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Ultramontanismus

Aus Historisches Lexikon Bayerns

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von Johann Kirchinger

Der Ultramontanismus ist eine innerkirchliche Strömung der katholischen Kirche, die im 19. Jahrhundert zur vorherrschenden Richtung wurde. Ihr Kennzeichen war eine starke Orientierung an Rom, ihr Hauptanliegen der Kampf um die Freiheit der Kirche vom Staat und gegen die Entkirchlichungstendenzen der Moderne. Deshalb griff der Ultramontanismus vom Kirchlichen auf das Politische über. Die Vertretung kirchlicher Interessen durch politische Parteien (Zentrum und Bayerische Patriotenpartei) gehört zu seinen Kernelementen. Im Vormärz war Bayern ein Zentrum des frühen Ultramontanismus. Während dessen Hochphase im Kulturkampf, der in Bayern gemäßigt verlief, galt das nicht mehr. War die Strömung zuerst durch theologische Unbestimmtheit gekennzeichnet, wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Neuscholastik zur vorherrschenden Theologie des Ultramontanismus. Sie war geprägt durch einen juridischen Formalismus. Der Rückzug der katholischen Kirche aus der Parteipolitik und die zunehmende Integration der katholischen Bevölkerung in die Nationalstaaten führte zum langsamen Niedergang des Ultramontanismus, dem das Zweite Vatikanische Konzil dann das Ende als dominierende theologische Strömung bereitete.

Definition

Der Ultramontanismus ist eine sich kompromisslos gebärdende konservative Strömung der römisch-katholischen Kirche, die durch ihren gesamtgesellschaftlichen Geltungsanspruch auch über die Kirche hinaus wirksam war. Dies gilt vor allem für die Sozialpolitik.

Der Begriff des Ultramontanismus kam im späten 18. Jahrhundert als abfällige Fremdbezeichnung auf, um eine konservative und romorientierte ("ultra montes" meint jenseits der Berge, d.h. hier: der Alpen) Einstellung innerhalb der katholischen Kirche zu bezeichnen. Sie stand innerkirchlich im Gegensatz zu aufgeklärten, tendenziell auch nationalkirchlichen Positionen (Episkopalismus, Febronianismus, Josephinismus, Gallikanismus).

Zu einer herrschenden innerkirchlichen Strömung konnte der Ultramontanismus im deutschen Sprachraum allerdings erst werden, als die napoleonischen Kriege infolge der Französischen Revolution das Ende der Reichskirche mit ihren Funktionen für die Verfassung des Alten Reiches brachten. Das Papsttum entwickelte sich dadurch zum alleinigen kirchlichen Orientierungspunkt. In dem Streben zur Abschüttelung staatskirchlicher Tendenzen, die auch in Bayern besonders ausgeprägt waren, konnten sich die Bistümer nicht mehr auf ihre eigene Staatlichkeit stützen, sondern suchten mehr als bisher den Rückhalt am Papsttum.

Dies zeigt bereits, dass das Begriffsfeld des Ultramontanismus eine über den kirchlichen Rahmen hinaus in das Politische reichende Dimension beinhaltete. Denn der Begriff steht auch für einen umfassenden weltlichen Geltungsanspruch der katholischen Kirche. In diesem Sinne konnte der Ultramontanismus freilich erst nach der Gewährung von politischen Partizipationsrechten im Vormärz wirksam werden. Dabei entwickelte sich der Begriff zunehmend zu einer Eigenbezeichnung, wodurch der Ultramontanismus endgültig zum politischen Kampfbegriff wurde. In diesem Sinne war seine konkrete Ausgestaltung auch abhängig von den konkreten politischen und kulturellen Gegebenheiten in einem Land, d.h. einen einheitlichen europäischen Ultramontanismus gab es nicht.

Trotzdem gab es Gemeinsamkeiten. Das Begriffsfeld des Ultramontanismus umfasste im 19. Jahrhundert:

  • römischen Zentralismus;
  • Autoritarismus;
  • Antiliberalismus;
  • Klerikalismus;
  • Irrationalität;
  • Antimodernität;
  • ästhetischen Traditionalismus;
  • Antijudaismus;
  • Antiprotestantismus, was zur Verschärfung konfessioneller Konflikte führte;
  • Internationalität statt Nationalismus.

