Hinweis: Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr erfahren

Städte und Märkte in Altbayern (Mittelalter/Frühe Neuzeit)

Ortsblatt von Plattling aus dem Jahr 1827. Noch 500 Jahre nach Erhebung Plattlings zum Markt sind die ursprünglichen Strukturen gut erkennbar: Zentral gelegen ist ein großer rechteckiger Platz, zwei sich kreuzende Straßen teilen die Ortschaft in vier Viertel auf. (Uraufnahmen; Bayerische Vermessungsverwaltung)
Ortsblatt von Friedberg von 1812. Im Mittelpunkt der staufisch-wittelsbachischen Gründungsstadt befindet sich abseits vom Kirchplatz der Marktplatz. (Uraufnahmen; Bayerische Vermessungsverwaltung)

von Wilhelm Liebhart

Im 13. und 14. Jahrhundert wurde in Zusammenhang mit dem Aufbau der wittelsbachischen Landesherrschaft in Altbayern eine Vielzahl von Märkten und (weniger) Städten gegründet. Es entstand eine dreistufige "Städtelandschaft", bestehend aus den Residenzstädten, den Kleinstädten und Landgerichtssitzen und den von einer Stadt schwer abzugrenzenden Marktflecken. In der Frühen Neuzeit erfolgten keinerlei Neugründungen mehr.

Die moderne deutsche Stadtgeschichtsforschung entwickelte ein Typenmodell der Stadtentstehung und Städtebildung: "Altstädte" bis 1150 mit meist römischen Wurzeln wie Regensburg oder Passau gelten als "Mutterstädte". Das Jahrhundert von 1150 bis 1250 war die Epoche der klassischen "Gründungsstädte", abgelöst 1250 bis 1300 von der Zeit der "Kleinstädte" und gefolgt ab 1300 bis zum Ende des Mittelalters von der Periode der "Minderstädte". Eine Stadt des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit zeichneten Merkmale aus wie

  • 1. die Befestigung
  • 2. der Marktcharakter im Sinne eines wirtschaftlichen Umschlagplatzes,
  • 3. die Existenz von Handwerk und Gewerbe
  • 4. ein eigenes Recht (Stadtrecht)
  • 5. das Vorhandensein einer autonomen Bürgergemeinde und
  • 6. im Rahmen der Stadt-Umland-Beziehungen der Zentralortcharakter für die Region.

Das Typenmodell und die genannten Merkmale berücksichtigen jedoch nicht den südostdeutschen, d. h. den bayerischen und österreichischen Marktflecken.

Stadt und Markt

Altbayern gilt im deutschen Vergleich als städtearm. Dies erscheint zutreffend, wenn man den "Markt" oder "Marktflecken" (lat. forum; mhdt. marckt, marcht, Plural maercht) nicht als spezifischen Stadttypus auffasst. Der kurbayerische Staatsrechtler Wiguläus Xaverius Aloysius Freiherr von Kreittmayr (1705-1790) urteilte aus juristischer Sicht, dass die Märkte von der Stadt (lat. civitas, oppidum; mhdt. stat) "nichts als der Nam" unterscheiden würde. Es bestünde zu den Städten "kein reeler Unterschied", denn die Märkte "seynd so gut Landstände, als gedachte Städte, haben ausgezeigten Burgfrieden, und eine gewise, obschon meistentheils nur limitierte Jurisdiction". Der Statistiker Joseph von Hazzi (1768-1845) beschrieb die kurbayerischen Märkte "oder Flekken" als Ortschaften, die sich "nicht blos vom Feldbau", sondern hauptsächlich wie die Städte von "Professionen und Gewerbe" ernährten und Märkte abhielten. Die Bewohner würden auch "Bürger heisen". Er unterschied drei "Klassen":

  • 1. bloße Märkte, worunter er die Marktflecken des Adels und der Kirche (sogenannte Patrimonialmärkte) subsumierte, dann
  • 2. landesherrliche Bannmärkte mit eigener Gerichtsbarkeit und
  • 3. sonstige landesherrliche gefreite, d. h. mit der Landstandschaft ausgestattete Märkte mit im Vergleich zu den "Bannmärkten" reduzierter Rechtsausstattung.

