Universität Altdorf (1580/1622-1809)

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von Werner Wilhelm Schnabel

In Altdorf befand sich ab 1580 die Akademie der Reichsstadt Nürnberg, die 1622 zur Semiuniversität (ohne Promotionsrecht in der theologischen Fakultät) aufgewertet wurde und 1696 endgültig den Rang einer Volluniversität erwarb. Sie war neben Straßburg die einzige reichsstädtische Universität und hatte als evangelische Hochschule zeitweilig einen weit ausgreifenden Einzugsbereich für protestantische Studenten vor allem aus dem Südosten Mitteleuropas, denen Hochschulen ihrer konfessionellen Ausrichtung im näheren Umfeld nicht zur Verfügung standen. Der Niedergang begann allerdings schon während des Dreißigjährigen Krieges. Trotz namhafter und innovativer Wissenschaftler verlor sie im 18. Jahrhundert nicht zuletzt durch die Neugründung im brandenburg-bayreuthischen Erlangen (1743) weiter an Bedeutung und wurde 1809 vom neuen bayerischen Landesherrn aufgelöst.

Vorgeschichte

Nachdem es in den fürstlichen Territorien insbesondere im 15. Jahrhundert vermehrt zur Gründung von Universitäten gekommen war, bedeutete die Reformation auch für die Reichsstädte einen Ansporn, unabhängig von der Kirche bildungspolitische Ziele zu verfolgen. Das Ergebnis war die Einrichtung protestantischer Gymnasien, die ein Zwischenglied zwischen Lateinschule und Universität bilden sollten (1525 Nürnberg, 1531 Augsburg, 1538 Straßburg und Regensburg). Nachdem das Straßburger Gymnasium 1567 zur ‚Privilegierten Akademie‘ erhoben worden war, hegte man in Nürnberg u.a. auf Anregung von Joachim Camerarius (1500-1574) ebenfalls entsprechende Pläne.

Nach gründlicher Sondierung möglicher Standorte im Nürnberger Landgebiet entschied man sich 1571 für das seit 1504 zum Territorium gehörige Altdorf als Sitz eines Akademischen Gymnasiums, das von vornherein zur Hochschule weiterentwickelt werden sollte. Noch im selben Jahr erfolgte die Grundsteinlegung für das Kollegiengebäude, das 1575 vorläufig fertiggestellt wurde; der Athenebrunnen von 1575/76 im Innenhof stammt von Pankraz Labenwolf (um 1530-1585). Der Lehrbetrieb wurde am 29.6.1575, dem Peter-und-Pauls-Tag, feierlich aufgenommen, der seither als Dies academicus fungierte. Gründungsrektor war der zuvor in Straßburg tätige Valentin Erythräus (1521-1576), der auch den Lehrbetrieb nach dem erfolgreichen Straßburger Vorbild ausrichtete. Die Schüler- und Studentenzahl war 1576 auf 122 angewachsen, fiel in der Folge allerdings deutlich ab.

Die Akademie (1580-1622)

Obwohl bereits 1578 von Johann Thomas Freigius (1543-1583) abermals angeregt wurde, sich um eine Aufwertung zur Universität zu bemühen, strebte der Nürnberger Rat zunächst nur die Erhebung zur Semiuniversitas nach Straßburger Vorbild an. Ein kaiserliches Privileg, das Nürnberg wegen einschränkender Bedingungen (Status einer „Particular Schul“) nicht annahm, wurde am 26.11.1578 ausgestellt und konnte im Juni 1579 nach weiteren Verhandlungen im Sinne des Rats erweitert werden; die feierliche Proklamation und Eröffnung erfolgte am 25.7.1580. Verliehen werden konnten fortan die akademischen Grade des Baccalaureus und des Magisters, nicht aber Graduierungen in den ‚höheren‘ Fakultäten der Theologie, Rechtswissenschaft und Medizin.

