Nach den beiden von der US-Militärregierung eingesetzten Vorgängerkabinetten war das Kabinett Ehard I die erste aus freien Wahlen hervorgegangene Staatsregierung nach dem Ende des NS-Regimes. Die Regierungsbildung verlief holprig: Die Christlich-Soziale Union (CSU) hatte im Landtag zwar die absolute Mehrheit, war aber innerparteilich in zwei Flügel gespalten. Für eine stabile parlamentarische Basis bildete Ministerpräsident Hans Ehard (1887-1980) daher eine Koalition mit der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) und der Wirtschaftlichen Aufbau-Vereinigung (WAV). Inhaltlicher Schwerpunkt des Kabinetts war zum einen weiterhin die Kriegsfolgenbewältigung. Zum anderen intensivierte Ehard die bayerischen Bemühungen, das sich abzeichnende neue westdeutsche Staatswesen nach föderalistischen Prinzipien zu gestalten. In der SPD war die Regierungsbeteiligung von Anfang an umstritten. Der Austritt der Sozialdemokraten aus der Koalition am 15. September 1947 stärkte die Position Ehards, der zwischenzeitlich die zerstrittenen CSU-Flügel hinter sich zu einen begonnen hatte.
Ernennungsumstände
Landtagswahl 1946
Die Landtagswahl am 1. Dezember 1946 lag im Trend der vorherigen Wahl zur Verfassunggebenden Landesversammlung: Die Christlich-Soziale Union (CSU) erreichte mit 52,3 % die absolute Mehrheit (104 Mandate), dahinter folgte mit 28,6 % als zweite große Partei die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) (54 Mandate). Die Wirtschaftliche Aufbau-Vereinigung (WAV) (Partei) erreichte 7,4 % (13 Mandate) und die Freie Demokratische Partei (FDP) 5,6 % (9 Mandate).
Trotz ihres Erfolgs war die CSU keine stabile Partei. Zwei Flügel standen sich aus programmatischen Gründen und persönlichen Aversionen gegenüber: Die Gruppe um Alois Hundhammer (1900-1974) und Fritz Schäffer (1888–1967) stand in der Tradition der Bayerischen Volkspartei (BVP) für eine betont katholische und an der bayerischen Eigenstaatlichkeit orientierte Politik. Die Gruppe um Josef Müller (1898-1972) strebte dagegen nach einer interkonfessionellen Volkspartei und war in föderalistischen Fragen kompromissbereiter.
Schwierige Ministerpräsidentenwahl: Kompromisskandidat Ehard
Der CSU-Vorsitzende Josef Müller erhob mit Rückendeckung der CSU-Landesversammlung Anspruch auf das Ministerpräsidentenamt und wurde auch von der FDP unterstützt. Die CSU-Landtagsfraktion, in der der Hundhammer-Flügel knapp dominierte, nominierte dagegen den Staatsminister für Sonderaufgaben, Anton Pfeiffer (1888-1957). Die Fraktion sprach sich ferner für eine Koalition mit der SPD aus, um die Regierungsverantwortung angesichts der Nachkriegsnot nicht allein tragen zu müssen. Zudem spielte eine Rolle, dass die SPD Müller ablehnte, nachdem im Wahlkampf Berichte über dessen vermeintliche NS-Verstrickungen kursierten.
Als ähnliche Vorwürfe auch gegen Pfeiffer lanciert wurden, lehnte die SPD diesen ebenfalls ab. Daher fassten Hundhammer und Wilhelm Hoegner (SPD, 1887-1980) als Kompromisskandidaten den Staatssekretär im Justizministerium Hans Ehard (CSU, 1887-1980) ins Auge. Da Müller seine Kandidatur aufrecht hielt, einigte sich die CSU-Fraktion darauf, Müller unter Aufhebung des Fraktionszwangs im ersten Wahlgang vorzuschlagen.
In der Landtagssitzung am 21. Dezember 1946 erhielt Müller 73 Stimmen, 69 Stimmen lauteten auf "Nein", 33 auf "Ehard". Landtagspräsident Michael Horlacher (CSU, 1888-1957) erklärte, dass Müller die nötige Mehrheit verfehlt habe und ein zweiter Wahlgang nötig sei.

