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Werdenfels, Grafschaft

Grafschaft Werdenfels, Ausschnitt aus der Karte "Accurata Delineatio Episcopatus Frisingensis" von Matthäus Seutter (1678-1757), Augsburg um 1750. (bavarikon) (Bayerische Staatsbibliothek, 2 Mapp. 8-3,1#52)

von Johannes Haslauer

Die Grafschaft Werdenfels bildete sich im Kern auf der Grundlage des frühmittelalterlichen Klosters Scharnitz-Schlehdorf, einem bischöflichen Eigenkloster, aus. Ausgehend von Urbarsbesitzungen konnten die Freisinger Bischöfe im 13. Jahrhundert durch Erwerb adeliger Herrschaftsrechte ein geschlossenes Territorium bilden. Verwaltungsmittelpunkt war bis 1630 die namensgebende Burg Werdenfels. 1802 fiel die Grafschaft im Zuge der Mediatisierung an Bayern.

Frühmittelalterliche Grundlegung: das Kloster Scharnitz-Schlehdorf als Ausgangspunkt der Herrschaftsbildung

Karte der Grafschaft Werdenfels, aus: Franz J.J. Reilly (Hg.): Schauplatz der Fünf Theile der Welt, Bd. II, Wien 1791, fol. 39v. (Bayerische Staatsbibliothek, 4 Mapp. 90 m-2,1)

Die quellenmäßig fassbare Erschließungs- und Herrschaftsgeschichte des Raums setzt mit der Gründungswelle von Klöstern im späten 8. Jahrhundert ein. 763 statteten die Brüder Reginpert und Irminfried, die der Adelsfamilie der Huosi zugerechnet werden, das von ihnen begründete Kloster in der Scharnitz mit Besitz aus, unter anderem mit dem als verlassen bezeichneten Walchengau ("Uualhogoi") mit dem Kochelsee und Orten südlich des Sees (Hofheim [Gde. Spatzenhausen, Lkr. Garmisch-Partenkirchen], Schlehdorf [Lkr. Bad Tölz-Wolfratshausen], Sindelsdorf [Lkr.Weilheim-Schongau]). Der Standort des Klosters galt als einsam ("in solitudine Scarantiense"). Ob das Kloster im heutigen Ort Scharnitz (Tirol), in Mittenwald oder in Klais (Gde. Krün, beide Lkr. Garmisch-Partenkirchen) – wo Grabungen die Fundamente einer Steinkirche zutage brachten – stand, konnte die Forschung nicht mit Sicherheit klären. Bis ins späte Mittelalter stand die Bezeichnung Scharnitz für das große Waldgebiet vom Seefelder Sattel über das obere Isartal und das Verbindungstal der Kanker bis hinüber nach Partenkirchen. Der Raum war durch die um 200 n. Chr. durch das römische Reich ausgebaute Zweitroute der Via Claudia Augusta, die das römische Augsburg mit Oberitalien verband, erschlossen.

Schon wenige Jahre nach der Gründung verlegte man das Kloster nach Schlehdorf. Im Diözesanbereich des Freisinger Bischofs gelegen wurde es spätestens mit dem Episkopat Bischof Attos (reg. 783-811) ein bischöfliches Eigenkloster. Die Besitzungen des Klosters im Umfeld des ursprünglichen Standorts wurden zur Grundlage für den Herrschaftsaufbau der Bischöfe von Freising in der Region. Freisings Diözesanrechte erstreckten sich bis hinein in das spätere Tirol. Bereits im Jahr 802 ist Besitz des Klosters Schlehdorf in Garmisch nachgewiesen. Nach einer Phase des Niedergangs begründete Bischof Otto I. (reg. 1138-1158) Schlehdorf als Augustinerchorherrenstift wieder. Ganz offensichtlich blieben dabei Teile der einst klösterlichen Besitzmasse beim Bischofsstuhl. Im ersten Hochstiftsurbar aus der Zeit um 1170 erscheint Schlehdorf als Hauptort eines Urbaramts, in dem unter anderem bischöflicher Besitz in Partenkirchen und Mittenwald verwaltet wird.

