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Fremdenverkehr (Von den Anfängen bis 1945)

Frühe Bergsteiger am Schneeferner/Zugspitze, um 1880/1900. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Johannes)
Eröffnung der Zugspitzbahn, 19. Dezember 1929. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Johannes)
Wankbahn bei Garmisch-Partenkirchen im Olympiajahr 1936, im Hintergrund das Wettersteingebirge. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Johannes)
Nürnberg, des Deutschen Reichs Schatzkästlein. Titelblatt der Werbebroschüre von 1906.
Fremdenverkehr in einigen bayerischen Fremdenorten. Diese Statistik ausgewählter Fremdenverkehrsorte in Bayern zeigt deutlich die regionalen und zeitlichen Unterschiede in der Entwicklung. (Aus: Bayern im Lichte seiner hundertjährigen Statistik, [Beiträge zur Statistik Bayerns 122], München 1933, Tabelle 18)
Skifahrer um 1880/1900 im Wettersteingebirge, im Hintergrund Alpspitze, Waxenstein und Zugspitze. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Johannes)
Werbung für "judenfreie Sommerfrische" im oberbayerischen Ettenhausen. (aus: Besucht Bayern die Heimat Adolf Hitlers. Ein Werbeheft, München 1933)
Lichtenfels und Banz. Kolorierter Stahlstich nach einem Gemälde von Ludwig Richter. (Bayerische Staatsbibliothek, Porträt- und Ansichtensammlung)
Berneck im Fichtelgebirge. Stahlstich nach einem Gemälde von Ludwig Richter. (Bayerische Staatsbibliothek, Porträt- und Ansichtensammlung)
Wildbad Kreuth. Stahlstich um 1840 nach einer Zeichnung von Johann Gabriel Friedrich Poppel (1807-1882). (Bayerische Staatsbibliothek, Porträt- und Ansichtensammlung)

von Franziska Lobenhofer-Hirschbold

Tourismus zum Zweck der Erholung entstand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und war anfangs ein Vorrecht privilegierter gesellschaftlicher Gruppen. Er beschränkte sich auf die Sommermonate. Die Eisenbahn als neues Verkehrsmittel machte das Reisen ab den 1880er Jahren schneller und billiger. Lokale und überregionale Vereine schufen die notwendigen Infrastrukturen in den neuen Gästeorten. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Winter zur neuen Reisesaison. Die Weimarer Republik schuf mit ihren Arbeitsgesetzen die Basis für den Massentourismus der 1920er Jahre. Im Nationalsozialismus wurden alle Fremdenverkehrsvereine verstaatlicht. Die Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“ wurde zum erfolgreichen Anbieter von Pauschalreisen. Der Zweite Weltkrieg bedeutete für den Fremdenverkehr einen starken Einbruch, von dem er sich erst wieder in den 1950er Jahren langsam erholte.

Unterwegs

In der Vergangenheit waren Reisende in feindlicher oder kriegerischer Absicht unterwegs oder aus beruflichen Gründen als Kaufleute, Fuhrleute oder Handwerksgesellen. Pilger- und Wallfahrtsreisen boten der ländlichen Bevölkerung die Möglichkeit, den Heimatort für eine kurze oder längere Zeitspanne zu verlassen. Vorformen des heutigen Tourismus waren Reisen in Heilbäder, deren Tradition oft bis ins Mittelalter zurückreichte. Die "Grand Tour" junger Adeliger durch Europa sollte diese mit fremden Sprachen und Kulturen sowie mit dem höfischen Leben im angemessenen gesellschaftlichen Umfeld vertraut machen.

Abenteuerlust und Forscherdrang waren die Antriebskräfte für Reisen, die Angehörige des Adels und des gebildeten Bürgertums ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unternahmen, um fremde Gegenden zu erforschen und den persönlichen Horizont zu erweitern. Die Reise wurde zum Selbstzweck und der Aufbruch erfolgte freiwillig. Gegenden wie z. B. die Alpen, die man bis dahin auf gefährlichen Wegen möglichst schnell zu durchqueren versuchte, wurden nun zum Reiseziel.

