Sudetendeutsche Landsmannschaft

Wappen der Sudetendeutschen. (Quelle: Wikimedia Commons)
Anteil der Deutschen an der Bevölkerung in den ehemaligen, von Sudetendeutschen besiedelten Gebieten der Tschechischen Republik, 1934. (Karte von Fext lizensiert durch CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons)
Vertreibung von Sudetendeutschen, 1945. (Sudetendeutsches Archiv München)
Rudolf Lodgman von Auen (1877-1962; rechts neben dem Rednerpult) und Hans-Christoph Seebohm (CDU, 1903-1967) auf der Theresienwiese in München bei der Hauptkundgebung des 5. Sudetendeutschen Tages, Pfingsten 1954. (Sudetendeutsches Archiv München)
Blick von der Bavaria auf die Theresienwiese beim Sudetendeutschen Tag 1954 in München. (Sudetendeutsches Archiv München)
V.l.n.r.: Der Münchner Kardinal Joseph Wendel (1901-1960, Erzbischof von München und Freising 1952-1960), Rudolf Lodgman von Auen (1877-1962) und Ministerpräsident Hans Ehard (CSU, 1887-1980, Ministerpräsident 1946-1954 und 1960-1962) auf der Eröffnungsveranstaltung des 5. Sudetendeutschen Tages im Kongres-Saal des Deutschen Museums in München 1954. (Sudetendeutsches Archiv München)
"In jedes Rauchers Hand - gehört die Sudetenland! [..]. Du hilfst dabei Deiner Volksgruppe, Deinen Landsleuten und dir selbst!". Zigarettenwerbung. (aus: Mitteilungsblatt der Sudetendeutschen Landsmannschaft 4/1952)
Walter Becher. (Sudetendeutsches Archiv München)
Der aus Oberschlesien stammende Hans-Christoph Seebohm (DP, CDU, 1903-1967, Bundesverkehrsminister 1949-1966) wurde 1959 zum Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL) gewählt. Seebohm war ein leidenschaftlicher Kämpfer für die Anliegen der Heimatvertriebenen. Nicht immer bewies er in seinen Äußerungen diplomatisches Geschick. (Sudetendeutsches Archiv München)
Fritz Wittmann. (Sudetendeutsches Archiv München)
Der in Leitmeritz in Böhmen geborene Franz Böhm (1908-1975) war von 1959 bis 1975 Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft (SL). Böhm studierte Rechtswissenschaften in Prag und war bis zu ihrer Auflösung 1938 hauptamtlicher Mitarbeiter der Sudetendeutschen Partei (SdP). Nach Kriegsende und Vertreibung war Böhm Mitbegründer der SL. (Sudetendeutsches Archiv München)

von Matthias Stickler

Die Sudetendeutsche Landsmannschaft (SL) bezeichnet sich auf ihrer Internetpräsenz als "repräsentative Organisation der sudetendeutschen Volksgruppe" (2013) und versteht sich als Vertreter der im Zweiten Weltkrieg aus dem heutigen Tschechien vertriebenen Deutschen sowie als Bewahrer ihrer Kultur. Die SL ist Mitglied des Bundes der Vertriebenen (BdV) und gründete sich in einer Vorgängerorganisation im Juli 1945 in München, wo sie bis heute ihren Sitz hat. Aufgrund ihrer Bestrebungen um Restitution der ehemaligen Heimat an die Vertriebenen eckte die SL immer wieder nicht nur auf bundesdeutscher Ebene an. Den Sudetendeutschen kam im 1946 neu konstituierten Bayern eine besondere Rolle zu; 1954 übernahm der Freistaat die Schirmherrschaft über die Volksgruppe und erklärte sie zum genuin vierten Stamm innerhalb Bayerns. Diese besondere Stellung innerhalb der Vertriebenen verdankte sie der CSU, zu der die Sudetendeutschen bis heute eine besondere Beziehung haben. Seit dem Ende des Eisernen Vorhangs schwächten sich die radikalpolitischen Forderungen nach Restitution der ehemaligen Heimat deutlich ab, wenngleich das Verhältnis zur Tschechischen Republik nach wie vor angespannt ist. Die bayerisch-tschechische Entspannungspolitik unter Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU, geb. 1949, Ministerpräsident seit 2008) hilft der SL daher ebenfalls, wenngleich ihre Hoffnungen auf Restitution bislang vergebens waren. Problematisch ist für die SL wie bei vielen Flüchtlings- und Vertriebenenorganisationen, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind, der demographische Faktor.

