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Alliierte Deutschlandpolitik

Titelblatt der Bayerischen Landeszeitung vom 1. Juni 1945. Der ehemalige Vorsitzende der Bayerischen Volkspartei (BVP), Fritz Schäffer (CSU, 1888-1967, Ministerpräsident 1945), wurde am 28. Mai 1945 von der amerikanischen Militärregierung zum "Temporary Minister-Präsident for Bavaria" ernannt. Bereits wenige Monate später wurde er von der Militärregierung am 28. September 1945 seines Amtes enthoben. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann, hoff-64500)

von Wolfgang Benz

Die drei Siegermächte USA, Großbritannien und Sowjetunion vereinbarten auf der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 eine gemeinsame Deutschlandpolitik. Sie sollte über den Alliierten Kontrollrat sichergestellt werden. Tatsächlich agierten die Alliierten in ihren Besatzungszonen aber jeweils unterschiedlich. Das unter amerikanischer Besatzung befindliche Bayern wurde vom "Office of Military Government for Bavaria" verwaltet. Die bayerische Staatsregierung war bis zur Wahl des ersten Nachkriegslandtags im September 1946 von der Militärregierung abhängig. Amerikaner und Briten versuchten in den folgenden Jahren, sich wenigstens innerhalb ihrer Besatzungszonen abzustimmen. Es folgten die Gründung des "Länderrats des amerikanischen Besatzungsgebietes" und die sog. Bizone. Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 wurde der Zustand der direkten Besatzungsherrschaft zwar formal beendet, de facto endete sie aber erst mit dem Ende der Amtszeit des letzten "Land Commissioner for Bavaria" im Juni 1952.

Einführung

Sitzung des Alliierten Kontrollrats in Berlin im Februar 1948. Der Alliierte Kontrollrat trat erstmals am 30. Juli 1945 während der Konferenz von Potsdam zusammen. Im Kontrollrat sollten die vier Militärgouverneure gemeinsam Entscheidungen für Belange treffen, die alle Besatzungszonen berührten. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann, hoff-61442)

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutschland besetzt von den vier Siegermächten (USA, GB, Frankreich, Sowjetunion). Auf der Potsdamer Konferenz, auf der Frankreich nicht vertreten war, beschlossen diese die Demilitarisierung, Denazifizierung, Demokratisierung und Dezentralisierung Deutschlands und setzten den Alliierten Kontrollrat als oberste Besatzungsbehörde ein. In der Praxis machten die Siegermächte aber keine gemeinsame Deutschlandpolitik; die in Potsdam (Brandenburg) vereinbarten Grundsätze wurden in den einzelnen Besatzungszonen unterschiedlich durchgeführt und gehandhabt. Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Probleme in den Besatzungszonen und dem beginnenden Kalten Krieg schlossen sich die amerikanische und britische Zone am 1. Januar 1947 zur Bizone zusammen. Bayern, das im September 1945 als Staat wiedergegründet worden war, stand unter amerikanischer Besatzungsherrschaft. Die Exekutive lag beim US-Militärgouverneur; höchste Verwaltungsinstanz war das Office of Military Government for Bavaria (bis September 1949). Bis zur Wahl des ersten Landtags im Dezember 1946 erfolgte die Regierung Bayerns im Auftrag der Besatzungsmacht (Abhängigkeit von der US-Militärregierung); auch danach behielten sich die Amerikaner weiterhin Kontroll- und Interventionsmöglichkeiten vor, um die Durchsetzung der Richtlinien ihrer Besatzungspolitik zu gewährleisten. Die unmittelbare Besatzungsherrschaft endete mit Gründung der Bundesrepublik sowie der Verkündung des Besatzungsstatuts am 21. September. Die Militärgouverneure wurden durch sog. Hohe Kommissare ersetzt. Mit dem Deutschlandvertrag vom 26. Mai 1952 wurde die Souveränität Deutschlands wiederhergestellt. De facto endete die amerikanische Besatzungsherrschaft in Bayern am 30. Juni 1952 mit der Auflösung des Landeskommissariats.