Der Tourismus als neue Form des Reisens begann sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts herauszubilden. Es handelt sich dabei um Reisen allein zum Zwecke der Erholung und zum eigenen Vergnügen. Voraussetzung für eine gelungene Durchführung waren bestimmte Infrastrukturbedingungen, wie eine angemessene Verkehrserschließung und günstige Transportmittel, Möglichkeiten für Beherbergung und Verpflegung, Beratung und Betreuung durch spezielle Ansprechpartner und Reiseorganisationen.

Entdeckung von Natur und Landschaft

Die Wegbereiter des heutigen Tourismus bzw. Fremdenverkehrs lassen sich bis in die Zeit der Aufklärung zurückverfolgen. Dichter und Philosophen wie Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) mit dem Roman "La Nouvelle Heloise" (1761) und Albrecht von Haller (1708-1777) mit dem Gedicht "Die Alpen" (1729) entfachten mit ihrer idealisierten Beschreibung der Schweizer Bergwelt die Begeisterung ihrer Zeitgenossen. Die bis dahin gefürchtete, gefährliche Hochgebirgswelt wurde nun romantisch verklärt dargestellt und übte vor allem auf die Reisenden aus der Stadt eine besondere Faszination aus.

Auch Bayern, vor allem die Gegend südlich von München, wurde nun von Wissenschaftlern, Schriftstellern und Malern bereist und erforscht. Im staatlichen Auftrag entstanden Recherchen zum besseren Verständnis von Land und Leuten, wie etwa die Studien von Lorenz von Westenrieder (1748-1829) oder die "Reisen durch das Königreich Baiern" des Joseph von Obernberg (1761–1845), die von 1815 bis 1820 verfasst wurden. Ludwig Steub (1812–1888) bereiste als Ethnologe in den Sommermonaten Nord- und Südtirol, Vorarlberg und Oberbayern. Seine Schriften "Aus dem bayerischen Hochlande" (1850) und "Wanderungen im bayerischen Gebirge" (1862) trugen wesentlich zum Bekanntheitsgrad dieser Region bei. Maler in der Residenzstadt München wie z. B. Johann Georg Dillis (1759–1841), Wilhelm von Kobell (1766–1835) und Lorenz Quaglio (1793–1869) stellten ihren adeligen oder fürstlichen Auftraggebern bis dahin unbekannte Landschaften und deren Bewohner vor.

Romantische Suche nach dem Mittelalter

In den fränkischen Landesteilen des jungen Königreiches entdeckten Romantiker wie Ludwig Tieck (1773-1853) und Wilhelm Wackenroder (1773-1798), beide aus Berlin, das (angeblich) mittelalterliche Stadtbild von Nürnberg, Bamberg und Rothenburg neu. Ludwig Richter (1803-1884) aus Dresden vermittelte mit seinen Zeichnungen und Holzschnitten von Mainfranken, Rothenburg und dem fränkischen Jura eine idealisierte Sicht der Welt als Gegenpol zur Industrialisierung. Der Würzburger Maler Fritz Bamberger (1814–1873), einer der wichtigsten fränkischen Landschaftsmaler, schuf mit seinen Illustrationen in Publikationen über mainfränkische Landschaften wichtige topographische Dokumente. Bekannt ist z. B. sein "Album de Kissingen" (1845), unter Kurgästen der damals aufblühenden Bäderstadt ein gefragtes Souvenir.

Aber auch Geistliche waren Wegbereiter des Tourismus. Der Theologe Johann Friedrich Esper (1732–1781) wurde zum Begründer der Höhlenforschung in Franken und machte den Fränkischen Jura einem größeren Publikum bekannt. Die "Fränkische Schweiz" wurde zum Inbegriff der romantischen Landschaft und ein besonderer Anziehungspunkt für Maler und Schriftsteller.

Reise in die Sommerfrische - Bedeutung des Königshauses

Der Begriff der "Sommerfrische" wurde bereits im 18. Jahrhundert in Tirol für eine Reiseform verwendet, bei der sich Stadtbewohner in den Sommermonaten für einige Zeit auf dem Land einmieteten. In den Anfängen war die Erholungsreise allein ein Vorrecht der gesellschaftlich Privilegierten. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde diese Reiseform auch für das vermögende Bürgertum und für die aufsteigenden sozialen Gruppen der Beamten und Angestellten möglich.