Ein noch 1580 angebotenes Universitätsprivileg wurde aus politischen und juristischen Erwägungen abgelehnt, da man die Seriosität der Vermittlung bezweifelte und negative Folgen befürchtete, wenn man gegen die Maßgabe des Privilegs von 1579 verstieß, keine Universitätsgründung zu verfolgen. Zu diesem Zeitpunkt verfügten die Theologische und die Juristische Fakultät über je vier Lehrstühle, die Medizinische über zwei, die Philosophische über fünf bis sieben. Als vorteilhaft für die Frequenz an Studierenden erwies sich der Umstand, dass das Einsetzen der Gegenreformation in den österreichischen Ländern und in Osteuropa von dort stammende Studenten protestantischer Herkunft verstärkt zum Ausweichen in konfessionell verwandte Hochschulen zwang und Altdorf durch seine geographische Lage besonders davon profitieren konnte. Einzugsgebiet war somit der gesamte protestantische Raum im deutschen Südosten, Böhmen, Polen, Ungarn und darüber hinaus. Mit Theateraufführungen, Festveranstaltungen, Preisvergaben und repräsentativen, aufwendig ausgestatteten Publikationen (etwa den ‚Panegyres Altorfianae‘ oder der ‚Solennitas et Actus Renunciationis, et Promotionis‘ anlässlich der ersten Magisterpromotionen von 1581 oder den ‚Emblemata anniversaria Academiae Altorfinae‘ von 1597 und ihren Nachfolgeveröffentlichungen) arbeitete die Akademie zielstrebig an ihrer Selbstdarstellung. Bis ans Ende der Akademiezeit schwankte die Zahl der Neuimmatrikulationen stark und belief sich (mit steigender Tendenz) auf jährlich zwischen 40 und 233.

Die theologischen Professuren waren mit Altdorfer Kirchenstellen verbunden. Insgesamt dominierte dort zunächst – ganz im Einvernehmen mit Strömungen innerhalb des reichsstädtischen Scholarchats – ein geistiges Klima, das vom Philippismus und Kryptocalvinismus geprägt war. Dieses machte die Hochschule gerade auch für Studenten aus dem ost-, südost- und westeuropäischen Raum (Polen, Schlesien, Böhmen, Ungarn, Siebenbürgen, Südfrankreich, Niederlande) attraktiv und kam der internationalen Vernetzung zugute. Der wachsende Einfluss lutherisch orthodoxer Positionen im Nürnberger Kirchenwesen führte allerdings ab 1598 zu einem Umschwung. Es war insbesondere dem kämpferischen Theologen Jacob Schopper (1545-1616) zu verdanken, dass an der Hochschule in der Folge alle konfessionell verdächtigen Lehrpersonen entweder freiwillig weiterzogen oder entlassen wurden; die Stellen wurden nun mit orthodoxen Fachvertretern besetzt. Diese Umorientierung führte wiederholt auch zu studentischen Unruhen.

Bei der international ausgerichteten Besetzungspolitik wurde vom Rat der Reichsstadt die Juristische Fakultät besonders gefördert, da man von dort künftig Fachpersonal für den Verwaltungsdienst beziehen wollte. Hier wirkten in der Frühzeit so namhafte Fachvertreter wie Johann Thomas Freigius, der mit der Etablierung ramistischer, Methodik und Didaktik akzentuierender und effizienter Lehrmethoden allerdings scheiterte, Obert Giphanius (Hubert van Giffen, 1534-1604) und Hugo Donellus (Hugues Doneau, 1527-1591), Scipio Gentilis (Scipione Gentili, 1563-1616) oder Conrad Rittershausen (1560-1613). Allerdings führten Konkurrenzen, unangemessenes Verhalten auch der Professoren und konfessionelle Streitigkeiten auch hier immer wieder zu Unruhen und raschem Wechsel.

In äußerlich ruhigeren Bahnen verlief der Lehrbetrieb an der Medizinischen Fakultät. Hier konnten mit dem als Philosophen und Emblematiker hervorgetretenen Nicolaus Taurellus (1547-1606), dem auch aktuelle naturphilosophische Debatten aufgreifenden und erst nach seinem Tod als (antitrinitarischer) Socinianer enttarnten Ernst Soner (1572-1612) oder Caspar Hofmann (1572-1648) international angesehene Hochschullehrer gewonnen werden.

