Passau, Bistum: Politische Geschichte (Spätmittelalter)

Das Bistum Passau im Spätmittelalter und seine Gebietsveränderungen bis 1822. (Karte: Stefan Schnupp, auf Grundlage von Max Heuwieser, Geschichte des Bistums Passau. 1. Band: Die Frühgeschichte, von der Gründung bis zum Ende der Karolingerzeit, Passau 1939)
Darstellung Bernhards von Prambach (reg. 1285-1313) im "Trennbach-Codex". (Bayerische Staatsbibliothek München, clm 27085, fol. 181)
Wappen Bischof Ulrichs von Nußdorf (reg. 1451-1479). (aus: Ortenburger Wappenbuch, Bayerische Staatsbibliothek Cod.icon. 308 u)

von Franz-Reiner Erkens

Die Entwicklung des Bistums Passau ist im Spätmittelalter geprägt von seinem Verhältnis zu den Habsburgern und den Wittelsbachern. Da der größte Teil des Bistums im Herzogtum Österreich gelegen war, versuchten die Habsburger, großen Einfluss auf die Besetzung des Passauer Bischofsstuhls zu nehmen. Meistens setzten sie sich dabei gegen die ebenfalls in Passau intervenierenden Wittelsbacher durch. 1479 führte der österreichische Plan, ein eigenes Bistum Wien auf Kosten der Passauer Diözese zu errichten, zur Wahl des wittelsbachischen Kandidaten Friedrich Mauerkircher (reg. 1480-1482). Ansonsten suchten Bischöfe und Domkapitel in Passau enge Verbindungen mit dem Haus Habsburg zu halten.

Rahmenbedingungen struktureller Art

Regionale Verhältnisse

An der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert hatten sich sowohl auf Reichsebene als auch im bayerisch-österreichischen Donauraum jene Rahmenbedingungen dauerhaft gefügt, die alle weiteren historischen Geschicke der Passauer Kirche über Jahrhunderte hinweg bestimmen sollten: In Bayern waren seit 1180 die Wittelsbacher als Herzöge etabliert und hatten ihren Einfluss bis vor die Tore Passaus ausdehnen können. Das vor der Stadt gelegene Nikolakloster, eine bischöfliche Gründung, gehörte deswegen schließlich zum bayerischen Herzogtum. Das Herzogtum Österreich fiel 1282 an die Habsburger, die in Fortsetzung der Expansionspolitik ihrer Vorgänger die unmittelbare Machtsphäre donauaufwärts nach Westen ausdehnten und dabei 1289 den territorialpolitischen Interessensraum der Passauer Bischöfe im Mühlviertel erreichten und einschränkten. Die bischöflichen Bemühungen um Bildung eines eigenen fürstlichen Herrschaftsbereichs stießen somit auf zwei starke und letztlich überlegene Gegenbewegungen, die die Ausbildung eines größeren fürstbischöflichen Territoriums verhinderten.

Das Fürstentum des Passauer Bischofs erstreckte sich daher, abgesehen von der Stadt Passau und einigen Enklaven südlich der Donau, vor allem im Norden des Stromes zwischen der Ilz im Westen, die allein in Donaunähe ein gutes, ungefähr bis Vilshofen (Lkr. Passau) reichendes Stück überschritten wurde, und der Region der Mühlflüsse im Osten. Da dieses hochstiftische Territorium zu einem Teil aus den Besitzungen des gegen Ende des 12. Jahrhunderts bischöflich gewordenen Stadtklosters Niedernburg entstand, wurde es auch als Abteiland bezeichnet.

