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Katholisches Verbandswesen

Übersicht über das katholische Verbandeswesen. (aus: Ludwig F. Gengler, Katholische Aktion im Angriff auf Deutschland, München 1937, Beilage)
"Die Weltmission der katholischen Kirche".Zeitschrift des Ludwig-Missions-Vereins, Päpstliches Werk der Glaubensverbreitung in Bayern. (1927, Heft 11/12)
Votivbild des Verbandes der katholischen Burschenvereine in der Gnadenkapelle zu Altötting, übergeben bei der Jubiläumswallfahrt am 12. Mai 1928. (aus: Simon Weiß [Hg.], Der katholische Burschenverein. Ein Handbuch für Präsides zum 25jährigen Bundesjubiläum, Regensburg 1928, vor S. I)
"Die weisse Rose". Monatliches Verbandsblatt der katholischen Jungmädchenvereine Süddeutschlands. (24.Jahrgang, 4. Heft, April 1930)

von Heinz Hürten

Erste katholische Vereine und Verbände, die neben die traditionellen Bruderschaften und Kongregationen traten, entstanden in Bayern schon vor 1848. Doch erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts häuften sich die Gründungen von standesbezogenen (Gesellen, Handwerker, Bauern, Burschen) oder aufgabenorientierten (Caritas, Preßverein) Vereinen. Neue Impulse brachte am Anfang des 20. Jahrhunderts die Frauenbewegung (Tätigkeit des Katholischen Frauenbunds in Bayern ab 1904) und die Jugendbewegung, deren katholische Ableger in Bayern (KJMV, Quickborn, Neudeutschland, Sturmschar) jedoch eine Konkurrenz in den Burschenvereinen besaßen. Die während des "Dritten Reichs" weitgehend verbotenen katholischen Vereine wurden nach 1945 wieder begründet. Sie erreichten jedoch die alten Mitgliederzahlen nicht mehr. Gründe waren die "Organisationsmüdigkeit" weiter Bevölkerungskreise und der von Bischöfen forcierte Ausbau der "Katholischen Aktion", die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) in den Pfarrgemeinderäten aufging.

Grundzüge und Besonderheiten

Die Entwicklung der katholischen Vereine und Verbände in Bayern zeigt trotz allgemein gleichlaufender Tendenz mit außerbayerischen Vorgängen in manchen Einzelzügen beträchtliche Abweichungen. Diese ergaben sich nur zum Teil aus unterschiedlichen wirtschaftlichen und sozialen Strukturen, sondern in nicht geringem Maße auch aus dem Willen zu eigenstaatlicher Gestaltung und entsprechender Ablehnung von "Reichsunitarismus" (Kardinal Michael von Faulhaber [1869-1952]) und beargwöhnter preußischer Dominanz. Zu den im außerbayerischen Deutschland oder im Ausland entstandenen Vereinen traten bayerische Sonderformationen. Kennzeichnend ist jedoch auch für das bayerische Verbandswesen, dass es neben den unter direkter kirchlicher Leitung stehenden Bruderschaften und Kongregationen aus dem freien Entschluss seiner Mitglieder kraft bürgerlichen Assoziationsrechts entstand und erst allmählich an die kirchlichen Strukturen heranrückte.

Frühe Vereine ab 1838

Ein erster Verein entstand aus dem 1822 in Lyon gebildeten Missionsverein, dessen bayerische Klientel sich 1838 auf Wunsch des Königs Ludwig I. (1786-1868, reg. 1825-1848) als Ludwig-Missionsverein organisiert und 1844 von der französischen Zentrale gelöst wurde. Wie auch bei einigen späteren Organisationen zeigte sich bereits hier ein (zeitweiliger) Zusammenschluss mit den Diözesen Freiburg und Rottenburg (also Baden und Württemberg), der "süddeutsche" Vereine entstehen ließ. Die von Frédéric Ozanam (1813-1853) in Frankreich gegründeten Vinzenzkonferenzen zur Armenpflege fassten 1845 in München (erstmals in Deutschland) Fuß. Eine bemerkenswerte Sonderbildung zeigte sich 1848, als die von Mainz ausgehenden "Pius-Vereine für religiöse Freiheit" eine von Guido Görres (1805-1852) in den "Historisch-politischen Blättern" energisch propagierte Konkurrenz in Gestalt der "Vereine für constitutionelle Monarchie und religiöse Freiheit" fanden.

