Bücherverbrennungen (1933)

Kundgebung zur Bücherverbrennung im Lichthof der Universität München am 10. Mai 1933. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv hoff-7937)

von Jürgen Kühnert

Der Begriff Bücherverbrennungen bezeichnet eine Reihe von Aktionen, bei denen kurz nach der nationalsozialistischen Machtergreifung im gesamten Deutschen Reich unerwünschte Bücher und Schriften öffentlich verbrannt wurden. Die Bücherverbrennungen waren als symbolischer Vernichtungsakt zu verstehen und richteten sich gegen jegliche Literatur, die dem NS-Weltbild widersprach: gegen abweichende politische Ansichten, jüdische Einflüsse sowie die kulturelle und gesellschaftliche Moderne. Die wichtigsten Initiatoren waren die Hitlerjugend (HJ) und die Deutsche Studentenschaft (DSt). In Bayern lassen sich bisher 20 Bücherverbrennungen nachweisen (Stand 2021). Die meisten standen im Zusammenhang mit einer Aktion zum "Tag der Jugend" am 7. Mai 1933, die durch den HJ-Gebietsführer Emil Klein (NSDAP, 1905-2010) organisiert wurde. Die größte Bücherverbrennung in Bayern fand am 10. Mai 1933 in München statt, im Rahmen der studentischen "Aktion wider den undeutschen Geist". Im Ausland trugen die Bücherverbrennungen erheblich zum Ansehensverlust Deutschlands bei.

Initiatoren

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurden ab März 1933 durch verschiedene Gruppierungen Bücher verbrannt. Nachdem zunächst Sturmabteilung (SA) und Schutzstaffel (SS) eine Reihe von spontanen Verbrennungen durchführten, erlangten v. a. die Hitlerjugend (HJ) und die Deutsche Studentenschaft (DSt) mit groß angelegten und zentral organisierten Aktionen besondere Bedeutung.

Die Initiative zu den Bücherverbrennungen des Jahres 1933 lag somit nicht bei den von den Nationalsozialisten übernommenen staatlichen Stellen, sondern ging meist von Vereinigungen der deutschen Jugend aus. Die neuen Machthaber dagegen nahmen diesen "revolutionären" Aktionen gegenüber meist eine passive Rolle ein. Denn zu den Zielen nationalsozialistischer Kulturpolitik gehörte zwar als wesentlicher Bestandteil die "Säuberung" des deutschen Schrifttums von unerwünschter Literatur. Doch Reichspropagandaminister Joseph Goebbels (NSDAP, 1897-1945, Reichspropagandaminister 1933-1945), der nach anfänglichem Kompetenzchaos die Zuständigkeit für die NS-Schrifttumspolitik weitgehend an sich ziehen konnte, strebte ein geregeltes und institutionalisiertes Vorgehen zur Gleichschaltung der deutschen Kultur an.

Intention und Vorbilder

Die öffentliche Inszenierung der Bücherverbrennungen sollte für möglichst große Aufmerksamkeit sorgen. Die Organisatoren nutzten den symbolischen Vernichtungsakt als Sinnbild für die von ihnen intendierte Auslöschung unerwünschter Ansichten. Was nicht mit dem NS-Weltbild übereinstimmte, sollte "gebrandmarkt" und vernichtet, die deutsche Literatur von "fremden" Elementen "gesäubert" werden.

Man griff gezielt historische Vorbilder auf, von denen zwei im Vordergrund standen: die Verbrennungsaktion Martin Luthers (1483-1546) während der Reformation 1520 sowie v. a. die Bücherverbrennung durch Studenten auf dem Wartburgfest 1817. In ihrem Umfang, ihrer gründlichen Organisation, flächendeckenden Durchführung und großen Propagandawirkung hoben sich die Bücherverbrennungen des Jahres 1933 allerdings deutlich von diesen Vorbildern ab.

Erste spontane Verbrennungsaktionen

Nach den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 fanden im März und April erste Bücherverbrennungen im Zuge der Ausschaltung demokratischer Institutionen und politischer Gegner statt. SA und SS griffen u. a. Partei- und Verlagshäuser der Sozialdemokraten und der Kommunisten an und verbrannten die dort lagernden Bücher und Schriften. Hier handelte es sich meist noch um spontane Aktionen, bei denen der Verbrennungsakt nicht der unmittelbare Anlass war.

