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Deutsche Zentrumspartei (Zentrum), 1869/71-1933

Porträt von Ludwig Windthorst, ca. 1874. (Bayerische Staatsbibliothek)
Matthias Erzberger als Staatssekretär (1918/1919), ohne Datum. (Bayerische Staatsbibliothek)
Reichstagswahlkampf 1932, Plakat der Zentrumspartei: "Brüning - Der Freiheit und Ordnung letztes Bollwerk". (Bayerische Staatsbibliothek)
Wahlverhalten der katholischen Bevölkerung Deutschlands 1932-1933. (Katholischer Arbeitskreis für zeitgeschichtliche Fragen e.V., Bonn)
Plakat zur Reichspräsidentenwahl im März/April 1925; das Zentrum stellte mit dem Vorsitzenden Wilhelm Marx einen eigenen Kandidaten auf, der jedoch nicht gewählt wurde. Der Kopf des Politikers schwebt vor einem schwarz-rot-goldenen Hintergrund über dem Reichstagsgebäude in Berlin und soll das Bekenntnis der Partei zur Weimarer Republik verdeutlichen. (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Plakatsammlung)
Ludwig Kaas (aus: Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft. 1. Band, Berlin 1931, S. 867)

von Rudolf Morsey

Partei des politischen Katholizismus, entstanden 1869/71 und benannt nach ihrem Platz in der Mitte des Abgeordnetensaales. Während des Kulturkampfes zunächst in die Opposition gedrängt, nahm das Zentrum nach 1890 zunehmend eine mitregierende Position ein. 1917 stellte die Partei mit Georg Graf Hertling (1843-1919) erstmals den Reichskanzler. 1918 spaltete sich der politische Katholizismus im Reich mit der Gründung der eigenständigen BVP in Bayern. Bis 1932 war das Zentrum an allen Reichsregierungen beteiligt und stellte vier Reichskanzler. Am 23. März 1933 stimmten die Abgeordneten des Zentrums geschlossen für das "Ermächtigungsgesetz" Adolf Hitlers (1889-1945). Der Zwangsauflösung kam die Partei am 5. Juli 1933 durch Selbstauflösung zuvor.

Überblick und Vorgeschichte 1869-1887

Seit 1867 bildeten katholische Abgeordnete im Badischen Landtag, seit 1869 im Preußischen Abgeordnetenhaus und in der Kammer der Abgeordneten in Bayern, nach Gründung der Bayerischen Patriotenpartei, seit 1871 auch im Reichstag je eine eigene Fraktion "Zentrum (Verfassungspartei)". Ihr schlossen sich die Abgeordneten der Patriotenpartei – zu ihren Mitgründern zählte der bedeutende Publizist Joseph Edmund Jörg (1819-1901, MdR 1874-1878) - an. Im Reichstag war die Zentrumsfraktion ab 1874 die zweitstärkste Kraft. Nach dem Tod von Hermann von Mallinckrodt (1821-1874) wurde der frühere Justizminister in Hannover, Ludwig Windthorst (1812-1891), zum unumstrittenen Repräsentanten, ohne jemals Partei- oder Fraktionsvorsitzender zu sein. Die Zentrumsabgeordneten verstanden sich als politische Vertreter des katholischen Volksdrittels im Reich, wurden aber durch den von Otto von Bismarck (1815-1898) inszenierten Kulturkampf gegen ihre Partei und die katholische Kirche in eine ungewollte politische Opposition gedrängt ("Zentrumsturm").

