Erdfunkstelle Raisting

Briefmarke in der Serie "Industrie und Technik" der Deutschen Bundespost aus dem Jahr 1975.
Luftaufnahme der Erdfunkstelle Raisting. (Foto: Foto Beck)
Erdfunkstelle Raisting. (Foto: Foto Beck)
Teilansicht der Erdfunkstelle mit den beiden größten Antennen. (Foto: Gerd Knauth)
Plakat der CSU zum Landtagswahlkampf 1970. (ACSP, Pl S 876)

von Michael Hascher

Die Erdfunkstelle Raisting ist eine Bodenstation, die über Richtfunk mit Satelliten kommuniziert und so eine weltweite kabellose Übertragung von Daten ermöglicht. Sie liegt bei Raisting (Lkr. Weilheim-Schongau) und besteht aus mehreren Antennen. Die als Radom (aus engl. radar dome – Radarkuppel) bekannte, 1964 errichtete Antenne I ist ein denkmalgeschütztes Symbol für das moderne Bayern.

Vorgeschichte und Gründung

Trotz der rapiden Entwicklung der Kommunikationstechnik reichten bis 1945 nur das Telegrafennetz sowie Kurz- und Langwellensender über den Atlantik. Die Nutzung des Richtfunks, also von über Zwischenstationen weitergegebenen, gebündelten Signalen über Funkwellen, wurde seit den 1930er Jahren diskutiert. 1945 schlug Arthur C. Clarke (1917-2008) erstmals vor, eine Richtfunkstrecke über einen Weltraumsatelliten als Relaisstation zu führen. Nachdem die USA satellitentaugliche Trägerraketen entwickelt und Nachrichtensatelliten getestet hatten, unterzeichneten 1961 die NASA, die britische und französische Post sowie wenig später die Deutsche Bundespost einen Vertrag über den Bau eines Kommunikationssatelliten sowie von Bodenstationen.

Lage und technisches Konzept

Während 1962 der Satellit "Telstar I" schon ein erstes Fernsehbild übermittelte, suchte die Post noch nach einem geeigneten Standort für eine "Erdfunkstelle" (oder Erdefunkstelle). In der vorwiegend landwirtschaftlich genutzten Ebene bei Raisting (Lkr. Weilheim-Schongau), fernab von Fluglinien und Richtfunkstrecken, gab es kaum Störungen der schwachen Satellitensignale. Im Mai 1963 begannen dort die Bauarbeiten. Wie bei den französischen und englischen Bodenstationen schützte eine Kuppel (Radom) die Antenne vor Witterung. Die Hülle aus Polyesterfolie (PET) erhielt ihre Form durch ständig laufende Gebläse. Die Antenne I selbst realisierte das Cassegrain-Prinzip, bei dem die Signale zwischen Sender/Empfänger und Hauptspiegel einen Hilfsspiegel durchlaufen.

Erfolge der Nutzung

1964 ging die Anlage in Betrieb und empfing zunächst Fernsehsignale über den Satelliten "Telstar II". 1965 transportierte eine Delta-D Rakete den ersten Satelliten der internationalen Agentur Intelsat ("Intelsat I") auf eine etwa 35.800 Kilometer über dem Äquator liegende Laufbahn, in der er synchron der Erdumdrehung folgte, von der Erde gesehen also immer an derselben Stelle blieb ("geostationäre" Umlaufbahn, hier etwa über dem 28. Grad westlicher Breite). Von dort war es möglich, entweder 240 Ferngespräche gleichzeitig oder eine Fernsehsendung über den Atlantik zu übertragen. Bei der Liveschaltung zur ersten Mondlandung 1969 genoss diese Anwendung erstmals weltweit große Aufmerksamkeit. Während der Olympischen Sommerspiele 1972 in München konnte die Antenne I erneut ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen. Schließlich konnte der "heiße Draht" zwischen den USA und der Sowjetunion, also die nach der Kubakrise 1962 eingerichtete Fernschreibverbindung zur Kommunikation in Krisenfällen (auch bekannt unter dem Begriff der "roten Telefone"), über Raisting vermittelt werden. Auf Intelsat I folgte eine Vielzahl weiterer Satelliten. Dafür wurde zunächst die Erdfunkstelle Raisting durch weitere Großantennen (1969, 1972, 1981) und kleinere Antennen ausgebaut. Andere Erdfunkstationen errichtete die Bundespost beispielsweise in Fuchsstadt (Lkr. Bad Kissingen) bei Würzburg (1985). Diese wurden jedoch weniger zum Symbol als die Antennen in Raisting. Zur Landtagswahl 1970 setzte die CSU eine Ansicht einer der neueren Antennen mit der Raistinger Wallfahrtskirche St. Johann auf ihr Wahlplakat. 1975 zierte wiederum eine unverhüllte Antenne die 50-Pfennig-Briefmarke der Serie "Industrie und Technik" der Deutschen Bundespost.

Die Stilllegung und ihre Hintergründe

1985 wurde die Antenne I stillgelegt. Anlass war eine Änderung des Sendeverfahrens im Jahr 1980. Nun funkte man die Satelliten doppelt mit der gleichen Frequenz, aber unterschiedlichen Polarisationen an (RHCP, LHCP). Bei nasser Radomhülle konnten die beiden Signale nicht mehr sauber getrennt werden. Somit blieben nur die unverhüllten Antennen in Betrieb. Zudem ging die große Ära der Erdfunkstationen aus zwei weiteren Gründen zu Ende: Erstens ermöglichten ab 1985 die Astra-Satelliten privaten Nutzern, mit kleinen Satellitenschüsseln, ohne Zwischenschaltung einer Erdfunkstelle, Fernsehsignale zu empfangen. Zweitens gewannen die Kabel wieder an Bedeutung. 1988 wurde das erste Transatlantikkabel in Glasfasertechnik verlegt, dem bald weitere folgten. Damit konnte die Übertragungskapazität erheblich gesteigert werden. Daher werden heute die meisten Internetverbindungen und Ferngespräche über Kabelnetze abgewickelt, während den Erdfunkstellen die Fernsehsendungen und besondere Funk- oder Telefonverbindungen bleiben. 1999 wurde das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege auf die Anlage aufmerksam und trug Antenne I nach Artikel 2 des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes in die Denkmalliste ein.

Literatur

  • Michael Hascher, Eine Ikone der Moderne als Museum. Die erste Antenne der Erdfunkstelle Raisting, in: Das Archiv 4 (2008), 30-35.
  • Werner Kraus (Hg.), Schauplätze der Industriekultur in Bayern, Regensburg 2006.
  • Georg Paula, Zwei außergewöhnliche Denkmäler im Landkreis Weilheim-Schongau, in: Denkmalpflege-Informationen B 121 (2002), 34-35.

Weiterführende Recherche

Externe Links

Empfohlene Zitierweise

Michael Hascher, Erdfunkstelle Raisting, publiziert am 06.06.2011; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Erdfunkstelle_Raisting> (17.02.2018)