In Bayern spielte das Königshaus der Wittelsbacher einen wichtigen Part in der Entwicklung des frühen Fremdenverkehrs. Die Orte, in denen Mitglieder des Königshauses zur Sommerfrische weilten, wurden in der Folge auch von Adel und Großbürgertum aufgesucht. Das ehemalige Kloster Tegernsee war bereits 1817 zur königlichen Sommerresidenz umgestaltet worden. Das bayerische Königshaus reiste regelmäßig in das Bad nach Kissingen, ab den 1840er Jahren in den Sommermonaten auch in den Berchtesgadener Raum. Als König Maximilian II. (1811-1864) mit Familie und Gefolge 1848 in Reichenhall die dortige Sole- und Molkenkuranstalt (Bad Achselmannstein) besuchte, stieg die Nachfrage nach Unterkünften für einen Badeaufenthalt im folgenden Jahr sprungartig an. Für die Gäste mussten sogar Unterkünfte in den Gasthöfen der umliegenden Ortschaften besorgt werden.

Bäder in Bayern - Orte mit langer Gästetradition

In den Orten mit Bäderwesen war auf Grund der langen Tradition bereits eine ausgebaute Infrastruktur vorhanden. Sie boten sich als Ausgangspunkte für den sich neu entwickelnden Tourismus an. "Wildbäder" und ihre Heilquellen wurden bereits seit dem Mittelalter nicht nur von hochgestellten Personen, sondern auch vom einfachen Volk besucht. Solche Bäder befanden sich z. B. in Adelholzen, Heilbrunn und Wildbad Kreuth. Mit den fränkischen und schwäbischen Gebieten erhielt Bayern um 1800 einige renommierte alte Badeorte wie Kissingen, Bocklet und Krumbach. Kissingen, ein alter Salinenort, erfuhr 1737/38 eine vollständige Umgestaltung seiner Kuranlagen und eine Neufassung der Heilquellen. Die bayerischen Könige Ludwig I. (1786-1868, reg. 1825-1848), Max II. (1811-1864, reg. 1848-1864) und Ludwig II. (1845-1886, reg. 1864-1886) trugen mit ihren Besuchen ab dem frühen 19. Jahrhundert wesentlich zum Aufschwung dieses Badeortes bei, in dem sich gekrönte Häupter und politische Größen aus ganz Europa trafen. Im 19. Jahrhundert entstanden neue Badeorte, wie Reichenhall, Kohlgrub, Aibling, Feilnbach, Tölz, Windsheim, Königshofen und Wörishofen.

Die Erschließung der Alpen: Der Alpenverein als Schrittmacher

Der Alpenverein spielte eine zentrale Rolle bei der Erschließung der alpinen Regionen. 1862 entstand in Wien der Österreichische Alpenverein, 1869 in München der Deutsche Alpenverein. 1873/74 wurden beide Vereine zum Deutsch-Österreichischen Alpenverein vereinigt und nach dem Anschluss Österreichs im Jahr 1938 in "Deutscher Alpenverein" umbenannt.

Ziele dieses anfangs vor allem akademisch orientierten Vereins waren die Erforschung der Alpen und der Bau von Wegen und Hütten für seine Mitglieder. Ende 1869 gab es bereits 16 Sektionen von Berlin bis Bozen, von Frankfurt bis Lienz, 1880 für die über 8.000 Mitglieder 37 Schutzhütten.

Die Veranstaltungen norddeutscher Sektionen in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens trugen wesentlich dazu bei, Klischees über die Bewohner der alpinen Bergwelt zu verbreiten. Die Alpenvereinssektion Berlin organisierte ab den 1880er Jahren legendäre alpenländische Kostümfeste mit "echten" singenden und tanzenden Bergbewohnern.