International tätige zentralisierte Orden wie die Jesuiten und die Redemptoristen wurden neben in Rom ausgebildeten Klerikern zu Vorreitern der Ultramontanisierung der katholischen Kirche. Auf diese Art wurde der Ultramontanismus zum Gegenbegriff gegen den modernen Nationalstaat. Dessen Souveränitätsanspruch war es, der den umfassenden politisch-weltlichen Gestaltungsanspruch des Ultramontanismus erst provozierte und den Katholizismus als soziale Formation erst entstehen ließ. Diese soziale Formation wird in der Regel als katholisches Milieu bezeichnet und von der Forschung intensiv untersucht.

Frühultramontanismus (erste Hälfte des 19. Jahrhunderts)

In der ersten ultramontanen Phase ging es vor allem um den Kampf um die Freiheit der Kirche von staatlicher Aufsicht. Damit war freilich nicht die Trennung von Staat und Kirche gemeint. Zentrale Streitfragen waren:

  • das so genannte Placet (die staatliche Zensur kirchlicher Verlautbarungen);
  • der staatliche Einfluss auf die Besetzung kirchlicher Ämter;
  • die ungehinderte Kommunikation der Bischöfe mit Rom;
  • die Zulassung kirchlicher Korporationen.

Anregungen empfingen die deutschen Katholiken in erster Linie aus Frankreich. Hier sind vor allem der monarchistische Politiker und Publizist Joseph Marie de Maistre (1753–1821) und der republikanische Priester Félicité Robert de Lamennais (1782–1854) zu nennen. Wichtiger Ideengeber war auch Mauro Capellari, der spätere Papst Gregor XVI. (1765–1846), mit seinem Buch "Il trionfo della S. Sede e della Chiesa" von 1799.

Als Vorläufer des Ultramontanismus in Bayern können die sog. "Konföderierten" bezeichnet werden. Dabei handelte es sich um einen Kreis aus niederen Klerikern und wenigen Laien mit Zentren in Augsburg, Würzburg, Bamberg, Regensburg und Eichstätt. Zu den führenden Personen gehörten die klerikalen Landtagsabgeordneten Karl Egger (1772–1849), Coelestin Weinzierl (1774–1847) und Benedikt Abbt (1768–1847) sowie der Würzburger Weihbischof Gregor (von) Zirkel (1762–1817). Sie suchten eine katholische Restauration durch eine enge Bindung an Rom zu erreichen und diese parlamentarisch abzusichern. Allerdings standen sie im Schatten der dominierenden irenischen, d.h. friedfertigen und konfliktvermeidenden Theologie eines Johann Michael Sailer (1751–1832).

Neben den Konföderierten existierte ein Kreis um den seit 1827 in München wirkenden Joseph Görres (1776–1848). Dieser wurde von König Ludwig I. (1786–1868) nach dessen konservativer Wende und von dessen seit 1837 amtierendem Innenminister Karl von Abel (1788–1859) massiv gefördert. Zu diesem überwiegend laikalen Kreis gehörten der Arzt und Philosoph Carl Joseph Windischmann (1811–1861), der Dichter Clemens Brentano (1778–1842), der Arzt Johann Nepomuk (von) Ringseis (1785–1880), der Politiker Karl von Seinsheim (1784–1864) und der Kirchenhistoriker Ignaz (von) Döllinger (1799–1890). Döllinger war der einzige prominente Kleriker in dem Kreis und entwickelte sich am Ende des Vormärz zum unumstrittenen Führer der bayerischen Ultramontanen.

In München entfaltete Görres ein intensives publizistisches Wirken. Dieses gipfelte 1837 in seiner Streitschrift "Athanasius", in dem er anlässlich des Kölner Kirchenstreites, ausgebrochen wegen des Umgangs mit konfessionsverschiedenen Ehen, gegen das preußische Staatskirchentum anschrieb. Nicht zuletzt wegen seines Wirkens wurde Bayern und insbesondere München neben der Mainzer Schule, der sog. "Donzdorfer Fakultät" auf der Schwäbischen Alb und dem Kreis um den Redemptoristen Klemens Maria Hofbauer (1751–1820) in Wien zu einem Zentrum des Frühultramontanismus im deutschen Sprachraum.

