Bayerischer Stahlhelm, 1929-1935

Plakat des Stahlhelms aus dem Jahre 1929. Farblithographie von Ludwig Hohlwein. (Münchner Stadtmuseum, Sammlung Reklamekunst)
Auszug aus dem Jahrbuchkalender für den Stahlhelm-Kameraden, hg. v. Landesverband Bayern, München 1931.
Aufmarsch bayerischer Stahlhelmangehöriger im Berliner Lustgarten, vor 1933. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)

von Christoph Hübner

Der Bayerische Stahlhelm entstand 1929 durch den Zusammenschluss des reichsweit aktiven, 1918 gegründeten Wehrverbandes "Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten", der Reichsflagge, des Bundes Bayern und Reich sowie der Vaterländischen Bezirksvereine Münchens. Im selben Jahr fand der Reichsfrontsoldatentag in München statt. Der Wehrbund vertrat antirepublikanische, nationalistische Ziele, sein Symbol war die Reichskriegsflagge, seit 1925 mit einem Stahlhelm-Symbol in der Mitte. Reichsweit hatte der Stahlhelm als stärkster Wehrverband der Republik 1930 bis zu 500.000 Mitglieder. 1933 in "Nationalsozialistischer Deutscher Frontkämpferbund" umbenannt, wurde der Verband Anfang Dezember 1935 ganz aufgelöst und in die SA eingegliedert. Der nach 1945 wiederbegründete Stahlhelm blieb weitgehend bedeutungslos.

Der Stahlhelm als Magdeburger Gründung

Der "Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten" war am 25. Dezember 1918 in Magdeburg von den beiden Frontkämpfern Franz Seldte (1882-1947) und Theodor Duesterberg (1875-1950) zunächst vor allem als wirtschaftliche und soziale Interessenvertretung der Frontheimkehrer gegründet worden. Bis zum Sommer 1919 hatte er nur regionale Bedeutung. Um den Stahlhelm auf ganz Deutschland auszudehnen, gründete eine Frontsoldatenversammlung in Magdeburg am 20./21. September 1919 die offizielle Reichsorganisation des Bundes. Bald setzte auch – durch die Verstrickung in gegenrevolutionäre Aktivitäten – eine politische Rechtsentwicklung ein. Dabei betonte der Bund stets seine "Überparteilichkeit" und bewahrte infolge dessen auch eine strikte Neutralität in Fragen der Staatsform. Dahinter stand nicht zuletzt das erklärte Ziel, für Kriegsheimkehrer aller Schichten, gerade auch für die Arbeiterschaft, offenzustehen. Des Weiteren vertrat der Stahlhelm in politischen Fragen von Anfang an eine stark unitarische Linie mit dem Argument, dass nur auf diese Weise die außenpolitisch so bitter notwendige Einigkeit der Nation sichergestellt werden könne.

Der Stahlhelm in Bayern 1920 bis 1923

In Bayern hatte sich nach der Niederwerfung der Münchner Räterepublik seit dem Frühjahr 1919 eine Vielzahl kryptopolitischer rechter Wehrorganisationen gebildet, die sich zumeist ebenfalls aus ehemaligen Frontkämpfern zusammensetzten. Der Stahlhelm sah daher hier zunächst wenig Chancen auf Mitgliederwerbung. 1920 unterstellte sich zudem Seldte mit seinem Verband der Reichsorganisation der Einwohnerwehren, der Organisation Escherich, die von dem bayerischen Einwohnerwehr-Landeshauptmann Georg Escherich (1870-1941) geführt wurde. Der Stahlhelm wollte dabei Norddeutschland für den nationalen Gedanken gewinnen; in Bayern schienen die Verhältnisse ohnehin "gesund" zu sein. Die seit 1920 in Bayern, vor allem im protestantischen Franken und im eben erst bayerisch gewordenen Coburger Land bestehenden Ortsgruppen des Stahlhelms spielten daher absichtlich eine untergeordnete Rolle.