In einer kurzen Pause einigte sich der Hundhammer-Flügel mit der SPD und der WAV auf die Bildung einer Regierung mit Hans Ehard als Ministerpräsidenten. Zu Beginn des zweiten Wahlgangs verließ Müller mit rund 30 Anhängern demonstrativ die Sitzung. Ehard erhielt schließlich 121 von 147 Stimmen (15 Nein, 5 für Müller, 6 ungültig).
Der in Bamberg geborene Jurist Ehard war zwar seit 1919 BVP-Mitglied, wurde aber erst politisch aktiv, als ihn Ministerpräsident Schäffer 1945 mit dem Wiederaufbau der Justiz betraute. Einer herausgehobenen Mitarbeit im NS-Regime hatte er sich 1933 durch den Wechsel vom Bayerischen Justizministerium ans Oberlandesgericht München entzogen, sodass er sowohl bei der Besatzungsmacht als auch in konservativen und sozialdemokratischen Kreisen einen guten Leumund besaß.
Rechtmäßigkeit der Wahl
Die Forschung ist lange der Auffassung Müllers gefolgt, wonach er rechtmäßig zum Ministerpräsidenten gewählt, aber durch eine Manipulation Horlachers verhindert worden sei. Kern dieses Vorwurfs ist erstens, dass Horlacher vor dem Wahlgang Artikel 23 der Verfassung zitierte, wonach der Ministerpräsident "mit einfacher Mehrheit" gewählt werde, dann aber bei der Feststellung des Ergebnisses davon sprach, dass Müller "die absolute Mehrheit 88 [Stimmen]" verfehlt habe. Aus dem Kontext und der Berechnung wird aber völlig klar, dass Horlacher damit die einfache Mehrheit der abgegebenen Stimmen meinte.
Zweitens wurde die Gültigkeit der Stimmen für Ehard bestritten, weil dieser nicht zur Wahl gestanden habe. Für diese Auffassung gibt es jedoch keinerlei Rechtsgrundlage und sie entspricht auch nicht der Landtagstradition, in der solche Stimmen stets gültig waren (z.B. bei der vergleichbaren Nichtwahl Erhard Auers [SPD, 1874-1945] als Landtagsvizepräsident 1924).
Zweifellos stand Horlacher im Hundhammer-Lager und hatte die Kandidatur Ehards mit vorbereitet. Eine Manipulation kann ihm aber nicht vorgeworfen werden. Müller hatte eine (verfassungsrechtlich irrelevante) relative, nicht aber die notwendige einfache Mehrheit.

Kabinettsbildung
Unmittelbar nach seiner Wahl verhandelte Ehard mit Hundhammer, Hoegner und Alfred Loritz (WAV, 1902-1974) die Kabinettszusammensetzung. Abweichend von vorherigen Sondierungen nutzte die SPD die interne Schwäche der CSU aus und forderte nun zusätzlich zu den Ressorts Justiz, Inneres und Arbeit auch Wirtschaft. Die CSU-Verhandlungsführer mussten zustimmen, sicherten sich aber mit 10 von 13 Staatssekretären die Mehrheit im Ministerrat. Die WAV erhielt das ungeliebte Entnazifizierungsministerium.
Im Landtag wurde anschließend ein Rumpfkabinett vereidigt. Aufgrund der unklaren Situation innerhalb der CSU blieben zunächst neun von 14 CSU-Posten unbesetzt. Ehard gelang es bis zur nächsten Landtagssitzung am 10. Januar, eine drohende Spaltung der CSU zu verhindern und mit Willi Ankermüller (1947-1950), Hugo Geiger (1901-1984) und Lorenz Sedlmayr (1887-1971) drei Müller-Anhänger für den Eintritt als Staatssekretäre ins Kabinett zu gewinnen. Damit war vorerst ein brüchiger Friede erreicht. Am 31. Januar bestätigte der Landtag die letzten beiden Staatssekretäre.