Träger des Frühultramontanismus waren Laien und Vertreter des niederen Klerus, während die bayerischen Bischöfe schon wegen ihrer Ernennung durch den König dem Staatskirchentum verbunden waren. Erstmals in den Vordergrund der ultramontanen Bewegung traten die Bischöfe während der Märzrevolution. Mittlerweile hatte die Ernennungspraxis der Regierung Abel im bayerischen Episkopat zu einer Abkehr vom Staatskirchentum geführt. Dafür steht in erster Linie der Name des Eichstätter (1836–1846) und späteren Münchner (1846–1856) Bischofs Karl August Graf von Reisach (1800–1869). Die Bischöfe entwickelten nun ein von staatlichen Strukturen abgekoppeltes Selbstbewusstsein und schlossen sich deutschlandweit zusammen. Dabei zeigte sich die Bedeutung Bayerns bei dieser Entwicklung, dass die erste deutsche Bischofskonferenz vom 22. Oktober bis 16. November 1848 in Würzburg stattfand und vom ehemaligen Speyerer (1837–1841) und nunmehrigen Kölner (1845–1864) Bischof Johannes von Geissel (1796–1864) initiiert wurde.

Bei aller episkopalen Skepsis gegenüber dem laikalen Engagement gelang es dem Zusammenspiel zwischen katholischen Politikern und Bischöfen während und nach der Märzrevolution, das Staatskirchentum sowohl in Bayern wie in den anderen Staaten des Deutschen Bundes abzubauen. Die Maßnahmen in Bayern konzentrierten sich auf eine Lockerung der staatlichen Aufsicht über kirchliche Schulen und geistliche Gemeinschaften. Darüber hinaus wurde der Einfluss kirchlicher Stellen auf Religionslehrer an höheren Schulen erweitert.

Kulturkampf

Zum Höhepunkt des Ultramontanismus kam es dann ab dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts. Die katholische Kirche war nicht zuletzt wegen der Erfolge im Kampf gegen das Staatskirchentum während der Märzrevolution zu neuem Selbstbewusstsein gelangt. Sie begnügte sich nicht mehr damit, die Reste des Staatskirchentums abzuschütteln. Vielmehr versuchte sie nun ihrerseits Einfluss auf staatliche Entscheidungen zu bekommen. Dabei bediente sie sich der katholischen Massen, die sie über Zeitungen und Zeitschriften zu beeinflussen versuchte, um die nach der Märzrevolution umfangreicher gewordenen Möglichkeiten politischer Partizipation im Sinne der Kirche auszunutzen.

War der Ultramontanismus bisher auf Theologen, Hierarchen und wenige Laien beschränkt gewesen, dominierte er nun das gesamte kirchliche Leben einschließlich der einfachen Gläubigen. Symbol dieser Entwicklung war der "Syllabus errorum", der als Anhang zur Enzyklika "Quanta cura" vom 8. Dezember 1864 von Papst Pius IX. (1792–1878) veröffentlicht wurde. Darin wurden 80 Thesen der modernen Welt verurteilt, darunter Religionsfreiheit, Wissenschaftsfreiheit und Demokratie. Schließlich führte der innerkirchliche Siegeszug des Ultramontanismus zur Dogmatisierung der päpstlichen Unfehlbarkeit auf dem Ersten Vatikanischen Konzil 1869/1870. Zu deren unnachgiebigen Befürwortern gehörte der bayerische Kardinal Reisach, der ihre Dogmatisierung allerdings nicht mehr erlebte. Dabei löste die päpstliche Unfehlbarkeit nach Vorgeplänkeln auf Länderebene im neu gegründeten Deutschen Reich einen Konflikt zwischen Staat und katholischer Kirche aus, den sog. Kulturkampf.

Diese zweite Phase des Ultramontanismus zeichnet sich in sozialgeschichtlicher Hinsicht aus

  • durch den Politischen Katholizismus, d.h. die parlamentarische Vertretung kirchlicher Interessen durch katholische Parteien (Zentrum, Bayerische Patriotenpartei);
  • durch den Vereinskatholizismus, d.h. die Integration der katholischen Bevölkerung in katholische Vereine kirchlicher (z.B. Bonifatius-Verein für die Unterstützung der Diaspora, 1854 in Regensburg gegründet), kultureller (z.B. Borromäusverein zur Unterstützung katholischer Bibliotheken, 1845 in Koblenz gegründet) und ökonomischer Art (z.B. Bayerischer Christlicher Bauernverein, 1898 in Ingolstadt gegründet);
  • durch das massenhafte Erscheinen dezidiert kirchlicher Zeitungen und Zeitschriften.

Dabei war das Verhältnis zwischen der kirchlichen Hierarchie und den laikal dominierten Parteien und Vereinen nicht spannungsfrei. So versuchte sich die Zentrumspartei trotz maßgebender klerikaler Politiker der episkopalen Bevormundung zunehmend zu entziehen. Das führte zu Konflikten zwischen unnachgiebigen Bischöfen und kompromissbereiten Politikern, etwa im so genannten Gewerkschaftsstreit, in dem es um die Akzeptanz überkonfessioneller Gewerkschaften ging.

