Pfalz (19./20. Jahrhundert)

Die Verwaltungseinteilung der Pfalz unter französischer Herrschaft nach 1801 (aus: Winkler, Wilhelm: Pfälzischer Geschichtsatlas, Neustadt an der Haardt, Karte 9).
Amts- und Intelligenzblatt des Königlich Bayerischen Rheinkreises, 6. Dezember 1837, zur Umbenennung der bayerischen Kreise.
Handkarte der Pfalz für Schulen, 1844. (Bayerische Staatsbibliothek)
Die Hoheits-, Gerichts- und Verwaltungsbehörden der Pfalz 1929 (aus: Winkler, Wilhelm: Pfälzischer Geschichtsatlas, Neustadt an der Haardt 1935, Karte 38).

von Hans Fenske

Die linksrheinische Rheinpfalz kam als Bayerischer Rheinkreis (ab 1838 Rheinpfalz) 1816 zum Königreich Bayern. Zwischen 1918 und 1930 war das Gebiet von Frankreich besetzt, die Saarpfalz ging bereits 1918/1920 nach den Bestimmungen des Versailler Vertrags an das Saargebiet. Während des NS-Regimes löste Gauleiter Josef Bürckel (1895-1944) die Pfalz Schritt für Schritt aus der verwaltungsrechtlichen Zugehörigkeit zu Bayern heraus. 1945 wurde das Gebiet Teil der französischen Besatzungszone, deren Militärregierung im August 1946 das Land Rheinland-Pfalz schuf. Ein Volksbegehren über die künftige Zugehörigkeit der Pfalz scheiterte im April 1956, als nur 7,6 % der abgegebenen Stimmen auf Bayern entfielen und 9,7 % auf Baden-Württemberg.

1816: Die Pfalz wird ein Teil Bayerns

Am 1. Mai 1816 ließ König Maximilian I. Joseph (1756-1825, reg. 1799-1825) nach langem Zögern und unter kräftigem Druck Österreichs das Bayern von den Großmächten auf dem Wiener Kongreß zugedachte Territorium links des Rheins in Besitz nehmen. Es hatte vor den Revolutionskriegen nur zum Teil zur Kurpfalz gehört, umfasste gut 5.900 qkm und zählte etwas mehr als 400.000, zu knapp drei Fünfteln evangelische Einwohner. Kreishauptstadt wurde Speyer. Zunächst hieß die Region amtlich Rheinkreis, ab 1. Januar 1838 Pfalz.

Bevölkerungsentwicklung

Bis zum Vorabend des Ersten Weltkrieges stieg die Bevölkerungszahl auf deutlich mehr als das Doppelte an (1910: 937.000), und sie wäre noch höher gewesen, hätte es nicht beträchtliche Abwanderungen gegeben. Von 1816 bis 1909 dürfte die überseeische Migration knapp 160.000 Menschen aus dem Lande geführt haben, und ähnlich viele übersiedelten in deutsche Staaten, während das sonstige Europa anders als im 18. Jahrhundert kaum noch aufgesucht wurde.

Wirtschaftliche Entwicklung

Zunächst war die Pfalz noch ganz agrarisch geprägt. Der Weinbau und die Forstwirtschaft spielten eine wichtige Rolle. Ansätze zur Industrialisierung gab es nur an wenigen Orten, namentlich in St. Ingbert, Eisenberg und Frankenthal.

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts machte die Industrialisierung kräftige Fortschritte. Die Fertigstellung der Ost-West-Bahn Ludwigshafen-Bexbach 1849 hatte daran erheblichen Anteil. Am stärksten war dieser Prozess im Ludwigshafener Raum, dessen Bevölkerung von 1816 bis 1910 von 5.700 auf 105.000 wuchs. Die anfänglich "Rheinschanze" genannte kleine Ansiedlung gegenüber Mannheim führte den Namen Ludwigshafen nach König Ludwig I. (1786-1868, reg. 1825-1848) seit 1843. Hier entstand, v. a. mit der Gründung der Badischen Anilin- und Sodafabrik (BASF) 1865, das bedeutendste Zentrum der deutschen chemischen Industrie. Weitere wichtige Industriestandorte wurden Kaiserslautern, Frankenthal und St. Ingbert.

Die politische Entwicklung bis 1848

Die Bevölkerung nahm 1816 die Angliederung an Bayern zunächst freundlich hin, zumal der neue Landesherr zusicherte, dass in Verfassung und Verwaltung der Pfalz und in ihren Rechtsverhältnissen, die maßgeblich auf Reformen der Napoleonischen Ära beruhten, keine Änderung eintreten sollte. Schon nach einigen Jahren aber kam es aus finanziellen Gründen, namentlich wegen der Behandlung der in der Kriegszeit entstandenen Schuldenlast, und wegen der ungeschickten Zoll- und Forstpolitik der Staatsregierung zu Spannungen.

Sie spitzten sich zu, als die Regierung ab 1830 gegen fortschrittliche Zeitungen und Zeitschriften - Phillip Jakob Siebenpfeiffers (1789-1845) "Westbote", Johann Georg August Wirths (1798-1848) "Deutsche Tribüne" - mit dem Mittel der Zensur einschritt. Der Unmut fand seinen Ausdruck in verschiedenen Protestaktionen, am lebhaftesten im Hambacher Fest am 27. Mai 1832, das republikanisch-demokratischen und unterschwellig revolutionären Geist atmete. In Reaktion darauf wurde für geraume Zeit eine starke Truppenmacht in den Kreis verlegt und die Verwaltung in streng konservativem Geist geführt. Erst 1846 kam es zu einer Liberalisierung.