Auch in Würzburg kam es am 10. März zu einer solchen Aktion, bei der Bücher, Zeitungen, Plakate, Flugblätter und Fahnen verbrannt wurden, die zuvor im Gewerkschaftshaus und im Verlagsgebäude des sozialdemokratischen "Fränkischen Volksfreundes" beschlagnahmt worden waren.

Die Bücherverbrennungsaktion der bayerischen Hitlerjugend

Porträt von Emil Klein, Führer der HJ für das Gebiet Hochland, HJ-Beauftragter bei der bayerischen Staatsregierung und Adjutant des bayerischen Innenministers; seit 1937 Leiter des politischen Stabes (Stabsleiter) des Staatsministers für Unterricht und Kultus; Obergebietsführer der HJ in Bayern; nicht datiert. (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Bildersammlung Emil Klein)

Ebenfalls seit März 1933 organisierte die HJ mehrere Bücherverbrennungen, die sich zunächst auf lokale Aktionen wie die "Säuberung" von Schulbibliotheken konzentrierten. Ab Mai 1933 kam es dann zu größeren Initiativen. Neben Kampagnen in der preußischen Rheinprovinz (19. Mai) und in Baden (17. Juni), gehörte dazu auch eine umfangreiche Aktion in Bayern um den 7. Mai.

Diese bayerischen Bücherverbrennungen wurden vom HJ-Gebietsführer für Oberbayern, Emil Klein (NSDAP, 1905-2010), organisiert. Kleins Kampagne ging einher mit den Bemühungen des bayerischen Kultusministers Hans Schemm (NSDAP, 1891-1935, Kultusminister seit 1933), die bayerischen Bibliotheken von politisch unerwünschten Büchern und Schriften zu säubern. Am 19. April rief Klein in einem Schreiben an die Standort- und Unterbannführer der HJ in Bayern zu einer landesweiten Kundgebung am "Tag der Jugend" (7. Mai 1933) unter dem Motto "Nie wieder Marxismus" auf. Unter Beteiligung der örtlichen HJ-Gliederungen sollten dort Bücher und Schriften mit marxistischem, pazifistischem und demokratischem Inhalt verbrannt werden.

Bücherverbrennungen im Rahmen der "Aktion wider den undeutschen Geist"

Die größten Bücherverbrennungsaktionen des Frühjahrs 1933 gingen von den deutschen Studenten aus. Sie standen im Zusammenhang mit der reichsweiten, zentral organisierten "Aktion wider den undeutschen Geist", die am 9. April begann und gut vier Wochen dauerte. Diese Aktion sollte in allen deutschen Universitätsstädten durchgeführt werden. Initiiert wurde sie von der DSt, die 1919 in Würzburg als Dachverband der Einzelstudentenschaften entstanden war. Dazu gehörte auch der 1926 in München gegründete "Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund" (NSDStB). Dieser hatte bereits 1931 die Führung in der DSt übernommen, wodurch diese in der Folge gleichgeschaltet wurde. Nach der Machtergreifung nahm die Rivalität zwischen DSt und NSDStB zu. In ihrem Kampf um die Vormachtstellung im neuen NS-Staat beanspruchten beide Verbände die Führungsrolle bei den studentischen Bücherverbrennungen 1933 für sich.

Die "Aktion wider den undeutschen Geist" richtete sich zunächst v. a. gegen den vermeintlich "zersetzenden" Einfluss der Juden auf das deutsche Schrifttum. Dieser antisemitische Angriff galt nicht nur der Literatur, sondern bezog jegliche kulturelle und wissenschaftliche Betätigung mit ein. Neben der Vernichtung unerwünschten Schrifttums forderten die Initiatoren auch die Entfernung missliebiger Professoren von den Universitäten.

Der Ablaufplan der Aktion sah drei Phasen vor, die im gesamten Reich synchron durchgeführt werden sollten: den Auftakt bildete das Anschlagen eines Plakats mit zwölf Thesen "Wider den undeutschen Geist" in den Hochschulgebäuden, dem diverse Propagandaaktionen in den Medien folgten. Ende April setzte die Sammelaktion der zu verbrennenden Bücher ein, wofür den Einzelstudentenschaften "Schwarze Listen" zur Verfügung gestellt wurden. Als Höhepunkt sollten am 10. Mai im Rahmen eines Festakts die eingesammelten Schriften öffentlich verbrannt werden.