Entstehung und Organisation

Der Begriff Sudetendeutsche entstand im frühen 20. Jahrhundert als Sammelbegriff für die deutsch sprechenden Bewohner der habsburgischen Kronländer Böhmen, Mähren und (Österreichisch-)Schlesien vor dem Hintergrund zunehmender ethnisch-national begründeter Gegensätze. Auch in anderen Reichsteilen der Habsburgermonarchie finden wir damals vergleichbare Selbstbezeichnungen, etwa "Alpendeutsche" (deutsche Erbländer, in etwa die heutige Republik Österreich) oder Karpathendeutsche (Oberungarn, heute Slowakei). Zum politischen und damit auch zunehmend identitätsstiftenden Begriff wurde "sudetendeutsch" erst in der Zwischenkriegszeit, als die Sudetendeutschen sich in der 1918 neu entstandenen Tschechoslowakei (ČSR) als nationale Minderheit zu organisieren begannen. Die Vertreibung, die die große Mehrheit der mehr als 3 Mio. Sudetendeutschen nach 1945 erlitt, trug bei der Erlebnisgeneration maßgeblich zur Verfestigung der sudetendeutschen Identität bei. Gleichwohl gilt es festzuhalten, dass diese keineswegs Ergebnis einer geradlinigen historischen Entwicklung sondern vielfältiger Brüche und Konstruktionen ist, an der nicht zuletzt die Erfahrungen in der frühen Bundesrepublik einen wichtigen Anteil haben.

Erste sudetendeutsche Organisationen entstanden nach dem Krieg v. a. in Bayern, wo ca. 1 Mio. Sudetendeutsche Aufnahme gefunden hatten. Die am 12. Juli 1945 in München gegründete "Sudetendeutsche Hilfsstelle" war die erste landsmannschaftliche Gründung überhaupt. Bereits Ende 1948 existierten in Bayern mehr als 50 lokale sudetendeutsche Organisationen; der Zusammenschluss zu einem Landesverband erfolgte am 16. Januar 1949. Erster "Landesobmann" wurde Rudolf Lodgman von Auen (1877-1962, Sprecher der SL 1950-1959); seine Stellvertreter waren Ernst Leibl (SPD, 1895-1982) und Ernst Leukert (CSU). Am 25. Januar 1950 wurde in Detmold (Nordrhein-Westfalen) die Sudetendeutsche Landsmannschaft (SL) als bundesweite Organisation gegründet. In Österreich, wo nach 1945 etwa 130.000 Sudetendeutsche dauerhaft Aufnahme gefunden hatten, entstand am 7. Juli 1954 in Wien die "Sudetendeutsche Landsmannschaft in Österreich" (SLÖ). Organisatorisch selbständig versteht sie sich als Schwesterorganisation der SL; programmatisch stand und steht sie hingegen rechts von ihr. Die seit 1950 bestehende repräsentative Großkundgebung des SL fand bisher dreimal in Wien statt (1959, 1977, 1983).