Gründung Bayerns 1945

Der Staat Bayern wurde durch eine Proklamation der amerikanischen Militärregierung für Deutschland am 19. September 1945 wiedergegründet. Das entsprach der Rechtslage nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Herrschaft. Tausend Jahre Tradition als Herzogtum, Kurfürstentum, Königreich und Freistaat zählten nicht gegenüber den Realitäten der Besatzungszeit. Die US-Amerikaner, in deren Zone das rechtsrheinische Bayern überwiegend lag, hatten zwar schon Ende Mai 1945 einen bayerischen Ministerpräsidenten bestellt, betrachteten das Land aber zunächst nur als geographisch-traditionellen Begriff. Politische Substanz, die das Land zum Staatswesen machte, erhielt Bayern trotzdem unter amerikanischer Hoheit mehr, als es in den Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft besessen hatte.

Bayern hatte neben den Stadtstaaten Hamburg und Bremen seine historische Gestalt bewahrt, wenn man vom linksrheinischen Landesteil Pfalz, der unter französische Hoheit kam, absieht. Ein Unikum bildeten Stadt und Landkreis Lindau, die französisch besetzt waren, aber nicht aus dem bayerischen Staatsverband herausgelöst wurden. Das verlieh dem Lindauer Landrat eine quasi exemte Stellung, weil München als amerikanisch besetzte Landeshauptstadt in weite Ferne gerückt war, Tübingen (Baden-Württemberg), die Hauptstadt des damaligen Landes Württemberg-Hohenzollern, als zuständiges Zentrum der französischen Besatzungsmacht aber ebenso fernab lag.

Verwaltung des besetzten Bayerns durch die Amerikaner

Nach der militärischen Besetzung durch die 3. US-Armee stand Bayern bis Herbst 1945 unter dem Kommando von General George S. Patton Jr. (1885-1945), der bis Oktober 1945 den Eastern Military District der US-Zone befehligte. Die Ablösung des politisch umstrittenen Militärs ging einher mit der Umstrukturierung der Besatzungsverwaltung. Oberste Instanz war das Office of Military Government for Germany (US), abgekürzt OMGUS, dem das Office of Military Government for Bavaria (OMGBY) nachgeordnet war. An dessen Spitze stand bis 20. November 1947 der als konziliant gerühmte General Walter J. Muller (1895-1967). Ihm folgte als "Land Director OMGBY" der ehemalige Gouverneur von Michigan, Murray D. Van Wagoner (1898-1986). Er amtierte, zuletzt als "Land Commissioner for Bavaria", bis Ende Oktober 1950. Die Militärregierung für Bayern war in Fachressorts untergliedert und mit regionalen sowie lokalen Dienststellen in allen Landkreisen und Städten präsent.

Den Amerikanern galten lebensfähige und mit eigener Kompetenz ausgestattete Einzelstaaten, die sich im Bundesstaat zur höheren Ordnung vereinigten, als selbstverständliche Voraussetzung eines demokratischen Systems. Sie statteten daher schon im September 1945 die Länder ihrer Zone mit voller legislativer, exekutiver und richterlicher Gewalt aus. Das brachte den Ministerpräsidenten, da sie noch keiner parlamentarischen Kontrolle unterlagen, gegenüber ihren Kabinetten und der Verwaltung eine gewisse Machtfülle, die jedoch durch ihre Abhängigkeit von der Besatzungsmacht enge Grenzen hatte. Bis zur Wahl des ersten Landtags im Dezember 1946 erfolgte die Regierung Bayerns im Auftrag der Besatzungsmacht; das bedeutete Abhängigkeit des Ministerpräsidenten von der US-Militärregierung, aber keine parlamentarische Kontrolle.