Nicht zuletzt die Verdrängung Escherichs aus der Nachfolgeorganisation der bayerischen Einwohnerwehr, dem Bund Bayern und Reich, führte dann zu einem verstärkten Engagement des Stahlhelms in Bayern. Dem Landesverband unter der Leitung von Major Carl Ritter von Wäninger (1877-1929) gelang allerdings auch in der Folgezeit kein entscheidender Durchbruch. Das katholische Altbayern war durch den Bund Bayern und Reich bereits flächendeckend erfasst, die radikale Rechte sammelte sich in den verschiedensten völkischen, radikal-konservativen Gruppen und Grüppchen. So konnte sich der Stahlhelm weiterhin nur in den Grenzregionen Bayerns ausbreiten, wo ihm der allgemein stärkere Einfluss außerbayerischer Kräfte zugute kam. Auf Grund der Schwäche seines Verbandes hielt sich Wäninger dann auch bei den Vorgängen im Herbst 1923 (Konflikt Bayern-Reich, Hitlerputsch) deutlich bedeckt – trotz der Versuche der Magdeburger Stahlhelm-Führung, in Berlin einflussreiche Kreise für die Errichtung einer nationalen Diktatur zu gewinnen.

Stahlhelm und Bund Bayern und Reich 1924 bis 1928

Nach dem gescheiterten Putschversuch vom 9. November 1923 erwies sich die bisherige Schwäche des Stahlhelms in Bayern plötzlich als Stärke. Er war in wesentlich geringerem Maße als die "alteingesessenen" bayerischen Verbände in die dilettantischen Pläne und Intrigen des Jahres 1923 verstrickt gewesen. Darüber hinaus erhob nun die Magdeburger Führung ab 1924 die allgemeine nationale Sammlung unter dem Stahlhelm-Banner gerade nach dem Scheitern der Pläne der Rechten von 1923 reichsweit zur Parole. In der Tat erfreute sich der Stahlhelm in der Folgezeit stark steigender Mitgliederzahlen und einer vergleichsweise soliden Finanzgrundlage. Die inzwischen passiv gewordenen, "alteingesessenen" Verbände Bayerns beäugten daher das Werben Wäningers zunehmend kritisch.

Die Führung des im Lande immer noch vorherrschenden Bundes Bayern und Reich versuchte eine Zeit lang, der Werbung des Stahlhelms gegenzusteuern, indem sie den Verband als "landfremd", "unitarisch" und "republikanisch" bezeichnete. Dies veranlasste Wäninger wiederholt zu öffentlichen Erklärungen, dass der bayerische Landesverband sich innerhalb des Stahlhelms "Reservatrechte" gesichert habe, um eine den besonderen bayerischen Verhältnissen angemessene Politik betreiben zu können. Dazu gehöre die prinzipielle Bejahung des "bayerischen Königsgedankens" wie auch des föderalistischen Prinzips, die hier, anders als in Norddeutschland, ihre spezifische Berechtigung hätten.

1928 sah der Bund Bayern und Reich schließlich auf Grund seines Mitgliederschwundes und der dauerhaft prekären finanziellen Situation keine Alternative mehr, als seinerseits dem Stahlhelm Anschlussverhandlungen anzubieten. Erste Gespräche zwischen der Stahlhelm-Bundesführung und dem Führer von Bayern und Reich, Otto von Stetten (1862-1937), scheiterten jedoch im Oktober 1928 an der Intransigenz der Magdeburger. Sie hatten darauf bestanden, dass trotz eines zahlenmäßigen Verhältnisses von ca. 40.000 Bayern und Reich-Mitgliedern zu nur 4.000 bayerischen Stahlhelmern erstere sich voll und ganz in den Landesverband Wäningers eingliedern sollten.

Die Fusion mit dem Bund Bayern und Reich zum eigenständigen "Bayerischen Stahlhelm"

Der plötzliche Tod Wäningers Anfang 1929 und die kompromissbereitere Haltung seines Nachfolgers Hermann Ritter von Lenz (1872-1959) ermutigte den Bund Bayern und Reich zu einer neuen Initiative. Dabei machte er allerdings den Erhalt seiner eigenen Strukturen innerhalb eines neu zu bildenden Verbands zur Conditio sine qua non. Unter Lenz' Einfluss stimmte Seldte nun am 9. April 1929 grundsätzlich den bayerischen Forderungen zu und stellte die Neugründung eines eigenen Bayerischen Stahlhelms in Aussicht, in den neben dem Bund Bayern und Reich auch der Bund Reichsflagge sowie der Verband der Vaterländischen Bezirksvereine Münchens als gleichberechtigte Glieder aufgenommen werden sollten. Die Verhandlungen kamen am 28. September 1929 zu einem endgültigen Abschluss, und der neue Verband konnte sich am 22. Februar 1930 in das bayerische Vereinsregister eintragen lassen.