Aufbau und Organisation

Die SL gliedert sich analog zur staatlichen Ordnung in Landes-, Bezirks-, Kreis- und Ortsverbände. Parallel dazu existiert traditionell eine gleichsam virtuelle, auf das frühere Sudetenland bezogene sog. Heimatgliederung, bestehend aus 14 Heimatlandschaften, 81 Heimatkreisen und über 2.000 Heimatgemeinden. Obgleich die SL juristisch ein eingetragener Verein ist, bezeichnet sie sich laut Satzung als "Gestaltung der sudetendeutschen Volksgruppe außerhalb der Heimat". Aus diesem Alleinvertretungsgedanken resultiert der organisatorische Aufbau der Landsmannschaft, der einer Exilorganisation mit Anspruch auf eigene, quasi staatliche Exekutivgewalt ähnelt:

Oberstes Organ der Landsmannschaft ist die von den Mitgliedern auf vier Jahre gewählte Bundesversammlung, die den Bundesvorstand und den "Sprecher der sudetendeutschen Volksgruppe" wählt. Ihr gehören auch vier Mitglieder der SLÖ an, die acht Landesverbände und den Bund der Südmährer umfasst. Während der Bundesvorstand die laufenden Geschäfte der SL führt, vertritt der Sprecher die SL nach außen und bestimmt im Rahmen der Beschlüsse der Bundesversammlung die Richtlinien ihrer Politik.

Der Alleinvertretungsanspruch der SL stand von Anfang an in einem gewissen Gegensatz zu ihrem tatsächlichen Organisationsgrad, da sie auch in den 1950er Jahren mit maximal 400.000 Mitgliedern höchstens 20 % ihrer Klientel repräsentierte. Ähnlich verhielt es sich auch bei der SLÖ, die um 1960 20.000 Mitglieder hatte.

Weitere sudetendeutsche Organisationen

Sudetendeutscher Rat

Neben der SL gibt es weitere, teilweise mit ihr personell verflochtene sudetendeutsche Organisationen: Erstens die bereits 1947 gegründete, in München ansässige "Arbeitsgemeinschaft zur Wahrung sudetendeutscher Interessen", aus der 1955 der "Sudetendeutsche Rat" hervorging. Er umfasst 30 Mitglieder, die von der Sudetendeutschen Bundesversammlung und vom Deutschen Bundestag entsandt werden. Er bildete vor allem in der frühen Bundesrepublik eine wichtige Schnittstelle zwischen SL und Bundespolitik. Erster Generalsekretär des Sudetendeutschen Rates war Walter Becher (GB/BHE, GDP, CSU, 1912-2005, Generalsekretär 1950-1982), der zusätzlich von 1968 bis 1982 Sprecher der SL und einer der wichtigsten Vertriebenenpolitiker seiner Zeit war.

Sudetendeutsche Gesinnungsgemeinschaften

Weiterhin sind zu nennen die drei sog. sudetendeutschen Gesinnungsgemeinschaften, in denen die Traditionen der bis 1938 prägenden politischen Lager des Sudetendeutschtums weiterleben: Erstens die 1946 gegründete katholische Ackermann-Gemeinde, benannt nach der spätmittelalterlichen Dichtung "Ackermann aus Böhmen" des Johannes von Tepl (um 1350-1414, auch Johannes von Saaz) aus dem Jahre 1400. Ihre Gründungsmitglieder standen in der Tradition der Deutschen Christlich-Sozialen Volkspartei (DCSVP) der Zwischenkriegszeit und waren damit anschlussfähig an die bayerische CSU.

Zweitens ist die 1951 gegründete Seliger-Gemeinde anzuführen, benannt nach Josef Seliger (DSAP, 1870-1920), dem ersten Vorsitzenden der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (DSAP) in der ČSR. Die sudetendeutschen Sozialdemokraten verstärkten das sozialdemokratische Element im Freistaat Bayern nicht unerheblich; v. a. in Altbayern (Baiern) war die SPD bis dato notorisch schwach gewesen. Bedeutende sudetendeutsche Sozialdemokraten in Bayern waren z. B. Richard Reitzner (SPD, 1893-1962), Volkmar Gabert (SPD, 1923-2003, Landesvorsitzender der SPD 1963-1972) und Peter Glotz (SPD, 1939-2005).