Adelige Herrschaftsbildung und Übergang an die Freisinger Bischöfe

Valentin Gappnigg (1661/62-1736): "Hochfürsst: Freising Grafschafft Werdenfels", Blick auf das Loisachtal und das Kramergebirge mit dem Markt Partenkirchen (A; rechts), dem Dorf Garmisch (F; links), der Ruine der Burg Werdenfels (G; rechts hinten), von Osten aus betrachtet, Vedute aus dem Freisinger Fürstengang-Zyklus (1696-1702), 1701. (Diözesanmuseum Freising P 373, Foto: Walter Bayer)
Valentin Gappnigg (1661/62-1736): Schwaige Wang, Sitz der Pflegsverwaltung (1632-1752), mit dem dahinterliegenden Schlossberg und der Ruine des Schlosses Werdenfels (rechts oben), Vedute aus dem Freisinger Fürstengang-Zyklus (1696-1702), 1700.(Diözesanmuseum Freising P 383, Foto: Walter Bayer)

Neben den Bischöfen von Freising war im beginnenden Spätmittelalter der Adel herrschaftsbildend tätig, allen voran die seit Anfang des 13. Jahrhunderts in den Quellen greifbaren Grafen von Eschenlohe. Sie treten im 12. Jahrhundert mit ihrem Herrschaftsmittelpunkt, der gleichnamigen Burg an der Loisach (Gde. Eschenlohe, Lkr. Garmisch-Partenkirchen), ans Licht der Geschichte. Anfang des 13. Jahrhunderts konnten sie als Lehensvasallen mit der Grafschaft Hörtenberg auch in das Oberinntal ausgreifen, bis Graf Meinhard II. von Tirol (reg. 1257-1295) in den 1280er Jahren diesen Besitz an sich brachte.

Im 13. Jahrhundert gelang es den Bischöfen von Freising, die zwei vom Adel an oberer Loisach und Isar ausgeformten Herrschaftskomplexe zu erwerben. Bischof Konrad I. (reg. 1230-1258) kaufte 1249 von dem welfisch-staufischen Ministerialen Schweiker von Mindelberg den Besitz- und Herrschaftskomplex (predium) Garmisch. Dazu gehörten neben Gütern, Leuten und Nutzungen die heute nicht mehr sicher lokalisierbare Burg Falkenstein, eine Befestigung bei Farchant (Lkr. Garmisch-Partenkirchen) sowie die hohe Gerichtsbarkeit (ius iudicandi). Die Entstehungsgeschichte des predium Garmisch konnte die Forschung bislang nicht erhellen.

Graf Berthold III. von Eschenlohe (reg. 1204-1260), der letzte männliche Vertreter der Familie, verkaufte Bischof Emicho (reg. 1283-1311) im Jahr 1294 die Grafschaften Partenkirchen und Mittenwald, die im Kaufbrief erst- und auch letztmals als Herrschaftsgebilde Erwähnung finden. Die in der Urkunde erstmals erwähnte Burg Werdenfels, zwischen Farchant und Garmisch am linken Loisachufer gelegen, bestimmte das Hochstift zum Sitz der örtlichen Verwaltung. Sie wurde namensgebend für die mit dem Garmischer Gebiet vereinigte bischöfliche Herrschaft, die das Hochstift künftig als "Grafschaft Werdenfels" bezeichnete. Die nördlicher gelegenen Teile seines Besitzes mit der Stammburg Eschenlohe gingen vom letzten Grafen von Eschenlohe an das Hochstift Augsburg über, von dem sie erst käuflich an Kaiser Ludwig (reg. 1314-1347, seit 1328 Kaiser) gelangten und von diesem als Schenkung an das Kloster Ettal (Lkr. Garmisch-Partenkirchen). Sie bildeten künftig den südlichsten Teil des benachbarten Gerichts Murnau im Klostergericht Ettal.

Die Grafschaft Werdenfels blieb bis zur Säkularisation Teil des Hochstifts Freising. Sie stellt somit einen Ausnahmefall im Raum des Herzogtums bzw. Bayern dar, wurde doch hier eine spätmittelalterliche Adelsherrschaft zur Grundlage eines reichsunmittelbaren Territoriums, das über 500 Jahre hinweg Bestand haben sollte. Die Grafschaft galt in der Selbsteinschätzung des Hochstifts als sein bedeutendstes Territorium.