Heinz Stoob (1919-1997) sah in den Marktflecken ein "nicht lösbares Problem" der traditionellen Stadtgeschichtsforschung. Der Marktflecken wird dem Typus der "Minderstädte" zugerechnet. Edith Ennen (1907-1999) erkannte dagegen zutreffender in den Märkten "spätmittelalterliche Zwischenformen zwischen Stadt und Dorf" und keine "missglückten Stadtgründungen", sie waren "ein Instrument der Territorialpolitik".

Territorialisierung und Urbanisierung

Stadt und Markt dienten in Altbayern seit 1180 dem inneren Staatsaufbau. Seine Bausteine waren 1. die Grafschaftsrechte mit Hochgericht, 2. die Klostervogtei, 3. der Burgenbau und 4. die Landfriedensgesetzgebung. Dazu kamen die mit dem Herzogsamt verbundenen, ehemals königlichen Regalien wie das Geleitrecht auf den Straßen, der Wildbann mit dem Jagdrecht, der einträgliche Judenschutz, das Zoll- und Marktrecht und das Befestigungsrecht.

Die Intensivierung der Territorialpolitik durch die Wittelsbacher brachte im 13. Jahrhundert zwei neue Phänomene mit sich: Einmal die Organisation von flächendeckenden Landgerichten oder Pflegämtern, welche die älteren Grafschaften ablösten und zu direkten Vorläufern der Altlandkreise wurden, und zum anderen die Gründung von Städten und Märkten. Man darf in diesem Zusammenhang durchaus von einer mittelalterlichen "Raum- und Landesplanung" oder von "modernstaatlichen Entwicklungstendenzen" sprechen. Städte und Märkte waren Amtssitze, Marktorte und Gewerbezentren in einer agrarischen Umwelt.

Altbayern erlebte im 13./14. Jahrhundert eine Phase der Urbanisierung, wie sie erst wieder im 20. Jahrhundert zu beobachten ist. Im Vordergrund stand nicht wie beim Burgenbau der Verteidigungszweck, obwohl er natürlich in Grenzlagen wie etwa bei Landsberg am Lech, Friedberg (Lkr. Aichach-Friedberg) oder Rain am Lech (Lkr. Donau-Ries) eine Rolle spielte. Die Stadt, aber nicht der Markt, galt als Festung. Die Befestigungen bestanden im 13. Jahrhundert zunächst aus Palisaden, Erdwällen und Wassergräben. Erst im 14. Jahrhundert setzte sich die kostspielige Mauerbefestigung durch. Die befestigte Stadt sicherte den Landfrieden, die Grenzen, Straßen, Furten und Brücken. Mauern umgaben jede Stadt, aber nur wenige Märkte. Ummauerte Märkte stammen aus dem 15. Jahrhundert und stehen in Zusammenhang mit der großen Landesteilung von 1392 und den Hussiteneinfällen seit 1419.

"Dreistufige Städtelandschaft"

Im wittelsbachischen Territorialstaat des Spätmittelalters entwickelte sich eine dreistufige "Städtelandschaft" mit fünf Residenzstädten (München, Landshut, Burghausen, Straubing, Ingolstadt), wenigen Kleinstädten als Landgerichtssitzen, aber mit vielen Marktflecken heraus. Es gab mehr Märkte als Städte, denn viele Märkte wurden erst im 20. Jahrhundert zu Städten erhoben. Dazu zählen:

