Rodung

Wald- und Rodungsflächen in Bayern um 900 n. Chr. Erläuterung der Farben: Dunkles Blau steht für den Waldbestand gegen Ende des 19. Jahrhunderts, das etwas hellere Blau für den seit etwa 900 n. Chr. gerodeten Wald, das helle Blau für den vor 900 n. Chr., v. a. im 8. und 9. Jahrhundert gerodeten Wald, das dunkle Pink für Eis- und Felsregionen des Hochgebirges, das hellere Pink für natürliche Hochweiden oberhalb der Baumgrenze, die weißen Flächen für Siedlungsräume in frühgeschichtlicher Zeit, das dunkle Gelb für am Ende des 19. Jahrhunderts noch sumpfig-mooriges Gelände bzw. eingeschränkte Überschwemmungsgebiete der Ströme, das hellere Gelb für ehemaliges Sumpfgelände bzw. natürliches Überschwemmungsgebiet der Flüsse (diese Erläuterungen gelten auch für die untere Karte des Straubinger Gäus). (aus: Otto Schlüter, Die Siedlungsräume Mitteleuropas in frühgeschichtlicher Zeit, in: Forschungen zur deutschen Landeskunde 63, 74, 110, Remagen 1952-58)
Wald- und Rodungsflächen im Straubinger Gäu um 900 n. Chr. (aus: Otto Schlüter, Die Siedlungsräume Mitteleuropas in frühgeschichtlicher Zeit, in: Forschungen zur deutschen Landeskunde 63, 74, 110, Remagen 1952-58)
Wald-Offenland-Bilanzierung für Mainfranken seit 3000 v. Chr. (aus: Rüdiger Glaser, Helmut Saurer, Winfried Schenk, Abschätzung von Albedoänderungen in historischer Zeit und ihre Auswirkungen auf den Strahlungshaushalt im mainfränkischen Raum, in: Meteorologische Rundschau 44 [1991], 152-156)
Wald-Offenland-Bilanzierung für Mitteleuropa ab 650. (von Winfried Schenk umgezeichnete Grafik, ursprünglich enthalten in: Hans-Rudolf Bork/Helga Bork/Claus Dalchow u. a., Landschaftsentwicklung in Mitteleuropa, Gotha 1998, 161f.)

von Winfried Schenk

Die Erforschung von Rodungsvorgängen steht in engem Zusammenhang mit der Siedlungsgeschichte, welche allerdings nicht die technische Seite der Rodung mit einschließt. Historische Rodungsvorgänge können insbesondere mittels archäologischer, kartographischer und quantifizierender Methoden erforscht und dargestellt werden. Kenntnisse über den Umfang von Rodungen tragen dazu bei, grundlegende naturwissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Fragen - etwa nach dem Einfluss des Menschen auf die Hydrologie (Bodenerosion und Akkumulation) und zur Klimageschichte - beantworten zu können.

Zur Erforschung von historischen Rodungsvorgängen

Da Wald die natürliche Bodenbedeckung in Mitteleuropa seit dem Ende der letzten Eiszeit darstellt, waren die Anlage und der Ausbau von Siedlungen nahezu immer mit der Beseitigung von Wald (Rodung) verbunden. Hans-Rudolf Bork u. a. (1998) nehmen für die Mitte des 8. Jahrhunderts (wie alle folgenden Jahresangaben nach Christus) einen Waldanteil für Mitteleuropa von 90 % an. Aktuell liegt der Waldanteil in Bayern bei 35 % der Staatsfläche.

Obgleich Rodung also ein raumgreifender und alltäglicher Vorgang war und ist, finden sich - anders als in der archäologischen Forschung - in der siedlungsgeschichtlichen Literatur keine systematischen Untersuchungen zum technischen Vorgang der Rodung: Ihr Erkenntnisziel war das Ergebnis von Rodung, also die Erschließung von gerodetem Land, das als Kulturland verstanden wird. In diesem Sinne wird Rodung als Landnahme oder Landesausbau interpretiert. Dementsprechend werden siedlungsgeschichtliche Perioden mit weitflächigen Rodungen mit Begriffen wie "frühmittelalterliche Landnahme" oder "hochmittelalterlicher Landesausbau" belegt. Das Interesse richtete sich auf die Träger von Siedlungsprozessen vor allem unter dem Aspekt der Lenkung (Kolonisation), auf die oftmals verbundenen planmäßigen Siedlungsformen (z. B. Straßen-, Anger- und Waldhufendorf) sowie die Verbreitung von Ortsnamenformen, welche dazu Informationen geben. Manche Ortsnamenendungen zeigen zudem Umfang und Methode der Rodung (z. B. meint "schwenden/schwanden" die Rodung mit Feuer; allein im Allgäu gibt es dazu mehr als Ortsnamen). Erreichen gerodete Flächen nur eine geringe Ausdehnung inmitten von Wald, spricht man von Rodungsinseln. Ein redender Ortsname dafür ist z. B. Waldfenster (Lkr. Bad Kissingen, Erstnennung 1167 als Waldemannesroth durch das Kloster Aura, heutige Namensform erstmals belegt 1582 in einem Register des Würzburgischen Amts Aschach).

