Kapp-Lüttwitz-Putsch, 1920

Wolfgang Kapp. (aus: Ludwig Schemann, Wolfgang Kapp und das Märzunternehmen vom Jahre 1920, München 1937)
Johannes Hoffmann, hier als Kultusminister Anfang 1919. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Gustav von Kahr, Fotografie vom 26. September 1923. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Aufruf "An das bayerische Volk" der Staatsregierung, des Reichswehrgruppenkommandos, des Landtagspräsidiums und der im Landtag vertretenen Parteien, veröffentlicht am Sonntag, 14. März 1920. (aus: Bayerische Staatszeitung 8 [1920], Nr. 62)
In einer Erklärung vom 13. März 1920 beschreibt Stadthauptmann Max Kühner (1872-1932) die Aufgaben der Einwohnerwehr. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann).
Streikende in München im März 1920, im Hintergrund der Hauptbahnhof. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)

von Bruno Thoß

Der Kapp-Lüttwitz-Putsch war ein Umsturzversuch der radikalen Rechten um Wolfgang Kapp (1858-1922) und Walter von Lüttwitz (1859-1942). Hintergrund war die Forderung der Alliierten nach Entwaffnung und Auflösung der Freikorps-Verbände. Die Erfüllung dieser Forderung sollte die Übernahme der Regierungsgewalt durch Vertreter der antirepublikanischen Kräfte verhindern. Nach anfänglichen Erfolgen brach der Umsturzversuch in dem von der Reichsregierung und den Gewerkschaften initiierten Generalstreik zusammen. In Bayern führte der Kapp-Lüttwitz-Putsch zum Rücktritt der Regierung von Johannes Hoffmann (SPD, 1867-1930). An seine Stelle trat eine rechtskonservative Regierung unter Gustav von Kahr (BVP, 1862-1934), die den Einwohnerwehren nahestand und die deren Auflösung bis 1921 verhinderte.

Die Umsturzvorbereitungen 1919/20

Die Sammlung der gegenrevolutionären Kräfte seit den Bürgerkriegskämpfen im Januar und März 1919 erhielt wesentlichen Auftrieb durch die Krise um die Annahme des Versailler Vertrages im Sommer 1919. Die Pläne, sich dagegen auf einen zeitweiligen "Oststaat" als nationale Widerstandszelle zurückzuziehen, scheiterten ebenso wie das an Reichswehrminister Gustav Noske (SPD, 1868-1946) herangetragene Angebot zur Übernahme einer militärisch abgestützten Diktatur.

Deshalb begann der ehemalige Generallandschaftsdirektor von Ostpreußen Wolfgang Kapp (1858-1922) mit Unterstützung des aus Schweden zurückgekehrten Generals Erich Ludendorff (1865-1937) von Berlin aus die Teile einer aktionsbereiten Rechten gegen die Republik zu sammeln. Aus den Kadern der aufgelösten Deutschen Vaterlandspartei (1917/18) wurde dazu im Oktober 1919 unter Kapps Führung die "Nationale Vereinigung" gegründet. Die darin versammelten rechten Politiker und Verbandsführer, politisierenden Offiziere und Rechtspublizisten verstanden sich als Koordinationszentrale über den Parteien. Ihr Ziel war es, eine "Einheitsfront aller Nationalgesinnten" von den Deutschnationalen bis zu den Freikorps zu schaffen. Einen ersten öffentlichen Erfolg konnten sie mit dem Auftritt Paul von Hindenburgs (1847-1934) und Ludendorffs am 18. November 1919 vor dem Untersuchungsausschuss des Deutschen Reichstags zur Klärung der Vorgänge um das Kriegsende erzielen. In einer gemeinsamen Erklärung warfen die Generale den Trägern der Republik vor, mit ihrer Politik dem Feldheer einen "Dolchstoß in den Rücken" versetzt und damit die deutsche Niederlage verursacht zu haben. Das gab der antirepublikanischen Agitation eine Waffe an die Hand, mit der in den folgenden Monaten bei den Rechtsparteien und in den Freikorps die Loyalität zum neuen Staat weiter unterhöhlt werden konnte.