Markt Landkreis Erhebung zur Stadt
Bad Aibling Rosenheim 1933
Bad Tölz Bad Tölz-Wolfratshausen 1906
Bogen Straubing-Bogen 1952
Dachau Dachau 1933
Dorfen Erding 1954
Ebersberg Ebersberg 1954
Eggenfelden Rottal-Inn 1902
Fürstenfeldbruck Fürstenfeldbruck 1935
Geiselhöring Straubing-Bogen 1952
Geisenfeld Pfaffenhofen an der Ilm 1952
Grafing Ebersberg 1953
Griesbach im Rottal Passau 1953
Kötzting Cham 1953
Mainburg Kelheim 1954
Miesbach Miesbach 1918
Neumarkt-St. Veit Mühldorf am Inn 1956
Pfarrkirchen Rottal-Inn 1863
Plattling Deggendorf 1888
Regen Regen 1932
Rosenheim Rosenheim 1864
Rottenburg a. d. Laaber Landshut 1971
Trostberg Traunstein 1913
Viechtach Regen 1953
Vilsbiburg Landshut 1929
Vohburg Pfaffenhofen an der Ilm 1952
Wolfratshausen Bad Tölz-Wolfratshausen 1961
Zwiesel Regen 1904

Um 1180 war das Herzogtum Baiern bis auf die Bischofssitze Eichstätt, Regensburg, Freising und Passau städtelos. Es ist die große Leistung der frühen Herzöge Ludwig I. (reg. 1183-1231), Otto II. (reg. 1231-1253), Ludwig II. (reg. 1253-1294) und Heinrich XIII. (reg. 1253-1290), wohl nach dem Vorbild der Staufer eine altbayerische Städtelandschaft geschaffen zu haben. Im Laufe des 13. Jahrhunderts entstanden in einem Urbanisierungsprozess 19 Städte und bis zu 50 Märkte im Anschluss an Burgen und ältere Vorsiedlungen.

Der Stadtturm in Straubing. (aus: Das Land Bayern. Seine kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung für das Reich, München 1927, 50)

Vor 1255 liegen die urbanen Anfänge folgender Städte:

Stadt Landkreis Erhebung im Jahr/Bezeichnung
München seit 1158, 1175 Mauerbau erwähnt, 1214/1217 civitas
Landshut 1204 oppidum
Straubing 1218 oppidum
Landau Dingolfing-Landau 1224 oppidum
Kelheim Kelheim 1227 cives
Burghausen Altötting nach 1229
Ingolstadt 1231/1234 stat
Cham Cham 1231/1234 stat
Neuötting Altötting 1231 novum forum
Weilheim Weilheim-Schongau vor 1238
Dingolfing Dingolfing-Landau 1251 oppidum
Aichach Aichach-Friedberg wohl vor 1250
Deggendorf Deggendorf nach 1242
Rain Donau-Ries 1231/1234 cives in Baydilling, 1257 civitas

Erhebungen nach 1255:

Stadt Landkreis Erhebung im Jahr/Bezeichnung
Friedberg Aichach-Friedberg 1264
Neustadt a.d.Donau Kelheim 1273
Landsberg am Lech Landsberg am Lech vor 1279/1284, 1297 communitas civium
Traunstein Traunstein um 1300
Waldmünchen Cham 1301

Die "klassischen" Stadtgründungen der Wittelsbacher hörten nach 1270 auf. Es folgten im Wesentlichen nur noch Stadterhebungen von bestehenden Märkten wie Moosburg (Lkr. Freising), Erding, Kufstein, Rattenberg, Riedenburg (Lkr. Kelheim), Schärding, Pfaffenhofen, Stadtamhof und Schrobenhausen. Eine Begründung für das Ende der planmäßigen Stadtgründungen noch im 13. Jahrhundert lässt sich nicht ausmachen. Wilhelm Störmer argumentiert, dass die frühe Machtentfaltung und Unabhängigkeitsbestrebung der Residenzstädte München und Landshut die Landesherrschaft nur noch zu "minderen" Marktgründungen veranlasste. Die Quellen legen nahe, dass die Landesherrschaft seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zu einer planmäßigen Marktgründungspolitik übergegangen ist. Danach hätte der "Gründungsmarkt" die "Gründungsstadt" abgelöst. Stadterhebungen und Marktgründungen bestimmten dann eine zweite Phase. Die Marktgründungen gingen im 15. Jahrhundert zu Ende.