In den Inflationsjahren ab den 1920er Jahren konnten die Alpenvereinshütten im bayerischen Alpenraum ungeheure Zuwachsraten verzeichnen. Wurden in der Höllentalhütte der Sektion München im Wettersteingebirge 1913 4.000 Übernachtungen registriert, waren es im Jahr 1923 28.000 Übernachtungsgäste. Gründe für diesen Ansturm waren die billigen Fahrpreise und Hüttengebühren bei steigender Geldentwertung sowie Pass- und Grenzschwierigkeiten bei Reisen nach Tirol und ins übrige Österreich.

Bessere Mobilität durch neue Verkehrsmittel: Bahn und Bus

Mit der Eisenbahn als neuem Verkehrsmittel wurde das Reisen schneller, bequemer und auch billiger. Wirtschaftliche, politische, aber auch militärische Überlegungen bestimmten die Planung des neuen Eisenbahnnetzes. In der ersten Phase des Eisenbahnbaus bis ca. 1880 wurden die großen städtischen Zentren München, Augsburg, Landshut, Regensburg, Nürnberg, Bamberg, Bayreuth und Würzburg miteinander verbunden.

Der Ausbau von Nebenstrecken in entlegenere Gegenden wie das Allgäu, die oberbayerischen Alpen, den Bayerischen Wald, das Fichtelgebirge oder die Fränkische Alb dauerte teilweise bis um 1900. Eine Ausnahme bildeten die frühen Bahnanschlüsse von Holzkirchen nach Miesbach (1861) und Hausham (1869) zum Abbau der dortigen Kohlevorkommen. Eine ebenfalls sehr früh erschlossene Nebenstrecke führte 1854 von München an den Starnberger See, dessen Umgebung bereits seit langem von den Wittelsbachern als Aufenthaltsort geschätzt wurde und seit Anfang des 19. Jahrhunderts zunehmend zum beliebten Ausflugsziel von Adelsfamilien, reichen Bürgern und Künstlern aus München geworden war.

Fremdenverkehrsorte wie Sonthofen (1873), Oberstdorf (1888) und Garmisch-Partenkirchen (1889) erhielten erst spät einen eigenen Bahnhof. Berchtesgaden lag zwar ab 1860 in der Nähe der internationalen Linie München-Salzburg-Wien, wurde aber erst 1888 ans Schienennetz angeschlossen. In den Orten mit Bahnanschluss stieg die Anzahl der Gäste rasch in die Höhe.

Nach 1900 begann mit den ersten Automobilen eine weitere Verkehrsrevolution. 1905 eröffnete die Königliche Bayerische Post die erste öffentliche Omnibuslinie von Bad Tölz nach Lenggries. Durch den Einsatz von Omnibussen konnten auch jene Orte in den Alpen und in den Mittelgebirgen, die nicht an Hauptverkehrsadern lagen, am Fremdenverkehr teilnehmen. In den 1920er Jahren wurden Omnibusse bereits für die Pauschalreisen eingesetzt.

Der Fremdenverkehr: Neue Einnahmequelle und Modernisierungsfaktor

Der Fremdenverkehr wurde zu einem wichtigen Standbein in den ländlichen Gegenden, da für kleine Anwesen in klimatisch oft ungünstigen Regionen ein Nebenerwerb lebensnotwendig war. So lebten in den 1930er Jahren in Garmisch-Partenkirchen bereits ca. 80 % der Bevölkerung direkt oder indirekt vom Fremdenverkehr. Durch den intensiven Kontakt zwischen städtischem Publikum und einheimischen Vermietern lernte die ländliche Bevölkerung städtische Denkweisen kennen, versuchte aber auch, den Gästen ein zeitgemäßes Umfeld zu bieten. Der Fremdenverkehr wurde zu einem wichtigen Modernisierungsfaktor in den jeweiligen Gemeinden.

Notwendige Infrastrukturen

Ab den 1870er Jahren entstanden in den touristisch bedeutsamen Orten Verkehrs- und Verschönerungsvereine. Ihre Programme waren nahezu identisch: Ortsverschönerung, Schaffung von Parkanlagen, Einrichtung von Badeanstalten und Lesehallen, Verbesserung der oft mangelhaften Quartiere und des gastronomischen Angebotes. Die Darbietungen der lokalen Musik-, Trachten- und Theatervereine und die Aktivitäten der Sportvereine wurden zum festen Bestandteil des Unterhaltungsprogramms für die Gäste. Die Aktivitäten konzentrierten sich allein auf die Sommermonate und waren auf eine gehobene Kundschaft abgestimmt.