Baugeschichtlicher Befund der Burg Werdenfels

Grundriss der Burg Werdenfels mit eingetragenen Bauphasen. (Büro für Burgenforschung Dr. Joachim Zeune, 1999, nach H. Wurzler mit Ergänzungen von H. Spichtinger)

Die wenig wehrhafte Bauweise der auf einem Bergausläufer über dem Loisachtal liegenden Burg Werdenfels (heute Ruine) legt vor allem eine repräsentative Funktion nahe. Angesichts von Substanzverlusten (Abbrüche ab 1674), fehlenden archäologischen Untersuchungen und verunklarenden Sanierungsmaßnahmen (1905/06, 1961-63) konnte die Baugeschichte nicht zweifelsfrei geklärt werden. Die Entstehung der durch Palas und Bergfried geprägten, nahezu quadratischen Hauptburg wird grob auf die Mitte des 13. Jahrhunderts datiert. Die moderne Bauforschung revidierte seit ca. 1970 ältere, zu wenig am baulichen Bestand orientierte Rekonstruktionen. Es wird angenommen, dass die Hauptburg um die Wende zum 15. Jahrhundert in zwei Phasen um die heute noch ablesbare, innere und äußere Vorburg ergänzt wurde. Im Umfeld der Burg konnten - wohl mittelalterliche - Kalkherstellungsanlagen lokalisiert werden.

Grenzbildung als Prozess der Festigung

Felsmarke zur Kennzeichnung der Landesgrenze zu Tirol an der Zugspitze (unterhalb der Riffelwand), 1654/1766. (Foto: Johannes Haslauer)

Nach dem Erwerb von 1294 ließen die Bischöfe die neue Besitzung in den Urbaren von 1305 und 1316 beschreiben. Die dabei festgehaltenen Grenzen der Grafschaft definierte Ansprüche, die schon im 14. Jahrhundert mit jenen der Grafschaft Tirol und des Herzogtums Bayern kollidierten. Unklarheiten bestanden vor allem in den wenig besiedelten Gebirgsregionen von Wetterstein und Karwendel, wo sich Weiderechte sowie Forst- und Wildbann überschnitten.

Nach langen Grenzstreitigkeiten bildete ein im Jahr 1500 zwischen Bischof Philipp von Freising (reg. 1498–1541) und König Maximilian I. (reg. 1486-1519, Kaiser seit 1508) als Landesherr von Tirol geschlossener Grenzvertrag den Auftakt zu einer Reihe vertraglicher Vereinbarungen mit den Nachbarn über die Grenzen (mit Bayern: 1539, 1554, 1721, 1726, 1736; mit Tirol: 1629, 1652/54/56, 1766/68). Die habsburgischen Regenten über die Grafschaft Tirol rechneten Werdenfels zum bayerischen Einflussbereich. Sie konnten das Territorium in einer mehrstufigen Entwicklung bis in die strategisch wichtige Scharnitzenge vorschieben, wo Tirol im Dreißigjährigen Krieg unter Duldung des Hochstifts eine Befestigung errichtet hatte (Porta Claudia). Nachdem das Karwendeltal seit dem Vertrag von 1656 durch die tirolische Grenzbefestigung vom natürlichen Zugang abgeschnitten war, trat Freising 1766 die Landeshoheit darüber ab. Das Tal bildete künftig nur noch einen Niedergerichtssprengel des Hochstifts in Tirol. Die damit vereinbarte Grenze zwischen Tirol und Werdenfels sollte dauerhaften Bestand haben, auch in der Zeit nach der Säkularisation. Bayern konnte vor allem die hochstiftischen Ansprüche entlang von Isar und Loisach zurückdrängen und die Grafschaft auch vom Walchensee fernhalten.

Verpfändung, Tauschverhandlungen und fremde Hoheitsrechte

Im 15. Jahrhundert verpfändeten die Bischöfe die Grafschaft zweimal für kurze Zeit, unter anderem an die bayerischen Herzöge (1423-1425). Bemühungen Kaiser Maximilians I. und Herzog Wilhelms IV. von Bayern (reg. 1508-1550), die Grafschaft auf dem Tauschweg zu erwerben, scheiterten. Dass Werdenfels in der Interessenssphäre Bayerns lag, ist insbesondere durch die herzogliche Zollstation begründet, die sich seit der bayerischen Landesteilung von 1392 in Mittenwald nachweisen lässt. Auch wenn die Grafschaftsuntertanen für Güter des Eigenbedarfs von den Abgaben befreit waren, war die exterritoriale Station Ursache vieler Auseinandersetzungen, die im 18. Jahrhundert zu vertraglichen Vereinbarungen führten (1718, 1765). Das seit dem 16. Jahrhundert zwischen Bayern und Freising umstrittene Geleitrecht durch die Grafschaft gestand Bischof Veit Adam (reg. 1618-1651) Kurbayern 1639 vertraglich zu.