Teilungsverträge 1310 und 1329

Frühe Verzeichnisse der Städte und Märkte liegen in den Teilungsverträgen der Wittelsbacher vor. Für das seit 1255 bestehende Teilherzogtum Oberbayern gibt es zwei Verträge von 1310 und 1329. 1329 wurden in landesherrlichem Besitz 22 Städte und 47 Märkte verzeichnet: An die Pfälzer Linie Herzog Rudolfs II. (reg. 1329-1359) und seiner Erben fielen in der Oberpfalz sechs Städte und 19 Märkte:

Die Linie Kaiser Ludwigs IV. (reg. 1314-1347, seit 1328 Kaiser) und seiner Erben erhielt 16 Städte:

Vier von 16 Städten lagen aber in Ostschwaben (Höchstädt, Lauingen, Gundelfingen [alle Lkr. Dillingen a.d.Donau], Donauwörth [Lkr. Donau-Ries]). Dazu kamen 28 Märkte

Die letzten acht lagen in der Oberpfalz. Für Niederbayern, das wesentlich mehr Märkte besaß, gibt es keine vergleichbare Quelle aus dieser Zeit. Heinz Lieberich (1905-1999) ermittelte für das Spätmittelalter in Niederbayern einschließlich Innviertel 20 Städte und 56 Märkte mit Landstandschaft. Dies waren die Städte

Patrimonialmärkte

Neben dem wittelsbachischen Herzog gründeten auch der Adel und die Kirche Märkte (spätere Städte). Dazu gehören Hengersberg (Lkr. Deggendorf) und Zwiesel (Kloster Niederaltaich), Holzkirchen (Lkr. Miesbach) (Kloster Tegernsee), Bruck (heute Stadt Fürstenfeldbruck) (Kloster Fürstenfeld), Ebersberg (Kloster Ebersberg), Murnau (Kloster Ettal), Rohr (Stift Rohr), Ruhmannsfelden (Lkr. Regen) (Kloster Gotteszell) wie auch Tann (Lkr. Rottal-Inn) und Marktl (Lkr. Altötting) (Herren von Leonberg), Aidenbach (Lkr. Passau) (Grafen von Hals), Ortenburg (Lkr. Passau) (Grafen von Ortenburg), Winzer (Lkr. Deggendorf) (Herren von Winzer), Reisbach (Lkr. Dingolfing-Landau) (Herren von Reisbach-Warth), Miesbach (Herren von Hohenwaldeck), Pöttmes (Lkr. Aichach-Friedberg) (Gumppenberger), Arnstorf (Lkr. Rottal-Inn)(Closner zu Gern), Au (Lkr. Freising), Abensberg und Rohr (alle Lkr. Kelheim) (Grafen von Abensberg), Haag (Lkr. Mühldorf am Inn) (Herren von Haag) und andere mehr.

Topographie

Über die Gründungsumstände der Städte und Märkte schweigen sich die Quellen völlig aus. Überwiegend lehnten sich Städte wie Märkte an Burgen und präurbane Vorsiedlungen an. Die Topographie, sichtbar in den frühen Katasterplänen des 19. Jahrhunderts, gibt einige Hinweise. Das Straßensystem, der Marktplatz, die Anordnung der Hausstellen, die Viertelbildung und der Siedlungsumriss vermitteln Aufschluss über die Ausgangslage und weitere Entwicklung durch Erweiterungen. Die Grundrisse heben sich durch Siedlungsart, Anlage und Form eindeutig vom Dorf ab. Das Einstraßensystem mit einer einfachen Häuserreihe, Giebel an Giebel, gehörte zur Grundausstattung. Eine Querstraße bildete ein Straßenkreuz, das die Siedlung in Viertel teilte. Die Hofstätten ordneten sich ein.