Drittens ist der 1950 gegründete "Witikobund" zu erwähnen, benannt nach der Romanfigur "Witiko" von Adalbert Stifter (1805-1868, auch: Albert Stifter). Dort sammelte sich die nationalkonservative Rechte. Der Witikobund hatte bis in die 1980er Jahre hinein großen Einfluss in der SL; eine Schlüsselfigur war auch hier Walter Becher, der führendes Mitglied und von 1956 bis 1958 Vorsitzender des Witikobundes war. Viele Mitglieder des Witikobundes gehörten anfangs der Vertriebenenpartei GB/BHE an: Walter Becher, Walter Stain (GB/BHE, 1916-2001) und Herbert Prochazka (GB/BHE, 1923-2007). Als diese Ende der 1960er Jahre zerfiel, wechselten zahlreiche Mitglieder in Bayern zur CSU, so etwa Becher und Prochazka.

Weiterhin kann man den 1947 als Vereinigung sudetendeutscher Künstler und Schriftsteller gegründeten Adalbert-Stifter-Verein oder die seit 1979 bestehende Sudetendeutsche Akademie der Wissenschaften und Künste nennen. Letztere steht in der Tradition der "Deutschen Gesellschaft der Wissenschaften und Künste für die Tschechoslowakische Republik", deren Wurzeln bis ins späte 18. Jahrhundert zurückreichen. Die Akademie beruft ihre Mitglieder durch Kooptation; neben 90 ordentlichen gibt es noch korrespondierende und fördernde Mitglieder. Es existieren die Klassen "Geisteswissenschaften", "Naturwissenschaften" und "Künste" bzw. "Kunstwissenschaften".

Persönlichkeiten und Politik der SL

Eine der prägendsten Persönlichkeiten aus der Frühzeit der SL war Rudolf Lodgman von Auen. Lodgman entstammte weltanschaulich dem nationalfreiheitlichen "Dritten Lager" der späten Habsburgermonarchie und war 1919 Mitbegründer und von 1922 bis 1925 Vorsitzender der rechtsgerichteten Deutschen Nationalpartei (DNP). Den Anschluss des Sudetenlands an das "Dritte Reich" 1938 hatte er lebhaft begrüßt; dem neuen Staat brachte er - ohne Mitglied der NSDAP zu sein - aus seiner deutschnationalen Gesinnung heraus Sympathien entgegen. Nach 1945 war Lodgman parteilos; er schloss sich auch keiner der Gesinnungsgemeinschaften an. Unter seiner Führung konsolidierte sich die SL und wurde zu einem der größten und mächtigsten Mitgliedsverbände zunächst des Verbands der Landsmannschaften (VdL) und dann des Bundes der Vertriebenen (BdV). Es verwundert deshalb auch nicht, dass von 1964 bis 1966 mit Wenzel Jaksch (SPD, 1896-1966) ein Sudetendeutscher Präsident des BdV war; erst von 1994 bis 1998 hatte mit Fritz Wittmann (CSU, geb. 1933) wieder ein Mann der SL dieses Amt inne.

Lodgman hatte bereits frühzeitig den langjährigen Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm (DP, CDU, 1903-1967, Bundesverkehrsminister 1949-1966, Sprecher der SL 1959-1967) gefördert, der sein Nachfolger als Sprecher wurde. Seebohm war eigentlich gebürtiger Oberschlesier, aber teilweise im Egerland aufgewachsen; sein Geburtsort Emanuelssegen (heute zu Kattowitz gehörig) fiel nach dem Ersten Weltkrieg an Polen. Seebohm erregte oft Anstoß wegen seiner berüchtigten Sonntagsreden, in denen er u. a. die 1945 wiederhergestellten Grenzen der ČSR in Frage stellte. Dies entsprach allerdings bis in die 1970er Jahre durchaus den Zielsetzungen zumindest des rechten Mehrheitsflügels der SL. Auf Seebohm folgte bis 1982 Walter Becher, der die Tradition der CSU-Politiker an der Spitze der SL begründete: Franz Neubauer (CSU, 1930-2015, Sprecher der SL 1982-2000), Johann Böhm (CSU, geb. 1937, Sprecher der SL 2000-2008) und Bernd Posselt (CSU, geb. 1956, seit 2008 Sprecher der SL). Mit Posselt übernahm zum ersten Mal ein Vertreter der "Bekenntnisgeneration" (im Gegensatz zur Erlebnisgeneration) - also der nicht mehr im Sudetenland geborenen Vertriebenenpolitiker - das Sprecheramt.