Die Lehre in der Philosophischen Fakultät mit ihrem breiten Fächerspektrum wurde sowohl von Präzeptoren wie von Professoren getragen. Namhafte Mitglieder waren der aus Böhmen stammende Mathematiker und Sternenkundler Johannes Praetorius (1537-1616), die Historiker und Politikwissenschaftler Christoph Coler (um 1572-1604?) und Arnold Clapmarius (1574-1604), der Aristoteles-Exeget Michael Piccart (1574-1620) oder der Orientalist, Mathematiker und Physiker Daniel Schwenter (1585-1636).

Die Semiuniversität (1622-1696)

Nach langwierigen Vorverhandlungen erreichte die Reichsstadt gegen politische und wirtschaftliche Zugeständnisse am 3.10.1622 die Erhebung der Akademie zur Universität. Sie vollzog damit zumindest teilweise die Entwicklung nach, die die zweite reichsstädtische Hochschule in Straßburg mit ihrer Erhebung zur Volluniversität bereits ein Jahr zuvor erreicht hatte. Mit der Aufwertung war das Recht verbunden, nun auch Doktoren zu ernennen und Dichter zu krönen. Allerdings blieb der Semiuniversitas das theologische Promotionsrecht versagt, da der Kaiser gerade in der Anfangsphase des Dreißigjährigen Krieges eine Stärkung der protestantischen Partei vermeiden wollte. Nachverhandlungen angesichts dieser konfessionspolitisch motivierten Einschränkung erwiesen sich als aussichtslos.

Wie erhofft stabilisierten sich die Immatrikulationszahlen zunächst auf gut 160 jährliche Neuzugänge (mit sinkender Tendenz). Sie brachen allerdings rapide ein, als die Universität 1632/33 stark von den Kriegsereignissen in Mitleidenschaft gezogen wurde und ihren Lehrbetrieb zeitweilig einstellen musste. 1633 wurde das nur noch schlecht frequentierte Gymnasium ausgegliedert und nach Nürnberg zurückverlegt, wodurch man u.a. auch Disziplinproblemen Herr zu werden hoffte. Bis 1660 stiegen die sehr volatilen jährlichen Neuzugänge wieder auf einen Stand von maximal 192, begannen dann aber langfristig zu sinken.

Dabei entwickelte sich der akademische Betrieb durchaus erfolgreich weiter. Die Universitätsbibliothek wurde mit einem reichen Bestand an Handschriften und Büchern des 16. und 17. Jahrhunderts ausgestattet und erhielt durch zahlreiche Legate bedeutende juristische und medizinische Bestände, wurde aber erst 1735 öffentlich zugänglich gemacht.

Ab 1625 wurde ein überregional bedeutsamer ‚Hortus medicus‘ eingerichtet und ausgebaut, der v.a. mit dem Wirken der Medizinprofessoren Ludwig Jungermann (1572-1653) und Moritz Hoffmann (1621-1698) verbunden war. Das ebenfalls auf Hoffmann zurückzuführende ‚Theatrum anatomicum‘ diente später u.a. dem bedeutenden und hervorragend vernetzten Anatomen Lorenz Heister (1683-1758) als Arbeitsplatz und war mit einer umfangreichen Präparatesammlung verbunden. Mit dem von Johann Moritz Hoffmann (1653-1727) eingerichteten ‚Laboratorium chemicum‘, das ab 1682 wohl das größte und bestausgestattete an einer deutschen Universität war, akzentuierte die Hochschule ihre naturwissenschaftliche Ausbildung weiter.

Eine erste Sternwarte in einem Stadtmauerturm, die Abdias Trew (1597-1669) hatte errichten lassen, wurde 1657 zum ‚Observatorium astronomicum‘ ausgebaut und mit modernsten Präzisionsinstrumenten ausgestattet. 1710/11 wurde es dann auf das Dach des Kollegiengebäudes selbst verlegt. Bemerkenswert ist, dass diese Einrichtungen nicht zuletzt durch Spenden Nürnberger Privatleute, aber auch Altdorfer Professoren zustande kamen, da die wirtschaftlichen Möglichkeiten der Universität stark eingeschränkt blieben – der Rat der Reichsstadt, die durch den Dreißigjährigen Krieg ökonomisch stark angeschlagen war, konnte nur bescheidene Mittel zur Verfügung stellen.