Es war nur eine Frage der Zeit bis zur Bildung von überregionalen Vereinigungen zur Förderung des jungen Fremdenverkehrs. 1890 wurde im Münchner Hotel "Vier Jahreszeiten" der "Landesverband zur Hebung des Fremdenverkehrs" gegründet. Der kurz darauf entstandene "Verein zur Förderung des Fremdenverkehrs in München und im bayerischen Hochland" (1894) wurde bald darauf Koordinierungsstelle überregionaler Werbemaßnahmen für München, das bayerische Hochland und Bayerisch-Schwaben.

Katalysator für den Fremdenverkehr in Nordbayern: Nürnberg

Mit dem Ausbau der Eisenbahn entwickelte sich Nürnberg in den 1850er Jahren zum wichtigsten Eisenbahnknotenpunkt und bedeutenden Industriestandort Bayerns. Nürnberg profitierte von Großereignissen in den eigenen Stadtmauern, in der Region oder auch im übrigen Bayern und versuchte, Besucher für einen kürzeren oder längeren Aufenthalt zu werben. So kamen 1882 im Rahmen der 1. Landesausstellung 2 Millionen Besucher nach Nürnberg. Besucher der Oberammergauer Passionsspiele 1889 machten ebenfalls Abstecher in die Stadt. Der Beginn der Bayreuther Bühnenfestspiele 1876 brachte auch für Nürnbergs Beherbergungsgewerbe hohe Besucherzahlen.

Nürnberg warb mit seinem mittelalterlichen Stadtbild, mit seiner stolzen kulturellen Vergangenheit und berühmten Persönlichkeiten wie Albrecht Dürer (1471-1528) oder Hans Sachs (1494-1576).

Interessant waren die in Nürnberg angebotenen Ausflugsziele nach Rothenburg oder in die Fränkische Schweiz. In diesen Gebieten ließ sich – als Gegenpol zum Industriestandort Nürnberg – die Sehnsucht nach Idylle und Romantik befriedigen. Gäste aus den nordbayerischen Städten wie z. B. Nürnberg suchten aber auch in den ausgedehnten Waldlandschaften der Mittelgebirge, wie z. B. dem Fichtelgebirge, Erholung.

1904 entstand in Nürnberg der "Verein zur Förderung des Fremdenverkehrs in Nürnberg und Umgebung", der bald auf die Region ausstrahlte. Noch im gleichen Jahr wurde der "Nordbayerische Verkehrsverein" gegründet, dessen Ziel die Förderung des Fremdenverkehrs in den Landesteilen nördlich der Donau war. Unter den 103 Mitgliedern waren Bezirksgremien für Handel und Gewerbe, Stadt- und Gemeindeverwaltungen, Bahn-, Kur- und Badeverwaltungen, Verschönerungs- und Fremdenverkehrsvereine, Wald- und Touristenvereine aus Mittelfranken, Ober- und Unterfranken, der Oberpfalz und Niederbayern sowie aus den nördlich der Donau gelegenen Gebieten von Schwaben.

Der Winter - eine neue Reisezeit

Ab den 1890er Jahren organisierten sich in den frühen Fremdenverkehrsorten Sportbegeisterte in Vereinen und Clubs, die mit ihren Aktivitäten entscheidend zur Belebung der Wintersaison beitrugen. Winterliche Sportarten waren damals vor allem Schlittschuh laufen, Rodeln, Skispringen und Eisstockschießen.

Das Ski laufen wurde seit den 1890er Jahren vor allem durch den Bericht des norwegischen Polarforschers Fridtjof Nansen (1861-1930) über seine Durchquerung Grönlands 1888/89 populär. Sein Buch "Auf Schneeschuhen durch Grönland" (1891) entfachte eine regelrechte Skibegeisterung ("Nansenfieber"), die sich von Skandinavien bis in die Schweizer, österreichischen und bayerischen Alpen ausbreitete. 1890 wurde in der Nähe Murnaus (Heimgarten) zum ersten Mal eine alpine Skitour in den bayerischen Alpen unternommen.