Im Innen-, Kultus- und Wirtschaftsministerium berief Ehard jeweils zusätzliche Staatssekretäre für besondere Aufgaben. Das Kabinett hatte mit 24 Mitgliedern sechs mehr als die Vorgängerregierung.
| Ministerium | Staatsminister | Staatssekretär |
| Staatskanzlei | Anton Pfeiffer (CSU) | |
| Justiz | Wilhelm Hoegner (SPD) | Ludwig Hagenauer (CSU), 10.1.-15.7.
Carljörg Lacherbauer (CSU), ab 18.7. |
| Inneres | Josef Seifried (SPD) | Willi Ankermüller (CSU), ab 10.1.
Franz Fischer (CSU) für Bauwesen, ab 10.1. Wolfgang Jaenicke (parteilos) für Flüchtlingswesen, ab 31.1. |
| Kultus | Alois Hundhammer (CSU) | Claus Pittroff (SPD)
Dieter Sattler (CSU) für die Schönen Künste, ab 31.1. |
| Finanzen | Hans Kraus (CSU) | Hans Müller (CSU) |
| Verkehr | Otto Frommknecht (CSU), ab 10.1. | Hans Schuberth (CSU), 10.1.-31.8. |
| Wirtschaft | Rudolf Zorn (SPD) | Hugo Geiger (CSU)
Lorenz Sedlmayr (CSU) für Planung und Wiederaufbau, beide ab 10.1. |
| Landwirtschaft | Joseph Baumgartner (CSU) | Hans Gentner (SPD) |
| Arbeit | Albert Roßhaupter (SPD) | Heinrich Krehle (CSU) |
| Sonderaufgaben | Alfred Loritz (WAV) bis 24.6.
Ludwig Hagenauer (CSU) ab 15.7. |
Arthur Höltermann (SPD) bis 28.5.
Camille Sachs (SPD) ab 15.7. |
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Teilgruppenbild des Kabinetts Ehard I, von links: Minister für Ernhährung, Landwirtschaft und Forsten Josef Baumgartner (CSU), Arbeitsminister Albert Roßhaupter (SPD), Kultusminister Alois Hundhammer (CSU), Ministerpräsident Hans Ehard (CSU), Innenminister Josef Seifried (SPD), stellvertretender Ministerpräsident und Justizminister Wilhelm Hoegner (SPD), Minister für Sonderaufgaben Alfred Loritz (WAV), 21. Dezember 1946. (Stadtarchiv München, DE-1992-FS-NK-STL-0180)
Charakter
Demokratisch legitimierte Regierung unter Aufsicht der Militärregierung
Mit dem Kabinett Ehard I hatte Bayern wieder eine demokratisch legitimierte Regierung: Waren die Vorgängerkabinette Schäffer und Hoegner 1945/46 von der US-Militärregierung eingesetzt, so ging die Staatsregierung nun aus der Wahl des Landtags hervor.
Die Militärregierung unterstützte nach außen den Weg der Deutschen hin zur Selbstregierung. Sie wollte die Entwicklung knapp eineinhalb Jahre nach Kriegsende aber auch noch nicht aus der Hand geben. Daher behielt sie sich neben ihrer eigenen Gesetzgebungskompetenz zahlreiche Kontroll- und Einwirkungsmöglichkeiten vor, die von regelmäßigen Gesprächen mit der Staatsregierung bis hin zur Ablehnung von Gesetzen (z.B. Gesetzentwurf über die Bildung politischer Parteien) reichten.
Die amerikanische Einflussnahme blieb der Öffentlichkeit in der Regel verborgen, sodass sie einerseits die jungen demokratischen Institutionen nicht desavouierte. Andererseits wehrte sich die Staatsregierung mit wachsendem Selbstbewusstsein, politische Verantwortung für die Wünsche der Besatzungsbehörden übernehmen zu müssen.
