auf, teils zeitgleich mit Unruhewellen im gesamten Reich. Die Reichspolitik erwies sich dabei als maßgebliche Ursache. Daneben existierten Unruhen regionalen Zuschnitts wie etwa der Würzburger Städtekrieg (1400), die in der Regel aus Städtebünden gegen die Stadtherrschaft herrührten. Häufigste Konflikttypen waren Auseinandersetzungen innerhalb der Bürgerschaft und Konflikte der Bürger mit dem Stadtherrn. Dabei rangen die Protagonisten meist um die städtische Verfassung bzw. die Freiheiten und Privilegien der Bürgerschaft. Trotz der internen Konflikte lässt die städtische Gemeindebewegung auf einen hohen Konsens in den Stadtgesellschaften schließen.

Städtische Unruhen sind innerstädtische Auseinandersetzungen von Gruppierungen und Verbänden der Einwohnerschaft, einschließlich der Stadtherren. Sie fanden im städtischen Raum statt, der von Herrschaft vielfältig überlagert war. Auf der Basis der vorliegenden Forschungsliteratur (siehe PDF-Download) lassen sich im späten Mittelalter auf dem Gebiet des heutigen Freistaates Bayern in 46 Städten insgesamt 114 Unruhen nachweisen, wobei weitere Nachträge durch weitere Quellenstudien nicht auszuschließen sind. Die Forschung verwendet für das Phänomen unterschiedliche Begriffe:

  • Zunftkämpfe
  • Bürgerkämpfe
  • Klassenkämpfe
  • Machtkämpfe
  • Factionskämpfe
  • Aufstände
  • Revolten
  • Kommunebewegung
  • Soziale und politische Auseinandersetzungen
  • Konflikte
  • Sozialer Protest
  • Revolutionen
  • Unruhen

Die Anwendung statistischer Methoden führt zu einer Typisierung der Unruhen hin. Es zeigen sich Häufungen innerhalb bestimmter Zeiträume (Diachronie) sowie Häufungen relativer Gleichzeitigkeit (Synchronie), was die Frage nach den Ursachen solcher Verdichtungen aufwirft.

Phasen der Unruhen in Bayern

Unruhefreie Phasen von mehr als fünf Jahren wechselten mit Häufungsbereichen, in denen Unruhen nahezu jährlich vorkamen. Aus diesen wiederum heben sich Phasen mit der Kumulation von drei und mehr Unruhen heraus. Unruhefreie Phasen waren ab Beginn des 14. Jahrhunderts:

  • 1307-1316
  • 1378-1383
  • 1411-1427
  • 1436-1441
  • 1456-1470
  • 1493-1507

Häufungsbereiche mit nahezu jährlich vorkommenden Unruhen (Kompaktgruppen) waren folgende Jahre:

  • 1295-1306
  • 1344-1370
  • 1384-1403
  • 1428-1434
  • 1446-1455

Häufungsbereiche (Kompaktgruppen), etwas ausgedünnt:

  • 1471-1492
  • 1510-1514

Häufungsbereiche (Kompaktgruppen) mit Kumulation von drei und mehr Unruhen:

  • 1299-1304
  • 1349
  • 1357-1363
  • 1370
  • 1388
  • 1397-1400
  • 1428-1430
  • 1513

Zusammenhang mit überlokalen Unruhephasen

Die Häufungsphänomene wurden in der Forschung für das gesamte Reich zwar des öfteren registriert, jedoch erst für die Jahre 1300-1305, 1327-1333 und 1348-1350 unter dem Aspekt des überlokalen Zusammenhangs untersucht (Turnau und Haverkamp). Alle drei Häufungsphasen erfassten auch Städte des heutigen bayerischen Raumes.

