Universität Ingolstadt (1472-1800)

Das Wappen der Universität Ingolstadt, 1580. (Abbildung aus: Martin Schrot, Wappenbuch des Heiligen Römischen Reichs, und allgemainer Christenheit in Europa, München 1580) (Bayerische Staatsbibliothek, Res/2 Herald. 46)
Ausschnitt des Stifterblatts im Matrikelbuch der Ludwig-Maximilians-Universität von 1472. Herzog Ludwig der Reiche von Bayern-Landshut (1450-1479), links, wird als Stifter der Universität Ingolstadt gezeigt; rechts im Bild der erste Rektor Christoph Mendel von Steinfels (gest. 1508); beide zu Füßen einer frei empfundenen Nachbildung der sog. Ingolstädter Gnad. (Universitätsarchiv München)
Das Privileg zur Gründung der Universität Ingolstadt 1459. (aus: Götz Freiherr von Pölnitz, Denkmale und Dokumente. Zur Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität. Ingolstadt-Landshut-München, München 1942, Tafel II)
Grabstein des herzoglichen Rates Dr. Martin Mair (ca. 1420-1481) in der Landshuter St. Martins Kirche. (Foto von Stephanderpfeifer lizensiert durch CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons)
Ansicht von Ingolstadt in einem Stich von Michael Wening (1645-1718). Das Gebäude der Universität ist in der Vergrößerung am linken Rand zu sehen. Abb. aus: Wening, Michael: Historico-Topographica Descriptio, Bd. I. Das Rentambt München, München 1701, 61. (Bayerische Staatsbibliothek, Hbks/F 18-1)
Miniatur des Malers Caspar Freisinger (1560-1599) um 1590 im Matrikelbuch der Universität Ingolstadt der Jahre 1598-1613. Dargestellt ist die Electio (Amtsübernahme) des erst 13-jährigen Rektors Philipp Wilhelm von Bayern (reg. als Bischof von Regensburg 1579-1598) am 18. Oktober 1589 im Kreise von Professoren in schwarzen Talaren und adeligen Studierenden in bunter Kleidung. (Universitätsarchiv München D-V-4)
Miniatur des Malers Caspar Freisinger um 1590 im Matrikelbuch der Universität Ingolstadt der Jahre 1598-1613. Dargestellt ist die Resignatio (Amtsrückgabe) des erst 13-jährigen Rektors Philipp Wilhelm von Bayern am Ende des Wintersemesters 1589/1590 im Kreise von Professoren in schwarzen Talaren und adeligen Studierenden in bunter Kleidung. (Universitätsarchiv München D-V-4)
Spätmittelalterlicher Lehrbetrieb an der Universität Ingolstadt, dargestellt auf dem Grabstein des Theologie-Professors Johann Adler (gest. 1505). (aus: Andreas Schmid, Geschichte des herzoglichen Georgianums in München, Regensburg 1894, 35)
Das Gebäude der Hohen Schule zu Ingolstadt. (aus: Götz Freiherr von Pölnitz, Denkmale und Dokumente. Zur Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität. Ingolstadt-Landshut-München, München 1942, Tafel IV)
Kupferstich von Simon Thaddäus Sondermayr (Kupferstecher in Augsburg im 2. Viertel d. 18. Jahrhunderts): Der Botanische Garten in Ingolstadt. Dahinter ist die 1723 bis 1726 erbaute Anatomie der medizinischen Fakultät der Universität zu sehen. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv port-030615)

von Maximilian Schuh

1472 gründete Herzog Ludwig IX. der Reiche (reg. 1450-1479) in der vormaligen Residenzstadt des Teilherzogtums Bayern-Ingolstadt eine Universität. Die reich ausgestattete Universität zog in ihrer Frühzeit schnell kompetentes Lehrpersonal wie auch zahlreiche Studierende an. Von Beginn an war die Universität Ingolstadt humanistischen Bildungsidealen verpflichtet; das entsprechende Lehrangebot wurde im 16. Jahrhundert noch weiter ausgebaut. Im konfessionellen Zeitalter entwickelte sich Ingolstadt zu einem intellektuellen Zentrum der katholischen Reform. Von der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bis zu ihrer Aufhebung 1773 wurde die Universität Ingolstadt zunehmend durch den Jesuitenorden geprägt, der ihr Anfang des 18. Jahrhunderts wichtige aufklärerische Impulse zuführte. 1800 wurde die Universität aus Furcht vor der Bedrohung durch französische Truppen nach Landshut verlegt.