Arbeiter- und Gesellenvereine, Bauernvereine, Burschenvereine

Der in den 1848 entstandenen katholischen Organisationen vorhandene soziale Impuls führte 1849 in Regensburg zur Gründung des (1850 so bezeichneten) "St. Josephs-Arbeiter-Unterstützungs-Verein im Pius-Verein", aus dem freilich noch keine breitgelagerte katholische Arbeiterbewegung erwuchs. Bedeutsamer war die vom "Verein für constitutionelle Monarchie und religiöse Freiheit" 1851 angeregte Gründung eines Gesellenvereins in München. Das Werk Adolph Kolpings (1813-1865) breitete sich in Bayern außerhalb der Pfalz so rasch aus, dass bereits 1855 ein Landesverband gegründet werden konnte. Von den Gesellenvereinen als "Brudervereine" anerkannt, entstanden die nicht auf Handwerker beschränkten "Josephsvereine" zur religiösen Schulung. Nach ihrem Vorbild wurden von 1903 an die "Burschenvereine" organisiert.

Eine katholische Arbeiterbewegung kam in Bayern erst nach 1890 in Gang, nachdem der Katholikentag von Amberg 1884 dazu aufgerufen hatte, die Sozialistengesetzgebung erloschen war und in Bayern der Rücktritt des kulturkämpferischen Ministeriums Lutz es ermöglichte, sich auf die soziale Problematik zu konzentrieren. In den Jahren zuvor waren bereits verschiedene Arbeitervereine entstanden, deren Präsides einen Integrationsprozess in Gang brachten, der aber wegen der unterschiedlichen Auffassungen über Wege und Ziele einer katholischen Sozialreform bei der Bildung eines lockeren "Verbandes süddeutscher katholischer Arbeitervereine" (1891) stehenblieb, dem sich auch die Diözesen Freiburg und Rottenburg anschlossen. Er umfasste 1915 in Bayern 746 Vereine mit 61.813 Mitgliedern, während die bayerischen Gesellenvereine 1914 ca. 237 Vereine mit ca. 13.500 aktiven und ca. 22.000 Ehrenmitgliedern umfassten. Von 1905 an bildeten sich auch Katholische Arbeiterinnenvereine, deren Zahl deutlich geringer war.

In der bäuerlich-agrarischen Welt entstanden im Zuge der Formierung des politischen Katholizismus Ende der 1860er Jahre die "Patriotischen Bauernvereine". Von diesen kurzlebigen Vereinen überlebte nur der "Bayerisch-Patriotische Bauernverein Tuntenhausen". Zwischen 1893 und 1897 entstanden dann in allen bayerischen Kreisen (Regierungsbezirken) "christliche Bauernvereine" als Standesorganisation. Spitzenorganisation war der 1898 gegründete "Bayerische Christliche Bauernverein". Die christlichen Bauernvereine stellten eine der wichtigsten Stützen des bayerischen Zentrums bzw. der Bayerischen Volkspartei dar.

Weitere Vereine und Vereinsgründungen 1900-1920

In die Vorkriegszeit fiel auch die Gründung des "Katholischen Preßvereins für Bayern" (1901), der zeitweilig Eigentümer von 13 Tageszeitungen, darunter das Organ der Bayerischen Volkspartei, "Bayerischer Kurier", und Teilhaber an zehn weiteren war.

Die damals bedeutsamste Organisation im Reich, der "Volksverein für das katholische Deutschland", war in Bayern nur gering vertreten. Von den rund 800.000 Mitgliedern, die er auf seinem Höhepunkt im Jahr 1914 besaß, waren nur 117.000 Bayern. Während in der Pfalz die Organisationsdichte im Jahr 1913 mit 5,3 % der Katholiken nicht entscheidend hinter dem Maximum von mehr als 6 % in den Diözesen Münster, Köln und Paderborn zurücklag, blieben alle anderen bayerischen Diözesen unter 3 %, teilweise unter 2 %, Eichstätt gar bei 0,8 %.