Grundherrschaftliche Verhältnisse

Um 1300 erwarb das Hochstift noch grundherrliche Rechte in der Grafschaft von Adeligen, betrieb dann aber keine konsequente Arrondierungspolitik mehr. Eine Ausnahme stellt der Kauf der Schwaigen in Krün und Wallgau vom Kloster Benediktbeuern im Jahr 1491 dar, wodurch das Hochstift seine grundherrliche Präsenz im oberen Isartal stärkte. In der von der Forschung ausgewerteten Steuerbeschreibung von 1678 waren 887 Anwesen erfasst, die nicht nach dem bayerischen Hoffuß, sondern nach Gesamtwert veranschlagt waren. Nur 80 der Anwesen unterstanden einer Grundherrschaft, die meisten davon dem Hochstift (29). Als weitere Grundherren traten oberbayerische Prälatenklöster, werdenfelsische Kirchenstiftungen und Gemeinden auf. Der weitaus größte Teil der Anwesen galt als freieigen. Ein Teil der Freieigner stand in Lehensbeziehungen zum Bischof, die möglicherweise aus der Belehnung von 72 Mann zur Landschranne herrührten, sich in der frühen Neuzeit aber auf abgabenrechtliche Besonderheiten beschränkten. Die Grafschaft zählte laut einer Beschreibung im Jahr 1624 etwa 4800 Bewohner, 1802 etwa 5200.

Die lokale Hochstiftsverwaltung

Foto des von 1750 bis 1752 errichteten Pflegamtsgebäudes in Garmisch (Mitte) und des später umgebauten hochstiftischen Brauhauses (rechts und links hinten), Foto von August Beckert um 1890. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv ansi-005870)

Wichtigster bischöflicher Amtsträger war der Pfleger, der - neben einem Burghüter - als procurator bereits im Hochstifturbar von 1305 Erwähnung findet. Er war für die Gerichtsbarkeit und die Verwaltung der grundherrlichen Rechte zuständig. Der Pfleger entwickelte sich im Spätmittelalter zum Träger der Gebots- und Gerichtsgewalt sowie der weiteren landesherrlichen Rechte wie Jagd, Forsthoheit, Fischerei und Geleit. Im Elich Taiding, das auf 1431 datiert, ließ die Hochstiftsverwaltung auf der Grundlage einer Rechtsbefragung dessen Rechte ebenso aufzeichnen wie die alten Rechtstraditionen, die in der Grafschaft galten.

In der 1598 beginnenden Amtszeit des Pflegers Lorenz Wensin von Rohlstorf zu Kronwinkel (gest. 1626), der zugleich in Diensten des bayerischen Herzogs stand, lässt sich erstmals eine konsequente Ausübung der Amtsgeschäfte durch Pflegsverwalter beobachten. Allerdings führten die Pfleger bis zur Trennung in Hauptpflege und Pflegsverwaltung 1748 die Geschäfte in der Regel wieder selbst. Der Pfleger übte die Oberaufsicht über die anderen in Werdenfels tätigen Beamten aus. Er war gegenüber den Zentralbehörden des Hochstifts zur jährlichen Rechnungslegung verpflichtet und stand auch in exekutiven Fragen in engem Kontakt zu Hofrat und Hofkammer. Die Bischöfe waren in sehr unterschiedlicher Häufigkeit und zu verschiedenen Zwecken in der Grafschaft präsent – von der Huldigung (1696) bis hin zum Jagdvergnügen (z. B. Johann Franz Eckher von Kapfing und Liechteneck [reg. 1695-1727]). Bis 1630 befand sich der Amtssitz des Pflegers auf der Burg Werdenfels, anschließend in der darunter liegenden Schwaige Wang, bis das Hochstift 1752-54 ein Amtshaus in Garmisch errichten ließ. Teil der Pflegerbesoldung waren die Erträge aus der zum Amt gehörenden Schwaige Wang mit See, Alm und Wald. Die Pfleger stammten in der Regel aus Familien des bayerischen Landadels, die dem Hochstift oftmals durch die Stellung von Domkapitularen oder Beamten verbunden waren.