Verbrennungsorte in Bayern

Zwischen März und Oktober 1933 fanden im Deutschen Reich über 90 Bücherverbrennungen statt. Mehr als 30 waren von der HJ organisiert. 30 weitere standen im Zusammenhang mit der "Aktion wider den undeutschen Geist". In Bayern (inkl. der Pfalz) lassen sich bisher 20 Bücherverbrennungen nachweisen (Stand: 2021).

Ort Regierungsbezirk Datum Verbrennungsstätte Organisatoren Anlass
Würzburg Unterfranken 10. März Residenzplatz SA, SS, Stahlhelm, Schutzpolizei Angriff auf das Gewerkschaftshaus und den "Fränkischen Volksfreund"
Kaiserslautern Pfalz 25. März Schillerplatz NSDAP Im Rahmen einer Kulturveranstaltung (Verbrennung von Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues")
München Oberbayern 6. Mai Königsplatz HJ Tag der Jugend
Speyer Pfalz 6. Mai Marktplatz HJ Tag der Jugend
Annweiler Pfalz 7. Mai Rathausplatz HJ Tag der Jugend
Coburg Oberfranken 7. Mai Schlossplatz HJ Tag der Jugend
Frankenthal Pfalz 7. Mai Marktplatz (Rathausplatz) HJ Tag der Jugend
Landsberg am Lech Oberbayern 7. Mai Hauptplatz HJ Tag der Jugend
Ludwigshafen am Rhein Pfalz 7. Mai Messplatz, Marktplatz HJ Tag der Jugend
Rosenheim Oberbayern 7. Mai Max-Josefs-Platz HJ Tag der Jugend
Wasserburg am Inn Oberbayern 7. Mai Marienplatz HJ Tag der Jugend
Landau in der Pfalz Pfalz 10. Mai Paradeplatz (Rathausplatz) HJ Tag der Jugend
München Oberbayern 10. Mai Königsplatz Studentenschaften der Ludwig-Maxmilians Universität und der Technischen Hochschule München, Kreis Bayern der DSt Aktion wider den undeutschen Geist
Nürnberg Mittelfranken 10. Mai Adolf-Hitler-Platz (Rathausplatz-Hauptmarkt) Studentenschaft der Handelshochschule, Kampfbund für deutsche Kultur Aktion wider den undeutschen Geist
Würzburg Unterfranken 10. Mai Residenzplatz Würzburger Studentenschaft Aktion wider den undeutschen Geist
Erlangen Mittelfranken 12. Mai Schlossplatz Erlanger Studentenschaft Aktion wider den undeutschen Geist
Regensburg Oberpfalz 12. Mai Neupfarrplatz HJ Nachahmung der vorangegangenen Aktionen von HJ und Studentenschaft
Neustadt an der Haardt Pfalz 14. Mai Hitlerplatz (Marktplatz) HJ Tag der Jugend
Kaiserslautern Pfalz 15. Mai Schillerplatz HJ Nachahmung der vorangegangenen Aktionen von HJ und Studentenschaft
Bamberg Oberfranken 1. Juli Volksparkstadion Mehrere örtliche NS-Verbände Im Rahmen einer Sonnwendfeier

Der Großteil der Bücherverbrennungen in Bayern fand im Rahmen der zentral von der HJ organisierten Kampagne zum "Tag der Jugend" statt. Diese Aktionen waren zumeist umrahmt von Aufmärschen der HJ- und anderer örtlicher NS-Formationen, von Vereinen, Jugendbünden und Schulen. Die Bücherverbrennungen wurden auf zentralen Plätzen unter den Augen eines meist zahlreichen Publikums durchgeführt. Die sog. Feuerreden wurden von regionalen HJ- oder Partei-Führern gehalten.