Gründung

Herzog Ludwig IX. der Reiche (reg. 1450-1479) verfolgte in Zusammenarbeit mit den Universitätsabsolventen in Rat und Kanzlei, vor allem mit dem herzoglichen Rat Martin Mair (ca. 1420-1481), seit den 1450er-Jahren den Plan einer Universitätsgründung im Teilherzogtum Bayern-Landshut. Fromme Stiftungsabsicht (siehe das abgebildete Stifterblatt) war neben reichsfürstlichem Prestige ein wichtiges Motiv. Die Ausbildung einer Verwaltungselite für den Ausbau einer intensivierten Landesherrschaft hingegen sollte erst im Laufe des 16. Jahrhunderts an Bedeutung gewinnen. Ingolstadt sollte mit dieser Einrichtung auf der einen Seite für den Wegfall der herzoglichen Residenz entschädigt werden; auf der anderen stellte die Universität eine Demonstration des landesherrlichen Machtanspruchs in dem 1450 zu Bayern-Landshut hinzugekommenen Territorium dar. Auf eine herzogliche Supplik hin erteilte Pius II. (reg. 1458-1464) 1459 das päpstliche Privileg für die Gründung, um sich die Unterstützung Ludwigs für die Planungen zum Türkenkreuzzug zu sichern. Politische und kriegerische Auseinandersetzungen mit dem Kaiser, den Reichsstädten und dem Markgrafen von Brandenburg-Ansbach verzögerten die Eröffnung der Universität ebenso wie langwierige Verhandlungen um die Umwidmung kirchlicher Einkünfte. Nach erfolgreichem Abschluss aller Vorbereitungen nahm die Hohe Schule im März 1472 den Vorlesungsbetrieb auf und wurde am 26. Juni 1472 mit einem feierlichen Akt eröffnet.

Frühzeit

Die der Universität zugeführten Einkünfte stammten aus einer 1434 eingerichteten herzoglichen Pfründner- und Psaltristenstiftung in Ingolstadt. Dazu kamen ein Kanonikat in Eichstätt, Einkünfte von Pfarreien in Landau (Lkr. Dingolfing-Landau) und Landshut sowie Besitzungen des zum Vermögensverzicht verpflichteten Landshuter Franziskanerklosters. Ferner konnten die Ingolstädter Pfarrstellen sowohl der Moritzkirche als auch der Liebfrauenkirche mit Universitätsangehörigen besetzt werden. Diese umfangreichen Finanzmittel (geschätzt 2500 Gulden Jahresrente) ermöglichten die Anwerbung von geeignetem Lehrpersonal und damit die Schaffung eines attraktiven Lehrangebots. Die Universität verfügte über zwei Professuren für Theologie, drei an der juristischen Fakultät, einen Medizinprofessor sowie sechs besoldete Lekturen für Artistenmagister. Steigende Immatrikulationszahlen waren die Folge, die nach einem Gründungsboom bei um die 200 Einschreibungen im Jahr lagen. Die meisten Universitätsbesucher studierten an der Artistenfakultät, erst mit weitem Abstand folgte die juristische Fakultät. Theologen und Mediziner hingegen konnten nur vergleichsweise wenige Studenten gewinnen. Ab 1500 präsentierte sich Ingolstadt als "Landesuniversität", da sowohl zahlreiche ihrer Besucher als auch Teile des Lehrkörpers aus Bayern stammten. Im Zeitraum von 1472 bis 1648 nutzten insbesondere adelige Universitätsbesucher - darunter die Herzogssöhne Maximilian I. (reg. 1597-1651, ab 1628 Kurfürst), Philipp Wilhelm (als Bischof von Regensburg 1579-1598) und Ferdinand (als Fürstbischof von Köln 1612-1650) sowie der spätere Kaiser Ferdinand II. (reg. 1619-1637) – Ingolstadt als erste Station einer Bildungsreise, die im weiteren Verlauf nach Italien führte. Das ließ die Universität mit einem Adelsanteil von rund 13 % zu einem herausragenden Hochschulort im Reich werden.