Eine Wintersaison in den bayerischen Alpen und in den Mittelgebirgen etablierte sich angesichts noch unzureichender Bahnverbindungen während dieser Jahreszeit nur langsam. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg wurden von den Wintersportvereinen in Garmisch, Oberstdorf und Berchtesgaden große Wintersportfeste veranstaltet, z. B. 1904 mit 3.000 Gästen in Garmisch. In den Mittelgebirgen, wie z. B. dem Fichtelgebirge, waren es Skipioniere aus Nürnberg, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Gründung von lokalen Skiclubs initiierten. Der Winter, früher eine gefürchtete Jahreszeit, war nun zu einer neuen Reisesaison geworden.

Demokratisierung des Urlaubs

Um 1890 waren in den Gästelisten der bekannten Urlaubsorte Adelige, Familien hoher Beamter, Angehörige des Mittelstands, wie Gymnasiallehrer und mittlere Beamte, vertreten. Der größte Teil der arbeitenden Bevölkerung hatte weder Zeit noch Geld für Ferienaufenthalte. Im Deutschen Reich hatten Beamte und nur ein geringer Teil der Angestellten seit 1871 einen rechtlichen Anspruch auf Urlaub. Für den Großteil der Bevölkerung galten der 10-Stunden-Arbeitstag und die 6-Tage-Woche.

Die Weimarer Republik schuf ab 1918 mit dem tariflich zugesicherten Urlaub für Arbeiter von 3-6 Tagen, der Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit auf 48 Stunden und der gesetzlichen Einführung des 8-Stunden-Tags grundlegende Bedingungen für den Massentourismus. In den 1920er Jahren entstanden Konzepte für Volks- und Sozialtourismus auf gewerkschaftlicher und Parteiebene. Bereits vorhandene Arbeitervereinigungen erlebten nun einen ungeahnten Aufschwung. 1895 war in Österreich als Gegenstück zum akademisch ausgerichteten Alpenverein der Touristenverein "Die Naturfreunde" gegründet worden. 1905 wurde die Ortsgruppe München gebildet mit dem Ziel, ihren Mitgliedern durch den Ausbau von Hütten die Bergwelt zugänglich zu machen. Nach 1919 schnellten die Mitgliederzahlen dieser Organisation in die Höhe (1920: 3.000 Mitglieder). Reisen für eine große Teilnehmerzahl, wie sie die Naturfreunde durchführten, waren ein neues Reisephänomen.

Obwohl das privat verfügbare Einkommen in der Zwischenkriegszeit und damit die Massenkaufkraft stagnierte, stieg die Urlaubsintensität weiter an. Die Nachfrage nach billigen, einfachen Unterkünften entzog der traditionellen Hotellerie die Kundschaft. Auf den Markt drängten nun Privatpensionen, aber auch Jugendherbergen, in denen nun Erwachsene nächtigten.

Eine besondere Form des Reisens entwickelte sich in der Jugendbewegung und weiteren Reformbewegungen um 1900. Ihre Mitglieder formierten sich als Gegenbewegung zur Verstädterung der Gesellschaft durch die Industrialisierung. Auf ihren Fahrten in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten suchten sie bewusst die ländliche Idylle und das einfache Leben in der Natur.

Früher Massentourismus und Werbung

In den 1920er Jahren bedienten sich die Fremdenverkehrsorte für ihre Werbung neben den Zeitungen der neuen Medien Rundfunk und Film. Die Kommunen verwandten verstärkt Mittel in direkte Werbemaßnahmen und in die Verbesserung der touristischen Infrastruktur. So erhöhte z. B. Berchtesgaden die jährliche Auflage seiner Prospekte nach dem Ersten Weltkrieg von 20.000 auf 160.000 Stück und die Stadt München ihre Aufwendungen für Werbung von 6.000 Mark im Jahr 1913 auf 83.000 Mark im Jahr 1928. In Nürnberg wurde 1906 ein Führer in einer Auflage von 20.000 Stück "Nürnberg, des Deutschen Reichs Schatzkästlein" herausgegeben, 1908 folgte eine dreisprachige Broschüre "8 Tage in Nürnberg" mit Tipps zu Sehenswürdigkeiten, Museen und Ausflugsorten.