Bayern war von Anfang an das eigentliche Zentrum der SL, weshalb es in gewisser Weise konsequent war, dass der Freistaat 1954 die Schirmherrschaft über die "Sudetendeutsche Volksgruppe" übernahm. Die Bezugnahme auf die "Volksgruppe" entsprach durchaus dem Selbstverständnis der SL, beansprucht sie doch, für alle sudetendeutschen Heimatvertriebenen und deren Nachkommen zu sprechen. Indem der Freistaat Bayern die SL als Partner akzeptierte, erkannte er deren Führungsanspruch - auch gegenüber anderen sudetendeutschen Vertriebenen, die nicht Mitglied der SL waren - implizit an. Außerdem wurden die Sudetendeutschen zum "vierten Stamm" neben den Franken, Schwaben und Altbayern erklärt und damit zum einen symbolisch eingebürgert, zum anderen gleichsam einbezogen in den Traditionsrahmen der in der Verfassung von 1946 beschworenen "mehr als tausendjährigen" bayerischen Geschichte. 1962 wurde die 1954 nur ausgesprochene Schirmherrschaft noch förmlich verbrieft; 1970 konnte die SL dann mit Hilfe des Freistaats die Sudetendeutsche Stiftung errichten.

Die enge Verbindung zwischen Bayern, respektive der CSU als stärkster politischer Kraft und seit 1962 allein regierender Partei im Freistaat, und der SL waren trotz des hohen Anteils an Sudetendeutschen an der bayerischen Nachkriegsbevölkerung (1950 ca. 53 % aller in Bayern lebenden Vertriebenen) keineswegs von vorneherein so absehbar. Vielmehr entdeckte die CSU deren Wählerpotential erst, als vor dem Hintergrund des Wirtschaftswunders die Maßnahmen zur Vertriebenenintegration zu greifen begannen und die Bayernpartei (BP) als partikularistische Konkurrenzpartei rechts von der CSU an Bedeutung verlor.

Die Schirmherrschaft, die nicht ohne Grund unmittelbar vor den Landtagswahlen des Jahres 1954 verkündet wurde, kann als Teil der Bemühungen der CSU um die Erschließung eines neuen Wählerpotentials gewertet werden. Bezeichnend ist, dass in den Jahren danach - auch über die kurze Oppositionszeit der CSU (1954-1957) hinaus - zunächst einmal Stillstand in den beiderseitigen Beziehungen herrschte; erst ab 1962 kam es zu einer weiteren Vertiefung der Beziehung, als sich die CSU anschickte, die Reste des GB/BHE zu beerben. Seither konnte sich die CSU vor dem Hintergrund der sich wandelnden Ost- und Deutschlandpolitik als Sachwalter insbesondere der heimatpolitischen Interessen der SL (Kampf gegen die neue Ostpolitik bzw. die Auslegung der Ostverträge im Lichte der Urteile des Bundesverfassungsgerichts von 1973 bzw. 1975) profilieren, wobei die Staatsregierungen allerdings nicht so weit gingen, gleichsam eine Art Nebenaußenpolitik zu betreiben. Ihre Unterstützung beschränkte sich überwiegend auf das Verbale und auf symbolische Politik.