Den Mittelpunkt der Plananlagen stellte der Marktplatz, ein Straßenmarkt und/oder ein eckiger Marktplatz, dar. Die Existenz eines Marktplatzes machte den Hauptunterschied zum Dorf aus. Dörfer mit Marktplätzen gehören in die Kategorie gescheiterter Marktgründungen. Straßenmarktplätze haben die Städte Aichach, Deggendorf, Rain, Cham, Landau, Landshut, Neuötting, Straubing, Neustadt a.d.Donau, Auerbach in der Oberpfalz und Furth im Wald. Hier wurden Durchgangsstraßen zu Plätzen ausgeweitet. Eckige Marktplätze als Mittelpunkte besitzen Dingolfing, Burghausen, Friedberg und Landsberg am Lech. Auf den Plätzen fand der Warenaustausch zwischen Stadt und Umland statt. Handwerker und Gewerbetreibende verkauften hier auf mehrtägigen Jahrmärkten, Wochenmärkten und Spezialmärkten ihre Produkte an die Landbevölkerung. Die Bauern brachten ihrerseits Getreide, Vieh und Milchprodukte auf den Markt. Voraussetzung war eine Arbeitsteilung zwischen Stadt/Markt und Umland. Sie führte zur Konzentrierung und Monopolisierung des in Zünften organisierten Handwerks und Gewerbes auf Stadt und Markt. Für das Umland bzw. das jeweilige Landgericht herrschte Marktzwang. Auf Jahrmärkten deckte die Landbevölkerung ihren Jahresbedarf. Über die lokale und regionale Versorgung hinaus wiesen die Niederlags- und Stapelrechte für die altbayerischen Hauptexportartikel Salz, Getreide und Vieh.

Autonomie und Rechtsausstattung

Meist im Mittelpunkt oder am Rand der Plätze stand und steht bis heute das Rathaus als Symbol bürgerlicher Selbstverwaltung und Autonomie. Die Selbstverwaltung war aber unterschiedlich ausgeprägt. Auf die Beschwörung des Marktfriedens und die Entstehung einer bürgerlichen communitas weisen die frühen Siegel des 13./14. Jahrhunderts hin. In den Umschriften hieß es ursprünglich stets "Sigillvm civivm". Schriftliche Rechte oder Privilegien standen am Ende, nicht am Anfang der Autonomie. Die freiwillige Gerichtsbarkeit (Notariat) und das Siegelrecht besaßen alle Städte und Märkte, auch eine Ratsverfassung.

Die Niedergerichtsbarkeit war geteilt und stand vollständig nur den wenigsten Städten/Märkten zu. Der jeweilige Landrichter übte auch in den Städten und Märkten als Stadt- oder Marktrichter die Gerichtsbarkeit im Auftrag des Landesherrn aus. Lediglich die Hauptstädte wie München, Ingolstadt, Landshut, Burghausen und Straubing erreichten eine Selbständigkeit vom Pfleger und Landrichter. München, Ingolstadt oder Landshut entwickelten ein eigenes Stadtrecht, das die Herzöge verliehen und immer wieder neu bei Regierungsantritt bestätigten.

Die Masse der Landstädte und Märkte durfte sich aufgrund eines herzoglichen Privilegs ihr Recht bei den Residenzstädten "holen". Es entstanden "Stadtrechtsfamilien". Die Märkte wurden vielfach in ihrer Rechtsausstattung auf die nächste Landgerichtsstadt verwiesen. Nicht selten reduzierte sich ihre Privilegierung auf die allgemeine Formulierung, dass sie alle die Rechte und Freiheiten haben sollten wie die anderen Städte und Märkte im Land. Da es kein einheitliches Stadt- und Marktrecht gab, war diese Formulierung nichtssagend. In der Praxis wurde in Oberbayern in den Städten/Märkten nach dem Landrechtsbuch Kaiser Ludwigs IV. des Bayern von 1346 Gericht gehalten. Die Mitglieder des Rates wirkten als Beisitzer mit.

Das früheste schriftliche Stadtrecht ist 1235 in Burghausen festzustellen, gefolgt von Neustadt an der Donau (1273). Für München ist erst 1294 ein Rechtsbuch, das sogenannte Rudolfinum, nachgewiesen. Frühe Stadtrechte sind bekannt von Dingolfing (1274), Landshut (1279), Cham (1293), Landau (1304), Ingolstadt (1312), Landsberg (1315), Deggendorf (1316), Neuötting (vor 1316), Straubing (vor 1321), Rain (1323), Weilheim (1323), Furth im Wald (1332), Kelheim (1335), Aichach (1347 Münchener Stadtrecht) und Pfaffenhofen a.d.Ilm (vor 1347 Münchener Stadtrecht).