Während die Professoren in der Theologischen Fakultät überwiegend nur noch regionale Bedeutung hatten, wirkten bei den Juristen etwa mit dem Universalgelehrten und Diplomaten Wilhelm Ludwell (1589-1663) oder dem Historiker, Orientalisten und frühen Volkskundler Johann Christoph Wagenseil (1633-1705) weiter bedeutsame Persönlichkeiten, die z.T. weit über ihre Fachgrenzen hinaus Akzente setzten. Auch in der Medizin beanspruchte die Semiuniversität einen herausragenden Rang und hohe Innovationskraft. Unter den namhaften Universalgelehrten an der Philosophischen Fakultät sind etwa Daniel Wilhelm Moller (1642-1712), Magnus Daniel Omeis (1646-1708) oder Christian Gottlieb Schwarz (1675-1751) hervorzuheben.

Die Volluniversität (1696-1809)

Das theologische Promotionsrecht erhielt Altdorf erst durch ein kaiserliches Privileg vom 10.12.1696, nachdem ein Vorstoß der Stadt noch 1690 gescheitert war. Die Rangerhöhung zur Volluniversität wurde am akademischen Jahrtag 1697 feierlich verkündet.

Ein Ansteigen der Studentenzahlen war damit aber nur kurzfristig verbunden. Nach 1700 stagnierten oder sanken die Immatrikulationszahlen auf einen Zehnjahresdurchschnitt von knapp 80. Nach 1740 fielen sie noch einmal deutlich ab und verringerten sich nach 1770 stetig weiter bis auf zeitweilig nur gut 20 Neuimmatrikulationen. Diese Entwicklung hing nicht zuletzt mit der Eröffnung einer Landesuniversität in Erlangen 1743 zusammen, die Altdorf potentielle Studenten aus den Markgraftümern Brandenburg-Ansbach und -Bayreuth und vielen ritterschaftlichen Gebieten entzog. Insbesondere seit den 1780er Jahren kam auch eine teilweise tendenziöse Berichterstattung v.a. norddeutscher Aufklärer über Nürnberg und seine Universität hinzu, die die dortigen Verhältnisse als rückständig, provinziell, ja skurril schilderten.

Gleichwohl konnte sich Altdorf auch im 18. Jahrhundert noch eine geachtete Stellung in bestimmten Wissenschaftszweigen erhalten. In der Theologie wurde zeitweilig eine pietistisch modifizierte Orthodoxie gelehrt, ehe sich mit Johann Christoph Döderlein (1746-1792) – gegen erhebliche Widerstände – die neologische Richtung durchsetzte, die mit ihrem ‚vernünftigen Christentum‘ den aufklärerischen Zeitgeist widerspiegelte. Sie wurde auf dem Weg über die Pfarrerausbildung dann auch im Nürnberger Landgebiet dominant.

Die Altdorfer Juristen arbeiteten nicht nur im Dienst der Reichsstadt, sondern wurden immer wieder auch von weiter entfernten Fürsten mit diplomatischen Missionen beauftragt und mitunter auch abgeworben. Sie pflegten häufig sehr breite – auch außerjuristische – Tätigkeitsbereiche.

Die Medizinische Fakultät etablierte sich mit Lorenz Heister und seinem einflussreichen Lehrbuch als eine ‚Wiege der wissenschaftlichen Chirurgie‘, für die auch die neu eingeführte Öffentlichkeit von Leichensektionen förderlich war. Sein Kollege Johann Heinrich Schulze (1687-1744) galt nicht nur als einer der bedeutendsten Ärzte seiner Zeit, sondern trat auch als polyhistorisch gebildeter Historiker und Numismatiker hervor. Für Operationen wurden die Mediziner aus weitem Umfeld – auch aus Nachbarterritorien – aufgesucht.

Als wichtiger Vertreter der Philosophischen Fakultät ist der Historiker Johann David Köhler (1684-1755) zu nennen, der Entscheidendes für die Etablierung der Historischen Grundwissenschaften leistete, ebenso wie Georg Andreas Will (1727-1798), der nicht nur der führende Vertreter der Nürnberger Regionalhistoriographie im 18. Jahrhundert wurde, sondern als Initiator und Vorsteher der Altdorfer ‚Deutschen Gesellschaft‘ (1756) auch den Anschluss an die mittel- und norddeutsche Aufklärung suchte. Aufklärerische Maximen machten sich auch in der zunehmenden Orientierung naturwissenschaftlicher Wissensproduktion an ihrer praktischen Verwendbarkeit bemerkbar. Jacob Wilhelm Feuerlein (1689-1766) galt als einer der führenden Philosophen seiner Zeit, der kurzzeitig in Altdorf wirkende Johann Salomo Semler (1725-1791) erreichte seine bedeutsame Phase allerdings erst in späteren Jahren.