Die Passauer Kirche besaß aber auch reiche Besitzungen, in denen der Bischof nicht über die Landeshoheit verfügte, sondern die in den Territorien anderer Fürsten und in besonderem Maße südlich der Donau sowie im österreichischen Herzogtum lagen. Dies bewirkte eine eigentümliche Verflechtung des Bistums mit diesem Herzogtum, die auch davon geprägt war, dass das österreichische Herzogtum zur Gänze innerhalb der umfänglichen, von der Isarmündung bei Deggendorf bis hin zur ungarischen Grenze reichenden Passauer Diözese lag. Je nach Rechnung entfielen vier Fünftel oder fünf Sechstel der Fläche des Bistums, der größte Teil also, auf das Gebiet des Herzogtums Österreichs; deutlich kleiner waren die Anteile, die vom Abteiland und von Bayern gebildet wurden. Diese Relation intensivierte natürlich das im gesamten Spätmittelalter (und über dieses hinaus) spürbare Interesse der Habsburger an einer entscheidenden Mitwirkung bei der Besetzung des Passauer Bischofsstuhls. Entsprechende Interessen verfolgten zwar alle weltlichen Fürsten hinsichtlich der Bistümer in ihrer Einflusssphäre, aber die Habsburger taten dies in einem besonderen Maße. Dies nicht zuletzt auch deshalb, weil der Bischofssitz selbst weit weg vom Zentrum der Herzogsmacht und außerhalb des Herzogtums Österreich lag. Für die bayerischen Herzöge, die die Passauer Bischofswahlen auch stets im Blick hatten, lag die Dreiflüssestadt ebenfalls an der Peripherie und außerhalb ihres Fürstentums. Jedoch, und dies ist der entscheidende Unterschied zu Habsburg gewesen, lag der bayerische Teil der Passauer Diözese für die Wittelsbacher nur am Rande ihrer Einflusssphäre.

Die enge Verflechtung des Bistums mit Österreich steigerte nicht nur zusammen mit dem Umstand, dass der Passauer Bischof der einzige für das Herzogtum zuständige Oberhirte war, das habsburgische Bemühen um spürbaren Einfluss bei den Bischofswahlen, sondern sie gab den Habsburgern auch ein wirksames Druckmittel an die Hand: die Temporaliensperre, also die Abschnürung von allen passauischen Einkünften aus Österreich. Im 14. und 15. Jahrhundert haben die österreichischen Herzöge daher auch wiederholt betont, sie seien "vogt und herren" der Passauer Kirche, was bischöflicherseits mit Verweis auf den eigenen fürstlichen Rang natürlich zurückgewiesen wurde.

Königtum

Mit den territorialpolitischen Entwicklungen im Südosten ging im Reich selbst die Herausbildung dreier königsfähiger Fürstenfamilien einher, die während des späten Mittelalters um die Führung des Reichs rivalisierten und die ihre Landesherrschaften alle im Umkreis Passaus besaßen: Neben den Habsburgern und Wittelsbachern gehörten zu diesen seit 1308 auch die Luxemburger, die 1310 Könige von Böhmen wurden. Durch die besondere Konstellation, dass das Abteiland von den Erbländern der drei königsfähigen Familien umschlossen war, konnten sich die territorialpolitischen Probleme der Passauer Bischöfe leicht mit Konstellationen und Konflikten der Königspolitik vermengen. Dies wirkte sich besonders während des Doppelkönigtums von Ludwig dem Bayern (reg. 1314-1347, seit 1328 Kaiser) und Friedrich dem Schönen von Österreich (reg. 1314-1325/1330 als Gegenkönig) aus, konnte aber auch in anderen Zusammenhängen spürbar werden, etwa wenn es wie im 15. Jahrhundert um besondere Dienste am Königshof ging. Die Passauer Bischöfe des frühen und hohen Mittelalters waren zwar in der Regel am Königtum orientiert und auf dieses hin ausgerichtet, aber der König selbst war dabei für sie meist nur eine ferne Größe. Dies änderte sich nun, da sich der Schwerpunkt der Monarchie und damit das Zentrum des Reiches in den Südosten verschob.