Häufungsphase Unruhen in bayerischen Städten (in den untersuchten Häufungsphasen)
1300-1305 Nürnberg, Donauwörth, Neumarkt, Schwabach, Schongau, Augsburg, Regensburg, Passau, Würzburg, Bamberg, Aschaffenburg
1327-1333 Regensburg
1348-1350 Lindau, Nördlingen, Nürnberg, Kaufbeuren, Augsburg, Rothenburg, Regensburg

Ursachen und Verlauf gehäufter Unruhen

Maßgeblich bewirkten und beeinflussten überlokale Einflüsse der Reichspolitik die Unruhen. Den Anstoß zu den Unruhen in Augsburg, Regensburg, Passau und den Städten der Konradinischen Schenkung (Donauwörth, Neumarkt, Schwabach und Schongau) gab der gegen König Albrecht I. von Habsburg (reg. 1298-1308) gerichtete Kurverein zu Heimbach vom 14. Oktober 1300, den die drei geistlichen Kurfürsten von Mainz, Köln und Trier mit dem Pfalzgrafen und bayerischen Herzog Rudolf (reg. 1294-1317) gegründet hatten. In Augsburg und Regensburg trafen prokönigliche und proherzogliche Tendenzen innerhalb von Bürgerschaft und Ratsvertretung aufeinander. Während sich in Regensburg letztlich die Neutralisten durchsetzten, blieb Augsburg königstreu. In Passau lösten Kriegsvorbereitungen des Bischofs gegen Herzog Rudolf den Aufstand der Handels- und Handwerkerzünfte gegen ihn, das Domkapitel und den vom Bischof eingesetzten Magistrat aus. König Albrecht intervenierte zugunsten des Bischofs. Infolgedessen wurde der Aufstand beigelegt. In den Städten der Konradinischen Schenkung nahm der Kampf zwischen König und Herzog die Form einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen konkurrierenden Stadtherren an, denn König Albrecht forderte diese Städte für das Reich zurück. Die Quellen schweigen sich über Verwerfungen innerhalb der Bürgerschaften dieser Städte aus, die möglicherweise infolge des durch Belagerungen bewirkten Regimewechsels entstanden. Möglicherweise erfolgte in Neumarkt ein Umschwung an die Seite des Königs, denn Herzog Rudolf scheiterte am 1. Januar 1301 mit seinem Versuch, sich Neumarkts wieder zu bemächtigen.

Die Reichspolitik war auch für die Unruhehäufung zwischen 1327 und 1333 hinsichtlich Auslöser, Ursachen, Verlauf und Auswirkungen von großer Bedeutung. Allerdings kam es im bayerischen Raum nur in Regensburg zu Unruhen (Aueraufstand). Mehrere Belege reichspolitisch beeinflusster Unruhen finden sich indessen während des wittelsbachisch-luxemburgischen Thronstreites zwischen 1348 und 1350 (Lindau, Nürnberg, Augsburg, Rothenburg). Dieser steigerte "latente Konflikte zu scharfen Auseinandersetzungen" (Haverkamp). Eine große Gefahr für die Herrschaftsträger in den Städten entstand zusätzlich durch antijüdische Stimmung, die durch die Pest angeheizt wurde. Im 15. Jahrhundert kam es im Zuge der Hussitenunruhen (1419-1434/36) zu einer weiteren überregionalen Unruhewelle. Sie verstärkte auch in Passau, Bamberg, Regensburg und Würzburg den bürgerlichen Widerstand gegen die bischöflichen Stadtherrschaften. Hussitische Einflüsse machten sich auch in Amberg, Eichstätt und Augsburg geltend (siehe die Auflistung bei Turnau).

Regionale Unruhehäufungen

Lediglich regional ausgeprägte Unruhehäufungen waren der "Städtekrieg" 1387/89 - hier sei auf den Aufstand des Jahres 1388 in Passau gegen den Fürstbischof und die ebenfalls 1388 erfolgte Belagerung Regensburgs durch den bayerischen Herzog sowie auf den "Würzburger Städtekrieg" hingewiesen. Diese regionalen Unruhen resultierten aus Städtebünden gegen die "Herren". Der "Elfstädtebund" richtete sich gegen den Fürstbischof von Würzburg als Landesherren. Acht der am Kampf der Jahre 1397 bis 1400 beteiligten Städte des "Elfstädtebundes" liegen im heutigen Bayern (Eibelstadt, Bad Neustadt a. d. Saale, Gerolzhofen, Fladungen, Mellrichstadt, Königshofen im Grabfeld, Haßfurt, Würzburg). Weitere Städte, die ebenfalls im heutigen Bayern liegen, schlossen sich der Allianz im Verlauf der Auseinandersetzungen an (Arnstein, Ebern, Karlstadt, Iphofen, Schwarzach am Main und Seßlach). Außerhalb des heutigen Bayern liegt die ebenfalls am Städtekrieg beteiligte, heute thüringische Stadt Meiningen.

