Hinweis: Durch die Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr erfahren

Diakonie

Wilhelm Löhe. (Archiv der Diakonie Neuendettelsau)
Diakonissenhaus Neuendettelsau um 1855. Das das Haus umgebende Ährenfeld ist eher symbolisch zu verstehen (Anlehnung an Mt 9,37-38). (Archiv der Diakonie Neuendettelsau)
Gesamtansicht der Evangelischen Diakonissen-Anstalt Augsburg. Abb. aus: 75 Jahre Evang. Diakonissen-Anstalt Augsburg, Augsburg 1930, 3. (Bayerische Staatsbibliothek, Bavar. 4501 e)
Pflegeanstalt Neuendettelsau für Menschen mit geistiger Behinderung, um 1930. (Archiv der Diakonie Neuendettelsau)
Aufruf der Diakonie im Dezember 1945/47 "Helft uns bei der Weihnachtsbetreuung; Evangelisches Hilfswerk für Internierte und Kriegsgefangene in Erlangen" (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann, hoff-62200)
"Kinderstüble" in Neuendettelsau, 1940 durch Babette Stöcker gegründet, 1950er Jahre. (Archiv der Diakonie Neuendettelsau)

von Matthias Honold

Diakonie ist die Sozialarbeit der evangelischen Kirche, die ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter maßgeblichem Einfluss der Erweckungsbewegung entstand. Hauptträger waren einerseits die ab den 1830er Jahren geschaffenen Institute der Diakone und Diakonissen, andererseits die ab 1848 aufblühenden Vereine der "Inneren Mission". Im rechtsrheinischen Bayern entstanden als wichtige Einrichtungen die Johannisvereine (1853), die Diakonissenanstalten Neuendettelsau (1854 von Wilhelm Löhe, 1808-1872, gegründet) und Augsburg (1855) sowie die Diakonenanstalt (1890, seit 1905 in Rummelsberg). Der Vorläufer des heutigen Dachverbandes, des Diakonischen Werks, geht auf das Jahr 1866 zurück. Die Aufgabenfelder der Diakonie haben sich seit dem 19. Jahrhundert ständig erweitert, die Mitarbeiterschaft veränderte sich vor allem seit den 1950er Jahren durch den Nachwuchsmangel der Diakonissen stark.

Begriffsbestimmung

Der Begriff Diakonie wird von dem griechischen Wort "diakonein" abgeleitet, dass wörtlich genommen "am Tisch dienen" bedeutet. Diakonia (Dienst) bildet neben der Verkündigung (Martyria), dem Gottesdienst (Leiturgia) und Gemeindebildung (Koinonia) eine der Grundfunktionen von Kirche. Im Neuen Testament wird der Begriff in zweierlei Bedeutungen verwendet, als Dienst am Tisch (Apg. 6,2) und als Dienst am Wort (Apg. 6,4). Klassische Beispiele für den Dienst sind das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10, 25-37) oder das Gleichnis vom großen Weltgericht (Mt 25, 31-46). Heute wird der neutestamentliche Diakoniebegriff neu gedeutet und erweitert betrachtet: Diakonie als Auftrag (göttlicher, apostolischer), Diakonie als Vermittlung göttlicher Offenbarung (Apg. 6,4) und Diakonie als Vermittlung zwischen Gemeinden (z. B. Röm 15,25).

Die Begriffe "Diakonie" und "Innere Mission" stehen parallel nebeneinander für das sozial-karitative Handeln der Evangelischen Kirche in Deutschland. Im Neuen Testament wird der Begriff Diakonie für den Dienst der Gemeinde an den hilfsbedürftigen Nächsten verwendet. Den Auftrag zum diakonischen Handeln in geistlicher Hinsicht bezeichnet hingegen der Begriff "Innere Mission", der volksmissionarisch akzentuiert ist.