Besonders drastisch zu spüren bekam das Fritz Schäffer (CSU, 1888-1967, Ministerpräsident 1945), der erste bayerische Nachkriegs-Ministerpräsident. Er war am 28. Mai 1945 von der US-Militärregierung eingesetzt worden, weil er als ehemaliger Vorsitzender der Bayerischen Volkspartei (BVP, 1929-1933) und Leiter des bayerischen Finanzministeriums am Ende der Weimarer Zeit sowohl fachlich wie demokratisch legitimiert war. Vorgeschlagen für dieses Amt hatte ihn der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Michael von Faulhaber (1869-1952, Erzbischof von München und Freising 1917-1952), der auf Wunsch des Military Government eine Kandidatenliste aufgestellt hatte.

Am 28. September 1945 wurden Ministerpräsident Schäffer und sein Justizminister Wilhelm Hoegner (SPD, 1887-1980, Justizminister 1945-47) zum Amtssitz der Militärregierung für Bayern in der Münchner Holbeinstraße bestellt. Ohne Umschweife und Begründung wurde Schäffer dort eröffnet, dass er entlassen sei, und Hoegner erhielt die Mitteilung, er sei jetzt Ministerpräsident. Die Amerikaner kreideten Schäffer an, dass er die Säuberung der öffentlichen Verwaltung von Nationalsozialisten nicht rigoros genug betrieb. Der Sozialdemokrat Hoegner war schon vor 1933 als Gegner Adolf Hitlers (NSDAP, 1889-1945, Reichskanzler 1933-1945) hervorgetreten und deshalb 1933 ins Exil in die Schweiz geflohen.

Konferenz zwischen den Abteilungsleitern und dem Direktor des Office of Military Government for Bavaria (OMGB) Brigadegeneral Walter J. Muller (1895–1967) mit Ministerpräsident Wilhelm Hoegner (SPD, 1887-1980, Ministerpräsident 1945-1946, 1954-1957) und Kabinettsmitgliedern im Jahr 1946. (Privatbesitz Harald Hoegner, München; mit freundlicher Genehmigung durch die Historische Kommission München)

Die Amerikaner waren, auch in Bayern, die beliebteste der vier Besatzungsmächte. Das Gebot "non fraternization" lockerte sich, nicht nur gegenüber einheimischen jungen Damen. Die US-Army wurde wegen ihrer technischen Ausrüstung bewundert, die reichliche Versorgung mit Lebensmitteln machte sie auch für die Zivilbevölkerung attraktiv. Amerikanische Zigaretten bildeten eine solide Währung neben der wertlosen deutschen Reichsmark. Generös war die Speisung deutscher Schulkinder (sog. Hoover-Speisung), die der ehemalige US-Präsident Herbert Clark Hoover (1874-1964, US-Präsident 1929-1933) organisierte, und attraktiv waren die Filme und das Literaturangebot der Amerikahäuser. Auch das kulturelle Angebot trug dazu bei, dass die Bevölkerung zunehmend die Besatzungsmacht als Schutzmacht empfand. Im Kalten Krieg war man froh, in der US-Zone zu leben und nicht in der SBZ.

Gründung des Länderrats

Nach der Proklamation der Länder richtete die Militärregierung der US-Zone am 17. Oktober 1945 als zonales Koordinierungsgremium den sog. Länderrat ein. Die Aufgabe dieser Institution bestand einmal darin, die Verständigung der Regierungen in München, Stuttgart (Baden-Württemberg), Wiesbaden (Hessen) und Bremen untereinander zu ermöglichen, wenigstens in der US-Zone gleichförmige Gesetzgebungsakte zu gewährleisten und die Aufgaben gemeinsam zu lösen, die den Rahmen der Landespolitik sprengten. Der Länderrat, der in Stuttgart sein Domizil hatte, ein Sekretariat und Ausschüsse unterhielt, war also auch als eine Art Reichsersatz gedacht. Er sollte ferner nach der Vorstellung des Chefs der US-Zone General Lucius D. Clay (1897-1978, Militärgouverneur der US-Zone 1947-1949) ein Modell für die künftige föderalistische Gestaltung Deutschlands sein.