Karl Gengenbach (NSDAP, 1911-1944), Kreisführer Bayern der Deutschen Studentenschaft sowie Student der Rechts- und Staatswissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität. (Universitätsarchiv München, Karteikarte der Studentenkartei I)

Im Rahmen der "Aktion wider den undeutschen Geist" fanden in Bayern an vier Orten Bücherverbrennungen statt. Manche Hochschulorte nahmen an der Aktion nicht teil. In Bayern waren dies Dillingen, Eichstätt, Passau und Regensburg. Dies lag allerdings nicht an einer grundsätzlichen Ablehnung, sondern hatte z. B. terminliche oder organisatorische Gründe.

Die studentischen Bücherverbrennungen folgten überall weitgehend dem vorgegebenen Ablauf. Den Auftakt bildete eine Festveranstaltung zur Übergabe des neuen Studentenrechts, mit dem den Studentenschaften die staatliche Anerkennung zugesprochen wurde. Darauf folgte ein Fackelzug der studentischen Verbindungen und weiterer NS-Gruppierungen sowie das Entzünden der zu einem Scheiterhaufen aufgeschichteten Bücher auf einem zentral gelegenen Platz. Die Verbrennung wurde begleitet durch Reden von Studenten, Politikern oder Hochschullehrern.

In Bayern fand die größte Bücherverbrennung des Jahres 1933 in München statt. Hauptorganisator war der Kreisführer der DSt in Bayern, Karl Gengenbach (NSDAP, 1911-1944). Gengenbach inszenierte die Münchner Bücherverbrennung als großes Massen- und Medienereignis, in das Würdenträger aus Universität, Stadt, Staat und Partei mit einbezogen waren. Abgeschlossen wurde die Aktion mit einer "Feier der nationalen Revolution" am Abend des 10. Mai. Diese bestand aus einem prominent besetzten Festakt im Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität, einem anschließenden Fackelzug studentischer Korporationen und diverser NS-Formationen zum Königsplatz sowie der dortigen Verbrennungsaktion. Etwa 50.000 bis 70.000 Gäste und Schaulustige waren auf dem Königsplatz anwesend.

Verbrannte Bücher

Die Bücherverbrennungen der bayerischen HJ konzentrierten sich zunächst auf politisches Schrifttum. Doch die Bandbreite der verbrannten Werke war wesentlich größer und unterschied sich von Ort zu Ort - je nachdem, welches Material zur Verfügung stand. An vielen Orten - z. B. in Regensburg - wurde vorrangig verbrannt, was SA und SS bei ihren Angriffen auf die Einrichtungen politischer Gegner in den Monaten zuvor beschlagnahmt hatten. Auch in Coburg erhielt die HJ Bücher zur Verfügung gestellt, die bei den regelmäßigen polizeilichen Durchsuchungsaktionen in Buchverkaufsstellen beschlagnahmt worden waren. Darunter befand sich neben den unerwünschten politischen Schriften z. B. auch erotische oder "undeutsche" (jüdische) Literatur.

Der Großteil der Bücher, die im Rahmen der "Aktion wider den undeutschen Geist" eingesammelt wurden, stammte aus privaten Leihbüchereien und Buchhandlungen. Diese wurden von sog. Stoßtrupps aufgesucht und zur Herausgabe der Bücher genötigt. Die Trupps wurden z. T. von Polizeibeamten begleitet, so etwa in Würzburg. Grundlage der Aussortierung waren "Schwarze Listen", die auf den Vorarbeiten des "Ausschusses zur Neuordnung der Berliner Stadt- und Volksbüchereien" basierten und an alle Einzelstudentenschaften verteilt wurden. In diesem Ausschuss war der Volksbibliothekar Wolfgang Herrmann (NSDAP, 1904-1945) federführend für die Erstellung der Listen zuständig. Er nutzte die Zusammenarbeit mit der DSt, um seiner ehrenamtlichen Indizierungsarbeit eine größere Breitenwirkung zu verschaffen. Der tatsächliche Umfang der gesammelten und verbrannten Werke ging allerdings noch weit über die "Schwarzen Listen" hinaus.