Typologie der Unruhen

Die zu Beginn des 14. Jahrhunderts reichsweit ermittelten Stadtkonflikte lassen sich typologisieren. Für einige Konflikttypen liegen in Bayern keine Belege vor: Bürger gegen Auswärtige in der Stadt, Geistlichkeit (Klerus) gegen Geistlichkeit (Klerus), Geistlichkeit (Klerus) gegen Vogt/weltlichen Stadtherr, Geistlichkeit (Klerus) gegen (geistlichen) Stadtherrn. Dagegen traten folgende - nach Häufigkeit aufgeschlüsselte - Typen auf (Typenkombinationen sind doppelt gezählt; Auflistung der Einzelfälle siehe PDF-Download):

Anzahl der Konflikte Konflikt Zahl der Städte
58 Bürger gegen Bürger 23
60 Bürger gegen Stadtherr 27
4 Bürger gegen Vogt 3
17 Bürger gegen Geistlichkeit/Klerus 7
6 Stadtherr gegen Stadtherr (Konkurrenz) 5
1 Geistlicher Stadtherr/Domkapitel/Stadtrat und Gemeinde gegen Vogt 1
1 Bürger/Vogt gegen Klerus/geistlichen Stadtherrn 1

In zehn Fällen kam es nicht nur zwischen Bürgern zu Auseinandersetzungen, sondern zugleich mit den Stadtherren und dem Vogt, zweimal auch zugleich mit dem Klerus. War der Bischof Stadtherr, dann konnte auch der Klerus bzw. ein Teil des Klerus mit in die Auseinandersetzungen einbezogen werden (elf Nachweise). Kämpfe zwischen Stadtherren führten auch innerhalb der Bürgerschaft zu Konflikten und Verwerfungen (sechs Fälle).

Unruhetypen und ihre Charakteristika

Die Auseinandersetzungen zwischen Bürgern zielten meist auf Modifikationen des bürgerlichen Stadtregimentes ab bzw. liefen darauf hinaus (45 von 57). Dazu gehörten auch die "Zunftkämpfe" mit oder ohne patrizische Exponenten, Auseinandersetzungen innerhalb des Patriziates mit oder ohne Einbindung von Zünften bzw. Handwerkern, Erhebungen der "Opposition" oder der "Gemeinde". Die restlichen Auseinandersetzungen unter Bürgern (in der PDF-Liste in Klammern gesetzte Jahresbelege) waren innerzünftische Konflikte, Gesellenstreiks und andere Protestmanifestationen von Handwerkern und armen Bürgern vor allem gegen Ungeldforderungen oder Preiserhöhungen.

Fast alle Konflikte mit den Stadtherren liefen auf die Formel "Kampf um Freiheit" hinaus - Streit um Rechte, Rebellion gegen Verpfändungen, eigene Gestaltung des Stadtregiments mit selbstgewählten Vertretern usw. Streit mit dem Klerus, hauptsächlich wegen der Steuerfreiheit der Geistlichkeit, der kirchlichen Immunitäten, führten zu zahlreichen Gewalttaten. Die Bischöfe antworteten mit Exkommunikationen und dem Interdikt. Die Gemeindebewegung der Bürgerschaft gegen die Stadtherren lässt trotz aller internen Kämpfe um Geltung und Einfluss auf einen "überparteilichen", höherrangigen Konsens in der Stadt rückschließen. Das Grundproblem bestand im Neben- und Miteinander von Partikularinteressen einerseits und gemeinem Nutzen andererseits. Bedingt durch das Wohlstandsgefälle kam es zur Aufspaltung in "höhere" und "niedere" Zünfte, radikalisierten sich ärmere Zünfte und Handwerker. Innerhalb der Weberzunft lehnten sich beispielsweise die armen Weber gegen ihre Verleger auf. Gegen Handelsmonopole des (patrizischen) Rates revoltierte die Gemeinde. Anstelle der Ungelderhebung forderte die ärmere Bevölkerung die Einführung einer allgemeinen Vermögenssteuer. So lebten die Auseinandersetzungen auch jenseits der Kämpfe um die Stadtratsbesetzung weiter. Initiativen zur Ausweitung der repräsentativen Basis der Stadträte, zum Beispiel durch Einführung der Zunftverfassung (mit Eingliederung des Patriziates in eine "Herrenzunft"), liefen nur auf eine Zwischenlösung hinaus. Kontraproduktiv wirkte sich auch das Erfordernis der Abkömmlichkeit aus.