Münchner Ministerpräsidenten-Konferenz 1947

Wie begrenzt die politischen Möglichkeiten der Länderchefs waren, zeigte die Münchner Ministerpräsidentenkonferenz, zu der Hans Ehard (CSU, 1887-1980, Ministerpräsident 1946-1954, 1960-1962) am 7. Mai 1947 seine Kollegen aus allen vier Zonen einlud. Diskutiert werden sollten die Themen Wohnungsnot, Hunger, Heimatvertriebene. Amerikaner und Briten erhoben keine Einwände; der französische Militärgouverneur Marie-Pierre Koenig (1898-1970, Militärgouverneur der französischen Besatzungszone 1945-1949) erlaubte den Ministerpräsidenten aus seiner Zone die Teilnahme jedoch nur unter der Voraussetzung, dass keine politischen Themen erörtert würden. Die Sowjetische Militäradministration forderte das Gegenteil, eine erweiterte Konferenz in Berlin, in der auch Partei- und Gewerkschaftsvertreter mitwirken sollten. Das entsprach auch nicht der bayerischen Intention, den Föderalismus zu stärken. Als wider Erwarten die fünf Ministerpräsidenten der Ostzone am 5. Juni 1947 in München erschienen, war das Projekt einer gesamtdeutschen Konferenz schon gescheitert: Man konnte sich auf keine Tagesordnung einigen. Die Vertreter der Länder der SBZ reisten am 6. Juni wieder ab. Die westdeutschen Ministerpräsidenten behandelten am 6. und 7. Juni die vorgesehenen Themen. Die Münchner Ministerpräsidentenkonferenz wurde zum Symbol der Spaltung Deutschlands.

Gründung der Bizone

Der bayerische Ministerpräsident Hans Ehard (CSU, 1887-1980, Ministerpräsident 1946-1954, 1960-1962) während der ersten Sitzung des Länderrates der Bizone am 23. Februar 1948. (Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung)

Auf der Potsdamer Konferenz hatten im Juli/August 1945 die drei Großmächte USA, Großbritannien und Sowjetunion versucht, sich auf eine gemeinsame Politik gegenüber Deutschland zu verständigen. In der Reparationsfrage ging der Konsens der Sieger verloren, die im Alliierten Kontrollrat durch die vier Zonenbefehlshaber Deutschland gemeinsam regieren wollten. De facto war der Militärgouverneur die jeweils oberste Instanz in seinem Besatzungsgebiet. Die Zonen entwickelten rasch Eigenleben und drifteten auseinander. Im Juli 1946 lud deshalb anlässlich der Pariser Außenministerkonferenz der US-Außenminister James F. Byrnes (1882-1972, US-Außenminister 1945-1947) die drei anderen Besatzungsmächte zum ökonomischen Zusammenschluss ein. Die Briten folgten der Einladung, aus der am 1. Januar 1947 die "Bizone" hervorging. Das "Vereinigte Wirtschaftsgebiet" wurde in drei Schritten bis 1948 zum Quasi-Staat ausgebaut, mit einem Parlament (dem "Wirtschaftsrat"), Fachressorts ("Verwaltungen") und Administration. Die Bizone bildete das erfolgreiche Modell des Weststaats, der durch die Mitwirkung von Vertretern der französischen Zone bei der Verfassunggebung im Parlamentarischen Rat ab September 1948 im Herbst 1949 gegründet wurde. Das Nebeneinander bizonaler Bürokratien und Organisationen mit den Länderbehörden und die politische Machtausübung durch die Alliierten sorgten für Reibungen.

Carlo Schmid (SPD, 1896-1979), hier zusammen mit Konrad Adenauer (CDU, 1876-1967, Präsident des Parlamentarischen Rates 1948-1949) während einer Besprechung über das Besatzungsstatut am 14. April 1949. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-61263)