Eine erste gefährliche Situation für die Reichsregierung trat dabei mit der Rückkehr der baltischen Freikorps an der Jahreswende 1919/20 ein, verfügten die Verschwörer damit doch über erste militärische Verbündete. Mit den als Arbeitsgemeinschaften getarnten, nicht zur Auflösung bereiten "Baltikumern" konnte die für ihre Unterbringung auf dem Lande sorgende "Nationale Vereinigung" aber auch ihre Basis über den ganzen ostelbischen Raum verbreitern. Über das Führerkorps der aus Bayern stammenden "Eisernen Schar" des Hauptmanns Rudolf Berthold (1891-1920) ließen sich zudem Kontakte ins Lager der bayerischen Rechten aufbauen.

Mit dem Inkrafttreten des Versailler Vertrages am 10. Januar 1920 war der letzte Anstoß zur Forcierung konkreter Umsturzvorbereitungen gekommen, denn damit stand die Frage nach der Entwaffnung der Freikorps im Raum, um die festgelegte Endstärke deutscher militärischer Kräfte von 100.000 Mann einnehmen zu können. Stützen konnten sich die Verschwörer jetzt auch auf den Kommandeur des Gruppenkommandos 1 der Reichswehr, General der Infanterie Walther Freiherr von Lüttwitz (1859-1942), der sich dem alliierten Abrüstungsverlangen offen widersetzte. Damit schien die erforderliche Einheitsfront von Reichswehr und "Nationaler Vereinigung" unmittelbar bevorzustehen, die für einen Staatsstreich in Berlin unverzichtbar war. In den Putschtagen sollte sich jedoch schnell zeigen, dass weder von Lüttwitz die gesamte norddeutsche Reichswehr hinter sich bringen, noch die "Nationale Vereinigung" ihre losen Verbindungen weit genug in die Rechtsparteien hinein ausbauen konnte.

Der Putschverlauf in Berlin und im Reich

Den letzten Auslöser für das Losschlagen der Verschwörer gab der von der Entente geforderte und Ende Februar 1920 von der Reichswehrführung verfügte Auflösungsbefehl für die Marinebrigade 2 unter ihrem Kommandeur, Korvettenkapitän Hermann Ehrhardt (1881-1971). Mit deren Auflösung hätten die Verschwörer ihren stärksten militärischen Verband im Berliner Raum verloren. General von Lüttwitz verweigerte den Befehl und setzte nach seiner daraufhin erfolgten Kommandoenthebung die Brigade in der Nacht vom 12. auf den 13. März 1920 gegen die Reichshauptstadt in Marsch. Im Reichswehrministerium konnte sich Minister Noske mit seiner Forderung nach sofortigen militärischen Gegenmaßnahmen jedoch nicht durchsetzen, da die Offiziere um den Chef des Truppenamtes, General Hans von Seeckt (1866-1936), dadurch den Zusammenhalt ihrer Verbände gefährdet sahen.

Da die Reichswehr in Norddeutschland mithin bestenfalls zu einer abwartenden Haltung zu bewegen war, einige ihrer Kommandeure sogar offen mit den Putschisten sympathisierten, entschloss sich die Reichsregierung unter Reichskanzler Gustav Bauer (SPD, 1870-1944) zur Flucht über Dresden nach Stuttgart. Nach der Besetzung aller Schaltstellen in Berlin durch die Brigade Ehrhardt proklamierte Kapp am 13. März 1920 eine "neue Regierung der Ordnung, der Freiheit und der Tat" unter seiner Führung. Die Machtverteilung im Kreis der Putschisten lief freilich auf eine kaum verdeckte Militärdiktatur der Generale Lüttwitz und Ludendorff hinaus.