Als Hauptgebäude fungierte das Haus der ehemaligen Pfründnerstiftung. Auch die Bibliothek der Artistenfakultät war dort untergebracht. Ferner wurden die Liebfrauenkirche, angemietete Räume sowie die Privatwohnungen der Professoren als Unterrichtsräume genutzt. Das von Herzog Georg von Bayern-Landshut (reg. 1479-1503) 1494 eingerichtete Georgianum gewährte aus bayerischen Städten stammenden Theologiestudenten Stipendium, Unterkunft sowie Zugang zu einer Hausbibliothek. Die bis heute bestehende, seit 1826 in München angesiedelte Institution stellte somit eine weitere wichtige landesherrliche Förderung dar.

Humanismus

Neben den traditionellen Inhalten des mittelalterlichen Universitätsunterrichts fanden von Anfang an humanistische Bildungsvorstellungen Eingang in die Ingolstädter Lehrveranstaltungen. An der Artistenfakultät etwa war eine Hinwendung zu klassischer lateinischer Grammatik und Rhetorik zu beobachten, die interessierte Magister in ihre Lehrveranstaltungen einfließen ließen. Daneben kam der außerhalb des traditionellen Organisationsrahmens der Universität stehenden Poetik-Lektur Bedeutung zu. Der bekannteste Inhaber Konrad Celtis (1459-1508) forderte seit 1492 in seinen Veranstaltungen die Rückbesinnung auf antike Vorbilder und geriet darüber mit dem Theologieprofessor Georg Zingel (1428-1508) in einen erbittert geführten Streit, der weit über Ingolstadt hinaus wahrgenommen wurde. Celtis Nachfolger Jakob Locher (1471-1528) setzte diesen Konfrontationskurs fort. 1520 folgte eine Lektur für Hebräisch und Griechisch, die Johannes Reuchlin (1455-1522) bekleidete. Die vom herzoglichen Rat Leonhard von Eck (1480-1550) seit 1515 vorangetriebenen Reformen bündelten diese Bestrebungen, die in den Statuten von 1518/22 ihre institutionelle Umsetzung fanden. Eine stärkere Berücksichtigung antiker Autoritätentexte im Lehrplan war ebenso ein Ergebnis wie die Einrichtung fachbezogener Lehrstühle an der Artistenfakultät, die Grammatik und Poetik mit einschlossen. Die herzogliche Förderung des Historikers Johannes Aventinus (1477-1534) sowie des Mathematikers und Geographen Philipp Apian (1531-1589) verstärkte ebenso wie die gezielte Berufung mehrerer italienischer Juraprofessoren (etwa Fabius Arcas de Narnia-Romanus [ca. 1495-1554], Marcus Antonius Caymus [ca. 1500-1562], Francesco Zoanetti [1510-1586] und Batholomäus Romuleus [gest. 1588]), die mit hochdotierten Stellen versehen wurden, die Verankerung humanistischer Bildungsvorstellung in Ingolstadt während der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Reformation

Johannes Eck (1486-1543), der ab 1510 als junger Theologieprofessor und ab 1512 als Vizekanzler der Universität maßgeblich an der Umsetzung solcher humanistischer Reform in Ingolstadt beteiligt war, widersprach den 1517 veröffentlichten Ablassthesen Martin Luthers (1483-1546) nachdrücklich und zwang ihn in der Leipziger Disputation zur Zuspitzung seiner Positionen. In den folgenden zwei Jahrzehnten entwickelte sich Ingolstadt unter Ecks Führung zu einem intellektuellen Zentrum der katholischen Reform und Reformationsgegner. Sein theologisches Denken war dabei nachhaltig von der humanistischen Nähe zu den Originaltexten der Bibel und der Kirchenväter sowie dem kaum erfüllten Willen zur Kirchenreform geprägt.

Die Universität selbst hingegen zögerte zunächst, gegen reformatorische Positionen klar Stellung zu beziehen, und wuchs nur auf beständiges Drängen Ecks in die Rolle als Antipodin Wittenbergs hinein. Diese bescherte ihr jedoch in der Folge wichtige Vorteile, wie mehrere Inkorporationsprivilegien für Professorenpfründen.

Universität und Jesuitenorden

Mitte des 16. Jahrhunderts geriet die Universität in eine schwere Krise. Nach dem Tod Ecks 1543 war sie aufgrund einer schweren Pestepidemie und des Vordringens des Schmalkaldischen Krieges 1546/47 nicht mehr in der Lage, geeignetes theologisches Lehrpersonal und ausreichend Studenten anzuziehen.