Ausbau des Territoriums und der Diözesanorganisation

Hochstift

Wenn der Güterbesitz der Passauer Kirche mancherorts auch bis in das 8. Jahrhundert zurückreichte und recht umfänglich gewesen ist, so gelang es doch nicht, ihn in größerem Maße zur Landeshoheit zu verdichten. Der seit dem 12. Jahrhundert deutlicher werdende Ausbau des weltlichen Herrschaftsbereichs ist im Grunde allein in der Ausbauregion nördlich der Donau möglich gewesen und nicht im Altsiedelland südlich des Stromes, wo sich andere Gewalten als der Passauer Bischof als Landesherren durchsetzten. Gestützt auf eigene Leistungen und die des Klosters Niedernburg konnte die landesherrliche Gewalt im Abteiland nicht zuletzt deshalb konsolidiert werden, weil den Bischöfen in diesem Raum 1207, 1217 und 1220 übergeordnete Grafschaftsrechte zufielen und hier zumindest in Teilen das Erbe von herrschaftsbildenden Adelsfamilien, die ausstarben, erworben werden konnte. Fortan ging es darum, das Erreichte zu sichern und auszubauen. Hierzu gehörte eine aktive Burgen(erwerbs)politik, die schon vor 1300 einsetzte und danach besonders intensiv war. Diese brachte in der Tat Erfolge, verursachte aber auch Kosten, deren Begleichung es den Habsburgern immer wieder ermöglichen sollte, helfend einzuspringen und dabei eigene Interessen zu verfolgen. Im Osten des Abteilandes durchdrangen sich schließlich die Herrschaftssphären in einem solchen Maße, dass es den Bischöfen hier nicht möglich war, ein eigenes Landrecht auszubilden, und das Recht des österreichischen Landes ob der Enns zur Anwendung kam. Gerade diese Zone ist den Bischöfen im Verlauf der frühen Neuzeit dann auch verlorengegangen.

Seit der Mitte des 14. Jahrhunderts machte schließlich auch der innere Ausbau des Abteilandes Fortschritte. Es kam zu Privilegierungen von Orten, die dadurch eine besondere Rechtsstellung erlangten und sich zu Märkten entwickelten. Waldkirchen (Lkr. Freyung-Grafenau), bereits 1285 und 1300 privilegiert, steht an der Spitze dieser Entwicklung. Es sollte zum bedeutendsten Ort am (seit dem frühen 16. Jahrhundert so genannten) Goldenen Steig, der wichtigen Handelsverbindung von Passau nach Böhmen, aufsteigen; als einziger Markt des Abteilandes wurde es 1470 durch eine Mauer gesichert. Bei der bischöflichen Privilegienvergabe folgten Neufelden (1311, Österreich), Kreuzberg (1354, Stadt Freyung, Lkr. Freyung-Grafenau), Hauzenberg und Obernzell /Untergriesbach (jeweils 1359) sowie Wegscheid (1360) (alle Lkr. Passau), während die organisatorische Ausgestaltung des Abteilandes durch Land- und Pfleggerichte bis 1593 andauerte.

Diözesanorganisation

Im gleichen Zeitraum schritt die Ausgestaltung der Bistumsorganisation voran. Wenn diese auch vorrangig der kirchlichen Verwaltung diente, so ließ sich über die Besetzung der wichtigsten Ämter doch ebenfalls der politische Einfluss verstärken – nicht zuletzt deshalb kam es zu heftigen Konflikten zwischen Bischof und Herzog um die Besetzung der Pfarrei Wien. Das im Hochmittelalter geknüpfte Pfarrnetz der Diözese hat sich im späten Mittelalter freilich kaum mehr verändert; auch die auf mittlerer Verwaltungsebene entstandene Dekanatsorganisation blieb stabil. Auf der obersten Ebene der Bistumsadministration allerdings tat sich noch etwas. Während sich westlich der Ybbs ein recht feingliedriges System von fünf Archidiakonaten (im einzelnen: die Archidiakonate Passau, Mattsee, Lorch, Lambach und Interamnes) gebildet hatte, waren östlich des Flusses lediglich zwei Archidiakonate entstanden. Genau in diesem Raum wurde um 1300 ein Offizial als Stellvertreter des Bischofs in Gerichts- und Verwaltungsangelegenheiten eingesetzt. Wien wurde zu seinem Sitz, wo der Bischof 1357 bei Maria am Gestade ein Haus erwarb, den (jüngeren) Passauer Hof, in dem nicht nur der Offizial, sondern auch der Bischof während seiner Aufenthalte residierte, um Angelegenheiten im Osten seiner Diözese und das Verhältnis zu den Habsburgern zu regeln. Ein Offizialat im westlichen Teil der Diözese hingegen ist erst seit etwa 1470 belegt.