Auf Seiten der katholischen Kirche entwickelten sich ebenfalls karitative Einrichtungen und Vereine. Die karitative Arbeit wurde hier im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vielfach durch Frauenorden übernommen. 1897 schlossen sich die katholischen Wohltätigkeitsorganisationen im "Deutschen Caritasverband" zusammen (in Bayern erst 1924).

Ursprünge

Die Anfänge der diakonischen Arbeit nach heutigem Verständnis gehen auf den Beginn des 19. Jahrhunderts zurück. Die gesellschaftlichen Veränderungen, bedingt durch die Auflösung der Ständeordnung, starken Bevölkerungszuwachs und beginnende Industrialisierung, hatten auch in Bayern Massenarmut ("Pauperismus") auftreten lassen. Gerade die 1830er und 1840er Jahre sahen eine große soziale Verelendung.

Diesen Problemfeldern nahmen sich in Bayern Männer und Frauen aus der Erweckungsbewegung an, einer innerevangelischen Erneuerungsbewegung, die auf pietistische Traditionen zurückgriff. Zentrum der bayerischen Erweckungsbewegung war Mittelfranken. In Nürnberg und Erlangen entstanden im Jahr 1824 die ersten beiden "Rettungshäuser", Heime für verwahrloste und verwaiste Kinder und Jugendliche. Träger waren in der Regel lokale Vereine.

Wichtige Impulse empfing Bayern aus Norddeutschland: In Hamburg leitete Johann Hinrich Wichern (1808-1881) das 1833 gegründete "Rauhe Haus", dem er eine Diakonenausbildung anschloss. In Kaiserswerth bei Düsseldorf rief Theodor Fliedner (1800-1864) 1836 die erste Diakonissenanstalt ins Leben. Diese beiden Einrichtungen dienten als Vorbilder für die weiteren Gründungen, die sich in Deutschland und darüber hinaus verbreiteten.

Pfarrer Wilhelm Löhe und Neuendettelsau

Bedeutendste Persönlichkeit der bayerischen Diakonie war Pfarrer Wilhelm Löhe (1808-1872). Er rief 1854 den "Lutherischen Verein für weibliche Diakonie in Bayern" ins Leben und gründete in Neuendettelsau die erste bayerische Diakonissenanstalt. Von dort aus wurden Diakonissen in bayerische Städte und Dörfer und ins Ausland entsandt.

Löhes Gründung erfolgte auch als Reaktion auf die Reise Johann Hinrich Wicherns durch Bayern im Jahre 1849. Infolge der Vortragstätigkeit Wicherns entstanden in vielen Städten Einrichtungen der Inneren Mission (z. B. in Puckenhof bei Erlangen ein Waisenhaus). Nach Wicherns Konzept sollte diakonische Arbeit von freiwilligen Vereinen übernommen werden, welche zwar im Raum der Kirche angesiedelt waren, jedoch nicht von einer Landeskirche getragen wurden.

Löhe hingegen sah die Innere Mission und Diakonie nur innerhalb der Kirche angesiedelt. Alle Diakonie sollte vom Altar ausgehen. Löhe plante, dass die Diakonissen im Anschluss an ihre Ausbildung (Kindererziehung, Krankenpflege, Allgemeinbildung und spirituelle Zurüstung) in den kirchlichen Gemeinden tätig werden sollten, um dort diakonsiche Zentren zu bilden. Dieses Vorhaben scheiterte, so dass Löhe ab 1858 das Prinzip der Mutterhausdiakonie in Neuendettelsau einführte.

König Maximilian II. und die Johannisvereine

In Augsburg gründete der dortige St. Johannis-Verein 1855 ein zweites bayerisches Mutterhaus. Die Johannisvereine entstanden auf Initiative König Maximilians II. (1811-1864, reg. 1848-1864), der sich seit seinem Regierungsantritt 1848 sozialpolitisch engagierte. 1853 lernte Maximilian II. die Arbeit und Person Theodor Fliedners sowie Johann Hinrich Wicherns selbst kennen. An der Spitze der Johannisvereine stand der 1853 gegründete Zentralverein, der neben der Neugründung von Zweigvereinen auch die Aufgabe hatte, die bereits existierenden karitativen Einrichtungen zu bündeln und zu organisieren. Bereits 1861 zählte man 646 Vereine und 151 assoziierte Vereine in Bayern. 1957 wurde der Zentralverein aufgelöst.