Fremdenverkehr - ein wachsender Wirtschaftszweig

Bayern hatte bereits 1910 als einziges Land im Deutschen Reich eine Landesfremdenverkehrsstatistik eingeführt. Nach einem allgemeinen Vorkriegshöhepunkt im Jahr 1913 gab es in der Zwischenkriegszeit konjunkturbedingt starke Einbrüche. 1930 wurden mit 4.634.950 und 1937 mit 5.808.879 Übernachtungsgästen wieder neue Höchststände gezählt.

Übernachtungszahlen ausgewählter bayerischer Fremdenverkehrsorte

Ort 1913/14 (April–März) 1925/26 (Oktober-September) 1930/31 (Oktober-September)
Bad Kissingen (keine Zahlen) 576 565
Bad Reichenhall 542 445 473
Oberstdorf 227 280 483
Bad Wörishofen 279 258 321
Bad Tölz 146 235 265
Berchtesgaden 181 231 249
Garmisch 183 216 330
Partenkirchen 254 192 413
Lindau 86 143 154
Tegernsee 70 106 139
Füssen 72 93 108
Bayreuth 68 54 201
Gößweinstein 43 42 51
Rothenburg (keine Zahlen) 34 73
Immenstadt 18 16 21
Bayerisch Eisenstein (keine Zahlen) 12 35
Zwiesel 2 5 4

(Angabe der Übernachtungszahlen in Tausend, Angaben aus: Bayern im Lichte seiner hundertjährigen Statistik [Beiträge zur Statistik Bayerns 122], Tabelle 18, München 1933)

Bei den Fremdenverkehrsorten Bayerns führten um 1930 vier Badeorte sowie die klassischen Fremdenverkehrsorte der bayerischen Voralpen die Liste an. Immenstadt blieb dabei immer im Schatten von Oberstdorf. Städte wie Bayreuth, Rothenburg und Gößweinstein in der Fränkischen Schweiz konnten mit diesen Übernachtungszahlen ebenso wenig mithalten wie Eisenstein und Zwiesel in Ostbayern. Bad Reichenhall, Partenkirchen und Bayreuth wiesen für 1913/14 ein deutliches Vorkriegsplus an Übernachtungen gegenüber 1925/26 auf. Im allgemeinen Trend lagen 1930/31 die gestiegenen Übernachtungszahlen von Oberstdorf, Bad Wörishofen, Garmisch, Partenkirchen und vor allem Bayreuth. In den Orten Lindau, Bayreuth, Gößweinstein, Rothenburg, Immenstadt und Zwiesel bestand ein Großteil der jährlichen Übernachtungszahlen aus Kurzaufenthalten.

Nationalsozialistische Reiseorganisation und -politik

Die Freizeit- und Reiseorganisation "Kraft durch Freude" (KdF) entstand 1933 als Teil der "Deutschen Arbeitsfront" (DAF). Alle Arbeiter erhielten nun sechs bis zwölf Tage Urlaub im Jahr. Das erfolgreiche Konzept der "KdF"-Organisation beruhte auf preisgünstigen, normierten Pauschalreisen. So kosteten 11 Übernachtungen mit Vollpension in einer privaten Unterkunft in Berchtesgaden 25 RM.

Die Fremdenverkehrsorte in Bayern profitierten vom "KdF"-Tourismus und von der 1933 verfügten 1.000-Mark-Sperre für Einreisen nach Österreich. Allerdings verloren viele noble Kurorte und Reiseformen durch diesen Massentourismus ihre Exklusivität. Um finanzkräftiges Publikum nicht zu vertreiben, unterschied man z. B. in Berchtesgaden bald zwischen "qualifiziertem" und "staatlichem" Fremdenverkehr.