Die akademische Idylle an der kleinen Universität, wie sie immer wieder geschildert wurde, blieb von den rasanten Umgestaltungen des zeitgenössischen Hochschulwesens weitgehend verschont. Die Unterfinanzierung seitens der reichsstädtischen Träger führte dazu, dass ab 1777 immer wieder Diskussionen über die Verlegung der Hochschule nach Nürnberg oder deren Auflösung geführt wurden. Nicht selten wurden namhafte Professoren an besser dotierte oder neue bzw. reformierte Universitäten (wie Göttingen, Halle oder Würzburg) abgeworben, so dass auch ein Substanzverlust beim Lehrpersonal erfolgte. Das schmälerte zunehmend die Attraktivität  für die außernürnbergische Klientel, so dass Altdorf schließlich zu einer Lokaluniversität wurde.

Auflösung

Dem großen ‚Universitätssterben‘ an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert fiel 1809 auch die Altdorfer Hochschule zum Opfer, die mittlerweile zu den Kleinstuniversitäten im Reich gehörte. Nach der Okkupation der hochverschuldeten Reichsstadt durch das junge Königreich Bayern betrieb der leitende Minister Maximilian Graf von Montgelas (1759-1838) ab 1806 die Auflösung der abgelegenen Universität. Zwar erfolgte im gleichen Jahr noch ein Erlass, dass alle evangelischen Theologiestudenten Bayerns in Altdorf zu studieren hätten, was noch einmal steigende Immatrikulationszahlen (bis auf 62) bewirkte; als zukunftsträchtiger erwies sich dann aber doch die benachbarte Universität Erlangen. Durch ein Mandat König Max I. Josephs (1756-1825, reg. 1806-1825) vom 24.9.1809 wurde die Altorphina aufgelöst; eine spätere Vereinigung mit einer anderen Landesuniversität wurde allerdings ausdrücklich offengehalten. Die Professoren wurden überwiegend an andere bayerische Universitäten versetzt. Auch wenn mehrere Hochschulen schnell nachhaltiges Interesse an den wertvollen Buchbeständen anmeldeten, wurden Bibliothek, Registratur und verbliebenes Vermögen – auf maßgebliches Betreiben des evangelischen Theologen und bayerischen Zentralschulrates Friedrich Immanuel Niethammer (1766-1848) und nach langen Querelen – 1818 nach Erlangen überführt. Ansprüche Nürnbergs fanden keine ernsthafte Berücksichtigung.

Eine letzte Episode der Hochschulgeschichte war der rituelle Auszug unzufriedener Erlanger Studenten nach Altdorf am 26.2.1822. In Erlangen waren Streitigkeiten zwischen Studenten und Handwerkern eskaliert, die durch das Militär beendet werden mussten. Um Repressalien zu entgehen und ihrem Unwillen über die Kränkung Ausdruck zu verleihen, zogen rund 500 Studenten daraufhin in die ehemalige Universitätsstadt, wo sie herzlich empfangen wurden. Obwohl die Altdorfer Bevölkerung sie gerne bei sich behalten hätte, begannen die Studenten nun Verhandlungen mit dem Erlanger Universitätssenat und dem Münchener Kultusministerium und kehrten am 5.3.1822 an ihre Universität zurück, nachdem ihnen dort zahlreiche Zugeständnisse gemacht worden waren.

Nachleben und Erforschung

Nach Zwischennutzungen als französisches Militärlazarett und Getreidelager und gescheiterten Plänen zur Einrichtung einer sog. „Correctionsanstalt“ (Strafanstalt) wurde in der Kollegienanlage ab 1824 das 1811 in Nürnberg gegründete Kgl. Schullehrerseminar untergebracht. Nach dessen Schließung 1924 wurden die Anlagen im Folgejahr an die Rummelsberger Bruderschaft verkauft, die sie als „Krüppelheim“ und für Zwecke der Inneren Mission nutzte. Im heutigen „Wichernhaus Altdorf” der Rummelsberger Diakonie befinden sich Förderungs- und Ausbildungsstätten sowie Wohnheime für Körperbehinderte.