Das Verhältnis der CSU zur SL war seit den 1960er Jahren durch aktive Klientelbindung bei gleichzeitiger Kontrolle gekennzeichnet, wobei die jeweiligen Ministerpräsidenten die entscheidende Instanz hinsichtlich des einzuschlagenden Kurses darstellten. Diese für beide Seiten vorteilhafte Politik war zwar immer mit Gratwanderungen verbunden, aber sie förderte die Integration der Sudetendeutschen in die bayerische Nachkriegsgesellschaft entscheidend, indem sie die assimilatorischen Elemente der Eingliederungspolitik überdeckte und die Möglichkeit eröffnete, diese als erfolgreiche Selbstbehauptung der Volksgruppe zu interpretieren. Letztlich wurden auf diese Weise die von der Potsdamer Konferenz 1945 geschaffen Fakten irreversibel gemacht.

Das Verhältnis zwischen SPD und Sudetendeutschen verschlechterte sich durch den Kampf der SL gegen die Ostverträge Willy Brandts (SPD, 1913-1992, eigtl. Herbert Frahm, Bundeskanzler 1969-1974) nachhaltig, auch wenn die wenigen verbliebenen prominenten SPD-Vertriebenenpolitiker sich in Parteisolidarität übten. Die daraus resultierenden Konflikte und Verletzungen spiegeln sich gut wieder in den Erinnerungen von Almar Reitzner, dem Sohn von Richard Reitzner (1893-1962), der hohe Funktionen in der SL bzw. im Sudetendeutschen Rat innehatte. Gedankt wurde Reitzner seine Loyalität allerdings nicht. Seine bundes- und landespolitische Karriere fand nach 1972 ziemlich abrupt ihr Ende; auch die Abwahl Volkmar Gaberts (1923-2003) als Landes- und Fraktionsvorsitzender der bayerischen SPD 1972 bzw. 1976 hing mit der Tatsache zusammen, dass er Sudetendeutscher war. Trotz heftiger gegenseitiger Anwürfe und offizieller Nichtbeachtung wurde jedoch das Tischtuch zwischen SPD und BdV nie völlig zerschnitten; es gab auch weiterhin - wenn auch nicht in Spitzenpositionen - Sozialdemokraten in den Vertriebenenverbänden, die eine Scharnierfunktion zwischen SPD und BdV wahrnahmen. Dies gilt besonders für die Seliger-Gemeinde. Seit den späten 1990er Jahren betätigte sich im Zusammenhang mit dem Projekt eines "Zentrums gegen Vertreibungen" vor allem Peter Glotz (1939-2005) als Brückenbauer.

Ausblick

Nicht zuletzt wegen ihres Kampfs gegen die Aufrechterhaltung der sog. Beneš-Dekrete (benannt nach Edvard Beneš, 1884-1948, tschechoslowakischer Außenminister 1918–1935, Ministerpräsident 1921–1922 und Staatspräsident 1935–1938, 1945–1948), die 1945/46 die Ausweisung und Enteignung der Sudetendeutschen legitimierten, durch die Tschechische Republik und für die Durchsetzung von Entschädigungsforderungen gegenüber Prag war die SL nach 1990 immer wieder Gegenstand öffentlicher Debatten und erfreute sich einer bleibenden, wenngleich nicht immer positiven medialen Aufmerksamkeit. Der SL wird hier gerne die Rolle des Störenfrieds zugeschrieben. Kritisch vermerkt wird von Kritikern auch das Festhalten erheblicher Teile der SL an letztlich deutschnational grundierten Geschichtsbildern. Allerdings hat in den letzten Jahren die Führung der SL, insbesondere auch der Sprecher Bernd Posselt, auf diesem Felde einiges bewegt, etwa im Hinblick auf die Bewertung des Münchener Abkommens von 1938. Dieser Kurswechsel schlägt sich auch und vor allem in der Berichterstattung der "Sudetendeutschen Zeitung" nieder.