Die Bischöfe

Die spätmittelalterliche Geschichte der Passauer Kirche ist gekennzeichnet von wiederholt recht langen, aber auch von sehr kurzen Pontifikaten und von häufigen, gelegentlich äußerst heftigen Auseinandersetzungen bei der Besetzung des Bischofsstuhls. Im Zeitraum von 1282 bis 1517 saßen 15 Bischöfe auf der Passauer Kathedra.

Bischof Lebensdaten Regierungszeit
Gottfried gest. 1285 1282/83-1285
Bernhard von Prambach ca. 1220-1313 1285-1313
Albert von Sachsen-Wittenberg ca. 1285-1342 1320-1342
Gottfried von Weißeneck gest. 1362 1342-1362
Albert von Winkel gest. 1380 1363-1380
Johann von Scharffenberg ca. 1358-1387 1381-1387
Rupert von Jülich-Berg ca. 1365-1394 1387-1389/94
Georg von Hohenlohe ca. 1350-1423 1387/89-1423
Leonhard von Laiming 1381-1451 1423/24-1451
Ulrich von Nußdorf gest. 1479 1451-1479
Georg Heßler 1427-1482 1480-1482
Friedrich Mauerkircher gest. 1485 1481-1485
Friedrich von Oettingen ca. 1459-1490 1485-1490
Christoph von Schachner ca. 1447-1500 1490-1500
Wiguleus Fröschl von Marzoll 1445-1517 1500-1517

Ihrer ständischen Herkunft nach entstammten die Bischöfe meist dem ministerialisch-ritterlichen Adel, manchmal dem Grafenstand (Hohenlohe und Oettingen) oder dem Bürgertum (Hessler, Mauerkircher, Fröschl). Fürstlicher Abstammung waren allein der Askanier Albert und Rupert Graf von Berg, der aus einer erst 1380 zur Herzogswürde erhobenen rheinischen Adelsfamilie stammte, für Passau keinerlei Bedeutung erlangte und bald nach seiner Erhebung nach Paderborn transferiert wurde.

Einflüsse auf die Bischofserhebung

Auf die Erhebung eines neuen Bischofs wirkten verschiedene Kräfte ein. Im Falle Passaus handelte es sich vor allem um die Habsburger. Bereits 1282 gelang es König Rudolf I. (reg. 1273-1291), seinen Protonotar Gottfried in Passau als Bischof zu installieren. Nach dessen Tod jedoch verhinderte das Domkapitel einen habsburgischen Kandidaten, um seine Eigenständigkeit zu dokumentieren, wählte aber mit Bernhard von Prambach einen Geistlichen, der für die österreichischen Herzöge akzeptabel war. Damit wurde eine Linie gefunden, die man auch später zu verfolgen suchte. 1313 jedoch schlug dies fehl, obwohl die Passauer mit Gebhard von Wallsee (gest. 1316) einen wohl unverdächtigen und habsburgorientierten Kandidaten protegierten. Aber angesichts der sich abzeichnenden Königswahl im Reich und des Konflikts mit Ludwig dem Bayern hätten die österreichischen Herzöge lieber ein Familienmitglied auf dem Passauer Bischofsstuhl gesehen, auf den sie Albrecht den Lahmen (reg. 1330-1358) zu setzen suchten, der 1330 mit seinem Bruder Herzog von Österreich wurde. Freilich scheiterten auch sie, da die eintretende Vakanz auf der cathedra Petri und der schließlich erhobene Johannes XXII. (reg. 1316-1334) zunächst eine habsburgische Lösung verhinderten. Diese wurde erst möglich, nachdem der von Johannes XXII. 1317 zum Passauer Bischof ernannte Heinrich aus dem Vienner Grafenhaus, der aber niemals in Passau war und auch keine Amtshandlung vorgenommen hat (weswegen man ihn kaum unter die Passauer Bischöfe zählen kann), 1319 nach Metz versetzt wurde. Dadurch war der Weg an die Spitze des Bistums frei geworden für einen wittenbergischen Herzogssohn, den sächsischen Askanier Albert, einen Enkel Rudolfs von Habsburg, der in den beiden folgenden Jahrzehnten tatsächlich ein loyaler Anhänger der habsburgischen Verwandten blieb und diese eifrig gegen Ludwig den Bayern unterstützte. 1342 jedoch, als ein neuer Bischof erstmals auch eine Wahlkapitulation akzeptieren musste, schwenkte das Domkapitel wieder auf die 1285 gefundene Linie ein und hielt an ihr ebenfalls bei den folgenden Wahlen (1363 und 1381) fest.