Die lokale Hochstiftsverwaltung differenzierte sich ab dem ausgehenden 16. Jahrhundert aus. Mit der Einhebung des 1595 im gesamten Hochstift eingeführten Ungelts betraute das Hochstift in der Grafschaft einen eigenen Ungeltbeamten. Das ab 1598 durch Amtsrechnungen nachweisbare Waldmeisteramt war für alle Fragen der Waldnutzung zuständig. Es wurde von Waldknechten in der Fläche vertreten. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts stellte das Hochstift beim Pflegamt einen Gerichtsschreiber und einen Amtmann ein, so dass sich der Rückgriff auf Amtleute der drei kommunalen Untergerichte erübrigte. Etwa gleichzeitig verselbständigte sich das Kastenamt. Bis Ende des 18. Jahrhunderts baute das Hochstift die dem Pflegamt unterstehende Jägerei aus, die ihre Wurzeln in dem laut Elich Taiding von 1431 über den Wildbann wachenden "waidlechner" (eines bischöflichen Lehensmannes) besitzt. 1653 gründete der wittelsbachische Fürstbischof Albrecht Sigismund (reg. 1652-1685) das herrschaftliche Brauhaus in Garmisch, das zu einer bedeutsamen Einnahmequelle wurde. Viele der Ämter wurden in unterschiedlichen Konstellationen in Personalunion ausgeübt.

Kommunale Gerichtsgremien

In den drei Hauptorten Garmisch, Partenkirchen und Mittenwald entwickelten sich im 14. Jahrhundert Organe der kommunalen Selbstverwaltung. Je ein Richter und die zwölfköpfigen Räte wurden von den Gemeinden gewählt. Sie bildeten die Untergerichte, denen die umliegenden kleineren Siedlungen zugeordnet waren. Die Untergerichte übten das Niedergericht und die freiwillige Gerichtsbarkeit aus, wobei es in der frühen Neuzeit wiederholt zu Kompetenzstreitigkeiten mit dem Pflegamt kam. Bis Anfang des 17. Jahrhunderts verdrängte die Regierung die Untergerichte aus der niederen Strafgerichtsbarkeit und beschränkte ihre Zuständigkeit auf die Hauptorte, so dass sie sich zu typischen Marktgerichten entwickelten. In so genannten Freiheitsbriefen bestätigte die Regierung in der frühen Neuzeit die Rechte der Untergerichte.

Die älteste Tradition wies das Untergericht Garmisch auf. Es absorbierte die Funktion der in Garmisch zusammentretenden, mittelalterlichen Landschranne, so dass der Unterrichter in der frühen Neuzeit als Landrichter und die Räte als Urteilssprecher amtierten. Sie waren für den Gerichtsspruch zuständig, waren aber eingebunden in ein herrschaftlich geleitetes Gerichtsverfahren. Den Übergang vom alten Schrannengericht mit 72 Beisitzern zum Landgericht Garmisch als Gerichtskörper dürften die Hexenprozesse Ende des 16. Jahrhunderts herbeigeführt haben, als die Gemeinden auf ein kleineres Gerichtsgremium drängten.

Die kirchliche Organisationsstruktur

Kirchliches Zentrum der Grafschaft war die Pfarrei Garmisch, zu der zu Beginn des 14. Jahrhunderts die gesamte Grafschaft gehörte. Erst spät verselbständigten sich weitere Kirchen zu Pfarreien, wobei sich der Bischof das Besetzungsrecht sichern konnte (Mittenwald 1599, Partenkirchen 1672). Weitere Filialgemeinden in der Grafschaft strebten nach größerem Gewicht, konnten sich aber vor der Säkularisation nicht mehr zu eigenständigen Pfarreien entwickeln.