Zwei weitere Veränderungen schränkten die Staatsregierung ein: Hatte das Kabinett Hoegner auch die Gesetzgebungsbefugnis ausgeübt, so war dafür nun nach Inkrafttreten der Verfassung wieder der Landtag zuständig. Zudem trat neben den Länderrat des amerikanischen Besatzungsgebietes 1947 die Bizone ("Vereinigtes Wirtschaftsgebiet" der amerikanischen und britischen Besatzungszone), deren Zentralbehörden zunehmend Kompetenzen beanspruchten, die zuvor noch bei den Ländern gelegen hatten.
Schnelle Etablierung Ehards
Die Wahl Ehards zum Ministerpräsidenten kam für die Öffentlichkeit völlig unerwartet. Er war zwar ein Kompromisskandidat, der mit der SPD in den vorherigen Kabinetten und bei der Verfassunggebung gut zusammengearbeitet hatte. Programmatisch stand er aber klar im katholisch-föderalistischen CSU-Flügel. Beobachter sahen in ihm deshalb zunächst einen "Strohmann" Hundhammers und Hoegners, die sich auch tatsächlich erhofften, aus dem Hintergrund die Fäden der Koalition zu ziehen.
Ehard erarbeitete sich aber schnell ein unabhängiges Profil. Mit seinem sachlichen Regierungsstil bildete er einen Gegenentwurf zu seinen in die Flügelkämpfe verstrickten Parteifreunden, aber auch zur SPD, die zunehmend parteipolitische Interessen artikulierte. Im Kabinett wies er auch den bisherigen Ministerpräsidenten Hoegner schnell in die Schranken.
Außerdem entwickelte sich Ehard sogleich zum bedeutendsten Streiter für eine föderalistische Ausgestaltung im staatlichen Neuordnungsprozess Westdeutschlands. Dies verschaffte ihm in der CSU zusätzliche Autorität, da er kaum durch eine andere Person zu ersetzen war, ohne den Einfluss, den Ehard sich erarbeitet hatte, wieder preiszugeben.
Einbettung in die Bizone
In der Amtszeit des Kabinetts nahm die Einrichtung westdeutscher Zentralbehörden und damit die Vorbereitung eines künftigen Staatswesens Fahrt auf. Zum bereits bestehenden Länderrat kam am 1. Januar 1947 die Bizone hinzu.
Zunächst war noch umstritten, ob deren fünf Verwaltungsämter eine eigene Rechtsetzungsbefugnis gegenüber den Ländern hatten. Zum 10. Juni 1947 richteten die amerikanische und britische Militärregierung aber mit dem "Wirtschaftsrat" und den "Direktoren" parlamentarische und exekutive Strukturen ein mit Kompetenzen für Wirtschaft, Verkehr, Post und Ernährung.
Arbeitsschwerpunkte

Wahrung des Föderalismus bei der staatlichen Neuordnung Westdeutschlands
Die Staatsregierung stand der Bizone kritisch gegenüber, weil in deren Institutionen vor allem Beamte der früheren Reichsbürokratie wirkten und sie den Vertretern der britischen Zone (nicht ganz zu Unrecht) einen Hang zum Zentralismus unterstellte. Ehard hatte früh erkannt, dass die Bizone den künftigen Staatsaufbau vorwegnehmen würde, daher warb er für föderale Grundsätze.
Ehard kritisierte zwar die Bizone als zu zentralistisch. Er musste aber sein Kabinett mehrfach zügeln, nicht in eine Verweigerungshaltung zu verfallen. Im Frühsommer 1947 wuchs in ihm die Erkenntnis, dass er vor allem die Amerikaner und insbesondere General Lucius D. Clay (1897-1978) als Verbündete brauchte, um möglichst starke Länder zu erhalten.
Mit der Münchner Ministerpräsidentenkonferenz vom 5./6. Juni 1947 gelang es Ehard, dem Anspruch der Parteien, das deutsche Volk im Sinne einer künftigen Nationalversammlung zu vertreten, etwas entgegenzusetzen: Die Ministerpräsidenten traten als Verhandlungspartner der Militärgouverneure auf das Parkett. Ein Jahr später erhielten sie (und nicht die Parteien) dann den Auftrag, eine föderalistische Verfassung für Westdeutschland auszuarbeiten.