Kartographische und quantifizierende Darstellungen von Rodungen

Die skizzierten Ansätze waren die Grundlage der 1952 bis 1958 angestellten Versuche des Geografen Otto Schlüter (1872-1959), die Verteilung von Wald und Offenland in Mitteleuropa zu verschiedenen Zeitphasen (Bestand an Wald Ende des 19. Jahrhunderts; gerodet seit etwa 900; gerodet vor 900 hauptsächlich im 8. und 9. Jahrhundert) im Maßstab 1:1,5 Mio. kartographisch darzustellen. Vor 900 besiedelte Regionen wurden als Altsiedelland bezeichnet.

Die Karte von Schlüter ist nicht nur im regionalen Detail kritisiert worden. Sie erscheint auch deshalb problematisch, weil sie eine Einsinnigkeit der Wald-Offenland-Entwicklung über mehr als 1.000 Jahre hin unterstellt, mithin den möglichen und wahrscheinlichen wiederholten Wechsel von Nutzungen auf einer Fläche nicht widerspiegelt. Des Weiteren suggeriert die Darstellung Schlüters Exaktheit in den Grenzziehungen zwischen Wald und Offenland, obgleich das methodische Problem, von den ersten exakten flächendeckenden Bodennutzungsaufnahmen, den sog. Uraufnahmen des 19. Jahrhunderts, parzellenscharf auf frühere Bodennutzungsverhältnisse mangels einschlägiger Quellen nicht gelöst werden kann. Bei günstiger Quellenlage sind lediglich die Entwicklung einzelner Flächenelemente von Fluren bis ins Hochmittelalter hinein auch in Karten nachzuzeichnen möglich, wie Friedrich Eigler (2000) beispielhaft vorführt.

Tabellarische oder graphische Darstellungen der Entwicklung von Wald und Offenland seit ca. 650 in ganz Mitteleuropa von Bork (1998) oder für Mainfranken von Rüdiger Glaser, Helmut Saurer und Winfried Schenk (1991) sind lediglich als Beschreibungen allgemeiner Trends der Landschaftsgeschichte zu werten; die genannten Flächenanteile sind nur Orientierungswerte. In diesem Sinne explizit als didaktisches Medium zu verstehen ist die Karte "Germanien und Raetien zur Römerzeit, 50 n. Chr." von Hansjörg Küster (2001). Auf der Basis pollenanalytischer Befunde zeigt sie vornehmlich die damals vorherrschenden Baumarten sowie einige wenige archäologisch gesicherte Offenlandareale um die großen Kastellorte, wie z. B. Augusta Vindelicorum, Campodunum und Castra Regina.

Landschaftsgeschichtliche Bedeutung von Rodungen

Kenntnisse über den Umfang von Rodungen sind aus landschaftsgeschichtlicher Sicht von grundlegender Bedeutung. Veränderungen im Verhältnis von Offenland und Wäldern, gleich ob sie natürliche oder anthropogene Ursache haben, beeinflussen in Wechselwirkung den Naturhaushalt wie die Inwertsetzungsmöglichkeiten und -strategien des Menschen. Damit sind Fragen angesprochen, die sowohl naturwissenschaftlichen als auch kulturwissenschaftlichen Ansätzen und Methoden folgen, so zum Einfluss des Menschen auf die Hydrologie, damit zur Bodenerosion und Akkumulation sowie zur Klimageschichte. Untersuchungen zu Rodungsvorgängen und daraus abgeleiteten Wald-Offenland-Bilanzierungen liefern zudem Basisinformationen zu regionalisierten Energie- und Stoffbilanzierungen in der Vergangenheit.

Auelehmbildungen und Überschwemmungen als beispielhafte Folgen von Rodungen

In diesem Mensch-Umwelt-Beziehungsgefüge steht die Erforschung holozäner Flussdynamik und Auenbildung unter dem Einfluss des historischen Rodungsgeschehens. Je nach Herkunft des Forschers werden dabei die Wirkungen des Klimas mit der Eigendynamik der Flüsse und mit anthropogenen Einflüssen in unterschiedlicher Gewichtung in Verbindung gebracht.