Die wirtschaftlichen Standbeine: Land- und Forstwirtschaft sowie Handels- und Transportwesen

Verkehrswege in der Grafschaft Werdenfels. (Karte: Ausschnitt aus: Topographischer Atlas vom Königreiche Baiern diesseits des Rhein, München 1812-1867, Blatt 97 Mittenwald; Gestaltung: Stefan Schnupp)

Die Grundlage des Wirtschaftslebens bildete die Land- und Forstwirtschaft, insbesondere auch die Almwirtschaft. Während die Grafschaft durch die Grenzverschiebungen Einbußen an agrarischen Nutzungsrechten erlitt, fand bis hinein in die frühe Neuzeit durch Rodung eine Ausweitung der landwirtschaftlich genutzten Flächen statt. Auf der Grundlage von Holzbezugsrechten entwickelte sich eine rege Flößereitätigkeit der Grafschaftsuntertanen auf Isar und Loisach. Um die herrschaftlichen Interessen bei der Waldnutzung sicherzustellen und der Verödung der Wälder vorzubeugen, erließ die Hochstiftsregierung Waldordnungen zur Regulierung der Holzentnahme.

Die in der Antike angelegte Fernstraße durch das Gebiet war Schlagader für das Wirtschaftsleben auch im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Im System der Verkehrswege zwischen Augsburg und Venedig bildete sie die "untere Straße" (Venedig – Treviso – Piave- und Pustertal – Brenner – Scharnitzpass – Augsburg). Zu Zeiten des aufblühenden Transits über die Alpenpässe privilegierte König Albrecht I. (reg. 1298-1308), dem der Freisinger Bischof Emicho verwandtschaftlich und politisch nahestand, Partenkirchen mit dem Marktrecht (höchstwahrscheinlich im Jahr 1303). Für Mittenwald wird dieses zwei Jahre später erstmals erwähnt.

Der Aufstieg der an der Straße liegenden Orte zu Beginn des 14. Jahrhunderts dürfte politisch vor dem Bedeutungszuwachs der unteren Straße zu sehen sein, da die durch das Etschtal führende obere Straße durch politische Auseinandersetzungen im oberitalienischen Raum und um das Hochstift Trient beeinträchtigt war. Garmisch, das etwas abseits der Fernstraße lag, konnte sich eine Beteiligung am Rottsystem erstreiten und erhielt 1455 marktähnliche Rechte (Fleischbank, Laden, Taferne) verliehen, Jahrmärkte dagegen erst 1752. Teile der Bevölkerung konnten direkt vom Handel auf der Fernstraße profitieren. In Partenkirchen und Mittenwald übernahmen genossenschaftlich organisierte Untertanenverbände im Rahmen des transalpinen Rottfuhrwesens die Kurzstreckenfrächterei zu den jeweils nächstgelegenen Stationen (Seefeld/Zirl – Mittenwald – Partenkirchen - Oberammergau).

Für die im 19. Jahrhundert durch die lokale Forschung aufgestellte Behauptung, dass die venezianischen Kaufleute während der Auseinandersetzung der Lagunenstadt mit Tirol im Jahr 1487 ihren Hauptumschlagplatz von Bozen nach Mittenwald – als ersten nördlich der Grenzen Tirols gelegenen Marktort – verlegt hätten, gibt es keine stichhaltigen Belege, wie die neuere Forschung gezeigt hat. Vielmehr dürfte der Marktort vom allgemeinen Aufschwung des Verkehrs auf der unteren Straße, die Bozen nicht berührte, profitiert haben. Herzog Albrecht IV. von Bayern (reg. 1465-1508) verbesserte durch den Ausbau der Kesselbergstraße 1492 die Anbindung Münchens an die untere Straße und an den aufblühenden Markt Mittenwald. Nach einer Blütezeit im 16. Jahrhundert litten die Rottgemeinschaften im 17. und 18. Jahrhundert unter der Verlagerung der Warenströme vom Mittelmeer zum Atlantik und den steigenden Anforderungen an die Transportgeschwindigkeit. In der Folge gelangte in Mittenwald der Geigenbau zur Blüte. Ein hoher Anteil von Grafschaftsuntertanen zog als Händler und Hausierer in die Ferne. Im Gefolge der kurbayerischen Verkehrspolitik baute das Hochstift in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert die durch die Grafschaft führenden Hauptverkehrsstraßen zu Chausseen aus. Dadurch konnte aber nicht verhindert werden, dass 1775 die bislang über Mittenwald führende Route der Taxispost zwischen München und Rosenheim auf die Inntalroute verlegt wurde.