Entnazifizierung und Wiederaufbau der Staatsverwaltung

Die Glaubwürdigkeit der Entnazifizierung wurde 1947 zunehmend erschüttert. In den Spruchkammern fehlte es an Personal und einer einheitlichen Spruchpraxis, Sonderminister Loritz vertrat zudem eine großzügige Linie. Auch bei den Amerikanern mehrten sich die Anzeichen für einen zügigen Abschluss, etwa durch die Jugend- und Weihnachtsamnestien, sodass sich die vielzitierte "Mitläuferfabrik" entwickelte.
Hatten zunächst noch alle Staatsministerien Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung, so änderte sich das seit Sommer 1947. Zahlreiche entnazifizierte Beamte konnten wiedereingestellt und langfristig wirkende Personalentscheidungen getroffen werden.
Daher begann nun eine Phase der Konsolidierung der Verwaltung. Es wurden vor allem die in der neuen Verfassung vorgesehenen Institutionen aufgebaut, z.B. mit Gesetzen über den Verfassungsgerichtshof, den Senat und das Oberste Landesgericht.
Materieller Wiederaufbau: Höhepunkt der Versorgungskrise

1947 verschärfte sich die Nahrungsknappheit durch Ernteausfälle und Ablieferungen, die Bayern an die anderen Länder der Bizone leisten musste. Folgen der geringeren Lebensmittelrationen waren Kurzarbeit und sinkende Produktivität in den Betrieben, die durch die Zwangsbewirtschaftung, Treuhänderwesen und Demontagen ohnehin schwer belastet waren. Strom-, Kohle- und Holzknappheit verschlimmerten die Lage.
Proteste der Staatsregierung gegen die Besatzungspolitik waren kaum erfolgreich, repressive Maßnahmen wie die Schwarzmarkt-Bekämpfung reichten nicht aus. Mit Arbeitslosen- und Kurzarbeitergeld sowie der verstärkten Ausbeutung heimischer Kohlevorkommen linderte die Staatsregierung die Folgen. Sie beschloss als strategische Maßnahme die "Rißbach-Überleitung", mit der das Walchenseekraftwerk mehr Leistung bringen sollte.
Parallel dazu begann die sozialpolitische Kriegsfolgenbewältigung mit ersten Hilfen für Kriegsversehrte und deren Hinterbliebene sowie ehemalige Kriegsgefangene. Das Flüchtlingsgesetz brachte zudem eine weitgehende Gleichstellung der Flüchtlinge mit den Einheimischen.
Schul- und Kultuspolitik
Kaum war der Unterricht in den Schulen und Hochschulen im Laufe des Jahres 1946 wieder einigermaßen angelaufen, mussten sie angesichts der extremen Kälte und des Mangels an Heizmaterial im Winter 1946/47 schon wieder zeitweise schließen. Das Kultusministerium beschäftigte weiterhin der Lehrermangel infolge der Entnazifizierung.
Anfang 1947 begann das lange Ringen zwischen der US-Militärregierung und der Staatsregierung um eine Schulreform, das erst im Kabinett Ehard II seinen Abschluss fand. Die Amerikaner forderten als Mittel zur Demokratisierung vor allem die Einführung der Gesamtschule. Die Staatsregierung hielt dagegen einmütig am gegliederten Schulwesen fest.
Ende des Kabinetts
Ausscheiden der WAV
Das Sonderministerium litt von Anfang an unter der chaotischen Amtsführung und der Protektion von WAV-Parteigängern durch Minister Loritz. Staatssekretär Höltermann (SPD, 1906-1981) trat deshalb bereits im Mai zurück. Missstände in den Internierungslagern bewogen Ehard schließlich am 24. Juni, Loritz zu entlassen. Damit schied die WAV aus der Koalition aus. Am 15. Juli ernannte Ehard Ludwig Hagenauer (CSU, 1883-1949) zum neuen Sonderminister und Camille Sachs (SPD, 1880-1959) zum Staatssekretär.