Nach dem Tod Johanns von Scharffenberg 1387 kam es allerdings zu einem längeren Konflikt um die Bistumsbesetzung, der den Auftakt zu weiteren schweren Auseinandersetzungen bei den Passauer Bischofswahlen während der folgenden hundert Jahre bildete. Zunächst verfuhr das Domkapitel wie gewohnt und wählte aus seinen Reihen den Domdekan Hermann Digni, den aber Wenzel (reg. als römisch-deutscher König 1376-1400, als König von Böhmen 1378-1419), der König des Reiches und Böhmens, der eigene Interessen verfolgte, ablehnte. Dem König gelang es zunächst, den Rheinländer Rupert von Berg mit päpstlicher Hilfe durchzusetzen, während Hermann Digni die Unterstützung Herzog Albrechts III. von Österreich (reg. 1365-1395) erreichte. Nachdem Hermann seinen Anspruch auf das Passauer Bistum aufgegeben hatte, wusste Albrecht III. den Hohenloher Grafensohn Georg auf den Bischofsstuhl der Dreiflüssestadt zu lancieren, während der Papst Rupert zum Bischof von Paderborn ernannte.

Da die Habsburger sowohl nach Georgs als auch nach dessen Nachfolgers Leonhard von Laiming Tod ihre Kandidaten selbst nach längeren und heftigen Konflikten nicht durchzusetzen vermochten, meinte die ältere Forschung, 1424 eine bayerische Epoche in Passau anbrechen zu sehen, was jedoch eine Fehleinschätzung ist. Auch wenn Herzog Albrecht III. von Bayern-München (reg. 1438-1460) mit seinem Hinweis auf Leonhards bayerische Abstammung dieser Deutung selbst Vorschub leistete, spielte Leonhards Herkunft für die Ablehnung keine oder nur eine geringe Rolle, und Leonhards Nachfolger Ulrich von Nußdorf war, anders als immer wieder in der wissenschaftlichen Literatur behauptet, gar nicht bayerischer, sondern salzburgischer Herkunft. Der habsburgische Widerstand gegen diese beiden richtete sich weniger gegen deren Herkunft aus dem außerhabsburgischen Herrschaftsraum, er gründete vielmehr in dem festen Willen, einen eigenen Kandidaten auf die Passauer Kathedra zu befördern. Erst der Kampf gegen Friedrich Mauerkircher diente – außer zur Förderung der Wiener Bistumsgründung 1469 – wohl hauptsächlich dazu, einen wittelsbachischen Sachwalter zu verhindern.