1887-1918: Weiterhin reichs- und kaisertreu

Nach der Beendigung des Kulturkampfs, die durch diplomatische Verständigung mit der Kurie (1887) gelang, und der Entlassung Bismarcks (1890) befand sich die Zentrumspartei in einer quasi mitregierenden Position. Ihre Abgeordneten stimmten wirtschafts- und sozialpolitischen Vorlagen der Reichsleitung ebenso zu wie der zunächst bekämpften Rüstungs- und Kolonialpolitik. Dadurch trugen sie dazu bei, die deutschen Katholiken mit dem preußisch-protestantisch dominierten Kaiserreich weiter auszusöhnen. 1909-1912 stand der Münchner Philosoph Georg Freiherr von Hertling (1843-1919), der spätere Vorsitzende des Bayerischen Ministerrats (1912-1917) und Reichskanzler (1917/18), an der Spitze der Zentrumsfraktion im Reichstag. Während des Ersten Weltkriegs 1914-1918, der als Verteidigungskrieg galt, unterstützte das Zentrum zunächst die Reichsleitung, auch in ihrer annexionistischen Zielsetzung. Die vom württembergischen Abgeordneten Matthias Erzberger (1875-1921) durchgesetzte "Friedensresolution" einer neu gebildeten Mehrheit des Reichstags vom Juli 1917 begründete eine parlamentarische Zusammenarbeit mit der SPD und der Fortschrittlichen Volkspartei. Sie wurde zur Grundlage der späteren "Weimarer Koalition".

1918: Der Schock der November-Revolution

Die Revolution vom November 1918 löste bei den Zentrumsanhängern einen Schock aus. In der Folge fiel es ihnen schwer, sich mit der neuen, der "improvisierten" Republik abzufinden. Noch bevor die vorübergehend führungslose Partei wieder Tritt gefasst hatte, gründeten die bisherigen Zentrumsabgeordneten im bayerischen Landtag, Georg Heim (1865-1938) und Sebastian Schlittenbauer (1874-1936), die Bayerische Volkspartei (BVP) und spalteten damit den politischen Katholizismus. Demgegenüber firmierte das Zentrum vor der Wahl vom 19. Januar 1919 zur verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung in einzelnen Teilen des Reiches als "Christliche Volkspartei" bzw. "Christlich-Demokratische Volkspartei" oder fügte dem alten Namen einen entsprechenden Zusatz an. Aber auch die neue Bezeichnung führte nicht zu dem von der Partei erhofften, von Windthorst bereits angestrebten Zuzug aus evangelischen Kreisen.

Mitarbeit in der Weimarer Nationalversammlung 1919/20

In der Weimarer Nationalversammlung bildeten Zentrum und BVP, die zusammen 19,7% der Wählerstimmen gewonnen hatten, unter Führung des Württembergers Adolf Gröber (1854-1919) eine Fraktionsgemeinschaft. Ihre 91 Mitglieder, darunter 18 der BVP, waren maßgeblich am Zustandekommen der neuen Reichsverfassung vom 11. August 1919, die Grund- und Freiheitsrechte verbürgte, beteiligt. Strittig blieb ein Kompromiss in der Schulfrage, da die Zentrumsabgeordneten die konfessionsgebundene Volksschule nicht durchsetzen konnten. Weil die Reichsverfassung nicht mehr die früheren Reservatrechte für Bayern enthielt, blieb die BVP in Berlin künftig auf relative Selbständigkeit, auch gegenüber dem Zentrum, bedacht und bestrebt, möglichst viel an Eigenstaatlichkeit zurückzugewinnen. Seit 1920 bildeten die BVP-Abgeordneten im Reichstag eine eigene Fraktion, an deren Spitze 1920-1933 der Bamberger Dompropst Johann Leicht (1868-1940) stand.

1920-1932: Das Zentrum im Reichstag

Von der ersten, im Februar 1919 gebildeten Regierung an bis Mitte 1932 war das Zentrum an allen, rasch wechselnden Regierungen des Reiches und Preußens beteiligt. Es stellte trotz seiner nur jeweils etwa 70 Reichstagsabgeordneten (etwa 12 %) vier der zehn Reichskanzler dieser Jahre (Constantin Fehrenbach [1856-1926], Joseph Wirth [1879-1956], Wilhelm Marx [1863-1946] und Heinrich Brüning [1885-1970]). Dadurch wie durch ihre Mittelstellung und Kompromissfähigkeit gewann die Konfessionspartei, der jeweils sechs bis sieben Geistliche ("Zentrumsprälaten") angehörten, politischen Einfluss über ihre zahlenmäßige Stärke hinaus. Ein Versuch des Zentrumspolitikers und Vorsitzenden der Christlichen Gewerkschaften, Adam Stegerwald (1874-1945), von 1920, eine interkonfessionelle christlich-soziale Volkspartei zu gründen, schlug fehl. Das Zentrum blieb zu schwach, um die von Anfang an strukturell instabile und zeitweise von bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen durchzogene Republik, die bereits seit der ersten Reichstagwahl 1920 keine republiktreue Mehrheit besaß, zu stabilisieren. Zudem verlief die eigene "Schicksalskurve" stetig abwärts: Von 1920 mit 13,9% der Wähler (seit 1919 auch Frauen) auf 11,9% im November 1932.