Rückzug der SPD
In der SPD war der Eintritt in die Regierung von Anfang an umstritten. Funktionäre und Gewerkschafter wollten vermeiden, von der CSU in die Mitverantwortung genommen zu werden. Nur knapp setzte sich der Ministerflügel unterstützt von den sudetendeutschen Delegierten durch.
Weil die Parteigremien und -programme nur geringen Einfluss auf die Regierungsarbeit hatten, wuchs in der SPD die Kritik an der Koalition. Als im Juli 1947 die SPD im Bizonen-Wirtschaftsrat in die Opposition ging, drängte der Parteivorsitzende Kurt Schumacher (1895-1952) auch in Bayern auf einen Ausstieg aus der Regierung. Der Landesvorsitzende der bayerischen SPD Waldemar von Knoeringen (1906-1971) zögerte diesen noch hinaus, weil er auf eine Spaltung der CSU hoffte. Als die CSU-Landesversammlung aber im Gegenteil eine Annäherung ihrer Flügel brachte, nutzte er antisozialistische Passagen aus der Grundsatzrede Ehards als Anlass, um gegen den Widerstand der SPD-Minister die Koalition zu kündigen. Am 15. September erklärten die SPD-Minister ihren Rücktritt.
In der Öffentlichkeit wurde die SPD teilweise scharf kritisiert, dass sie unmittelbar vor dem befürchteten Hungerwinter aus der Verantwortung fliehe. Noch in seiner letzten Sitzung vor dem Koalitionsbruch hatte der Ministerrat einen "Notaufruf an das bayerische Volk" beschlossen und darin "alle Gutgesinnten im Lande, insbesondere die Gewerkschaften, den Bauernverband und die übrigen Berufsorganisationen sowie die politischen Parteien zur Zusammenfassung aller Kräfte auf[gefordert], um das drohende Unheil von unserem Land abzuwenden."
Die von der SPD geforderte Landtagsauflösung lehnten die übrigen Parteien ab. Hans Ehard bildete am 20. September 1947 ein neues Kabinett, das beide CSU-Flügel unter seiner Führung einband.
Bedeutung
Die gewichtigste langfristige Folge des Kabinetts Ehard I bestand wohl in der Person des Ministerpräsidenten: Hans Ehard kam unverhofft und holprig ins Amt, prägte dann aber als bald unangefochtener Regierungschef bis 1954 die Aufbaujahre in Bayern und die föderale Ordnung der Bundesrepublik.
Am Koalitionsbruch wird der wachsende Einfluss der Parteien nach den ersten konsensorientierten Jahren der Vorgängerkabinette deutlich. Mit der Einflussnahme Kurt Schumachers zeigte sich auch erstmals ein Vorläufer der künftigen Verflechtungen bundes- und landespolitischer Entscheidungsprozesse.
Der Ausstieg ihrer Partei wurde in der Rückschau von vielen SPD-Politikern als Fehler bewertet. Er begünstigte die Einigung der stark zerstrittenen CSU-Flügel unter Ehards Führung. Die bayerische SPD gab dagegen in den kommenden Jahren, in denen die Zukunft Bayerns und Westdeutschlands neu geordnet wurde, jeden Einfluss aus der Hand.
Forschungsstand und Quellenlage
Die Arbeit des Kabinetts Ehard I ist durch die Edition der Ministerratsprotokolle und Karl Ulrich Gelbergs (geb. 1962) Studie zur föderalistischen Politik Hans Ehards gut dokumentiert. Für die weiteren Mitglieder seines Kabinetts und die Entwicklung der Politik der einzelnen Staatsministerien fehlt dagegen noch manche Arbeit.
Literatur
- Wolfgang Benz (Hg.), Neuanfang in Bayern 1945-1949. Politik und Gesellschaft in der Nachkriegszeit, München 1988.
- Paul Erker, Ernährungskrise und Nachkriegsgesellschaft. Bauern und Arbeiterschaft in Bayern 1943-1953 (Industrielle Welt 50), Stuttgart 2005.