Grundstrukturen und Phasen

Statistische Auswertungen und Untergliederungen können zu einer Phasenabfolge dominierender Typen hinführen. Bereits Henri Pirenne (1862-1935) hatte eine dreistufige Phasenabfolge als Modell entwickelt. Es wurde von Erich Maschke (1900-1982) in seiner Studie "Verfassung und soziale Kräfte" (zuletzt in: Ders., Städte und Menschen) bestätigt:

  1. Kampf der Bürger bzw. der Stadt als Gesamtheit mit dem Stadtherrn (seit Mitte des 11. Jahrhunderts)
  2. Kampf der Zünfte mit den Patriziern um die Herrschaft in der Stadt (im 13. Jahrhundert beginnend, besonders aber im 14. Jahrhundert)
  3. Kampf der Armen gegen die bereits von den Zünften beherrschte Stadt (spätes Mittelalter und frühe Neuzeit)

Innerhalb der Rubrik "Bürger gegen Bürger" lassen sich während des gesamten Untersuchungszeitraumes 36 Auseinandersetzungen mit Beteiligung der Zünfte bzw. Handwerkerschaft ausgrenzen (d.h. 36 der insgesamt 58 Belege), die der zweiten Phase zugerechnet werden können (drei im 13. Jahrhundert, 28 im 14. Jahrhundert, fünf im 15. Jahrhundert). Dass daneben 31 Belege für Auseinandersetzungen der Bürger mit den Stadt- und Landesherren im 14. Jahrhundert vorliegen (acht im 13. Jahrhundert), ist zu großen Teilen der Besonderheit der beiden Städtekriege von 1388 und 1397-1400 geschuldet (20 Nachweise). Weiterhin relativiert sich die Phasenabfolge wegen der noch andauernden Erosion des Begriffs der "Zunftkämpfe" (hierzu Turnau, Unruhehäufungen, 8ff.). In der älteren Forschung als "Zunftkämpfe" beschriebene Unruhephänomene wurden seit Beginn der 1950er Jahre hinsichtlich der sozialen Strukturen aller Beteiligten differenzierter gesehen, so dass sie als "Factionskämpfe", als "Bürgerkämpfe" oder nur noch als "soziale und politische" oder "innerstädtische Auseinandersetzungen" bezeichnet wurden.

Nur die detaillierte Erforschung der Grundstrukturen der Unruhen (Ursachen/Anlässe, Protagonisten und Beteiligte, Verlauf, kurz- und langfristige Folgen) wird langfristig die Generalisierung von Zusammenhängen zulassen. Der Forschungsstand ist für die bayerischen Städte diesbezüglich noch nicht hinreichend. Bei der Untersuchung von Einzelfällen muss stets die engagierte Haltung der schriftlichen Zeugnisse berücksichtigt werden. Zudem ist zwischen Ursache und Anlass ebenso zu trennen wie zwischen Ziel und Ergebnis.

