Hinweis: Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr erfahren

Eiserne Schar Berthold

Rudolf Berthold. (aus: Ernst Jünger [Hg.], Die Unvergessenen, München 1928, Tafel 2)
Abzeichen der "Eisernen Schar Berthold". (aus: Hans Wittmann, Erinnerungen der Eisernen Schar Berthold, Oberviechtach 1926, S. 3)
Reste des 1945 demontierten Berthold-Denkmals in Herzogenaurach, heute aufbewahrt im dortigen Fehnturm. (Foto: Manfred Welker)

von Bruno Thoß

Das in Hammelburg (Lkr. Bad Kissingen) Ende April 1919 als "Fränkisches Bauern-Detachement" aufgestellte Freikorps stand unter der Leitung von Hauptmann Rudolf Berthold (1891-1920). Zunächst in Unterfranken aktiv, wurde das Freikorps (Kampfname "Eiserne Schar" Anfang Juni 1919 nach München verlegt, im August nach Bayreuth. Im September 1919 wich die Eiserne Schar, um ihrer Auflösung zu entgehen, ins Baltikum aus, wo sie sich an Kämpfen der Westrussischen Befreiungsarme gegen die Rote Armee und die Republik Lettland beteiligte. 1920 war die nach Deutschland zurückverlegte Eiserne Schar am Kapp-Lüttwitz-Putsch beteiligt. Ihr Kommandeur Rudolf Berthold kam dabei in Hamburg-Harburg bei Auseinandersetzungen mit Demonstranten ums Leben. Kurz darauf wurden die Reste der Eisernen Schar aufgelöst.

Entstehung

Ende April 1919 nutzte der in Bamberg aufgewachsene, hochdekorierte Hauptmann Rudolf Berthold (1891-1920), Jagdflieger im Weltkrieg und Träger des Pour le mérite, die Freigabe der Freiwilligenwerbung durch die Regierung Hoffmann zur Aufstellung eines "Fränkischen Bauern-Detachement", das schnell unter seinem Kampfnamen "Eiserne Schar" besser bekannt wurde. Die Aufstellung erfolgte auf dem Truppenübungsplatz Hammelburg (Lkr. Bad Kissingen). Die Truppe, die wesentlich aus ehemaligen Soldaten bestand, erreichte eine Stärke von 1.200 Mann. Schon im Mai kam sie erstmals zum Einsatz gegen Anhänger der Räterepublik in Schweinfurt und Bad Kissingen. So diente sie etwa mit Teilen als Wachmannschaft für gefangene Schweinfurter Spartakisten.

Trotz ihrer späten Aufstellung wurde die Truppe am 31. Mai/1. Juni noch nach München verlegt. Hier scheiterte jedoch der Versuch eines Anschlusses an das Freikorps Epp, da sich dessen Kommandeur weigerte, eine Übernahme als geschlossener Verband zu akzeptieren. So kam die Truppe denn auch beim Vormarsch gegen die Landeshauptstadt München nicht mehr zum Einsatz. Man musste sich vielmehr damit begnügen, lediglich als Sicherungsverband eingesetzt zu werden. Der bevorstehenden Auflösung entzog man sich am 6. August durch Verlegung nach Bayreuth, um sich dort in die Vorläufige Reichswehr eingliedern zu lassen, was jedoch nur für einen kleineren Teil des Freikorps gelang.