Institutionell bestand eine der Hauptschwierigkeiten im Kampf der Bizonenämter gegen die Länderegoismen. Der Höhepunkt wurde im "Kartoffelkrieg" des Herbstes 1947 erreicht. Dem Katastrophenwinter 1946/47 waren Hitze- und Dürrerekorde im Sommer und eine dementsprechende Missernte im Herbst 1947 gefolgt. Der Direktor für Ernährung und Landwirtschaft der Bizone hatte, von den Militärregierungen autorisiert und auf das Bewirtschaftungssystem gestützt, das die Nationalsozialisten im August 1939 in Vorbereitung des Kriegs in Kraft gesetzt hatten, Ablieferungsmengen und Ausgleichsquoten zwischen den einzelnen Ländern festgesetzt. Dadurch sollte das wenige Vorhandene zumindest halbwegs gerecht zwischen agrarischen Überschussländern und Industriegebieten verteilt werden. Die Gerechtigkeit blieb, aus vielen Gründen, Theorie: Dass Bayern und Niedersachsen zugunsten der eigenen Bevölkerung zu wenig Kartoffeln in Mangelgebiete wie Nordrhein-Westfalen lieferten, war nur ein Teil der Misere. Die Korruption von selbstsüchtigen Erzeugern und Schiebern bis hin zu Ämtern und Organisationen, die am Schwarzmarkt teilnahmen, war das größere Problem. Die starre Haltung der Besatzungsbürokratie, die an ihren eigenen Ernteschätzungen festhielt und die deutschen Verwaltungsstellen des Unvermögens und der Böswilligkeit bezichtigte, verschärfte die Situation. Kontrollen und Hofbegehungen in Bayern, die Ablieferungsquoten überwachen sollten, führten zum Eklat.

Für die Misere auf dem Gebiet der Wirtschaft und der Ernährung, aber auch für den Stand der Beziehungen zwischen Deutschen und Alliierten und insgesamt für den bisherigen Erfolg des Experiments Bizone gab es um die Jahreswende 1947/48 zwei Symptome, in denen sich die Not spiegelte: das "Speisekammergesetz" vom 23. Januar 1948 und die "Hühnerfutterrede" von Johannes Semler (CSU, 1898-1973). Das "Nothilfegesetz zur Ermittlung, Erfassung und Verteilung von Lebensmitteln" (sog. Speisekammergesetz) ging auf die Initiative des US-Militärgouverneurs Clay zurück, der wegen der Querelen, die über Ernteschätzungen, Ablieferungsquoten, grassierende Hamsterei, geschönte Statistiken und allgemeines Wehklagen aller Betroffenen entstanden waren, kurzerhand verlangte, sämtliche Lebensmittelvorräte bei Erzeugern, Händlern und Verbrauchern zählen und registrieren zu lassen.

Die "Hühnerfutterrede" machte das Verhältnis zwischen US-Besatzungsmacht und deutscher Politik deutlich. Der Direktor für Wirtschaft (Ressortchef des Quasi-Ministeriums der Bizone), Johannes Semler, hatte bei einer internen Veranstaltung der CSU am 4. Januar 1948 in Erlangen ein Referat gehalten, in dem er, in der Annahme, man sei unter sich, den Alliierten die Leviten las: Die Amerikaner, behauptete Semler, verlangten extra hohe Ablieferungsquoten von der deutschen Landwirtschaft, um eigene Steuergelder zu sparen; Clay wolle sich zu Lasten der Deutschen einen guten Abgang verschaffen. In Anspielung auf US-Hilfslieferungen schimpfte Semler, man habe "den Mais geschickt und das Hühnerfutter, und wir zahlen es teuer". Am 24. Januar 1948 wurde er seines Amtes enthoben. Die Militärgouverneure betonten, er sei wegen der Wahrheitswidrigkeit seiner Behauptungen gefeuert worden, nicht wegen der Kritik selbst, die freilich vom Geist einer böswilligen Opposition gegen die Besatzungsmächte zeuge. Semlers unfreiwilliger Abgang ermöglichte Ludwig Erhard (1897-1977), der als Minister für Wirtschaft in Bayern 1945/46 glücklos operiert hatte, die Karriere als Direktor für Wirtschaft der Bizone und "Vater des Wirtschaftswunders", als er nach der Währungsreform im Juni 1948 schrittweise die Rationierungen aufhob.