Bayern war aber trotz aller Ultramontanisierung der dortigen katholischen Kirche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kein Zentrum des Ultramontanismus. Mäßigend wirkten das königliche Recht auf Ernennung der Bischöfe, die katholische Bevölkerungsmehrheit und der agrarische Charakter Bayerns. Dadurch erschien der konfessionelle Gegner hier genauso wenig drohend wie die Moderne mit ihren Tendenzen zur Entfremdung insbesondere der Arbeiterschaft von der katholischen Kirche. Die Zentren des Ultramontanismus befanden sich im Rhein-Main-Gebiet, wo die katholische Kirche ebenso hart auf einen stabilen Protestantismus traf wie auf eine moderne wirtschaftliche Entwicklung.

Neuscholastik

Der frühe Ultramontanismus war durch eine theologische Unbestimmtheit gekennzeichnet. Er umfasste romantische genauso wie neuscholastische Positionen, welche das diesseitige Heil der Kirche in einer Rückwendung zum Mittelalter suchten. Allerdings umfasste er keine aufgeklärten Positionen, welche das Staatskirchentum akzeptierten und die Tätigkeit der Kirche Nützlichkeitskriterien unterstellte. Diese relative Offenheit änderte sich mit dem Siegeszug der Neuscholastik, welche die Theologen des Mittelalters, insbesondere des Thomas von Aquin (1224/1225–1274), zum allein gültigen theologischen Bezugspunkt machte. Mit der Enzyklika "Aeterni Patris" von 1879 wurde die Neuscholastik dann durch Papst Leo XIII. (1810–1903) zur offiziellen Lehre der katholischen Kirche erklärt und mit der Forderung nach dem obligatorischen Antimodernisteneid vom 1. September 1910 durch Papst Pius X. (1835–1914) nochmals abgesichert. Prominente Frühultramontane wie Döllinger, der sich zu einem Hauptgegner des Unfehlbarkeitsdogmas entwickelte, wurden marginalisiert. Andere beugten sich dem Diktat der Neuscholastik, wie etwa der klerikale Sozialpolitiker Georg Ratzinger (1844–1899), der seine caritative Sozialethik der Liebe durch einen juridischen Formalismus ersetzte. Zu den Vorreitern der Neuscholastik im deutschen Sprachraum gehörte neben dem Rheinländer Joseph Kleutgen (1811–1883) auch der Augsburger Konvertit und promovierte Jurist Konstantin von Schaezler (1827–1880). In Bayern konnte sich die Neuscholastik in erster Linie in Eichstätt festsetzen, wo sie in dem 1843 errichteten Lyzeum zur allein bestimmenden Lehre wurde.

Die Neuscholastik stellte durch ihren juridischen und objektivistischen Charakter die Begründungen für den umfassenden politischen Gestaltungsanspruch der ultramontanen Kirche zur Verfügung. Sie hatte den Anspruch, Glaubenswahrheiten mit mathematischer Gewissheit beweisen zu können, womit sie in der Nachfolge des Aufklärungsphilosophen Christian Wolff (1679–1754) stand. Deshalb stellte die Neuscholastik einen Rückgriff auf die Vergangenheit dar, aber mit dem Anspruch auf eine ahistorische überzeitliche Geltung, durch die Betonung des Naturrechts insbesondere auch auf gesellschaftspolitischem Gebiet.

Herz-Jesu-Bild der Kirche St. Michael in München, gemalt von Joseph Hauber (1766-1834) 1797. (Bayerische Staatsbibliothek, Bildarchiv pru-002363)

Die Neuscholastik führte einerseits durch ihren extremen Formalismus zu einer bürokratischen Ekklesiologie, welche die Kirche als Behörde erscheinen ließ. Außerdem führte sie dadurch zu einem positivistischen theologischen Begriffsgeklingel, in dem das rechthaberische Bemühen um die korrekte Formulierung theologischer Wahrheiten deren Relevanz für das Leben der Gläubigen aus dem Blick geraten ließ. Andererseits aber war es gerade der juridische Charakter der Neuscholastik, der zu eigenständigen, praktikablen und nachhaltig wirksamen Vorschlägen zur Lösung der so genannten Sozialen Frage führte. So fanden Sozialversicherungen, Arbeiterschutzgesetze sowie betriebliche Mitbestimmung ihre ideologische Fundierung auch in neuscholastischer Theologie und ultramontaner Parteipolitik. Zum herrschenden Bild vom Rückzug der katholischen Kirche in ein traditionalistisches "Ghetto" steht dies im eklatanten Widerspruch.