Ab 1549 gewährten die Herzöge Wilhelm IV. (reg. 1508-1550) und Albrecht V. (reg. 1550-1579) dem Jesuitenorden zunehmend Befugnisse, um die Hochschule wieder zu beleben. Unter der Führung von Petrus Canisius (1521-1597), der 1550/51 das Rektorat bekleidete, übernahmen die Jesuiten sukzessive die Kontrolle über Teile der Universität. Hatten sie zunächst die theologischen Lehrstühle inne, wurde ihnen 1585 auch die Artistenfakultät formell übereignet. Der artistische und theologische Unterricht wurde nach dem zentralisierten Studienplan des Ordens umgestaltet. Die errungene humanistisch-philosophische Identität der Artistenfakultät wich einem straffen aristotelischen Vorbereitungskurs für das scholastisch geprägte Theologiestudium. Die sprachliche Ausbildung wurde in das jesuitische Gymnasium ausgelagert, das zusammen mit der Kollegkirche und anderen Gebäuden einen imposanten jesuitischen Gebäudekomplex bildete. Dem Senat gelang es unter Führung von Mitgliedern der juristischen Fakultät jedoch, die korporative Freiheit gegen jesuitische und landesherrliche Vereinnahmungen zu verteidigen und die Autonomie der Institution zu erhalten. So blieb es stets auch andersgläubigen Studenten möglich, sich in Ingolstadt zu immatrikulieren.

Während die kleine medizinische Fakultät im 16. Jahrhundert weitgehend bedeutungslos blieb, fanden auf Drängen des Adels seit Beginn des 17. Jahrhunderts höfisch-aristokratische Bildungsvorstellungen mit der Anstellung eines "Exerzitienmeisters" für den Unterricht in modernen Fremdsprachen, Tanz, Fechten und Reiten ihren institutionellen Niederschlag.

Ingolstadt im Jahrhundert der Aufklärung

Die Jesuiten, allen voran der Philosoph Joseph Anton Kleinbrodt (1668-1718), verschlossen sich den intellektuellen Entwicklungen zu Beginn des 18. Jahrhunderts nicht grundsätzlich. So war etwa die von seinem Schüler, dem Medizinprofessor Johann Adam Morasch (1682-1734) vorangetriebene Errichtung eines Anatomischen Theaters sowie eines Botanischen Gartens Ausdruck der Überwindung aristotelischer Wissensbestände und der Öffnung hin zu aktuellen experimentellen Denk- und Unterrichtsformen in der Tradition von René Descartes (1596-1650). Solche Veränderungen konnten jedoch nur gegen erhebliche Widerstände durchgesetzt werden, und das Ansehen der Universität, die nun vor allem bayerische Landesbeamten ausbildete, blieb weit hinter den wegweisenden protestantischen Gründungen Halle (1694) und Göttingen (1737) zurück. Eine Wende brachte der Regierungsantritt Kurfürsts Max III. Joseph (reg. 1745-1777), der Johann Ickstadt (1702-1776), Schüler des protestantischen Aufklärungsphilosophen Christian Wolffs (1679-1754), nicht nur zum Professor für das neu eingerichtete Fach Ius publicum, sondern auch zum Direktor der Universität ernannte. Ickstadt sah sich fundamentalen Angriffen der Ingolstädter Jesuiten ausgesetzt und konnte ein aufgeklärtes Studienprogramm nur gegen ihren erbitterten Widerstand und ständige Vorwürfe der Verwendung "akatholischer" Werke durchsetzen. Die in Ingolstadt ohnehin kaum ausgeprägte Forschungstätigkeit wurde daher ab 1759 vor allem an der von Ickstadts Schüler Georg Lori (1723-1787) initiierten Kurfürstlichen Akademie der Wissenschaften in München ausgeübt, ohne dass Theologen und Jesuiten sie behindern konnten.