Ende der unmittelbaren Besatzungszonenherrschaft

Die Gründung der Bundesrepublik beendete im September 1949 den Zustand der direkten Besatzungsherrschaft. An die Stelle der Militärgouverneure traten Hohe Kommissare, und das Grundgesetz (GG) war flankiert durch ein Besatzungsstatut, das Rechte und Pflichten zwischen Alliierten und Instanzen der Bundesrepublik regelte. In den Beratungen der Verfassung hatte Bayern sein politisches Gewicht im Einklang mit der US-Besatzungsmacht für den Föderalismus eingesetzt, insbesondere die Verankerung der Länderrechte im Bundesrat maßgeblich bewirkt. Trotzdem verweigerte der Landtag die Zustimmung zum Grundgesetz, was freilich keine politische Auswirkung hatte, sondern nur symbolischer Akt war. Mit dem Inkrafttreten von Grundgesetz und Besatzungsstatut endete in Bayern die Herrschaft des Land Directors. An seine Stelle trat ein Land-Commissioner. Wie sich die politische Situation gewandelt hatte, zeigt der Abgang von Clarence M. Bolds (1903-1958, Land-Commissioner 1950). Sein Beharren auf einer Schulreform, die von den Amerikanern gegen bayerischen Widerstand betrieben worden war, endete nach Intervention Kardinal Faulhabers mit seiner Abberufung durch den US-Hochkommissar John McCloy (1895-1989, US-Hochkommissar 1949-1952). Ihm folgte der katholische Professor George N. Shuster (1894-1977, Land-Commissioner 1950-1951). Das Amt endete mit Oron J. Hale (1902-1991, Land-Commissioner 1951-1952), dessen Befugnisse als Land Commissioner am 30. Juni 1952 auf den US-Konsul in München übergingen. Damit war die Besatzungsherrschaft de facto beendet.

In den Besatzungsjahren vollzog sich nicht nur die Demokratisierung von Staat und Gesellschaft Bayerns, es begann zugleich der Wandel vom Agrar- zum Industriestaat. Zu den Erfolgen gehört die Aufnahme und Integration von zwei Millionen Heimatvertriebenen. Zwei Reformvorhaben der Alliierten, die den USA besonders wichtig waren, scheiterten: Die Neuordnung des öffentlichen Dienstes ohne Berufsbeamtentum missglückte in der ganzen Bundesrepublik. In Bayern stieß der Bildungsoptimismus der Amerikaner, die ein egalitäres Schulsystem ohne konfessionelle und soziale Schranken einführen wollten (Einheitsschule, Schulgeldfreiheit, Lernmittelfreiheit, verlängerte Schulpflicht, Gesamtschule anstelle der herkömmlichen Gliederung in drei getrennte Schulzweige), auf hinhaltenden und damit erfolgreichen Widerstand. Als Ära der Überwindung nationalsozialistischer Ideologie und NS-Strukturen war die Besatzungszeit in Bayern insgesamt ein großer Erfolg.