Schon nach wenigen Tagen wurde jedoch das Improvisierte des Staatsstreichs überdeutlich. Die Reichswehr in Berlin verhielt sich auch gegenüber der Putschregierung weiterhin abwartend, während ihre Kommandeure in West- und Süddeutschland loyal zur alten Regierung standen. Die Ministerialbürokratie des Reiches und Preußens in Berlin verweigerten Kapp offen die Gefolgschaft. Die nach Stuttgart ausgewichene alte Regierung rief im Einklang mit den Gewerkschaften zum Generalstreik auf, woraufhin im Ruhrgebiet sofort wieder Kämpfe aufflammten. Selbst die Parteiführungen der Rechtsparteien wie die Geldgeber aus der Schwerindustrie blieben mehrheitlich ablehnend, da sie die fragile innere Ordnung im Reich nicht erneut aufs Spiel gesetzt sehen wollten. Außerdem würde sich ein innerlich gespaltenes Deutschland schwerlich dem Druck der Ententemächte zu seiner Entwaffnung gewachsen zeigen.

Am Abend des 17. März entschloss sich Kapp in Übereinstimmung mit den militärischen Trägern des Putsches zum Rücktritt. Das gesamte Unterfangen brach damit endgültig zusammen. Im Ruhrgebiet bildete sich allerdings eine "Rote Armee", die den Generalstreik zur offenen Revolte gegen die Republik ausweitete. Die Reichsregierung sah sich deshalb gezwungen, neben der Reichswehr auch Freikorpsverbände zum Kampf einzusetzen, die gerade eben noch gegen die Republik revoltiert hatten. Die Säuberung innerhalb der Reichswehr von Sympathisanten der Putschisten blieb daher begrenzt. Bei den Reichstagswahlen im Sommer 1920 kam es sogar zu einem politischen Rechtsruck, der die tragenden Parteien der Weimarer Koalition (SPD, Zentrum, DDP) auf Dauer die Mehrheit kostete. Die führenden Verschwörer verließen fluchtartig Berlin und wurden von der Reichsregierung unter Strafverfolgung gestellt. Kapp selbst flüchtete nach Schweden, kehrte aber im Frühjahr 1922 nach Deutschland zurück, als sich einige seiner Mitverschwörer vor dem Reichsgericht in Leipzig verantworten mussten. Noch bevor er seine vorbereitete große Verteidigungsrede halten konnte, musste er sich jedoch einer Krebsoperation unterziehen, an deren Folgen er bereits im Sommer 1922 starb.

Die Situation in Bayern

Wie weit auch in München die Stimmung bereits an der Jahreswende 1919/20 nach rechts ausschlug, machten die Begleiterscheinungen des Prozesses gegen den Eisner-Mörder Anton Graf von Arco-Valley (1897-1945) im Januar 1920 deutlich. Öffentliche Sympathiekundgebungen vor wie nach der Urteilsverkündung nahmen einen Umfang und eine Schärfe an, dass sich die Regierung unter Ministerpräsident Johannes Hoffmann (SPD, 1867-1930) zur Umwandlung des Todesurteils in eine lebenslange Festungshaft veranlasst sah. Schließlich hatten führende Vertreter der Exekutivkräfte aus Reichswehr, Polizei und Einwohnerwehr gleichlautende Erklärungen abgegeben, dass ihre Truppen bei einer Hinrichtung des Attentäters keine Gewähr mehr für den Schutz der Regierung übernehmen könnten. Der Ministerrat vermochte sich Ende Januar jedoch lediglich zu einer Missbilligung dieses offenkundigen Pressionsversuchs seiner Sicherheitsorgane durchzuringen. Die Vorgänge sind daher zu Recht als eine Art "Generalprobe für den Kapp-Putsch" eingestuft worden.