Passauer Bischöfe in fürstlichem Dienst

Bezeichnenderweise haben – mit Ausnahme des früh verstorbenen Mauerkircher – alle von den Habsburgern zunächst abgelehnten Passauer Bischöfe ein engeres Verhältnis zu den Beherrschern Österreichs gesucht. Angesichts der strukturellen Verflechtung von Bistum und Herzogtum war dies auch gar nicht anders möglich. Als ein einziger, nämlich Friedrich von Oettingen als Protégé des niederbayerischen Herzogs Georg des Reichen (reg. 1479-1503), in Verkennung dieser Situation 1487 überdeutlich versuchte, eine prowittelsbachische Position einzunehmen, und nicht nur einen die passauischen Burgen dem Landshuter Herzog öffnenden Schutzvertrag abschloss, sondern auch die Bürger seiner Stadt einen Eid auf ihn schwören lassen wollte, scheiterte er mit diesem Ansinnen an der Weigerung der Bürger. Wenn auch offenkundig die gegen Friedrichs III. (reg. 1440-1493, seit 1452 Kaiser) Willen nach Georg Heßlers (reg. 1480-1482) Tod 1482 erfolgte Besteigung der Passauer Kathedra durch Mauerkircher und dann vor allem 1485 die Installierung des Oettinger Grafen als Passauer Bischof den Höhepunkt wittelsbachischen Einflusses auf die Besetzung des Passauer Bistums im späten Mittelalter darstellte, so begann dadurch aber doch keine bayerische Epoche der Passauer Kirche. Befördert worden war der wittelsbachisch-oettingische Erfolg offenbar durch die hohe Verschuldung des Bistums nach dem vorangegangenen Bistumsstreit, und er provozierte wohl nur wegen des Konflikts mit dem damals in Österreich eingefallenen König Matthias Corvinus von Ungarn (reg. 1458-1490) keinen stärkeren Widerstand Habsburgs. Doch schon die beiden Nachfolger des ebenso wie Mauerkircher bedeutungslos gebliebenen Oettingers, Christoph Schachner und Wiguleus Fröschl von Marzoll, beide aus bayerischen Familien stammend, vor ihrer Wahl Domdekan und eher der wittelsbachischen Partei zuneigend, haben nach ihrer Wahl sofort ein gutes Verhältnis zu den Habsburgern gesucht und gefunden: Schachner als Rat Friedrichs III. und Maximilians I. (reg. 1486-1519, seit 1508 erwählter Kaiser), Fröschl seit 1504 als Vorsitzender des königlichen Kammergerichts. Das Domkapitel setzte mithin, als sich 1490 und 1500 die Chance auf eine kaum von außen beeinflusste Wahl eröffnete, die 1285 eingeschlagene Linie fort, überging habsburgische Vorschläge und wählte aus den eigenen Reihen Persönlichkeiten, die die Gunst der Habsburger zu erringen vermochten.

Unverkennbar strebte während des Spätmittelalters ein Bischof von Passau also zumeist den Dienst am Königshof oder am österreichischen Herzogshof an. Schon Georg von Hohenlohe ist Kanzler Albrechts IV. (reg. 1395-1404) sowie Ernsts von Habsburg (1377-1424) und schließlich König Sigismunds (reg. 1411-1437, seit 1433 Kaiser) gewesen. Leonhard von Laiming wurde ein wichtiger Ratgeber Herzog Albrechts V. von Österreich (1397-1439) und blieb dies, als dieser 1438 König wurde, und auch noch unter Friedrich III., der später dem anfänglich ebenfalls hartnäckig abgelehnten Nachfolger des Laimingers, Ulrich von Nußdorf, für einige Jahre die Königskanzlei und das Kammergericht verpachtete. Im Konflikt um die Passauer Kathedra, der nach dem Tode Ulrichs von Nußdorf ausbrach, standen sich sogar zwei Kanzlisten gegenüber: der umtriebige und weltkundige, 1477 bereits zum Kardinal avancierte Georg Heßler als eher nomineller Protonotar des Kaisers und Friedrich Mauerkircher, des niederbayerischen Herzogs Georg des Reichen Kanzler, der das Kanzleramt auch als Bischof behielt. Nach diesen beiden Rivalen, die schließlich nacheinander auf den Bischofsstuhl Passaus stiegen und dann bald verstarben (Heßler 1482, Mauerkircher 1485), ist – wie bereits erwähnt – in weniger konfliktgeprägten Zeiten einer habsburgisch-wittelsbachischen Annäherung als letzter Passauer Bischof des späten Mittelalters Wiguleus Fröschl Vorsitzender des königlichen Kammergerichts geworden.

Befähigt zu solchem Dienst waren all diese Bischöfe nicht zuletzt durch den Besuch einer Universität. Seit Georg von Hohenlohe saß – zumindest bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts – immer ein studierter Jurist auf der Passauer Kathedra, wobei für das Studium vor allem Wien und Bologna, aber auch Padua, Prag, Heidelberg, Köln, Leipzig und Ferrara aufgesucht wurden.

Opposition gegen die Errichtung eines Wiener Bistums

Der sich nach dem Tode Ulrichs von Nußdorf jahrelang hinziehende Streit um die Besetzung des Passauer Bistums ist, obwohl sich damals ein habsburgischer und ein wittelsbachischer Protégé gegenüberstanden und die Wahl des Domkapitels eindeutig zu Gunsten des bayerischen Kandidaten ausfiel, ebensowenig wie die früheren Wahlstreitigkeiten als Indiz für eine wittelsbachische Prädominanz in Passau zu werten. Vielmehr dürfte damals die antihabsburgische Einmütigkeit der Domherren auf einen anderen Umstand zurückzuführen sein: auf die Erhebung Wiens zum Bistum und die damit verbundene Schmälerung der Passauer Diözese.