Landstandschaft

Landtafel des Herzogtums Bayern von Hans Mielich (1516-1573). Um das herzogliche Wappen herum sind die Wappen von Adel, Prälaten sowie Städten und Märkten angeordnet. (Bayerische Staatsbibliothek)

Die politische und wirtschaftliche Blütezeit der Städte und Märkte war das Spätmittelalter. Dem leisteten die Landesteilungen seit 1255 Vorschub, insbesondere die große von 1392, die zur dauerhaften Entstehung von Teilherzogtümern bis 1505 führte. Schon im Verlauf des 14. Jahrhunderts schlossen sich der Adel, die Prälaten und die Bürger zu einer landständischen Korporation zusammen. Seit 1322 waren die Städte die Adressaten der landständischen Freiheitsbriefe. 1347 schlossen sich der Adel und die Bürger Niederbayerns zu einer Einung zusammen.

Auf der Seite der Bürger taten dies die Städte Straubing, Cham, Dingolfing, Landau, Deggendorf, Kelheim, Vilshofen, Erding, Neuötting, Burghausen (beide Lkr. Altötting), Braunau, Reichenhall (Lkr. Berchtesgadener Land), Traunstein, Moosburg sowie die Märkte Dorfen, Biburg, Pfarrkirchen und Eggenfelden (beide Lkr. Rott am Inn). Der 12. landständische Freiheitsbrief von 1374 nennt alle bürgerlichen Mitglieder der oberbayerischen "Landschaft" wie

Landkreis
Kitzbühel Markt
Kufstein Markt
Murnau Garmisch-Patenkirchen Markt
Weilheim Weilheim-Schongau Stadt
Rattenberg Bezirk Kufstein, Tirol Markt
Tölz Bad Tölz-Wolfratshausen Markt
Neustadt an der Donau Kelheim Stadt
Bad Aibling Rosenheim Markt
Mainburg Kelheim Markt
Gaimersheim Eichstätt Markt
München Stadt
Ingolstadt Stadt
Pförring Eichstätt Markt
Hohenwart Pfaffenhofen an der Ilm Markt
Pfaffenhofen a. d. Ilm Markt
Aichach Aichach-Friedberg Stadt
Riedenburg Kelheim Markt
Friedberg Aichach-Friedberg Markt
Rain Donau-Ries Stadt
Schrobenhausen Neuburg-Schrobenhausen Markt
Dachau Markt
Neuburg a.d. Donau Neuburg-Schrobenhausen Stadt
Schongau Weilheim-Schongau Stadt

1392 wirkten bei der Dreiteilung des Herzogtums nicht nur 24 Adelige, sondern auch 16 Bürger aus den Städten München, Ingolstadt, Landsberg, Wasserburg a.Inn, Weilheim, Aichach, Neuburg und Rain an der Landesteilung als Vermittler mit. Im 15. Jahrhundert traten Adel, Prälaten und Bürgermeister erstmals geschlossen auf Landtagen auf.

Letztmals konnten einzelne Städte/Märkte in Zusammenhang mit dem Landtag von 1557 Rechtsverbesserungen erreichen. Die Landesherren gewährten seitdem in der Regel keine neuen Privilegien mehr. Ausnahmen waren der Blutbann für Burghausen (1581), Landshut (1601) und Straubing (1602); München und Ingolstadt besaßen ihn schon länger. Im 17./18. Jahrhundert bis zum Ende der landständischen Verfassung 1808 ist ein grundsätzlicher Machtverlust der Stände, also auch der Bürger, im Bereich der Bewilligung und Verwaltung der Steuern zu beobachten.