Nachdem Altdorf in den 1840er Jahren verschiedentlich in Memoiren ehemaliger Studenten gewürdigt worden war, erfuhr die frühere Universität in den 1890er Jahren auch literarische Ehren. Das Interesse wandte sich insbesondere der wechselhaften Zeit des Dreißigjährigen Krieges zu. Dauerhafte Wahrnehmung erfuhr aber nicht ein Drama des Berliner Erfolgsschriftstellers Otto Roquette (1824-1896), sondern das Volksstück „Wallenstein in Altdorf”, das der Nürnberger Lehrer Franz Dittmar (1857-1915) verfasst hatte. Nach einer ersten Aufführung 1894 werden seit 1895 regelmäßig „Wallenstein-Festspiele“ durchgeführt, die noch heute zu den großen kommunalen Ereignissen in der ehemaligen Universitätsstadt zählen. Sie erinnern an einen der prominentesten Studenten der Altorphina, von denen viele später zu überregionaler Bedeutung gelangten (z.B. Ludwig Camerarius [1573-1651], Caspar Schoppe [1576-1649], Melchior Goldast [1578-1635], Johannes Limnaeus [1592-1663], Friedrich von Logau [1605-1655], Martin Zeiller [1589-1661], Gottfried Wilhelm Leibniz [1646-1716], Johann Jacob Scheuchzer [1672-1733], Benjamin Neukirch [1665-1729], Johann Christoph Gatterer [1727-1799], Karl Heinrich Ritter von Lang [1764-1835] u.v.a.).

Zu Altdorf, das seine eigene Geschichte schon zu Akademiezeiten in Text- und Bildpublikationen nachhaltig pflegte, existiert heute relativ reichhaltige Literatur. Wichtiger Markstein war die Edition der Matrikel durch den Erlanger Germanisten Elias von Steinmeyer (1848-1922) im Jahr 1912. Aber erst in den 1960er Jahren belebte sich das (oft von Erlangen aus betriebene) wissenschaftliche Interesse an den Gelehrten und Studenten in Altdorf neu. Breitenwirksam erfolgte die Einrichtung eines Universitätsmuseums 1998. Nach einer innovativen Arbeit von Wolfgang Mährle (geb. 1968) über die Akademiezeit fanden im Gefolge des Jubiläumsjahrs 2009 zwei international besetzte Tagungen statt, die weitere Aspekte der Hochschulgeschichte beleuchteten. Die Tradition der einst benachbarten Hochschule pflegt heute die Friedrich-Alexander-Universität weiter, die auch das Altdorfer Universitätsarchiv übernommen hat. Ab 1988 vergab die damalige WiSo-Fakultät ihre Diplomzeugnisse bei einer Festveranstaltung in der Kollegienanlage; auch periodische Veranstaltungen der Universität finden wieder in Altdorf statt.

Literatur


Quellen

a) Matrikel:

  • Steinmeyer, Elias von (Hg.): Die Matrikel der Universität Altdorf. 2 Bde. Würzburg 1912 (Veröffentlichungen der Gesellschaft für fränkische Geschichte, IV/1). Erster Teil: Text ; Zweiter Zeil: Register.
  • Steinmeyer, Elias von: Weitere Nachträge zum Altdorfer Personenregister, in: Karl Wagner: Register zur Matrikel der Universität Erlangen 1743-1843. München, Leipzig 1918 (Veröffentlichungen der Gesellschaft für fränkische Geschichte, IV/4), S. 631-651.

b) Professoren- und Studentendatenbank:

c) gedruckte Quellen:

d) ungedruckte Quellen:

  • Die Universität betreffende Quellen befinden sich im Staatsarchiv Nürnberg, im Stadtarchiv Nürnberg und in der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Erlangen.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Werner Wilhelm Schnabel, Universität Altdorf (1580/1622-1809), publiziert am 31.10.2022; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Universität_Altdorf_(1622-1809)> (30.11.2022)





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