Die Unruheketten "Bürger gegen Bürger" in Augsburg und Regensburg

Befragt man die prägnanten Unruheketten des Typs "Bürger gegen Bürger" zu Augsburg und Regensburg (siehe PDF-Downloads) nach ihren Grundstrukturen, so ergeben sich vor dem Hintergrund von Maschkes dreistufiger Phasenabfolge Entwicklungslinien. Stadt und Stadtherren entzweiten sich wegen wechselseitig bestrittener Rechte. Die Stadtherren verwickelten die Bürgerparteien in ihre kriegerischen Auseinandersetzungen, umgekehrt ergriffen die Stadtherren unterschiedlich Partei bei innerstädtischen Konflikten. Ambivalente Einflüsse des Königs - einerseits friedenswahrend, andererseits parteibildend - führten ebenfalls zu Konflikten. Zu den kurz- oder langfristigen Folgen der Auseinandersetzungen mit den Stadtherren liegen im Fall Augsburgs und Regensburgs keine tragfähigen Ergebnisse vor.

Die Konfliktketten in Passau und Würzburg

Die Auseinandersetzungen der beiden anderen längeren Konfliktketten in Passau und Würzburg bewegen sich weitgehend im gleichen Rahmen: Dem Bischof wurden in Passau Rechte bezüglich des Stadtregiments bestritten; andererseits verfolgte die Bürgerschaft auch weitergehende Zielsetzungen: eigenständig gestaltetes Stadtregiment, weltliche Obrigkeit auch über die Geistlichen, reichsstädtischen Status. Der Vorstoß scheiterte am König und dessen Schiedsgericht (1298); erneute Versuche 1301, 1367 und 1388 endeten ebenfalls mit Misserfolgen. In Würzburg setzten sich solche Auseinandersetzungen mit Bischof und Geistlichkeit bis 1400 fort, als der Bischof über das Städteheer, u. a. auch Würzburg, den Sieg davontrug. Zur Verteidigung und Durchsetzung städtischer Freiheitsrechte bildeten sich Städtebünde - so schloss sich Bad Neustadt a. d. Saale 1397-1400 dem fränkischen Städtebund aus Protest gegen Verpfändungen an.

Differenzierungen im Phasenmodell am Beispiel von Augsburg und Regensburg

Erkennbar ist, dass die zweite Phase nach Maschke (Kampf der Zünfte mit den Patriziern um die Herrschaft in der Stadt) im Falle Augsburgs und Regensburgs in zwei Etappen differenziert werden muss. Schon vor Beginn der Unruheketten hatten die Handelszünfte (Gilden) ihren Zugang zum Patriziat der Stadtritterschaft, Münzerhausgenossen bzw. Hansekaufleute erzwungen. Dies führte zu Spannungen und Rivalitäten innerhalb der sich neu formierenden Oberschicht hinsichtlich des Stadtregiments. Vertreter oder Teile des Altpatriziates suchten die Verbindung zur Handwerkerschaft, strebten nach einer Änderung der Machtverhältnisse zu ihren Gunsten. Ihre Forderungen legitimierte die Opposition "pragmatisch" mit Besteuerungsbeschwernissen und mangelnder Kontrolle des Rechnungswesens sowie "ideologisch" mit der Forderung nach Überwindung der Feindschaft zwischen "reich und arm" - im oppositionellen Lager haben sich reichgewordene Bürger bzw. Handwerker und Arme politisch vereinigt. Die Forderungen reichten bis hin zur Einführung der Zunftverfassung. War diese realisiert, wurde der Etablierung einer Zunftherrschaft durch Anschluss der "Reichen" an das Patriziat der Boden entzogen. So erklärt sich der mehrmalige Wechsel der Zunfthandwerker von einer Patrizierfaction zur anderen.

Als Abweichung von Maschkes dritter Phase (Kampf der Armen gegen die bereits von den Zünften beherrschte Stadt) bleibt festzuhalten, dass weder Augsburg noch Regensburg von den Zünften beherrscht wurden, sondern sich vielmehr die zweite Phase als Kampf der ärmeren Handwerker und der Stadtarmut fortsetzte, jetzt gegen das um die Handelszünfte bzw. um die reiche, handeltreibende Mittelschicht erweiterte Patriziat.