Seit Anfang 1920 liefen dazu geheime Kontakte zwischen den norddeutschen Verschwörern und aktionsbereiten Offizieren in bayerischen Garnisonen. Der Kommandeur der bayerischen Division, Arnold Ritter von Möhl (1867-1944), sah darin aber den Versuch, an ihm vorbei die Verfügung über seine Verbände in die Hände zu bekommen. Jedenfalls stellte sich der Divisionskommandeur zumindest anfänglich hinter die Regierung Hoffmann, während Teile seiner Verbände in Nürnberg und München vom ersten Augenblick an mit den Putschisten sympathisierten. Ein einheitliches Handeln der 7. Division zugunsten der Berliner Putschregierung kam daher in den wenigen Tagen ihres Bestehens nicht zustande.

Ähnlich dilettantisch verliefen die Kontakte zum stärksten paramilitärischen Faktor in Bayern, den Einwohnerwehren. Auch hier musste deren Führer Georg Escherich (1870-1941) am Tag des Losschlagens in Berlin von seinem Stabschef, Oberstleutnant Hermann Kriebel (1876-1941), erst telegrafisch nach München zurückgerufen werden.

Eine sehr undurchsichtige Rolle spielte Georg Heim (1865-1938), ein führender Politiker der mitregierenden Bayerischen Volkspartei (BVP) und zentrale Gestalt des Bayerischen Christlichen Bauernvereins. Bereits Ende Februar war er aus einem Gespräch mit dem Emissär der norddeutschen Verschwörer, Hauptmann Rudolf Berthold, über deren generelle Umsturzabsichten unterrichtet. Er gab diese Kenntnis aber nicht an seine Parteifreunde im Kabinett weiter. Insgesamt blieb die Haltung des Bauernführers somit undurchsichtig; seine Haltung im weiteren Verlauf der Märzereignisse weist ihn als Taktiker aus, der zwar eine Rechtsverlagerung, aber zumindest formal in verfassungsmäßigem Rahmen verfolgte. Darin trat freilich genau jene Grauzone zwischen dem rechten Flügel der Regierungspartei BVP und dem rechten Verbändelager zutage, die bis in die Herbstkrise von 1923 hinein immer wieder eine eindeutig republiktreue Politik von Regierung und Landtag konterkarieren sollte. Schon Anfang März hatte der bayerische Reichswehrkommandeur von Möhl gegenüber einem führenden BVP-Politiker die Forderung nach "Regierungsveränderungen" im Sinne einer Rechtsverlagerung aufgestellt. Der stellvertretende Landesleiter der Einwohnerwehr, Rudolf Kanzler (1873-1956), hatte wenige Tage vor dem Umsturz vor Salzburger Heimwehrleuten sogar die Forderung nach einem "Diktator" aufgestellt und dies mit der Drohung verbunden, gegen eine nicht rücktrittswillige Landesregierung 300.000 Wehrmänner in Bewegung zu setzen. Die neue Satzung der Einwohnerwehren vom 10. März ging bereits über das bisherige Prinzip der Überparteilichkeit hinaus, sah vielmehr im Parteienstaat insgesamt ein Element der Spaltung der Volksgemeinschaft. Das Ideal eines Verbändestaates aus der Ära Kahr zeichnete sich hier bereits unübersehbar ab.