Frühe Neuzeit

Zwischen 1600 und 1800 zählte Altbayern (das Kurfürstentum ohne das Innviertel) 32 Städte, 70 landesherrliche und 14 patrimoniale Märkte. In ihnen lebten am Ende des Alten Reiches 165.355 oder etwa 19 % der Gesamtbevölkerung von 923.734 Menschen. Die Einwohnerzahl schwankte 1794 bei den Städten, ohne München (34.277) gerechnet, zwischen 7.272 in Landshut und 577 in Grafenau, bei den Märkten zwischen 2.013 in Tölz und 176 in Julbach. In der Frühen Neuzeit erfolgte keine Stadtgründung und keine Stadterhebung, aber auch keine Gründung eines Marktfleckens mehr. Von einer Deurbanisierung kann im "großen deutschen Städtetal" nicht die Rede sein, weil das Städte- und Märktenetz des Spätmittelalters unverändert weiterbestand und seine Aufgaben erfüllte. Allerdings ist eine ökonomische Stagnation unbestreitbar. Als Ursachen sind der Dreißigjährige Krieg (1632/1634, 1646, 1648), der Spanische Erbfolgekrieg (1701-1714) und der Österreichische Erbfolgekrieg (in Altbayern 1741-1745) auszumachen.

Parallel dazu lässt sich ein Anwachsen des Gewerbeanteils auf dem Land, eine "Territorialisierung des Gewerbes" beobachten, die der Adel und besonders die Klöster im Zusammenhang mit einem Bauboom im Barock vorantrieben. Das Spezialgewerbe blieb aber den städtischen Siedlungen und ihren Zünften vorbehalten. Die Landhandwerker wurden in Stadt und Markt eingezünftet.

Die einzelnen Phasen von Wachstum, Stagnation und Niedergang wie am Ende des 18. Jahrhunderts bedürfen noch weiterer vergleichender Forschungen. Fürsorge, Bevormundung und Kontrolle bestimmten im sogenannten Absolutismus das Verhältnis von Staat und Kommunen. Die Landesherrschaft erließ 1670 und 1748 zwei inhaltlich identische Instruktionen für die Magistrate der Städte und Märkte. Sogenannte Rentmeister bereisten die Städte/Märkte, visitierten, kontrollierten und reformierten auf Grundlage der Instruktionen. Ihre Berichte sind die wichtigsten Zentralquellen zum inneren Zustand der frühneuzeitlichen Städte und Märkte. Sie ergänzen die Ratsprotokolle und Kammerrechnungen der Kommunen, soweit sie sich erhielten, um die Sicht der Zentrale.

Die traditionelle bürgerliche Autonomie wurde 1807/1808 durch den "bürokratischen Absolutismus" der Montgelas-Zeit im Bereich Justiz, Polizei/Verwaltung und Gemeinde- und Stiftungsvermögen faktisch beseitigt. Viele Märkte gaben ihren Rechtsstatus auf und stiegen aus finanziellen Gründen zu Landgemeinden ab. Erst das Gemeindeedikt von 1818 stellte die bürgerliche Autonomie wieder her.