Während bei Katholischem Deutschen Frauenbund (gegr. 1903), Neudeutschland (gegr. 1919) und Akademikerverband (gegr. 1913) keine ausgeprägten bayerischen Sonderbildungen auftraten (das bayerische Landessekretariat des Frauenbundes unter Leitung der Münchnerin Ellen Ammann [1870-1932] galt als das wichtigste der Gesamtorganisation), vollzogen die religiösen Mädchenverbände die Annäherung zur Jugendbewegung nicht mit, wie sie der 1915 gegründete "Zentralverband der katholischen Jungfrauenvereine Deutschlands" unternahm. In Bayern und im Bistum Rottenburg blieb es bei den unter Patronage von Damen stehenden Mädchenvereinen, die später unter dem Namen "Weiße Rose" zusammengeführt wurden und ihre Angehörigen in die entsprechenden Standesvereine für Hausgehilfinnen, kaufmännische Angestellte, Arbeiterinnen und Handwerkerinnen entließen.

Die katholischen Sozialverbände Bayerns nahmen, ohne dem Verband süddeutscher Katholischer Arbeitervereine angeschlossen zu sein, vielfach die Dienste von dessen 1905 errichteter "Hauptstelle" in Anspruch. Daraus entstand 1915 für alle Verbände in München das "Leohaus, Hauptstelle katholisch-sozialer Vereine", wodurch wiederum die Eigenständigkeit des katholisch-sozialen Verbandswesens in Bayern betont wurde.

Jugendverbände: Quickborn, Neudeutschland, katholischer Jungmännerverband

Für die weitere Entwicklung des Verbandswesens besaß Bayern auch insofern Bedeutung, als es der aus Schlesien stammenden, dann aber über ganz Deutschland verbreiteten Jugendbewegung "Quickborn" mit der unterfränkischen Burg Rothenfels einen Mittelpunkt gab, der einer weitgehend von Romano Guardini (1885-1968) geprägten neuen Spiritualität zu weiter Verbreitung verhalf. In ähnlicher Weise konzipierte der Jungenbund "Neudeutschland" auf der Burg Hirschberg bei Beilngries 1923 sein grundlegendes "Hirschbergprogramm", ohne diesem Ort dauerhaft verbunden zu bleiben.

Eine eigentümliche Abweichung vom Gesamttrend zeigte Bayern auch in der Entwicklung des "Katholischen Jungmännerverbands", der 1924 die ihm eigentümliche Form gefunden hatte. Er nahm unter dem aus München stammenden Generalpräses Ludwig Wolker (1887-1955) einen rasanten Aufschwung zum größten männlichen Jugendverband Deutschlands, blieb aber im rechtsrheinischen Bayern weit unter der Organisationsdichte anderer Gebiete. Wieder nahm die Diözese Speyer mit 26,9 % der als Mitglieder in Frage kommenden Jugendlichen eine beachtliche Stellung ein (den Spitzenplatz belegten die Diözesen Münster und Osnabrück mit 38,6 bzw. 37,6 %). Im rechtsrheinischen Bayern lagen die Diözesen Eichstätt, Würzburg und Bamberg mit 6,8 %, 5,9 % und 5,2 % vorn, gefolgt von Augsburg, München-Freising, Regensburg und Passau mit 3,9 %, 3,2 %, 3,1 % und 2,4 %. Ein freilich wohl allein nicht hinreichender Grund mag in der bayerischen Sonderbildung der Burschenvereine liegen, die offensichtlich kein Bedürfnis nach einer modernen Organisation mit ihren vielfältigen Möglichkeiten und reichem Schrifttum verspürten.