Männliche Diakonie: Rummelsberg

Die männliche Diakonie in Bayern ist gekennzeichnet durch die Gründung der Diakonenanstalt 1890, die im Jahre 1905 nach Rummelsberg verlegt wurde. Träger dieser Einrichtung war der "Landesverein für Innere Mission".

Organisation

Ein Landesverein für Innere Mission wurde in Bayern erst spät gegründet. Bereits 1848 hatte Wichern in seiner Stegreifrede auf dem Kirchentag in Wittenberg die Gründung derartiger Landesverbände angeregt, die verschiedene Initiativen der Vereine und Persönlichkeiten koordinieren sollten. Als übergeordnete Einrichtung diente der 1849 ins Leben gerufene "Centralausschuß für Innere Mission" mit Sitz in Berlin.

1866 entstand in Bayern die "Conferenz für Innere Mission", ein loser Interessenverband, dessen Mitglieder sich durch die Initiative Karl Christoph Wilhelm von Buchruckers (1827-1899) 1886 zum Landesverein für Innere Mission zusammenschlossen. Heute steht das Diakonische Werk Bayern in der Nachfolge des Landesvereins.

Entwicklung bis 1933

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren die Aufgaben der Diakonie breit gefächert. Aus der ursprünglichen Rettungshaus- und Armenvereinstätigkeit hatte sich ein differenziertes Bild diakonischer Arbeit mit vier großen Tätigkeitsfeldern herausgebildet:

  1. Erziehung und Unterricht zusammen mit der Jugendarbeit (u. a. in Kleinkinderschulen, Kindergärten bzw. Kinderbewahranstalten oder Handarbeitsschulen, auch allgemeinbildende Schulen)
  2. Resozialisierungsarbeit
  3. Einrichtungen für Kranke, Menschen mit Behinderung und alte Menschen
  4. neue Arbeitsfelder wie die "Arbeiterkolonien" (1888 Simonshof [Lkr. Rhön-Grabfeld] oder 1894 Herzogsägmühle [Lkr. Weilheim-Schongau])

Einen entscheidenden Anstoß zur weiteren Entwicklung im 20. Jahrhundert gab der Weimarer Wohlfahrtsstaat.

Die Diakonie im "Dritten Reich"

Einen massiven Einschnitt in die Entwicklung brachte die Zeit des "Dritten Reiches" mit sich. Obwohl anfänglich die überwiegende Mehrzahl der Persönlichkeiten der Diakonie den Nationalsozialismus noch begrüßt hatte, wurden die einzelnen Arbeitsfelder der diakonischen Einrichtungen beschränkt. In den öffentlichen Krankenhäusern übernahmen die Krankenschwestern der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) die Krankenpflege; ebenso drängte die NSV in die Kindergartenarbeit. Das konfessionelle Schulwesen wurde sukzessive bis hin zur Aufhebung zurückgedrängt, die Jugendarbeit wurde von der Hitlerjugend und dem Bund Deutscher Mädel übernommen. Eine "Gleichschaltung" der freien Wohlfahrtspflege gelang den neuen Machthabern jedoch nicht.

Diakonische Einrichtungen waren auch von der so genannten Aktion T4, den "Euthanasie"-Maßnahmen, betroffen. Aus Einrichtungen der Diakonissenanstalt Neuendettelsau, dem größten Träger von Einrichtungen für Menschen mit Behinderung in Bayern, wurden über 1200 Menschen in staatliche Heil- und Pflegeanstalten verlegt, von dort aus erfolgte der Abtransport in die Tötungsanstalten. Über 800 von ihnen kamen in Hartheim/Linz oder in den staatlichen Heil- und Pflegeanstalten ums Leben.