Die politische Bewegung der Zünfte in Augsburg und Regensburg endete mit dem Erfolg einer Mitbeteiligung am Stadtregiment und Anschluss an das Altpatriziat für die "Reichen", einem Misserfolg für die "Armen". Je mehr die bürgerliche Opposition verarmte, um so erfolgloser blieben ihre Vorstöße. Dabei scheint sich der Verarmungsprozess nicht nur relativ vollzogen zu haben (insofern, als der Opposition die "Reichen" abhanden kamen), sondern auch absolut, wie am Beispiel der Weber ersichtlich ist. In ihrer Zunft war es zu einer sozialen Ausdifferenzierung zwischen einer Masse armer Lohnhandwerker und wenigen reichen Unternehmern gekommen. "Besunder machten die Weber der verwarrenheit vil", notiert eine Augsburger Quelle zu den Unruhen des Jahres 1397, "wann gar vil armen verdorbner weber in der stat was". Unruhen entstanden folglich nicht nur unter der Bedingung wirtschaftlichen Aufstiegs von Handwerkern und nichtpatrizischen Händlern und vor dem Hintergrund der Abschließungstendenz des Patriziates, sondern auch bei der gegenläufigen Bewegung des ökonomischen und sozialen Abstiegs. Im Unterschied zur Behandlung der Rädelsführer bzw. gestürzten Oberhäupter des Patriziates zeichnete sich die Tendenz ab, mit den Rädelsführern der Armen rigoroser umzugehen – während die einen in der Regel verbannt wurden, wurden die anderen hingerichtet.

Dokumente

Literatur

  • Peter Blickle, Unruhen in der ständischen Gesellschaft 1300-1800 (Enzyklopädie Deutscher Geschichte 1), München 1988 (114-116: Bibliographie zum Thema städtische Unruhen).
  • Michael Borgolte, Sozialgeschichte des Mittelalters. Eine Forschungsbilanz nach der deutschen Einheit (Historische Zeitschrift. Beihefte Neue Folge 22), München 1996.
  • Karl Czok, Zunftkämpfe, Zunftrevolutionen oder Bürgerkämpfe, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Karl-Marx-Universität Leipzig. Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe 8 (1958/59), 129-143.
  • Philippe Dollinger, Le patriciat des villes du Rhin supérieur et ses dissensions internes dans la première moitié du XIVe siècle, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 3 (1952), 248-258.
  • Alfred Haverkamp, Innerstädtische Auseinandersetzungen und überlokale Zusammenhänge in deutschen Städten während der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, in: Friedhelm Burgard u. a. (Hg.), Gemeinden, Gemeinschaften und Kommunikationsformen im hohen und späten Mittelalter. Festgabe zur Vollendung des 65. Lebensjahres, Trier 2002, 147-182.
  • Peter Johanek, Bürgerkämpfe und Verfassung in den mittelalterlichen deutschen Städten, in: Eugen Specker (Hg.), Einwohner und Bürger auf dem Weg zur Demokratie. Von den antiken Stadtrepubliken zur modernen Kommunalverfassung, Ulm 1997, 45-73.
  • Rudolf Luther, Gab es eine Zunftdemokratie? (Kölner Schriften zur Politischen Wissenschaft. Neue Folge 2), Berlin 1968.
  • Erich Maschke, Verfassung und soziale Kräfte in der deutsche Stadt des späten Mittelalters, vornehmlich in Oberdeutschland, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 46 (1959), 289-349, 433-476 (auch in: Ders., Städte und Menschen [Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Beihefte 68], Wiesbaden 1980, 170-274).
  • Volker Turnau, Unruhehäufungen und ihre Zusammenhänge in Städten des Reiches zu Beginn des 14. Jahrhunderts (1300-1305), Born 2007.

Quellen

  • Hinweise zu den aufgelisteten Unruhen in der ausführlichen Literaturliste (siehe PDF-Download).

Verwandte Artikel

Zunftunruhen, Zunftrevolutionen, Kommunebewegung, Zunftrevolte, Bürgerunruhen

Empfohlene Zitierweise

Volker Turnau, Städtische Unruhen (Spätmittelalter), publiziert am 31.05.2010; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Städtische_Unruhen_(Spätmittelalter)> (17.10.2019)





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