Ausweichen in das Baltikum

Da ihre Eingliederung als geschlossener Verband in die Reichswehr wie schon vorher im Falle des Freikorps Epp auch von deren Führung nicht akzeptiert wurde, entzog sich die Mehrheit der Truppe unter ihrem Führer der bis Mitte September 1919 vorgesehenen Auflösung am 10. September durch ihren eigenmächtigen Abmarsch ins Baltikum. Hier traf sie aber auf eine Situation, in der die Ententemächte mittlerweile auf die Rückverlegung aller deutschen Verbände drängten, da die sog. Baltikumer eigenmächtig in die inneren Verhältnisse der jungen baltischen Staaten eingriffen. Um dem alliierten Abzugsverlangen zu entgehen, trat Berthold entsprechend einem Abkommen vom 21. September 1919 zwischen dem bisherigen Befehlshaber der deutschen Verbände im Baltikum, Rüdiger Graf von der Goltz (1865-1946), und dem Führer der gegenrevolutionären russischen Westarmee, Fürst Pavel M. Awaloff-Bermondt (1877-1974), wie die übrigen deutschen Freikorps im Raum Mitau (Jelgava, Lettland) formell in russische Dienste über. In der Westarmee bildete seine Eiserne Schar das 3. Bataillon im 2. Kurländischen Infanterieregiment. Ab Mitte Oktober beteiligte sie sich in diesem Rahmen am Vormarsch gegen Riga und stieß binnen weniger Tage bis an die Düna vor.

Anders als von der Entente vorgesehen, die damit den Angriff der weißrussischen Nordwestarmee auf St. Petersburg verstärkt sehen wollte, verfolgten die militärischen Aktionen der größtenteils aus deutschen Freikorpsverbänden bestehenden Westarmee jedoch politische Nebenabsichten, die auf einen Sturz der lettischen Regierung von Kärlis Ulmanis (1877-1942) in Riga zielten. Beim Gegenangriff der lettischen Armee wurden die Verbände Awaloff-Bermondts – und mit ihnen auch Bertholds Eiserne Schar – jedoch Anfang November im Vorfeld von Riga schwer geschlagen. Wesentlichen Anteil daran hatte das Bombardement britischer Schiffsgeschütze gegen die deutsch-russischen Truppen an der Düna. Unter fortgesetzten lettischen Angriffen blieb ihnen Mitte Dezember schließlich nur der Rückzug aus dem gesamten Baltikum und der Übertritt auf deutschen Boden in Ostpreußen. Hier schieden die deutschen Verbände aus der Westarmee aus, um nunmehr entsprechend dem Verlangen der Entente ihrer Auflösung entgegenzusehen.

Im Vorfeld des Kapp-Lüttwitz-Putsches

Zum Zwecke der Auflösung wurde die Eiserne Schar im Rahmen der Eisernen Division im Januar 1920 in den Raum Stade (Niedersachsen) verlegt, wo Berthold sich die Eingliederung in die gegenrevolutionär ausgerichtete Marinebrigarde von Loewenfeld erhoffte. Er selbst schloss sich in Berlin den um die "Nationale Vereinigung" des ehemaligen Generallandschaftsdirektors von Ostpreußen, Wolfgang Kapp (1858-1922), gruppierten rechten Umsturzkräften gegen die Reichsregierung an. Wegen seiner guten Verbindungen nach Bayern unternahm er es für die norddeutschen Verschwörer, Verbindungen zur dortigen Rechten und zu aktionsbereiten Offizieren in bayerischen Garnisonen herzustellen. Bei diesen Kontakten kam im Februar 1920 auch ein geheimes Treffen mit dem einflussreichen Bauernführer und BVP-Politiker Georg Heim (1865-1938) in Regensburg zustande. Die dazu vorhandenen Aufzeichnungen lassen keine eindeutige Bewertung darüber zu, ob sich Heim dabei den Verschwörern nur taktisch oder doch sehr weitgehend annäherte. Immerhin scheint der Bauernführer zeitweilig die Bereitschaft erkennen lassen zu haben, den im März 1920 von den Wehrverbänden gegen die Koalitionsregierung Hoffmann aufgebauten Druck zu einer eigenen Ministerpräsidentschaft zu nutzen.

Der Harburger "Blutmontag" und das Ende der "Eisernen Schar"

Als Hauptmann Berthold am 13. März aus Bayern zu seiner noch in Stade liegenden Truppe zurückkehrte, fand er seine Soldaten bereits bei der Bahnverladung. Sie sollten ursprünglich nach Pommern verlegt werden, hatten mittlerweile aber Befehl erhalten, in Zossen bei Berlin die Marinebrigade Ehrhardt zu verstärken. Die Truppe bestand noch aus 700 Mann, die mit etwa 200 Gewehren sowie je 4 schweren und leichten Maschinengewehren ausgerüstet war.