Entwicklung nach 1945

In der Nachkriegszeit half das 1945 ins Leben gerufene Evangelische Hilfswerk mit beim Wiederaufbau und der Eingliederung der Flüchtlinge. 1957 fusionierten Hilfswerk und Innere Mission zu "Innere Mission und Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland", seit 1975 als Diakonisches Werk der EKD bezeichnet. In Bayern waren die Grundlagen der Zusammenlegung bereits 1948 durch die Umstrukturierung zum Landesverband für Innere Mission in Bayern geschaffen worden.

1954 wurde in Neuendettelsau das Diakonische Jahr ins Leben gerufen, welches 1961 durch das Freiwillige Soziale Jahr eine gesetzliche Verankerung fand. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ist gekennzeichnet durch eine Veränderung in der Mitarbeiterschaft. Freie Mitarbeitende traten an die Seite der diakonischen Dienstgemeinschaften, die seit den 1950er Jahren unter erheblichem Nachwuchsmangel leiden, und bilden heute den Großteil der Mitarbeiterschaft. Die Entwicklung der beruflichen Ausbildungszweige im sozialen Sektor verlief parallel zu diesem Prozess.

Diakonie in Bayern heute (2006)

In Bayern arbeiten heute über 40.000 Mitarbeitende in mehr als 1.000 Einrichtungen. Wichtigste Arbeitsgebiete sind: Altenhilfe, Behindertenhilfe, Beratungstätigkeiten, Schul- und Ausbildungswesen, Krankenhäuser oder Kindergärten. Als Dachverband fungiert das Diakonische Werk Bayern.

Literatur

  • Helmut Baier, Liebestätigkeit unter dem Hakenkreuz. Die Innere Mission in der Zeit des Nationalsozialismus (Arbeiten zur Kirchengeschichte Bayerns 87), Nürnberg 2008.
  • Günther Bauer/Heinz Brockert/Guenter Heinritz (Hg.), 125 Jahre Innere Mission München 1884-2009. Menschen helfen, Netze knüpfen, München 2009.
  • Anne Stempel de Fallois, Das diakonische Wirken Wilhelm Löhes. Von den Anfängen bis zur Gründung des Diakonissenmutterhaus (1826-1854), Stuttgart/Berlin/Köln 2001.
  • Hans Flierl, Ein Jahrhundert Diakonie in Bayern. Werk der Kirche und Wohlfahrtsverband, München 1988.
  • Martin Gerhard, Ein Jahrhundert Innere Mission. Die Geschichte des Centralausschusses für Innere Mission der Deutschen Evangelischen Kirche. 2 Bände, Gütersloh 1948.
  • Marita Krauss, Evangelisch in München. Karl Buchrucker (1827-1899), Wegbereiter der bayerischen Diakonie, München 2009.
  • Karl Leipziger, Helfen in Gottes Namen. Lebensbilder aus der Geschichte der weiblichen Diakonie, München 1986.
  • Ursula Röper und Carola Jülig (Hg.), Die Macht der Nächstenliebe. Einhundertfünfzig Jahre Innere Mission und Nächstenliebe 1848-1998, Berlin 1998.
  • Theodor Schäfer, Die weibliche Diakonie in ihrem ganzen Umfang dargestellt. 3 Bände, Hamburg 1879-1883.
  • Hermann Schoenauer (Hg.), Wilhelm Löhe (1808-1872). Seine Bedeutung für Kirche und Diakonie, Stuttgart 2008.
  • Gerhard Uhlhorn, Die christliche Liebestätigkeit, unveränderter fotomechanischer Nachdruck der 2. verb. Auflage 1895, Darmstadt 1959.

Quellen

  • Herbert Krimm (Hg.), Quellen zur Geschichte der Diakonie, 3 Bände, Stuttgart 1960-1966.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Verwandte Artikel

Innere Mission

Empfohlene Zitierweise

Matthias Honold, Diakonie, publiziert am 30.01.2007; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Diakonie> (21.08.2018)