Regionale Abgrenzung von Zentrum und BVP in der Pfalz

In den vier bayerischen Reichstagswahlkreisen bestanden zunächst Zentrum und BVP nebeneinander, wobei die Regionalpartei dominierte. Dabei vergiftete in der Pfalz, wo zur Reichstagswahl im Mai 1924 beide Parteien antraten, ein heftig geführter "Bruderkrieg" die politische Atmosphäre. Bei dieser Wahl erreichte die BVP 64.642 Stimmen, das Zentrum 39.063. Nach einer vor den Neuwahlen im Dezember dieses Jahres getroffenen Vereinbarung zog sich das Zentrum aus den drei rechtsrheinischen bayerischen Wahlkreisen – in denen es ohnehin jeweils nur gut 1% der Stimmen erreicht hatte – zurück. Das Wahlergebnis in der Pfalz lautete: 67.060 Stimmen für die BVP und 50.124 für das Zentrum.

Die Reichspräsidentenwahl von 1925

Der eben mühsam beigelegte Konflikt erreichte wenige Monate später, bei den "schicksalhaften Reichspräsidentenwahlen" von 1925 (Becker, Bayerische Volkspartei, 432), einen Höhepunkt: Mit Unterstützung der BVP wurde Paul von Hindenburg (1847-1934), der preußisch-protestantische Kandidat des Rechtsblocks, gewählt, gegen den Vorsitzenden des Zentrums (seit 1922) und amtierenden Reichskanzler Wilhelm Marx.

Verbesserte Zusammenarbeit - gemeinsamer Untergang 1933

Erst Ende 1927 gelang den Führungsgremien beider Konfessionsparteien eine Verständigung im "Regensburger Abkommen". Danach kandidierte in der Pfalz zur Reichstagswahl 1928 allein die BVP. Auf sie entfielen 108.769 Stimmen (26,4%), 1930 116.437 (24,9%). Die Regensburger "Flurbereinigung" (Schönhoven, Bayerische Volkspartei, 98) normalisierte allmählich das ungute Konkurrenzverhältnis. Auch verbesserte sich die Zusammenarbeit zwischen den Reichstagsfraktionen beider Parteien, die sich beide stärker von der SPD distanzierten. Anfang der 1930er Jahre unterschätzte das seit Ende 1928 von Prälat Ludwig Kaas (1881-1952) geführte Zentrum, wie alle bürgerlichen Parteien, die Gefährlichkeit der NSDAP, wenngleich es deren Weltanschauung bekämpfte. Die seit Beginn der Wirtschaftskrise durch die Vertretung heterogener wirtschaftlicher Interessen zusätzlich belastete Fraktion stimmte am 23. März 1933 geschlossen dem von der Regierung Hitler geforderten "Ermächtigungsgesetz" zu, ebenso die BVP. Diese folgenschwere Entscheidung konnte den Untergang der beiden Parteien allerdings nur noch kurzzeitig verzögern. Ihre Führungen kamen der bevorstehenden Zwangsauflösung am 4. (BVP) bzw. 5. Juli 1933 (Zentrum) durch Selbstauflösung zuvor.