Wie alle Vertriebenenverbände steht auch die SL vor dem Problem des Generationenwechsels, v. a. auf der Ebene der Kreis- und Ortsverbände. Aber auch in den Heimatgliederungen wird die Verbandsarbeit wegen der Überalterung der Mitglieder immer schwieriger. Damit einher geht eine spürbare fortschreitende gesellschaftliche und politische Marginalisierung. Dennoch ist die SL noch vergleichsweise mitgliederstark und gut organisiert; die privilegierte Partnerschaft mit der CSU funktioniert in Bayern immer noch leidlich. Allerdings hat Gerhard Hopp (geb. 1981) 2010 darauf hingewiesen, dass das Verhältnis von CSU und SL seit den 1990er Jahren von Stagnation gekennzeichnet sei: Die seit den 1970er Jahren eingetretenen Veränderungen - insbesondere die sich schleichend vergrößernde Diskrepanz zwischen der Verbandsführung der SL und ihrer Klientel und der, gemessen am eigenen Anspruch, daraus resultierende allmähliche Bedeutungsverlust - seien von der CSU nicht zur Kenntnis genommen bzw. parteiintern diskutiert worden; auch in der SL seien notwendige verbandsinterne Erneuerungsprozesse unterblieben. Die Persistenz der starken Stellung der SL im politischen System Bayerns resultiere letztlich daraus, dass es beiden Partnern an echten Alternativen zur überkommenen Strategie fehle, weshalb die bisherige fortgeschrieben werde. Hopp weist in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass wirkliche Erfolge hinsichtlich der Forderungen der SL gegenüber der Tschechischen Republik ausgeblieben und auch in Zukunft nicht zu erwarten seien.

Ein wichtiger Erfolg für die SL war die Teilnahme Posselts am offiziellen Besuch von Ministerpräsident Horst Seehofer (geb. 1949, Ministerpräsident seit 2008) in der Tschechischen Republik im Dezember 2010. Bis dahin hatte sich die tschechische Regierung stets geweigert, Vertreter der SL zu empfangen. Auch der Gegenbesuch des tschechischen Ministerpräsidenten Petr Nečas (geb. 1964) im Februar 2013 war aus Sicht der SL ein Erfolg. Er fand in seiner Ansprache vor dem Landtag in Gegenwart von Vertretern der SL eindrucksvolle Worte der Verständigung - freilich ohne die Frage der Beneš-Dekrete zu thematisieren. Bernd Posselt äußerte sich dennoch zur Rede sehr positiv.

Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft
Lebensdaten Sprecher von/bis Parteizugehörigkeit
Rudolf Lodgman von Auen 1877-1962 1950-1959
Hans-Christoph Seebohm 1903-1967 1959-1967 DP, CSU
Walter Becher 1912-2005 1968-1982 DG, GB/BHE, GDP, CSU
Franz Neubauer 1930-2015 1982-2000 CSU
Johann Böhm geb. 1937 2000-2008 CSU
Bernd Posselt geb. 1956 seit 2008 CSU
Bundesvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft
Lebensdaten Vorsitzender von/bis Parteizugehörigkeit
Frank Seiboth 1912-1994 1954-1959 GB/BHE, GDP, SPD
Franz Böhm 1908-1975 1959-1975
Walter Becher 1912-2005 1976-1982 GB/BHE, GDP, CSU
Jörg Kudlich 1936-2009 1982-1987
Franz Neubauer 1930-2015 1987-2000 CSU
Bernd Posselt geb. 1956 2000-2008 CSU
Franz Pany geb. 1957 2008-2014
Bernd Posselt geb. 1956 seit 2014 CSU