Dabei stand die formalistische und rationalistische Neuscholastik in einer eigentümlichen Spannung zum ultramontanen Hang zu Mystizismus und kitschiger Frömmigkeit (Herz-Jesu-Verehrung). Daneben war die ultramontane Frömmigkeit geprägt durch Massenveranstaltungen (Missionen, Wallfahrten); Fokussierung auf das Bußsakrament; Betonung äußerer Formen (Ritualisierung); Uniformierung und Unterwerfung eigenständiger volksreligiöser Frömmigkeitsformen unter kirchliche Bevormundung.

Ende des Ultramontanismus

Die zunehmende Integration der katholischen Bevölkerung in die Nationalstaaten nach dem Ende des Kulturkampfes in den 1880er Jahren sowie vor allem durch partizipatorische Mittel (Parlamente, Parteien, Verbände) und deren ökonomische und sozialpolitische Erfolge, die zunehmende Entkirchlichung breiter Bevölkerungskreise und die Verstrickung auch konservativer kirchlicher Kreise in die faschistischen Diktaturen des frühen 20. Jahrhunderts (Austrofaschismus in Österreich, Franquismus in Spanien, Tiso-Regime in der Slowakei) führten zu einem langsamen, aber deutlich erkennbaren Abbau ultramontaner Merkmale der katholischen Kirche. Der Rückzug der katholischen Kirche aus der Parteipolitik durch Entstehung überkonfessioneller christlicher Parteien nach dem Zweiten Weltkrieg (in Bayern: Christlich-Soziale Union) war ein wichtiger Schritt auf diesem Weg. Schließlich war die Neuscholastik aufgrund ihres starren Formalismus, der eine mangelnde Anpassungsfähigkeit an gesellschaftliche Entwicklungen nach sich zog, bereits an ihrem Ende angelangt, bevor ihr durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) das Ende als dominierende theologische Strömung bereitet wurde.

Modernität des Ultramontanismus

Karikatur "Klerus kontra Mode" von Edmund Kuntze (gest. 1915). Die zeitgenössische Karikatur versucht sich über die Antimodernität des Ultramontanismus lustig zu machen. Abb. aus: Ulk. Illustriertes Wochenblatt für Humor und Satire, Nr. 7 (1914). (Lizenziert durch Public Domain via Wikimedia Commons)

Eine zentrale Frage bei der Erforschung des Ultramontanismus ist diejenige nach seiner Modernität. Alle Forscher sind sich einig, dass dieser eine besondere Form der Reaktion der katholischen Kirche auf die Herausforderungen der modernen Welt mit ihrer Tendenz zur Säkularisierung darstellt. Für den Historiker Hans-Ulrich Wehler (1931–2014) stellte der Ultramontanismus im Rahmen seines linearen Weltbildes ein antimodernes Phänomen dar. Orientiert am Idealbild des preußisch-protestantisch dominierten Nationalstaates ging es ihm in durchaus diffamierender Absicht darum, den Katholizismus zum Gegenbild der Moderne zu stilisieren. Dagegen sah der katholische Theologe Hermann Josef Pottmeyer (1934–2023) im Ultramontanismus ein "eigenartiges Gemenge von Antimoderne und Moderne" (Pottmeyer, Ultramontanismus, 451). Präziser bezeichnete der Historiker Thomas Nipperdey (1927–1992) das Modernisierungspotential des Ultramontanismus. Auch für ihn ist dieser zwar ein Versuch der Selbstbehauptung des Katholizismus in einer als feindlich erfahrenen Umwelt. Dabei erkannte er, dass der Ultramontanismus bei aller Antimodernität in den Zielen durchaus moderne Mittel verwandte. Darunter verstand er die modernen Massenkommunikations- und Verkehrsmittel sowie die Massenmobilisierung durch Parteien und Vereine.