Die Ereignisse im März 1920 in Bayern

Auf den Umsturz in Berlin selbst reagierte der bayerische Ministerrat jedoch im Einvernehmen mit Vertretern der republikanischen Parteien und der Münchner Reichswehrführung noch am selben Tag klar ablehnend. In einem gemeinsamen Aufruf wurde Bayerns Verfassungstreue herausgestellt und jedes Übergreifen putschistischer Aktivitäten "mit aller Entschiedenheit" zurückgewiesen. General von Möhl sicherte zu, dass sich seine Truppen fest in der Hand ihrer Kommandeure befänden und er die Lage stabil halten könne, vorausgesetzt, die Politiker würden ihrerseits allen Gedankenspielen über einen Generalstreik aus der Linken und den Gewerkschaften widerstehen. Auch die Führung der Einwohnerwehren wollte grundsätzlich Ruhe bewahren, dazu aber durch Verkündung des Ausnahmezustandes die vollziehende Gewalt in die Hände des Militärs übertragen sehen. Der Divisionskommandeur reagierte darauf zunächst zurückhaltend, sein Infanterieführer Franz von Epp (1868-1947) konferierte dagegen hinter seinem Rücken bereits unmittelbar mit der Einwohnerwehr-Führung zugunsten einer härteren Linie. In weiteren vertraulichen Gesprächen schlossen sich dem auch die Führung der Landespolizei und der Münchner Polizei sowie der für die politische Exekutive im Raum München zuständige Regierungspräsident von Oberbayern, Gustav Ritter von Kahr (BVP, 1862-1934), an. Nunmehr ließ sich auch General von Möhl davon überzeugen, dass nur über den Ausnahmezustand einer sich zuspitzenden Lage zu begegnen sei. Als Aufhänger dafür wurde eine von Unabhängiger Sozialdemokratischer Partei Deutschlands (USPD) und Kommunistischer Partei Deutschlands (KPD) angekündigte Protestversammlung gegen den Putsch im Zirkus Krone verwendet, gegen die Teile der Zeitfreiwilligen zu Gegendemonstrationen mobilisierten. Möhls nunmehriger Wunsch auf Übertragung der vollziehenden Gewalt stieß aber auf den Widerstand des sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Johannes Hoffmann, der die Exekutive in der Hand des politisch verantwortlichen Innenministers, Fritz Endres (SPD, 1877-1963), halten wollte. Eine Abordnung von Soldaten, die auf dem Promenadenplatz demonstrierte, und die Erklärung eines Polizeibeamten, man könne nicht mehr für die persönliche Sicherheit der Minister garantieren, gaben dann den Ausschlag dafür, Hoffmann noch am 14. März zum Rücktritt zu bewegen und dem Landtag damit für den 16. März die Möglichkeit zur Bildung eines neuen Kabinetts zu eröffnen. Noch suchte die BVP-Führung allerdings die Koalition mit der SPD fortzuführen, wollte man doch keinen Generalstreik mit der Folge möglicher innerer Unruhen riskieren. Eine Ministerpräsidentschaft Heim, der dazu offenbar bereit schien, schied wegen seiner dezidiert partikularistischen Haltung aus, da er damit für die nationalistischen Wehrverbände nicht vermittelbar war.

Die Wahl eines der Drahtzieher im Hintergrund, Gustav Ritter von Kahr, als Vertrauensmann der Reichswehr, der Einwohnerwehren und der übrigen Wehrverbände zum neuen Ministerpräsidenten verbaute dann jedoch auch endgültig alle Möglichkeiten zu einer weiteren Regierungsbeteiligung der SPD. Andererseits hatte man mit dem Karrierebeamten einen Mann, der als Mitglied im Vorstand der Einwohnerwehr Vertrauen bei den Wehrverbänden genoss, ohne hinreichenden parteipolitischen Rückhalt jedoch mit seinem Kabinett der Fachleute von der im Landtag tonangebenden BVP-Führung abhängig blieb. Immerhin konnte damit auf der Basis einer gemeinsamen Erklärung aller Landtagsfraktionen (außer der USPD) die innere Lage wieder stabilisiert und die Vollzugsgewalt noch am selben 16. März von der Reichswehr an die zivile Exekutive zurückgegeben werden. Auch die in einigen Landesteilen entgegen der Haltung der SPD-Führung begonnenen Streikaktionen wurden einen Tag später im Einvernehmen mit der Streikleitung abgebrochen. Die Sozialdemokraten bezahlten ihre gemäßigte Haltung in den Putschtagen allerdings mit dem dauerhaften Ausscheiden aus der Regierungsverantwortung in Bayern bis nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Folgen der Märzereignisse in Bayern