Literatur

  • Richard Eberle, The Sudetendeutsche in West German Politics. 1945-1973, Diss. phil. University of Utah 1986.
  • Gerhard Hopp, Machtfaktor auch ohne Machtbasis? Die Sudetendeutsche Landsmannschaft und die CSU, Wiesbaden 2010 (zugleich Diss. phil. Regensburg 2010).
  • Manfred Kittel, Ein fünfter Stamm in Bayern? Schlesier, Ostpreußen und andere Vertriebenengruppen. Ein integrationspolitischer Vergleich mit den Sudetendeutschen (Einsichten und Perspektiven Themenheft 1/2009), München 2009.
  • Hans W. Martin, "... nicht spurlos aus der Geschichte verschwinden." Wenzel Jaksch und die Integration der sudetendeutschen Sozialdemokraten in die SPD nach dem II. Weltkrieg (1945-1949), Frankfurt am Main 1996.
  • Matthias Müller, Die SPD und die Vertriebenenverbände 1949-1977. Eintracht, Entfremdung, Zwietracht (Politik und Geschichte 8), Berlin 2012.
  • Franz Neumann, Der Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten 1950-1960. Ein Beitrag zur Geschichte und Struktur einer politischen Interessenpartei (Marburger Abhandlungen zur politischen Wissenschaft 5), Meisenheim am Glan 1968.
  • Rudolf Ohlbaum, Bayerns vierter Stamm, die Sudetendeutschen. Herkunft, Neubeginn, Persönlichkeiten, München 2. Auflage 1981.
  • Bernhard Piegsa, Auf der Gratwanderung zwischen "Verzichtlertum" und "Revanchismus". Die Geschichte der Katholischen "Sudetendeutschen Ackermann-Gemeinde", in: Rudolf Endres (Hg.), Bayerns vierter Stamm. Die Integration der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen nach 1945, Köln 1998, 119-168.
  • Bernhard Piegsa, "Man soll nicht Übles durch Übles rächen...". Geschichte und Leistung der "Ackermann-Gemeinde", Leipzig 2007.
  • Michael Schwartz, Funktionäre mit Vergangenheit. Das Gründungspräsidium des Bundesverbandes der Vertriebenen und das "Dritte Reich", München 2013.
  • Matthias Stickler, "Ostdeutsch heißt Gesamtdeutsch" - Organisation, Selbstverständnis und heimatpolitische Zielsetzungen der deutschen Vertriebenenverbände 1949-1972 (Forschungen und Quellen zur Zeitgeschichte 46), Düsseldorf 2004.
  • Matthias Stickler, Vertriebenenintegration in Österreich und Deutschland - ein Vergleich, in: Michael Gehler/Ingrid Böhler (Hg.), Verschiedene europäische Wege im Vergleich. Österreich und die Bundesrepublik Deutschland 1945/49 bis zur Gegenwart. Festschrift für Rolf Steininger zum 65. Geburtstag, Innsbruck 2007, 416-435.
  • Tobias Weger, "Volkstumskampf" ohne Ende? Sudetendeutsche Organisationen 1945 bis 1955 (Die Deutschen und das östliche Europa 2), Frankfurt am Main/Berlin/Bern 2008.
  • Emil Werner, Die Sudetendeutschen, Bayerns vierter Stamm, in: Hartmut Mehringer (Hg.), Von der Klassenbewegung zur Volkspartei. Wegmarken der bayerischen Sozialdemokratie 1892-1992 (Schriftenreihe der Georg-von-Vollmar-Akademie 5), München u. a. 1992, 237-247.
  • Volker Zimmermann, Geschichtsbilder sudetendeutscher Vertriebenenorganisationen und "Gesinnungsgemeinschaften", in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 53/10 (2005), 912-924.

Quellen

  • Karl-Ulrich Gelberg (Bearb.), Quellen zur politischen Geschichte Bayerns in der Nachkriegszeit. 1. Band: 1944-1957, München 2002.
  • Peter Glotz, Die Vertreibung. Böhmen als Lehrstück, München 2003.
  • Fritz Peter Habel (Hg.), Dokumente zur Sudetenfrage. Unerledigte Geschichte, München 5. Auflage 2003.
  • Hildegard Kronawitter, Ein politisches Leben. Gespräche mit Volkmar Gabert, München 1996.
  • Almar Reitzner, Das Paradies läßt auf sich warten. Erinnerungen eines Sozialdemokraten, München 1984.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Matthias Stickler, Sudetendeutsche Landsmannschaft, publiziert am 12.03.2013; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Sudetendeutsche_Landsmannschaft> (20.11.2017)