Fortbestehen der Trennung nach 1945 in CDU und CSU

Die 1945 entstandenen interkonfessionellen Volksparteien CDU und CSU distanzierten sich betont von den 1933 untergegangenen Vorläufern, auch wenn viele ihrer führenden Politiker darin eine Rolle gespielt hatten. Das galt für Konrad Adenauer (1876-1967), früher Zentrum, wie für den letzten BVP-Vorsitzenden (1929-1933), Fritz Schäffer (1888-1967), MdB 1949-1961 und Bundesfinanz- bzw. Justizminister in den ersten drei Regierungen von Bundeskanzler Adenauer. Die 1945 in Soest (Westfalen) gegründete Deutsche Zentrumspartei blieb, nach kurzer Mitregierung in Nordrhein-Westfalen, eine regional begrenzte Splitterpartei und erlangte seit den 1950er Jahren auf Landes- und Bundesebene keine politische Bedeutung mehr.

Literatur

  • Winfried Becker, Die Bayerische Volkspartei, in: Ders. u. a. (Hg.), Lexikon der Christlichen Demokratie in Deutschland, Paderborn 2002, 430-433.
  • Herbert Gottwald/Günter Wirth, Zentrum 1870-1933 (Deutsche Zentrumspartei; 1918/19 Christliche Volkspartei), in: Dieter Fricke u. a. (Hg.), Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789-1945). 4. Band, Leipzig/Köln 1986, 552-635. (Materialreich, mit SED-parteilicher Interpretation)
  • Detlef Junker, Die Deutsche Zentrumspartei und Hitler 1932/33, Stuttgart 1969.
  • Rudolf Morsey, Der Untergang des politischen Katholizismus. Die Zentrumspartei zwischen christlichem Selbstverständnis und „Nationaler Erhebung“ 1932/33, Stuttgart 1977. (Erste Darstellung auf der Grundlage umfangreichen Quellenmaterials)
  • Rudolf Morsey, Die Deutsche Zentrumspartei 1917-1923 (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien 32), Düsseldorf 1966.
  • Rudolf Morsey, Historischer Rückblick: 1918-1933, in: Winfried Becker u. a. (Hg.), Lexikon der Christlichen Demokratie in Deutschland, Paderborn 2002, 35-43.
  • Rudolf Morsey, Zentrumspartei (bis 1933), in: Winfried Becker u. a. (Hg.), Lexikon der Christlichen Demokratie in Deutschland, Paderborn 2002, 430-433.
  • Gerhard Nestler, Der politische Katholizismus der Pfalz zwischen Novemberrevolution und Nationalversammlung, in: Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz 99 (2001), 293-322.
  • Karsten Ruppert, Im Dienst am Staat von Weimar. Das Zentrum als regierende Partei in der Weimarer Republik 1923-1930 (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien 96), Düsseldorf 1992. (Umfassende Darstellung auf breiter Quellengrundlage)
  • Klaus Schönhoven, Die Bayerische Volkspartei 1924-1932 (Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien 46), Düsseldorf 1972. (Bisher einzige Arbeit über die BVP)
  • Klaus Schönhoven, Zwischen Anpassung und Ausschaltung. Die Bayerische Volkspartei in der Endphase der Weimarer Demokratie 1932/1933, in: Historische Zeitschrift 224 (1977), 340-378.
  • Manfred Weißbecker/Günter Wirth, Bayerische Volkspartei (BVP) 1918-1933, in: Dieter Fricke u. a. (Hg.), Lexikon zur Parteiengeschichte. Die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Parteien und Verbände in Deutschland (1789-1945). 1. Band, Leipzig/Köln 1983, 156-186. (Materialreich, aber SED-parteiliche Interpretation)

Quellen

  • Herbert Lepper (Bearb.), Volk, Kirche und Vaterland. Wahlaufrufe, Aufrufe, Satzungen und Statuten des Zentrums 1870-1933. Eine Quellensammlung zur Geschichte insbesondere der Rheinischen und Westfälischen Zentrumspartei, Düsseldorf 1998.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Verfassungspartei

Empfohlene Zitierweise

Rudolf Morsey, Deutsche Zentrumspartei (Zentrum), 1869/71-1933, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Deutsche Zentrumspartei (Zentrum), 1869/71-1933> (23.10.2018)