15 Autoren wurden schließlich von der DSt für alle Verbrennungen verbindlich gemacht. Ihre Namen wurden Bestandteil der obligatorisch auszurufenden "Feuersprüche". Dies waren:

Name Lebensdaten Berufliche Tätigkeit Hauptwerke bis 1933 (Auswahl) Verbrannt lt. Feuerspruch als Zeichen ...
Georg Bernhard 1875-1944 Publizist, Chefredakteur der Vossischen Zeitung Imperialismus und Friede. Raubkrieg und Revolution. Zum 10. Jahrestag des Kriegsausbruchs (1924) "gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung"
Friedrich Wilhelm Foerster 1869-1966 Philosoph, Pädagoge, Pazifist Schule und Charakter (1907) "gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat"
Siegmund Freud 1856-1939 Arzt, Begründer der Psychoanalyse Die Traumdeutung (1900), Zur Psychopathologie des Alltagslebens (1904), Das Unbehagen in der Kultur (1930) "gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens"
Ernst Glaeser 1902-1963 Schriftsteller, Mitarbeiter der Frankfurter Zeitung, Leiter des Südwestdeutschen Rundfunks Jahrgang 1902 (1928) "gegen Dekadenz und moralischen Verfall"
Werner Hegemann 1881-1936 Stadtplaner, Schriftsteller Das Steinerne Berlin (1930) "gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer großen Gestalten"
Erich Kästner 1899-1974 Schriftsteller Fabian. Die Geschichte eines Moralisten (1931), Pünktchen und Anton (1931), Das fliegende Klassenzimmer (1933) "gegen Dekadenz und moralischen Verfall"
Karl Kautsky 1854-1938 Philosoph, Politiker Die materialistische Geschichtsauffassung (1927) "gegen Klassenkampf und Materialismus"
Alfred Kerr 1867-1948 Schriftsteller, Theater- und Literaturkritiker für das Berliner Tageblatt und die Frankfurter Zeitung, politischer Kommentator für den Berliner Rundfunk Die Welt im Drama (1917), Die Welt im Licht (1920) "gegen dünkelhafte Verhunzung der deutschen Sprache"
Emil Ludwig 1881-1948 Schriftsteller Goethe, Geschichte eines Menschen (1920), Wilhelm der Zweite (1925/26), Bismarck (1926), Juli 14 (1929) "gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer großen Gestalten"
Heinrich Mann 1871-1950 Schriftsteller Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen (1905), Der Untertan (1918) "gegen Dekadenz und moralischen Verfall"
Karl Marx 1818-1883 Philosoph, Begründer des Kommunismus Das Kapital (1867-1894) "gegen Klassenkampf und Materialismus"
Carl von Ossietzky 1889-1938 Journalist, Schriftsteller Herausgeber der Zeitschrift "Die Weltbühne" "gegen Frechheit und Anmaßung"
Erich Maria Remarque 1898-1970 Schriftsteller Im Westen nichts Neues (1928) "gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkrieges"
Kurt Tucholsky 1890-1935 Schriftsteller Deutschland, Deutschland über alles (1929) "gegen Frechheit und Anmaßung"
Theodor Wolff 1868-1943 Journalist, Chefredakteur des Berliner Tageblatts Das Vorspiel (1924) "gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung"

Insgesamt richteten sich die Feuersprüche und die Bücherverbrennungen gegen alles, was dem NS-Weltbild widersprach: gegen vermeintliche jüdische Einflüsse, gegen die kulturelle und gesellschaftliche Moderne sowie gegen liberale, pazifistische, demokratische oder marxistische Ansichten.

Reaktionen

Die deutsche Presse folgte inhaltlich zu großen Teilen der offiziellen Propaganda und berichtete meist zustimmend von den Verbrennungsaktionen. Vorsichtig kritische Beiträge waren sehr selten.

Vonseiten der bayerischen Regierung engagierte sich v. a. Kultusminister Schemm, indem er am 4. Mai im Vorfeld der HJ-Kundgebungen die Bevölkerung aufrief, die bayerische Jugend zu unterstützen. Außerdem hielt er am Abend des 10. Mai eine der Reden beim Festakt in der LMU. Die Bücher, die in den bayerischen Bibliotheken auf seine Initiative hin als unerwünscht aussortiert und für die Ausleihe gesperrt worden waren, gab er jedoch nicht zur Verbrennung frei.