Von 1933-1936 wurden die Fremdenverkehrsorganisationen gleichgeschaltet und 1936 mit der Gründung des Reichsfremdenverkehrsverbandes verstaatlicht. Am 23. April 1939 wurde auf den Höhen des Böhmerwaldes der "Landesfremdenverkehrsverband Bayerische Ostmark" geschaffen und damit ein neues Fremdenverkehrsgebiet erschlossen.

In den Fremdenverkehrsorten, wie z. B. Garmisch-Partenkirchen, nahm man auf staatliche Anordnung verstärkt eine antisemitische Haltung ein und propagierte den "judenfreien" Ort.

Eine besondere Form des nationalsozialistischen "Massentourismus" stellten die Reichsparteitage in Nürnberg dar, die ab 1933 zu großen Propagandaveranstaltungen des NS-Regimes ausgebaut wurden. Die Parteipropaganda bediente sich dabei des mittelalterlichen Stadtbildes der "deutschesten aller deutschen Städte". 1933-1938 kamen zu diesen inszenierten Massenveranstaltungen 350.000 (1933) bis 450.000 (1938) Besucher.

Weltkriege und Fremdenverkehr

Die Zeiten der beiden Weltkriege bedeuteten für die jeweiligen Beherbergungsbetriebe in den Zielorten des Fremdenverkehrs große Einbrüche. Die Lebensmittelknappheit während und nach den Kriegsjahren erschwerte eine zusätzliche Versorgung von Gästen. In den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges kam der Fremdenverkehr in Bayern völlig zum Erliegen. Die meisten der touristischen Einrichtungen waren zweckentfremdet worden. Hotels dienten als Lazarette für verwundete Soldaten und Quartiere für die Besatzungstruppen, Pensionen als Unterkunft für Flüchtlinge, evakuierte Städter und Kinder. Es dauerte einige Jahre, bis sich auf lokaler und regionaler Ebene wieder Fremdenverkehrsverbände bildeten.

Literatur

  • Jörg Haller, Fremdenverkehr im alpinen Raum. Ein Überblick am Beispiel des Berchtesgadener Landes, in: Freundeskreisblätter 33 (1994), 6-18.
  • 100 Jahre Urlaub in Bayern. Charivari, Band 16, Nr. 5, 1990.
  • Christine Keitz, Grundzüge einer Sozialgeschichte des Tourismus der Zwischenkriegszeit , in: Peter J. Brenner (Hg.), Reisekultur in Deutschland: Von der Weimarer Republik zum "Dritten Reich", Tübingen 1997, 49-71.
  • Bernhard Kleber, Von der Sommerfrische zum Tourismus. Entwicklung, Merkmale, Probleme des Tourismus am oberbayerischen Schliersee zwischen 1890-1967, Magisterarbeit München 2011.
  • Franziska Lobenhofer-Hirschbold/Ariane Weidlich (Hg.), "Ziemer zu vermiethen". Von Berchtesgaden bis Zillertal. Aspekte der touristischen Entwicklung von 1850-1960 (Schriften des Freilichtmuseums des Bezirks Oberbayern 23), Großweil 1999.
  • Dietz-Rüdiger Moser, Vorurteile. Bayern über Preußen und Preußen über Bayern, in: Johannes Erichsen/Evamaria Brockhoff (Hg.), Bayern und Preußen. Schlaglichter auf eine historische Beziehung, Augsburg 1999, 100-120.
  • Josef Ostler, Garmisch und Partenkirchen 1870-1935. Ein Olympia-Ort entsteht (Mohr. Löwe. Raute. Beiträge zur Geschichte des Landkreises Garmisch-Partenkirchen 8), Garmisch-Partenkirchen 2000.
  • Hans-Wolfgang Städtler (Hg.), Das Heilbad Bad Reichenhall im 19. und 20. Jahrhundert, Festschrift anläßlich des 100-jährigen Jubiläums der Baderhebung 1890-1990, Bad Reichenhall 1990.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Franziska Lobenhofer-Hirschbold, Fremdenverkehr (Von den Anfängen bis 1945), publiziert am 10.07.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Fremdenverkehr (Von den Anfängen bis 1945)> (17.11.2018)