Dokumente

Literatur

  • Edith Ennen, Die sog. "Minderstädte" im mittelalterlichen Europa, in: Dies., Gesammelte Abhandlungen zum europäischen Städtewesen und zur rheinischen Geschichte. 2. Band, hg. von Dietrich Höroldt/Franz Irsigler, Bonn 1987, 70-85, Zitate 82 u. 85.
  • Friedrich B. Fahlbusch, Minderform, städtische, in: Lexikon des Mittelalters. 4. Band, Stuttgart 1999, 633-634.
  • Carl A. Hoffmann, Der altbayerische Markt in der Frühen Neuzeit: Eine "Minderstadt" in der bayerischen Städtelandschaft? in: Herbert Knittler (Hg.), Minderstädte, Kümmerformen, Gefreite Dörfer. Stufen zur Urbanität und das Märkteproblem (Beiträge zur Geschichte der Städte Mitteleuropas XX), Linz 2006, 305-323.
  • Carl A. Hoffmann, Landesherrliche Städte und Märkte im 17. und 18. Jahrhundert (Münchener Historische Studien. Abteilung Bayerische Geschichte 16), München 1997.
  • Eberhard Isenmann, Die deutsche Stadt im Spätmittelalter 1250-1500, Stuttgart 1988.
  • Wiguläus Xaverius Aloysius Frhr. von Kreittmayr, Anmerkungen über odicem Maximilianeum Bavaricum Civilem, München 1768, 2358f. (Zitat).
  • Heinz Lieberich, Die bayerischen Landstände 1313/40-1807 (Materialien zur bayerischen Geschichte 7), München 1990, 229-237.
  • Wilhelm Liebhart, Die frühen Wittelsbacher als Städte- und Märktegründer in Bayern, in: Hubert Glaser (Hg.), Die Zeit der frühen Herzöge. Von Otto I. zu Ludwig dem Bayern (Wittelsbach und Bayern I/1), München 1980, 307-318.
  • Wilhelm Liebhart, Zwischen Dorf und Stadt: der altbayerische Marktflecken im Spätmittelalter, in: Herbert Knittler (Hg.), Minderstädte, Kümmerformen, Gefreite Dörfer. Stufen zur Urbanität und das Märkteproblem (Beiträge zur Geschichte der Städte Mitteleuropas XX), Linz 2006, 279-304.
  • Alois Schmid, Die Städtepolitik des Kurfürstentums Bayern, in: Ost bairische Grenzmarken 40 (1998), 75-90.
  • Alois Schmid, Städte und Märkte in der Oberpfalz, in: Helmut Flachenecker/Rolf Kießling (Hg.), Städtelandschaften in Altbayern, Franken und Schwaben (Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte. Beihefte B 15), München 1999, 113-151.
  • Reinhard H. Seitz, Zum Problem Markt und Stadt im Spätmittelalter in der Oberpfalz, in: Emil Meynen (Hg.), Zentralität als Problem der mittelalterlichen Stadtgeschichtsforschung (Städteforschung A 8), Köln u. a. 1979, 272-283.
  • Wilhelm Störmer, Kleinere Städte und Märkte im mittelalterlichen Altbayern südlich der Donau, in: Helmut Flachenecker/Rolf Kießling (Hg.), Städtelandschaften in Altbayern, Franken und Schwaben (Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte. Beihefte B 15), München 1999, 39-80.
  • Wilhelm Störmer, Wittelsbachische Städte Altbayerns in der frühen Neuzeit, in: Karl Bosl (Hg.), Abensberger Vorträge 1977 (Zeitschrift für bayerische Leandesgeschichte. Beihefte B 9), München 1978, 39-63.
  • Wilhelm Störmer, Zur Bedeutung altbayerischer Städte im Spätmittelalter. Anhang: Aktuelle Aufgaben bayerischer Stadtgeschichtsforschung, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Niederbayern 109 (1983), 113-133.
  • Heinz Stoob, Kartographische Möglichkeiten zur Darstellung der Stadtentstehung im Mitteleuropa besonders zwischen 1450 und 1800, in: Ders., Forschungen zum Städtewesen in Europa. 1. Band, Köln 1970, 28f.
  • Heinz Stoob, Minderstädte. Formen der Stadtentstehung im Spätmittelalter, in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 46 (1959), 1-28.
  • Wilhelm Volkert, Das spätmittelalterliche Städtewesen, in: Andreas Kraus (Hg.)/Max Spindler (Begr.), Handbuch der bayerischen Geschichte. 2. Band: Das Alte Bayern, München 2. Auflage 1988, 578-591.
  • Josef A. Weiss, Die Integration der Gemeinden in den modernen bayerischen Staat. Zur Entstehung der kommunalen Selbstverwaltung in Bayern (1799-1818), München 1986.

Quellen

  • Bayerischer Geschichtsatlas, hg. von Max Spindler, Redaktion Gertrud Diepolder, München 1969.
  • Elisabeth Lukas-Götz u. a. (Hg.), Quellen zur Verfassungs-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte bayerischer Städte in Spätmittelalter und Früher Neuzeit. Festgabe für Wilhelm Störmer zum 65. Geburtstag (Materialien zur bayerischen Landesgeschichte 11), München 1993.

Weiterführende Recherche

Verwandte Artikel

Empfohlene Zitierweise

Wilhelm Liebhart, Städte und Märkte in Altbayern (Mittelalter/Frühe Neuzeit), publiziert am 02.02.2015; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Städte und Märkte in Altbayern (Mittelalter/Frühe Neuzeit)> (14.12.2018)