Friedrich III. hatte 1469, nicht ohne zuvor den Passauer Bischof Ulrich von Nußdorf kaltzustellen, der sein Kanzler war, mit dem es ohnehin zu Spannungen gekommen war und den er nun zu den entscheidenden Verhandlungen nicht mit nach Rom nahm, einen von manchem seiner Vorgänger gehegten Plan der Verwirklichung näher bringen können: die Errichtung eines eigenen Bistums in Wien. Noch galt es aber, Schwierigkeiten zu überwinden, und verzögerte sich die tatsächliche Errichtung des neuen Bistums, hatte Ulrich von Nußdorf doch 1477 gegen die Wiener Gründung vor dem Papst energischen Protest erhoben und der Bistumsgründung nicht zugestimmt. Ein vom Kaiser protegierter Nachfolger des Nußdorfers würde, so stand zu erwarten und so kam es auch 1480 durch Georg Heßler, die noch ausstehende Einwilligung geben. Wollte man das verhindern, dann durfte man nicht den Kandidaten des Kaisers, sondern musste dessen Gegenspieler, den wittelsbachischen Kanzler, wählen.

Passauer und nicht vorrangig bayerische Interessen spielten daher bei der Wahl von 1479 eine entscheidende Rolle bei den Überlegungen des Domkapitels.

Bischof und Stadt

Außer der Errichtung des Bistums Wien hatten sich die Passauer Bischöfe im 15. Jahrhundert auch der Versuche der Stadt Passau zu erwehren, auf dem nun eine feste Gestalt annehmenden Reichstag eigenständig vertreten zu sein. Hierbei waren sie, anders als bei der Bekämpfung des Wiener Bistums, erfolgreich, wie sie überhaupt mit allen Aufständen ihrer Bürger (1298, 1367) und weiteren Konflikten mit diesen fertig geworden sind. Die dadurch der Stadtgemeinde 1299 von Bernhard von Prambach (durch den "Bernhardinischen Stadtbrief") gewährte, freilich spürbar untergeordnete und im Laufe der Zeit trotz Modifikationen und Ergänzungen (1368 "Österreichischer Spruchbrief", 1432 "Fünferspruch", 1443 "Achterspruch", 1535 "Laudum Bavaricum") nicht grundsätzlich veränderte Rechtsstellung blieb bis zum Ende des Alten Reiches erhalten.

Fazit

Am Ende des Mittelalters war das Hochstift mithin als territoriale Größe (wenn auch in recht überschaubaren Ausmaßen und nicht ohne die Gefahr künftiger Schrumpfung) fest zwischen Österreich, Bayern und Böhmen etabliert und der grundsätzliche Bestand des geistlichen Fürstentums gesichert, nicht zuletzt auch durch die Reichsstandschaft und Teilhabe des Bischofs an dem gerade in zukunftweisender Form entstandenen Reichstag (während entsprechende Bestrebungen der Stadt Passau scheiterten und deren Integration in das fürstbischöfliche Territorium dauerhaft behauptet werden konnte). Die starke Verflechtung mit dem österreichischen Herzogtum bewirkte dabei eine prinzipielle Orientierung an den landesherrlichen Interessen des Hauses Habsburg.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung der spätmittelalterlichen Phase der Passauer Geschichte steckt allerdings - behindert durch das Fehlen moderner Editionen vor allem von Quellen des 15. Jahrhunderts, überwiegend Urkunden, Akten und Briefen - noch in den Anfängen und muss sich zumeist auf veraltete Literatur stützen. Für das späte 13. und das 14. Jahrhundert hat sie jedoch nicht zuletzt wegen der mittlerweile bis 1319 reichenden Regesten der Bischöfe von Passau bereits spürbare Fortschritte gemacht.