Die Aufhebung des Jesuitenordens in Bayern (1773) bedeutete zunächst vor allem die Neuordnung der theologischen und philosophischen Fakultät, die sich besonders im Ausbau experimenteller Fächer (Physik, Chemie, Pharmazie) niederschlug. Auf die ehemaligen Jesuiten im Lehrkörper konnte mangels geeigneten Ersatzes jedoch nicht verzichtet werden. Die Umwidmung des für Unterrichtszwecke bestimmten Jesuitenfonds beendete diese Möglichkeit der Finanzierung des Lehrbetriebs und ermöglichte den Prälatenorden (Benediktiner, Zisterzienser, Augustiner, Prämonstratenser), die Kontrolle über die Universität zu übernehmen. Zusammen mit der von obrigkeitlicher Revolutionsangst angeheizten Verfolgung der Mitglieder des 1784/85 aufgedeckten Illuminatenordens läutete diese Entwicklung das Ende der Universität Ingolstadt ein. Aus Furcht vor herannahenden französischen Truppen wurde die Hohe Schule, ältere Pläne aufgreifend, 1800 nach Landshut verlegt.

Forschungsgeschichte

Die Überlieferungen, die über die Geschichte der Universität Ingolstadt und ihrer Fakultäten Auskunft geben, befinden sich in erster Linie im Universitätsarchiv und im Archiv des Herzoglichen Georgianums in München. Während des Zweiten Weltkrieges kam es allerdings zu zum Teil erheblichen Verlusten. So wurden während der letzten Kriegstage diverse Akten sowie die Insignien der Universität zerstört, die nach Schloss Wässerndorf (Lkr. Kitzingen) ausgelagert worden waren. Darüber hinaus werden einschlägige, von herzoglicher bzw. kurfürstlicher Seite ausgefertigte Dokumente im Bayerischen Hauptstaatsarchiv München aufbewahrt. Die Handschriften, Inkunabeln, Frühdrucke und Drucke, die in den verschiedenen Bibliotheken in Ingolstadt zur Verfügung standen, befinden sich heute überwiegend im Bestand der Universitätsbibliothek München. Handschriftliche Zeugnisse des vormodernen Universitätsunterrichts wurden von ihren Verfassern bei Eintritt in ein Kloster oder Stift an die jeweiligen Bibliotheken übergeben. Im Zuge der Säkularisation gelangten diese Bestände an die Bayerische Staatsbibliothek in München, wo sich heute zahlreiche Zeugnisse des universitären Lehrens und Lernens finden lassen.

Die Forschungen zur Geschichte der Universität Ingolstadt setzen mit den 1580 erschienenen Annalen des Poetik-Lektors Valentin Rotmar (gest. 1580) ein, der die archivalische Überlieferung des vergangenen Jahrhunderts auswertete. Seine umfassende Materialsammlung nutzte der Jesuit und Ingolstädter Geschichtsprofessor Johann Nepomuk Mederer (1734-1808), um im Zuge des Jubiläums von 1772 die Annalen fortzusetzen und mit einer Quellenedition zu untermauern. Hundert Jahre später setzte sich der Münchner Philologe und Philosoph Karl Prantl (1820-1888) in der Festschrift zum 400-jährigen Jubiläum kritisch mit Mederers Werk auseinander und druckte weitere zentrale Dokumente ab. Nachdem die Edition der Matrikel seit den 1930er Jahren verfolgt wurde, erfuhr die Erforschung der Geschichte der Universität Ingolstadt 1969 durch die Berufung von Laetitia Boehm (geb. 1930) zur Professorin für Universitäts- und Bildungsgeschichte an der Universität München einen wichtigen Impuls, der vor allem durch zahlreiche von ihr angeregte Dissertationen wirksam wurde. Hervorzuheben sind die Studien von Arno Seifert (1936-1987) und Rainer A. Müller (1944-2004), die am Beispiel Ingolstadts wichtige Erkenntnisse zur vormodernen Universität herausarbeiteten und weitere Editionen zentraler Dokumente vorlegten. Gebündelt wurden die prosopographischen Ergebnisse dieser Forschungen in dem 1998 erschienenen ersten Band des Biographischen Lexikons der Ludwig-Maximilians-Universität. In den letzten Jahren wurden vor allem einzelne Teilinstitutionen wie das Herzogliche Georgianum, einzelne Gelehrte wie der Juraprofessor Sixtus Tucher (1459-1507) oder Einflüsse intellektueller Bewegungen wie des Humanismus in den Blick genommen.