Der Erfolg des Ultramontanismus fußte auf den formalen Elementen moderner politischer Meinungsbildung (Meinungs- und Pressefreiheit, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit, Petitionswesen, Parteiwesen). Dadurch stieß katholische Politik auf eine breite Zustimmung in der katholischen Bevölkerung. Für den Kirchenhistoriker Viktor Conzemius (1929–2017) geschah dies nicht freiwillig. Die katholische Kirche habe „meist zögernd, unter äußerem und innerem Druck, eine Anpassung an moderne Erkenntnisse und Wirklichkeiten vollzogen“ (Conzemius, Katholizismus, 25). Weiter gingen dagegen die Soziologen Karl Gabriel (geb. 1943) und Franz Xaver Kaufmann (1932–2024), für die der Ultramontanismus eine „Denk- und Sozialform der halb entfalteten Moderne“ (zit. nach Fleckenstein – Schmiedl, Ultramontanismus, 17f.) gewesen sei, der den katholischen Massen den Weg des Übergangs zur Moderne eröffnete.

Literatur

  • Claus Arnold, Antisemitismus – Ultramontanismus – Kulturkatholizismus. Aus Anlaß einer Studie von Olaf Blaschke, in: Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte 18 (1999), 243–251.
  • Victor Conzemius, Ultramontaner Katholizismus: Eine Verschwörung gegen die Moderne?, in: Eckhard Jaschinski (Hg.), Das Evangelium und die anderen Botschaften. Situation und Perspektiven des christlichen Glaubens in Deutschland (Veröffentlichungen des Missionspriesterseminars St. Augustin bei Bonn 47), Nettetal 1997, 9–29.
  • Gisela Fleckenstein – Joachim Schmiedl, Ultramontanismus in der Diskussion. Zur Neupositionierung eines Forschungsbegriffs, in: Gisela Fleckenstein – Joachim Schmiedl (Hg.), Ultramontanismus. Tendenzen der Forschung (Einblicke. Ergebnisse – Berichte – Reflexionen aus Tagungen der Katholischen Akademie Schwerte 8), Paderborn 2005, 7–19.
  • Friedrich Hartmannsgruber, Im Spannungsfeld von ultramontaner Bewegung und Liberalismus – 1864–1890, in: Walter Brandmüller (Hg.), Handbuch der bayerischen Kirchengeschichte Bd. 3: Vom Reichsdeputationshauptschluss bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, St. Ottilien 1991, 205–262.
  • Karl Hausberger, Die katholische Bewegung im Bayern des Vormärz als Wegbereiterin des politischen Katholizismus in Deutschland, in: Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte 19 (2000), 93–105.
  • Ludwig Holzfurtner, Katholische Restauration in Romantik und Vormärz – Ludwig I., in: Walter Brandmüller (Hg.), Handbuch der bayerischen Kirchengeschichte Bd. 3: Vom Reichsdeputationshauptschluss bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, St. Ottilien 1991, 131–165.
  • Johann Kirchinger, Gefährlicher Gott, riskanter Teufel, normalisierter Mensch. Katholische Kontingenzdispositive im 19. Jahrhundert (Religiöse Kulturen im Europa der Neuzeit 21), Göttingen 2022.
  • Thomas Nipperdey, Religion im Umbruch. Deutschland 1870–1918, München 1988.
  • Hermann Josef Pottmeyer, Ultramontanismus und Ekklesiologie, in: Stimmen der Zeit 210 (1992), 449–464.
  • Heribert Raab, Zur Geschichte und Bedeutung des Schlagwortes „ultramontan“ im 18. und frühen 19. Jahrhundert, in: Historisches Jahrbuch 81 (1962), 159–173.
  • Christoph Weber, Ultramontanismus als katholischer Fundamentalismus, in: Wilfried Loth (Hg.), Deutscher Katholizismus im Umbruch zur Moderne (Konfession und Gesellschaft 3), Stuttgart 1991, 20–45.
  • Hans-Ulrich Wehler, Von der „Deutschen Doppelrevolution“ bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849–1914 (Deutsche Gesellschaftsgeschichte 3), München 1995.
  • Siegfried Weichlein, Mission und Ultramontanismus im frühen 19. Jahrhundert, in: Gisela Fleckenstein – Joachim Schmiedl (Hg.), Ultramontanismus. Tendenzen der Forschung (Einblicke. Ergebnisse – Berichte – Reflexionen aus Tagungen der Katholischen Akademie Schwerte 8), Paderborn 2005, 93–109.
  • Otto Weiß, Der Ultramontanismus. Grundlagen – Vorgeschichte – Struktur, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 41 (1978), 821–877.

Weiterführende Recherche

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Empfohlene Zitierweise

Johann Kirchinger, Ultramontanismus, publiziert am 25.02.2026; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ultramontanismus>(25.02.2026)