Literatur

  • Konrad Amann, Die landesherrliche Residenzstadt Passau im spätmittelalterlichen Deutschen Reich (Residenzenforschung 3), Sigmaringen 1992.
  • Rainald Becker, Europäische Karrieren zwischen Kaiser und Papst. Passauer Bischöfe im 15. Jahrhundert, in: Passauer Jahrbuch 49 (2007), 29-45.
  • Egon Boshof, Das Bischofsschisma 1313-1320. Der Passauer Bischoffstuhl im Konflikt zwischen Domkapitel, Papst und Österreich, in: Passauer Jahrbuch 56 (2014), 15-27.
  • Egon Boshof, Der Pontifikat des Bischofs Georg von Passau im politischen und kirchlichen Umfeld an der Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert, in: Michael Hauck/Herbert W. Wurster (Hg.), Der Passauer Dom des Mittelalters (Veröffentlichungen des Instituts für Kulturraumforschung Ostbaierns und der Nachbarregionen 60), Passau 2009, 71-86.
  • Egon Boshof u. a. (Hg.), Geschichte der Stadt Passau, Regensburg 2. Auflage 2003.
  • Egon Boshof, Stadt und Hochstift Passau um 1300. Der Pontifikat des Wernhard von Prambach (1285-1313), in: Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte 74 (2011), 45-79.
  • Franz-Reiner Erkens, Aspekte der Passauer Geschichte im 14. Jahrhundert: Das Bistum zwischen Habsburg, Wittelsbach und Böhmen und die kommunale Bewegung in Passau, in: Ostbairische Grenzmarken 31 (1989), 61-85.
  • Franz-Reiner Erkens, Bischöfliche Herrschaft im Nordwald: Der Passauer Bischöfe herrschaftliche Präsenz im Norden der Donau, in: Klaus Birngruber/Christina Schmid (Hg.), Adel, Burg und Herrschaft an der "Grenze": Österreich und Böhmen (Studien zur Kulturgeschichte von Oberösterreich 34), Linz 2012, 41-56.
  • Franz-Reiner Erkens, Das Niederkirchenwesen im Bistum Passau (11.-13. Jahrhundert), in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 102 (1994), 53-97.
  • Franz-Reiner Erkens, Ludwig der Bayer und Passau, in: Passauer Jahrbuch 57 (2015), NN.
  • Franz-Reiner Erkens, Über Kanzlei und Kanzler König Sigismunds. Zum Kontinuitätsproblem in der deutschen Königskanzlei unter dem letzten Luxemburger, in: Archiv für Diplomatik 33 (1987), 429-458.
  • Franz-Reiner Erkens, Ulrich von Nußdorf, Bischof von Passau (1451-1479). Friedrichs III. persona non grata und Kanzler, in: Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte 77 (2014), 503-542.
  • Walter Kristanz, Kaiser Friedrich III. und die Stadt Passau (Dissertationen der Universität Salzburg 18), Wien 1983.
  • Alois Niederstätter, Das Jahrhundert der Mitte. An der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit (Österreichische Geschichte 1400-1522), Wien 1996.
  • Alois Schmid, Bischofsamt und Hofdienst in der Kirchenprovinz Salzburg am Ausgang des Mittelalters, in: Römische Quartalschrift 97 (2002), 257-283.
  • Gerald Schwedler, Georg von Hohenlohe (+ 1423). Bischof von Passau, Reichskanzler und Diplomat, in: Passauer Jahrbuch 56 (2014), 29-55.
  • Alfred A. Strnad, Der Apostolische Protonotar Dr. Georg Heßler. Eine biographische Skizze, in: Römische Quartalschrift 65 (1970), 29-53.
  • Herbert W. Wurster, Das Bistum Passau und seine Geschichte. 2. Band: Das Bistum im hohen und späten Mittelalter, Mutzig 1996.

Quellen

  • Monumenta Boica 29b, 30b (1300-1399), 31b (1400-1499), München 1831-1837.
  • Egon Boshof/Thomas Frenz (Bearb.), Die Regesten der Bischöfe von Passau. 4. Band: 1283-1319 (Regesten zur bayerischen Geschichte 5), München 2013.

Weiterführende Recherche

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Empfohlene Zitierweise

Franz-Reiner Erkens, Passau, Bistum: Politische Geschichte (Spätmittelalter), publiziert am 14.03.2016; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Passau, Bistum: Politische Geschichte (Spätmittelalter)> (21.01.2018)