Unerfüllte Hoffnungen und konkurrierende Ansprüche: Bergbau

Hinweise auf Bergbau finden sich in der Grafschaft ab dem beginnenden 15. Jahrhundert. Schon 1426 ist das Interesse der bayerischen Herzöge an einer Beteiligung nachweisbar. 1477 beanspruchte Herzog Albrecht IV. nach dem Auffinden von Silberadern zwar das Bergrecht, allerdings entwickelte sich kein dauerhafter Abbau. Herzog Albrecht IV. zählte die Grafschaft zum Geltungsbereich seiner 1489 erlassenen Bergwerksordnung. Bis ins 16. Jahrhundert bemühten sich die Herzöge, zumindest formal ihren Bergrechtsanspruch aufrecht zu erhalten. Die Fürstbischöfe übten das Recht jedoch bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts hinein unbehelligt aus. Langfristige Abbauunternehmungen kamen nie zustande, waren doch den werdenfelsischen Bergwerken die Abbaubedingungen, die Qualität der Erze und die Konkurrenz durch den bayerischen und tirolischen Bergbau abträglich. Von größerer Bedeutung war lediglich der Abbau von Eisenerz auf der Hammersbacher Alm von 1731 bis 1745 durch eine Gewerkschaft des Freisinger Bischofs und des Klosters Ettal. In dessen Folge entstanden in Schmölz (Gde. Grainau, Lkr. Garmisch-Partenkirchen) ein Schmelzofen mit Hammerwerken und einem Verwaltungsgebäude.

Mediatisierungsversuch Kurbayerns 1765-1768 und Übergang an Bayern 1802

Ausgelöst durch die Einigung des Freisinger Fürstbischofs mit Kaiserin Maria Theresia (reg. 1745-1765) über die Abtretung des Karwendeltals versuchte der bayerische Kurfürst Max III. Joseph (reg. 1745-1777) dem Hochstift 1765 bis 1768 die Landeshoheit über die Grafschaft streitig zu machen. Die Berater des Kurfürsten, die rechtsgeschichtliche Denkfiguren aus dem Kreis der neugegründeten kurfürstlichen Akademie der Wissenschaften zur Anwendung brachten, stützten sich dabei vor allem auf den bayerischen Anspruch auf das Bergrecht. Mit einem Prozess vor dem Reichshofrat konnte das Hochstift den Angriff, der vor dem Hintergrund der staatskirchlichen Politik Kurbayerns und der Rivalität zu Habsburg zu sehen ist, erfolgreich abwehren. Nach Jahrzehnten der Koexistenz besetzte Kurbayern die Grafschaft im Zuge der Mediatisierung des Hochstifts Freising im Sommer 1802 militärisch und nahm sie Anfang Dezember förmlich in Besitz.

Archivische Überlieferungssituation

Die wichtigste archivalische Überlieferung zur Grafschaft findet sich in den zentralbehördlichen Beständen des Hochstifts Freising im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, wo auch ein (allerdings relativ kleiner) provenienzreiner Bestand "Pfleggericht Werdenfels" vorhanden ist. Während der Bestand Gerichtsurkunden (GU) Werdenfels inzwischen in die ursprünglichen Provenienzen zurückgeführt ist, befinden sich die einschlägigen Akten der Zentralbehörden zum größten Teil noch in den Pertinenzbeständen "Gerichtsliteralien Faszikel" (GL Fasz.) und Hochstiftsliteralien (HL Freising bzw. HL 3, HL 3 Rep. 53 und HL 3 Rep. 54). Die Überlieferung der Pfleggerichtsrechnungen setzt Ende des 15. Jahrhunderts ein, die der Pfleggerichtsprotokolle 1604. Kleine Teile des hochstiftischen Verwaltungsschriftguts mit Betreffen zur Grafschaft flossen in die Heckenstaller-Sammlung des Archivs des Erzbistums München und Freising ein. Die Marktarchive Garmisch-Partenkirchen und Mittenwald verwahren umfangreiches kommunales Schriftgut aus der hochstiftischen Zeit.