Die aktuelle Forschung ist sich heute jedoch weitgehend einig, dass die jungholozänen Auelehmbildungen überwiegend auf Rodungen zurückzuführen sind. Die Aufhöhung und damit Einengung der Täler in Mitteleuropa im Zuge von Rodung gilt als empirisch gesichert. Für das Maingebiet konnte dieser Zusammenhang anhand dendrochronologischer Untersuchungen vor allem von Bernd Becker (1983) in historischer Zeit belegt werden: Namentlich zur Römerzeit, im Frühmittel- und im Hochmittelalter, also zu Hochzeiten von Rodungen, kam es zu Überflutungen und Sedimentverlagerungen bisher nicht erreichten Ausmaßes. Obgleich die Auen als Produkte von Rodungen und zugleich infolge von Rodungen ständig von Hochwässern bedroht waren und sind, sind sie in vorindustrieller Zeit wichtige agrarische Ergänzungsräume (u. a. Weideflächen, Standorte für Mühlen, Fischfang) gewesen.

Literatur

  • Bernd Becker, Postglaziale Auwaldentwicklung im mittleren und oberen Maintal anhand dendrochronologischer Untersuchungen subfossiler Baumstammablagerungen, in: Geologisches Jahrbuch A 71 (1983), 45-59.
  • Hans-Rudolf Bork/Helga Bork/Claus Dalchow u. a., Landschaftsentwicklung in Mitteleuropa, Gotha 1998, s. bes. S. 161f.
  • Martin Born, Die Entwicklung der deutschen Agrarlandschaft (Erträge der Forschung 29), Darmstadt 1974.
  • Friedrich Eigler, Die früh- und hochmittelalterliche Besiedlung des Altmühl-Rezat-Rednitz-Raumes (Eichstätter Geographische Arbeiten 11), München/Wien 2000.
  • Renate Gerlach, Flussdynamik des Mains unter dem Einfluss des Menschen seit dem Spätmittelalter (Forschungen zur deutschen Landeskunde 234), Trier 1990.
  • Rüdiger Glaser/Helmut Saurer/Winfried Schenk, Abschätzung von Albedoänderungen in historischer Zeit und ihre Auswirkungen auf den Strahlungshaushalt im mainfränkischen Raum, in: Meteorologische Rundschau 44 (1991), 152-156.
  • Hans Hausrath, Geschichte des deutschen Waldbaus. Von seinen Anfängen bis 1850 (Schriftenreihe des Instituts für Forstpolitik und Raumordnung der Universität Freiburg), Freiburg im Breisgau 1982.
  • Helmut Jäger, Zur Geschichte der deutschen Kulturlandschaft, in: Geographische Zeitschrift 51 (1963), 16-43.
  • Hansjörg Küster, Karten zur Landschaftsgeschichte Mitteleuropas. Römerzeit und Mittelalter, in: Geographische Rundschau 53 (2001), 54-59.
  • Adolf Layer/Pankraz Fried, Siedlung und Bevölkerung in der großen Rodungsperiode, in: Max Spindler (Begr.)/Andreas Kraus (Hg.), Handbuch der bayerischen Geschichte. 3. Band, 2. Teil: Geschichte Schwabens bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, München 3. Auflage 2001, 207-214.
  • Winfried Schenk, Auen als Siedlungs- und Wirtschaftsräume vor den ingenieurtechnischen Veränderungen des 19. Jahrhunderts. Das Mittelmaingebiet als Beispiel, in: Zeitschrift für Geomorphologie Neue Folge. Suppl.-Band 124 (2001), 55-67.
  • Winfried Schenk, Das Forschungsfeld "Wald und Siedlung" aus der Sicht der Historischen Geographie, in: Siedlungsforschung 19 (2001), 9-34.
  • Winfried Schenk, Bilanzierung von Wald und Offenland in vorindustrieller Zeit. Dargestellt an Beispielen vor allem aus Süd- und Westdeutschland, in: Konrad Ackermann/Alois Schmid (Hg.), Staat und Verwaltung in Bayern. Festschrift für Wilhelm Volkert zum 75. Geburtstag (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte 139), München 2003, 373-383.
  • Otto Schlüter, Die Siedlungsräume Mitteleuropas in frühgeschichtlicher Zeit, in: Forschungen zur deutschen Landeskunde 63, 74, 110, Remagen 1952-58.
  • Joseph Sturm, Die Rodungen in den Forsten um München (Schriftenreihe der Hermann-Göring-Akademie der Deutschen Forstwissenschaft 1), Frankfurt am Main 1941.

Weiterführende Recherche

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Urbarmachung, Kolonisation

Empfohlene Zitierweise

Winfried Schenk, Rodung, publiziert am 01.02.2012; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Rodung> (20.11.2017)