Auch Joseph Goebbels stand der Intention der Studenten grundsätzlich wohlwollend gegenüber und stellte sich bei der Verbrennungskundgebung auf dem Berliner Opernplatz am 10. Mai als Hauptredner zur Verfügung. Allerdings favorisierte er ein anderes Vorgehen und trieb die Institutionalisierung der Literaturlenkung durch die Einrichtung staatlicher Behörden voran. Auch andere Führungskräfte aus Reichsregierung und Partei hielten sich mit öffentlichen Kommentaren zurück. Eine längerfristige Verwertung der Bücherverbrennung in Presse und NS-Propaganda blieb weitgehend aus. Dies ist wohl auch auf die Sorge der neuen Regierung um ihre Reputation im Ausland zurückzuführen.

Die deutsche Exilpresse wie auch ausländische Zeitungen fanden meist deutliche Worte der Ablehnung und sahen in den Bücherverbrennungen ein beängstigendes Symbol für den Niedergang der deutschen Kultur. Die Verbrennungsaktionen trugen erheblich zum Ansehensverlust Deutschlands in der Welt bei.

Als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Texte, die die Bücherverbrennungen verurteilten, gilt der Aufruf "Verbrennt mich!" von Oskar Maria Graf (1894-1967). In der Annahme, mehrere seiner Werke stünden auf NS-Empfehlungslisten, verwahrte er sich vehement gegen seine Vereinnahmung und verlangte die Verbrennung auch seiner Bücher. Grafs Text erschien zuerst am 12. Mai 1933 in der Wiener "Arbeiter-Zeitung" und erfuhr in der Folge ein breites Echo. Bertolt Brecht (1898-1956), dessen Werke 1933 ebenfalls verbrannt wurden, widmete ihm einige Jahre später das Gedicht "Die Bücherverbrennung". Dass in der Folge Münchner Studenten Grafs Bücher in der Aula der LMU einer Sonderverbrennung zuführten, wie er selbst schilderte, ist allerdings nicht bewiesen.

Literatur

  • 70 Jahre Bücherverbrennung. Ausstellung im Bayerischen Landtag vom 7.-28. Mai 2003, München 2003.
  • Jan-Pieter Barbian, Die Arbeits- und Lebensbedingungen der Schriftsteller, in: Ernst Fischer/Reinhard Wittmann (Hg.), Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Bd. 3: Drittes Reich, Teil 1, Berlin 2015, 7-72.
  • Volker Bendig/Jürgen Kühnert, Die Münchner Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 und der NS-Studentenführer Karl Gengenbach, in: Christine Haug/Lothar Poethe (Hg.), Leipziger Jahrbuch zur Buchgeschichte 18 (2009), 347-364.
  • Rainer Ehm, 12. Mai 1933 – als in Regensburg Bücher brannten, in: Christian Kuchler/Bernhard Lübbers/Josef Memminger (Hg.), Bücherverbrennung in Regensburg, Regensburg 2013, 43-53.
  • Britta Marzi: "Barbarei" und "Mittelalter". Reaktionen der ausländischen Presse auf die Bücherverbrennungen in Deutschland 1933, in: Julius H. Schoeps/Werner Treß (Hg.), Verfemt und verboten. Vorgeschichte und Folgen der Bücherverbrennungen 1933, Hildesheim/Zürich/New York 2010.
  • Gerhard Sauder (Hg.), Die Bücherverbrennung. Zum 10. Mai 1933, München 2. Auflage 1983.
  • Julius H. Schoeps/Werner Treß (Hg.), Orte der Bücherverbrennungen in Deutschland 1933, Hildesheim/Zürich/New York 2008.
  • Hans-Wolfgang Strätz, Die geistige SA rückt ein. Die studentische "Aktion wider den undeutschen Geist" im Frühjahr 1933, in: Ulrich Walberer (Hg.), 10. Mai 1933. Bücherverbrennung in Deutschland und die Folgen, Frankfurt am Main 1983, 84-114.
  • Irene Struif, 'Jugendführer' Emil Klein - vom Parteimitglied der NSDAP zum Stabsleiter des Kultusministeriums, in: Marita Krauss (Hg.), Rechte Karrieren in München. Von der Weimarer Zeit bis in die Nachkriegsjahre, München 2010, 133-151.
  • Werner Treß, "Wider den undeutschen Geist!" Bücherverbrennung 1933, Berlin 2003.

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Weiterführende Recherche

Empfohlene Zitierweise

Jürgen Kühnert, Bücherverbrennungen (1933), publiziert am 13.5.2021; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Bücherverbrennungen_(1933)> (4.12.2021)





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