Literatur

  • Josef Brandner, Farchanter Drei-Föhren-Chronik, Farchant 1979 (chronikalische Darstellung).
  • Josef Brandner/Heinrich Spichtinger, Rund ums Landl. Altwerdenfelser Grenzsteine und Felsmarchen. Geschichte, Denkmäler, Geschichten, Garmisch-Partenkirchen 1993 (populärwissenschaftliche Darstellung).
  • Christoph Haidacher, Tirol und die Grafschaft Werdenfels, in: Hubert Glaser (Hg.), Hochstift Freising. Beiträge zur Besitzgeschichte (Sammelblatt des Historischen Vereins Freising 32), München 1990, 255-269.
  • Johannes Haslauer, "Errichtet um allen Nachbarn Verdruss zu machen". Die Rolle der Bayerischen Akademie der Wissenschaften im politischen Streit um die Grafschaft Werdenfels (1765-1768), in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 72 (2009), 399-459.
  • Johannes Haslauer, Die Verleihung des Marktrechts an Partenkirchen durch König Albrecht I. Infrastrukturförderung im territorialpolitischen Beziehungsgeflecht der spätmittelalterlichen Grafschaft Werdenfels (Hochstift Freising), in: Mohr, Löwe, Raute. Beiträge zur Geschichte des Landkreises Garmisch-Partenkirchen 11 (2006), 17-73.
  • Reinhard Heydenreuter, Strafrechtspflege in den bayerischen Besitzungen des Hochstifts Freising, in: Hubert Glaser (Hg.), Hochstift Freising. Beiträge zur Besitzgeschichte (Sammelblatt des Historischen Vereins Freising 32), München 1990, 217-228.
  • Ignaz J. Hibler, Geschichte des oberen Loisachtales und der Grafschaft Werdenfels. Auf Grund urkundlichen Materials verfaßt und mit Illustrationen versehen, Garmisch 1908.
  • Hans-Dirk Joosten (Hg.), Via Claudia - Stationen einer Straße (Schriften des Freilichtmuseums des Bezirks Oberbayern 24), Großweil 2000.
  • Susanne Kornacker, Das "goldene Landl": die Grafschaft Werdenfels, in: Peter Pfister (Hg.), Freising in Europa. Von den europäischen Verbindungen des Erzbistums München und Freising, München 2005, 88–97.
  • Gerhard Kriner, Von Gerven zu Krün. Von der Schwaige zum Dorf. Siedlungsgeschichte des oberen Isartales und Entwicklung des Werdenfelser Dorfes Krün, Krün 1994 (populärwissenschaftliche Darstellung).
  • Josef Ostler/Michael Henker/Susanne Bäumler (Hg.), Grafschaft Werdenfels 1294-1802. Katalogbuch zur Ausstellung vom 30.7.-4.9.1994 im Kurhaus Garmisch (Mohr, Löwe, Raute. Beiträge zur Geschichte des Landkreises Garmisch-Partenkirchen 2), Garmisch-Partenkirchen 1994.
  • Florian Sepp, Die Kirchengeschichte des Werdenfelser Landes, Kirchen, Pfarreien, Seelsorge im Wandel der Zeiten, in: Andreas Libel (Hg.), Kirche historisch gegenwärtig. Garmisch und seine Filialen (Mohr, Löwe, Raute. Beiträge zur Geschichte des Landkreises Garmisch-Partenkirchen 15), Garmisch-Partenkirchen 2013, 5-31.
  • Reinhard Stauber, Grenzen und Landeshoheit der Grafschaft Werdenfels, in: Erwin Riedenauer (Hg.), Landeshoheit. Beiträge zur Entstehung, Ausformung und Typologie eines Verfassungselements des Römisch-Deutschen Reiches (Studien zur bayerischen Verfassungs- und Sozialgeschichte 16), München 1994, 176-192.
  • Wolfgang Wüst, "Kronenwechsel" 1802/03: Das Ende der Grafschaft Werdenfels im Hochstift Freising. Politischer, ökonomischer und kultureller Umbruch vor 200 Jahren, in: Oberbayerisches Archiv 127 (2003), 151-180.

Quellen

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Werdenfelser Land

Empfohlene Zitierweise

Johannes Haslauer, Werdenfels, Grafschaft, publiziert am 26.04.2016; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Werdenfels,_Grafschaft> (15.11.2018)