Formell war der Regierungswechsel zwar in verfassungsmäßigen Formen verlaufen, denn Ministerpräsident Hoffmann hatte es nicht auf eine Machtprobe ankommen lassen. Letztlich wollte er seine Partei nicht mit dem Makel belasten, Bayern erneut einer inneren Zerreißprobe ausgesetzt zu haben. Faktisch sind die Märzereignisse von 1920 mit ihrer Drohkulisse aus dem Lager der Wehrverbände jedoch zu Recht mit Bezeichnungen wie "Kahr-Putsch" (Kritzer, Die bayerische Sozialdemokratie, 156) oder "Putsch mit Gewehr bei Fuß" (Fenske, Konservativismus und Rechtsradikalismus, 99) unterlegt worden.

Schon im September 1921 wurde der neue "starke Mann" einer dezidierten Rechtsverlagerung in der bayerischen Politik selbst zum Opfer der von ihm nicht mehr steuerbaren Verhältnisse in der "Ordnungszelle Bayern", als er die von seinen Anhängern vehement bekämpfte Auflösung aller paramilitärischen Verbände auch im Freistaat nicht mehr verhindern konnte. Bayern blieb jedoch auch danach noch bis in den Herbst 1923 hinein die Bastion der nur formal aufgelösten Wehrverbände, die in Form von zivilen Vereinigungen fortbestanden. Eine relative Stabilisierung der innenpolitischen Verhältnisse war hier daher erst nach der Niederschlagung des rechtsradikalen "Hitler-Putsches" und der Aburteilung seiner Führer ab 1924 herzustellen.

Literatur

  • Johannes Erger, Der Kapp-Lüttwitz-Putsch. Ein Beitrag zur deutschen Innenpolitik 1919/20 (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien 35), Düsseldorf 1967.
  • Hans Fenske, Konservativismus und Rechtsradikalismus in Bayern nach 1918, Bad Homburg u. a. 1969.
  • Erwin Könnemann/Hans-Joachim Krusch, Aktionseinheit contra Kapp-Putsch. Der Kapp-Putsch im März 1920 und der Kampf der deutschen Arbeiterklasse sowie anderer Werktätiger gegen die Errichtung der Militärdiktatur und für demokratische Verhältnisse, Berlin (DDR) 1972.
  • Peter Kritzer, Die bayerische Sozialdemokratie und die bayerische Politik in den Jahren 1918 bis 1923 (Neue Schriftenreihe des Stadtarchivs München 37), München 1969.
  • Hans J. Reichhardt, Kapp-Putsch und Generalstreik März 1920 in Berlin. "Tage der Torheit, Tage der Not" (Ausstellungskataloge des Landesarchivs Berlin 10), Berlin 1990.
  • Herbert Speckner, Die Ordnungszelle Bayern. Studien zur Politik des bayerischen Bürgertums von der Revolution bis zum Ende des Kabinetts Dr. v. Kahr, Erlangen Phil. diss. 1955.
  • Bruno Thoß, Der Ludendorff-Kreis 1919-1923. München als Zentrum der mitteleuropäischen Gegenrevolution (Miscellanea Bavarica Monacensia 78/Neue Schriftenreihe des Stadtarchivs München 98), München 1978.

Quellen

  • Heinz Hürten (Bearb.), Die Anfänge der Ära Seeckt. Militär und Innenpolitik 1920-1922 (Quellen zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien 2/3), Düsseldorf 1979. (u. a. Quellendokumente zum Kapp-Putsch)
  • Erwin Könnemann/Gerhard Schulze (Hg.), Der Kapp-Lüttwitz-Ludendorff-Putsch. Dokumente, München 2002.
  • Ludwig Schemann, Wolfgang Kapp und das Märzunternehmen vom Jahre 1920. Ein Wort der Sühne, München/Berlin 1937.

Weiterführende Recherche

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Empfohlene Zitierweise

Bruno Thoß, Kapp-Lüttwitz-Putsch, 1920, publiziert am 11.09.2012; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Kapp-Lüttwitz-Putsch, 1920> (20.04.2018)