- Karl-Ulrich Gelberg, Hans Ehard. Die föderalistische Politik des bayerischen Ministerpräsidenten 1946-1954 (Forschungen und Quellen zur Zeitgeschichte 18), Düsseldorf 1992.
- Karl-Ulrich Gelberg, Die Kabinette Ehard I und II (1946-1950) , in: Max Spindler/Alois Schmid (Hg.), Handbuch der bayerischen Geschichte. Band IV/1, München 2. Auflage 2003, 684-701.
- Dirk Götschmann, Die bayerische Wirtschaft in der unmittelbaren Nachkriegszeit (1945-1948), in: Christoph Daxelmüller/Stefan Kummer/Wolfgang Reinicke, (Hg.), Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Aufsätze zur Bayerischen Landesausstellung 2009 (Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur 57), Augsburg 2009, 132-145.
- Kaltstart in die Demokratie. Landtagswahl und Regierungsbildung 1946. Eine Ausstellung der Bayerischen Archivschule der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, hrsg. von der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns. München 2016.
- Winfried Müller, Schulpolitik in Bayern im Spannungsfeld von Kultusbürokratie und Besatzungsmacht 1945-1949 (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte 36), München 1995.
- Wolfgang Reinicke, Landtag und Regierung im Widerstreit. Der parlamentarische Neubeginn in Bayern 1946-1962 (Beiträge zum Parlamentarismus 19), München 2014.
- Thomas Schlemmer, Aufbruch, Krise und Erneuerung. Die Christlich-Soziale Union 1945 bis 1955 (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte 41) München 1998.
- Thomas Schlemmer, Hans Ehard. Ein "Mann des Rechts" zwischen Vergangenheitsbewältigung und föderalistischer Zukunftsgestaltung, in: Rainald Becker/Christof Botzenhart (Hg.), Die Bayerischen Ministerpräsidenten 1918–2018, Regensburg 2024, 219–246.
- Franziska Walter, Sicherheit in Bayern. Innenministerium, Landeskriminalamt und Verfassungsschutz 1945-1970 (Demokratische Kultur und NS-Vergangenheit in Bayern), Berlin 2026.
Quellen
- Jaromír Balcar/Thomas Schlemmer (Hg.), An der Spitze der CSU. Die Führungsgremien der Christlich-Sozialen Union 1946 bis 1955 (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte 68), München 2007.
- Die Protokolle des Bayerischen Ministerrats 1945-1954, hg. von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns, bearbeitet von Karl-Ulrich Gelberg, Band 3/I: Das Kabinett Ehard I: 21. Dezember 1946 bis 20. September 1947, München 2000.
- Dokumente zur Geschichte von Staat und Gesellschaft in Bayern. Hg. von Karl Bosl. Abt. III: Bayern im 19. und 20. Jahrhundert. Bd. 2: Die Bayerische Staatlichkeit. Unter Mitwirkung von Werner K. Blessing bearb. von Rolf Kiessling und Anton Schmid. München 1976. Bd. 9: Die Regierungen 1945–1962. Bearb. von Fritz Baer. München 1976.
- Karl-Ulrich Gelberg (Bearb.), Quellen zur politischen Geschichte Bayerns in der Nachkriegszeit, 1. Band: 1944-1957, München 2002.
- Hans Ehard, Tatsachen und Zusammenhänge aus meiner elfjährigen Ministerpräsidentschaft. München 1964.
- August Haußleiter, Der Sturz des "Ochsensepp", in: Michael Schröder (Hg.), Bayern 1945. Demokratischer Neubeginn. Interviews mit Augenzeugen, München 1985, 90–103.
- Wilhelm Hoegner, Der schwierige Außenseiter. Erinnerungen eines Abgeordneten, Emigranten und Ministerpräsidenten, München 1959.
Weiterführende Recherche
Empfohlene Zitierweise
Alexander Wegmaier, Kabinett Ehard I, 1946-1947, publiziert am 15.10.2026; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Kabinett Ehard I, 1946-1947> (1.11.2026)