Bereits im Juni 1929 war der Verhandlungserfolg durch die Abhaltung des 10. Reichsfrontsoldatentags des Stahlhelms in München öffentlichkeitswirksam gefeiert worden.

Der Konflikt mit dem Bayerischen Heimatschutz

Der Erfolg des norddeutschen Verbandes in Bayern blieb jedoch nicht ungetrübt. Schon während der ersten Verhandlungen zwischen Stahlhelm und Bund Bayern und Reich hatte kein Geringerer als Georg Escherich am 2. Dezember 1928 – die relative Schwäche der beiden Konkurrenten nutzend – eine neue, betont bayerisch-bodenständige Wehrorganisation gegründet, den Bayerischen Heimatschutz. Es zeigte sich nun bald, dass gerade die katholische Landbevölkerung Altbayerns und Schwabens, die die Hauptstütze von Bayern und Reich gewesen war, nicht bereit war, den Anschluss an die als "preußisch-protestantisch" und "städtisch-landfremd" verschrieene Magdeburger Wehrorganisation zu akzeptieren. Es kam zu einer Übertrittswelle vom Bund Bayern und Reich bzw. dem neuen Bayerischen Stahlhelm in den Bayerischen Heimatschutz.

Bei dieser neuen Frontstellung im Verbändelager spielte es auch eine Rolle, dass sich der katholische Klerus explizit gegen den Stahlhelm wandte. Die deutschen Bischofskonferenzen hatten bereits seit 1924 wiederholt vor dem Bund gewarnt und waren nun nicht gewillt, sein Vordringen in das katholische Kernland Bayern zu dulden. Diese Konfliktsituation spitzte sich bis 1933 weiter zu - nicht zuletzt durch die Wahlerfolge der Rechten sowie durch wiederholte antikatholische Ausfälle Lenz'. Dem Stahlhelm konnte daher der entscheidende Durchbruch in Bayern auch jetzt nicht gelingen. Ende 1932 besaß er im Land ca. 14.000 Gefolgsleute, denen ca. 40.000 Mitglieder des Bayerischen Heimatschutzes gegenüberstanden.

Der "Sieg" des Stahlhelms 1933

Mit der Einsetzung einer nationalsozialistischen Regierung in Bayern wendete sich am 9. März 1933 das Blatt. Noch am selben Tag nahm Lenz gemeinsam mit dem Reichskommissar Franz Xaver Ritter von Epp (1868-1947) und Gauleiter Adolf Wagner (1890-1944) vor der Feldherrnhalle in München die Parade der "siegreichen" Verbände von Stahlhelm und SA ab. Am 24. März 1933 verbot die neue Regierung dann alle anderen Wehrbünde in Bayern mit dem Argument, sie seien potenzielle Unruhefaktoren. Allerdings erwies sich auch dieser Sieg des Stahlhelms als Scheinsieg: Noch im Frühjahr 1933 erzwang Hitler auch seine Gleichschaltung. Der Bund fristete noch eine zweieinhalbjährige Scheinexistenz unter dem Namen Nationalsozialistischer Frontkämpferbund, bevor er am 4. Dezember 1935 endgültig aufgelöst wurde. Den größten Teil der Mitglieder übernahm bereits 1933/34 die SA.

Literatur

  • Volker R. Berghahn, Der Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten, 1918-1935 (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien 33), Düsseldorf 1966.
  • Hans Fenske, Konservativismus und Rechtsradikalismus in Bayern nach 1918, Bad Homburg u. a. 1969.
  • Alois Klotzbücher, Der politische Weg des Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten, in der Weimarer Republik. Ein Beitrag zur Geschichte der nationalen Opposition, Diss. phil. Erlangen 1965.
  • Horst G. W. Nußer, Konservative Wehrverbände in Bayern, Preußen und Österreich 1918-1933. Mit einer Biographie von Forstrat Georg Escherich 1870-1941. 2 Bände, München 1973.
  • Wieland Vogel, Katholische Kirche und nationale Kampfverbände in der Weimarer Republik (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte B 48), Mainz 1989.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Christoph Hübner, Bayerischer Stahlhelm, 1929-1935, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Bayerischer Stahlhelm, 1929-1935> (17.11.2017)