Berthold hielt die Auslösung des Kapp-Putsches zwar für verfrüht, wollte ihn aber zumindest im Hamburger Raum absichern helfen. Als er dazu am Sonntag, den 14. März, in Harburg eintraf, waren hier jedoch bereits Vorentscheidungen gegen die Putschisten gefallen. Die an Kapp orientierten Führer des in der Stadt stationierten Pionier-Bataillons 9 der Reichswehr waren von regierungstreuen Kräften verhaftet worden. Ihr Bataillon hatte sich daraufhin für verfassungsloyal erklärt. Berthold rückte nunmehr am Montagvormittag vom Bahnhof aus in die Innenstadt vor, um hier für "Ordnung" zugunsten der Putschisten in Berlin zu sorgen, wurde mit seiner Truppe aber von bewaffneten Arbeitern auf dem Gelände einer Volksschule umzingelt. Nach mehrstündigen Feuergefechten ergaben sich seine Soldaten schließlich und wurden entwaffnet. Berthold selbst suchte sich seiner Gefangennahme durch Flucht zu entziehen, wurde aber erkannt und von der wütenden Menge getötet. Mit der übergeordneten Eisernen Division in Stade wurde ein förmliches Abkommen geschlossen, dass die in Harburg gefangenen Baltikumer wieder nach Stade zurücktransportiert werden sollten. Hier wurde die Eiserne Schar im Zuge der allgemeinen Reduzierung der Reichswehr noch im Frühjahr 1920 aufgelöst. Ihre kampfbereiten Mitglieder schlossen sich nach ihrer Rückkehr nach Bayern regionalen Einwohnerwehren oder Wehrbünden an und traten fortan nicht mehr als eigenständiger Verband in Erscheinung.

Rezeption

Rudolf Berthold wurde in der Freikorpsliteratur als Märtyrer verklärt, der durch "roten Lynchmord" ums Leben gekommen sei. In der Folgezeit wurden mehrere Mahnmale zu seiner Erinnerung errichtet, so 1937 auf dem Fliegerhorst in Herzogenaurach (Lkr. Erlangen-Höchstädt).

Literatur

  • Jörg Berlin, Das andere Hamburg. Freiheitliche Bestrebungen in der Hansestadt seit dem Spätmittelalter (Kleine Bibliothek 237), Köln 1981, hier 209-234 ("Lynchjustiz an Hauptmann Berthold oder Abwehr des Kapp-Putsches?")
  • Hans Fenske, Konservativismus und Rechtsradikalismus in Bayern nach 1918, Bad Homburg/Berlin/Zürich 1969.
  • Ingo Korzetz, Die Freikorps in der Weimarer Republik: Freikorpskämpfer oder Landsknechthaufen? Aufstellung, Einsatz und Wesen der bayerischen Freikorps 1918-1920, Marburg 2009.
  • Hermann Renner, Georg Heim. Der Bauerndoktor, München 1960.
  • Hagen Schulze, Freikorps und Republik 1918-1920, Boppard am Rhein 1969.
  • Manfred Welker, Ein "... hervorragendes Zeugnis moderner deutscher Schmiedekunst". Das Berthold-Denkmal in Herzogenaurach von Maria Lerch nach Vorlagen von Julius Schramm, in: Bericht des Historischen Vereins Bamberg 140 (2004), 339-346.

Quellen

  • Ludwig F. Gengler, Rudolf Berthold, Berlin 1934.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Fränkisches Bauern-Detachement

Empfohlene Zitierweise

Bruno Thoß, Eiserne Schar Berthold, publiziert am 10.09.2012; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Eiserne Schar Berthold> (21.06.2018)