Beseitigung durch die Nationalsozialisten und begrenzter Wiederaufbau nach 1945

Das nationalsozialistische Regime beseitigte das katholische Verbandswesen bis auf unbedeutende Reste. Ein erster Höhepunkt nationalsozialistischer Attacken war die gewaltsame Zerschlagung des "Deutschen Gesellentags" vom 8.-11. Juni 1933 in München. Eine Reihe von Verbänden konnten ihre Tätigkeit als religiöse Organisationen fortführen (z. B. der Katholische Frauenbund), andere lösten sich noch 1933 unter dem Druck der neuen Machthaber selbst auf oder wurden verboten. Weitere Vereine, vor allem im Jugendbereich, konnten ihre Tätigkeit noch fortführen, unterlagen dann bis 1939 jedoch auch den Verboten durch das Regime.

Einem Wiederaufbau des Verbandswesens nach 1945 standen anderslaufende Absichten der Bischöfe und das päpstliche Programm der Actio catholica entgegen, ohne ihn jedoch unterbinden zu können. Gestützt auf die Treue alter Mitglieder und materielle Entschädigungsansprüche gelang den meisten Verbänden eine Regeneration, wenn auch in engerer Anlehnung an den Episkopat, der die "Katholische Aktion" zu fördern bestrebt war. Nachdem diese in allen bayerische Diözesen formell errichtet war, wurde 1951 ein "Arbeitsausschuss" der Katholischen Aktion für das ganze Land eingerichtet. Aber so wenig wie Verbänden ein Aufstieg zu früheren Mitgliederzahlen gelang, war der Katholischen Aktion eine Wirkung in die Breite beschieden. Beide Organisationsformen wurden weitgehend nicht als soziale Notwendigkeit wahrgenommen; die beklagte "Organisationsmüdigkeit" betraf sie gleichermaßen. Die in der Erzdiözese München und Freising im Sinne der Katholischen Aktion eingeführten "Pfarrausschüsse" stagnierten in den 1960er Jahren nach Zahl und Tätigkeit.

Der Impuls des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) zur Errichtung von beratenden Gremien in den Seelsorgeeinheiten ließ die "Pfarrgemeinderäte" entstehen. Durch die Organisationsgewalt des Ortsbischofs begründet, können sie ebenso wenig wie die ihnen übergeordneten Diözesankomitees und das Landeskomitee der Katholiken trotz der Zugehörigkeit von Vertretern der Vereine und Verbände dem Verbandswesen zugerechnet werden.

Literatur

  • Michael Ammich, Die katholischen Arbeitervereine im Bistum Regensburg 1849-1939, Kallmünz 1991.
  • Hans Dieter Denk, Die Christliche Arbeiterbewegung in Bayern bis zum Ersten Weltkrieg (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte B 29), Mainz 1980.
  • Dietmar Grypa, Die katholische Arbeiterbewegung in Bayern nach dem Zweiten Weltkrieg (1945-1963) (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte B 91), Paderborn u. a. 2001.
  • Franz Henrich, Die Bünde katholischer Jugendbewegung. Ihre Bedeutung für die liturgische und eucharistische Erneuerung, München 1968.
  • Kirchliches Handbuch für das katholische Deutschland. Freiburg, später Köln 1907ff.
  • Gotthard Klein, Der Volksverein für das katholische Deutschland 1890-1933 (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte B 75), Paderborn u. a.1996.
  • Dorit-Maria Krenn, Die Christliche Arbeiterbewegung in Bayern vom Ersten Weltkrieg bis 1933 (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte B 57), Mainz 1991.
  • Barbara Schellenberger, Katholische Jugend und Drittes Reich (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte B 17), Mainz 1975.
  • Angelika Steinmaus-Pollak, Das als Katholische Aktion organisierte Laienapostolat. Geschichte seiner Theorie und kirchenrechtlichen Praxis (Forschungen zur Kirchenrechtswissenschaft 4), Würzburg 1988.

Weiterführende Recherche

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Empfohlene Zitierweise

Heinz Hürten, Katholisches Verbandswesen, publiziert am 07.05.2007; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Katholisches Verbandswesen> (18.11.2018)