Literatur

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  • Wolfgang Benz (Hg.), Deutschland unter alliierter Besatzung 1945-1949/55. Ein Handbuch, Berlin 1999.
  • Wolfgang Benz (Hg.), Neuanfang in Bayern 1945-1949. Politik und Gesellschaft in der Nachkriegszeit, München 1988.
  • Wolfgang Benz, Potsdam 1945. Besatzungsherrschaft und Neuaufbau im Vier-Zonen-Deutschland, München 4. Auflage 2005.
  • Wolfgang Benz, Wie es zu Deutschlands Teilung kam. Vom Zusammenbruch zur Gründung der beiden deutschen Staaten, München 2018.
  • Walter L. Dorn, Inspektionsreisen in der US-Zone. Notizen, Denkschriften und Erinnerungen aus dem Nachlaß, übersetzt und herausgegeben von Lutz Niethammer, Stuttgart 1973.
  • Matthias Etzel, Die Aufhebung von nationalsozialistischen Gesetzen durch den Alliierten Kontrollrat 1945-1948, Tübingen 1992.
  • Jutta Gröschl, Die Deutschlandpolitik der vier Großmächte in der Berichterstattung der deutschen Wochenschauen 1945-1949. Ein Beitrag zur Diskussion um den Film als historische Quelle (Beiträge zur Kommunikationsgeschichte 5), Berlin/New York 1997.
  • Klaus-Dietmar Henke, Die amerikanische Besatzung Deutschlands, München 1995.
  • Klaus-Dietmar Henke/Hans Woller (Hg.), Lehrjahre der CSU. Eine Nachkriegspartei im Spiegel vertraulicher Berichte an die amerikanische Militärregierung, Stuttgart 1984.
  • Wilhelm Hoegner, Der schwierige Außenseiter. Erinnerungen eines Abgeordneten, Emigranten und Ministerpräsidenten, München 1959.
  • Elisabeth Kraus, Ministerien für das ganze Deutschland? Der Alliierte Kontrollrat und die Frage gesamtdeutscher Zentralverwaltungen (Studien zur Zeitgeschichte 37), München 1990.
  • Hanns Jürgen Küsters, Der Integrationsfriede. Viermächte-Verhandlungen über die Friedensregelung mit Deutschland 1945-1990 (Dokumente zur Deutschlandpolitik 9), München 2000.
  • Gunther Mai, Der Alliierte Kontrollrat in Deutschland 1945-1948. Alliierte Einheit - deutsche Teilung? (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte 37), München 1995.
  • Dorothee Mußgnug, Alliierte Militärmissionen in Deutschland 1946-1990, Berlin 2001.
  • Lutz Niethammer, Die amerikanische Besatzungsmacht zwischen Verwaltungstradition und politischen Parteien in Bayern 1945, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 15 (1967), 153-210.
  • Lutz Niethammer, Entnazifizierung in Bayern, Frankfurt am Main 1972 (Neuauflage Berlin 1982: Die Mitläuferfabrik).
  • Heinrich Oberreuter/Jürgen Weber (Hg.), Freundliche Feinde? Die Alliierten und die Demokratiegründung in Deutschland (Akademiebeiträge zur politischen Bildung 29), München/Landsberg am Lech 1996.
  • Helmut Vogt, Wächter der Bonner Republik. Die Alliierten Hohen Kommissare 1949-1955, Paderborn u. a. 2004.
  • Gerd Wehner, Die Westalliierten und das Grundgesetz 1948-1949. Die Londoner Sechsmächtekonferenz, Freiburg im Breisgau 1994.
  • Hans Woller, Gesellschaft und Politik in der amerikanischen Besatzungszone. Die Region Ansbach und Fürth, München 1986.

Quellen

  • Akten zur Vorgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1945-1949, hg. von Bundesarchiv und Institut für Zeitgeschichte, 5 Bände, München 1976-1983.
  • Peter März (Bearb.), Dokumente zu Deutschland 1944-1994 (Bayerische Landeszentrale für Politische Bildungsarbeit A 100), München 2. Auflage 2000.
  • Herbert Michaelis/Ernst Schraepler (Hg.), Ursachen und Folgen. Vom deutschen Zusammenbruch 1918 und 1945 bis zur staatlichen Neuordnung Deutschlands in der Gegenwart. Eine Urkunden- und Dokumentensammlung zur Zeitgeschichte. 23. Band: Der militärische Zusammenbruch und das Ende des Dritten Reiches, der Selbstmord Hitlers, das Kabinett Dönitz, die Kapitulation, die Anfänge der Besatzungspolitik, die Potsdamer Konferenz, die Niederlage Japans, Berlin 1976.
  • Liste von Demontage betroffener Betriebe Oktober 1947, SZ 18. Oktober 1947 (Gelberg, Protokolle Ehard II, Bd. 1, 70/71, FN 20).

Weiterführende Recherche

Externe Links


Alliierte Besatzungspolitik, Alliierte Politik, Kontrollratspolitik, Kontrollratpolitik

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Empfohlene Zitierweise

Wolfgang Benz, Alliierte Deutschlandpolitik, publiziert am 14.11.2018; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Alliierte_Deutschlandpolitik> (12.12.2018)


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