Literatur

  • Gustav Bauch, Die Anfänge des Humanismus in Ingolstadt. Eine literarische Studie zur deutschen Universitätsgeschichte, München/Leipzig 1901.
  • Laetitia Boehm, Das Hochschulwesen in seiner organisatorischen Entwicklung, in: Handbuch der Bayerischen Geschichte. 2. Band: Das alte Bayern. Der Territorialstaat vom Ausgang des 12. Jahrhunderts bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts, hg. von Max Spindler/Andreas Kraus, München 2. Auflage 1988, 920-965.
  • Laetitia Boehm u. a. (Hg.), Biographisches Lexikon der Ludwig-Maximilians-Universität München. 1. Teil: Ingolstadt-Landshut 1472-1826. Mit einem Beitrag: Die "magistri regentes" der Artistenfakultät 1472-1526 (Ludovico Maximilianea. Forschungen 18), Berlin 1998.
  • Laetitia Boehm/Johannes Spörl (Hg.), Ludwig-Maximilians-Universität Ingolstadt-Landshut-München (1472-1972), Berlin 1972.
  • Ladislaus Buzás, Bibliographie zur Geschichte der Universität Ingolstadt - Landshut - München 1472-1982, München 1984.
  • Harald Dickerhof, Land, Reich, Kirche im historischen Lehrbetrieb an der Universität Ingolstadt (Ignaz Schwarz 1690-1763) (Ludovico Maximilianea. Forschungen 2), Berlin 1971.
  • Antonia Landois, Gelehrtentum und Patrizierstand. Wirkungskreise des Nürnberger Humanisten Sixtus Tucher (1459-1507) (Spätmittelalter – Humanismus – Reformation 77), Tübingen 2014.
  • Rainer A. Müller, Universität und Adel. Eine sozio-strukturelle Studie zur Geschichte der bayerischen Landesuniversität Ingolstadt 1472-1648 (Ludovico Maximilianea. Forschungen 7 ), Berlin 1974.
  • Rainer A. Müller, Ludwig IX. der Reiche, Herzog von Bayern-Landshut (1450-1479) und die Gründung der Universität Ingolstadt 1472, in: Sönke Lorenz (Hg.), Attempto - oder wie stiftet man eine Universität. Die Universitätsgründungen der sogenannten zweiten Gründungswelle im Vergleich, Stuttgart 1999, 129-145.
  • Winfried Müller, Universität und Orden. Die bayerische Landesuniversität Ingolstadt zwischen der Aufhebung des Jesuitenordens und der Säkularisation 1773-1803 (Ludovico Maximilianea. Forschungen 11), Berlin 1986.
  • Karl Neumaier, Ius publicum. Studien zur barocken Rechtsgelehrsamkeit an der Universität Ingolstadt (Ludovico Maximilianea. Forschungen 6), Berlin 1974.
  • Karl Prantl, Ludwig-Maximilians-Universität. Ingolstadt, Landshut, München. 1472-1972, München 1972.
  • Christoph Schöner, Mathematik und Astronomie an der Universität Ingolstadt im 15. und 16. Jahrhundert (Ludovico Maximilianea. Forschungen 13), Berlin 1994.
  • Maximilian Schuh, Aneignungen des Humanismus. Institutionelle und individuelle Praktiken an der Universität Ingolstadt im 15. Jahrhundert (Education and Society in the Middle Ages and Renaissance 47), Leiden/Boston 2013.
  • Arno Seifert, Statuten- und Verfassungsgeschichte der Universität Ingolstadt (1472-1586) (Ludovico Maximilianea. Forschungen 1), Berlin 1971.
  • Claudius Stein, Die Bibliotheken des Herzoglichen Georgianums Ingolstadt 1494-1776, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 76 (2013), 723-775.

Quellen

  • Götz Freiherr von Pölnitz, Die Matrikel der Ludwigs-Maximilians-Universität, Ingolstadt-Landshut-München, 5 Bände, München 1937-1984.
  • Paul Ruf (Bearb.), Mittelalterliche Bibliothekskataloge Deutschlands und der Schweiz. 3. Band, 2. Teil: Das Bistum Eichstätt, München 1933 (ND 1969).
  • Arno Seifert (Bearb.), Die Universität Ingolstadt im 15. und 16. Jahrhundert. Texte und Regesten (Ludovico Maximilianea. Quellen 1), Berlin 1973.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Verwandte Artikel

Empfohlene Zitierweise

Maximilian Schuh, Universität Ingolstadt (1472-1800), publiziert am 04.04.2017, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Universität_Ingolstadt_(1472-1800)> (23.04.2017)