Die Revolution von 1848/49 in der Pfalz

Die Revolution des Jahres 1848 brachte keine schweren Erschütterungen mit sich. Anfang 1849 wurde die Stimmung unter dem Einfluss des mitgliederstarken Volksvereins jedoch radikaler. Als Bayern im April der von der Deutschen Constituierenden Nationalversammlung erarbeiteten Verfassung die Zustimmung versagte, rief der Volksverein zum Widerstand auf. Es wurde eine Provisorische Regierung gebildet, die Ende Mai sogar die Trennung von Bayern verkündete. Auf Bitten der bayerischen Regierung warfen preußische Truppen den Widerstand nieder; auch diesmal folgten, wie nach dem Hambacher Fest, zahlreiche Strafverfahren.

Politische Entspannung und Wandlung des pfälzischen Liberalismus nach 1850

In den 1850er Jahren war die Pfalz einem straffen konservativen Regiment unterworfen. Ab 1859 wurde der Kurs allmählich liberalisiert. Die Pfalz blieb eine starke Bastion des Liberalismus, aber das innere Klima wandelte sich, da viele Wortführer der Linken 1849 emigriert waren: Der Liberalismus wurde moderater. Mit der Berufung des Ministeriums unter Chlodwig Hohenlohe (1819-1901) Ende 1866 gelangte der Liberalismus in die bayerische Staatsführung. Damit entspannte sich auch das pfälzisch-bayerische Verhältnis. In den folgenden 50 Jahren gab es keine Konflikte und kaum Klagen über Maßnahmen der Regierung oder Beschlüsse des Landtags, auch während des Ersten Weltkriegs nicht, der die Pfalz als Hinterland der Front besonders berührte.

Französische Besatzung 1918-1930

Nach der Niederlage des Deutschen Reiches besetzten französischen Truppen Ende November 1918 die Pfalz. Infolge des Versailler Vertrags wurden Anfang 1920 Stadt und Bezirksamt St. Ingbert sowie Teile der Bezirksämter Homburg und Zweibrücken dem Saargebiet angeschlossen und damit der Treuhandschaft des Völkerbundes unterstellt. Staatsrechtlich blieben diese 424 qkm mit 98.000 Einwohnern ein Teil Bayerns.

Angesichts der Entwicklung in Bayern rechts des Rheins (Regierung Eisner, Räterepublik) gab es unter den Pfälzern Diskussionen über eine neue territoriale Zuordnung. Gedacht wurde an die Wiederherstellung der Kurpfalz oder die Eingliederung in eine Rheinische Republik, aber das griff nicht wirklich tief. Die Bemühungen der Besatzungsmacht, dem linksrheinischen Deutschland und mit ihm der Pfalz eine weitgehend autonome Stellung im Reich zu geben oder es ganz abzutrennen, hatten in der Bevölkerung weder beim so genannten "Haaß-Putsch" in Speyer im Mai/Juni 1919 noch während der von separatistischen Kräften unter Franz Joseph Heinz (1884-1924) am 12. November 1923 in Speyer proklamierten Pfälzischen Republik eine nennenswerte Resonanz. Im Februar 1924 fand das separatistische Unternehmen nach massivem britischen Druck sein Ende. Der Mordanschlag auf Heinz in Speyer am 9. Januar 1924, erdacht im Staatskommissariat für die Pfalz in München, hatte dafür keine Bedeutung.

Politische Entwicklung nach 1918: Niedergang des Liberalismus, Aufstieg der NSDAP

In der politischen Orientierung der Pfälzer vollzog sich in den 1920er Jahren ein bemerkenswerter Wandel. Der Liberalismus, bis etwa 1900 dominant, dann abgeschwächt und bei der Reichstagswahl 1912 von der (gemäßigten) Sozialdemokratie vom ersten Platz verdrängt, verlor nach einem neuen Aufschwung im Anschluss an die Revolution im November 1918 bald an Resonanz und vermochte schließlich eine nur noch ganz geringe Wählerschaft zu mobilisieren.

Während der Weltwirtschaftskrise, die die Pfalz schwer traf, wurde die NSDAP zur stärksten politischen Kraft. Bei der Reichstagswahl am 31. Juli 1932 erhielt sie 43,7 % aller im Regierungsbezirk gültig abgegebenen Stimmen; das war ein Wert deutlich über dem Reichsdurchschnitt von 37,4 %. Zu dieser starken Resonanz trug zweifellos die Stimulierung des Nationalismus während der (am 30. Juni 1930 vorzeitig beendeten) Besatzungszeit bei.

Die Pfalz während des Nationalsozialismus

Unter der nationalsozialistischen Diktatur versuchte Gauleiter Josef Bürckel (1895-1944) zunächst einen eigenständigen Kurs zu steuern. Auch wollte er einen ausgedehnten Territorialkomplex mit starken Selbstverwaltungsrechten schaffen: die Westmark. Ihren Kern sollte die Pfalz bilden. Als die Sonderstellung des Saargebietes im März 1935 endete, wurde Bürckel Chef der saarländischen Verwaltung, und bald wurden die Parteigaue Pfalz und Saar zusammengelegt. Eine Vereinigung der Behörden des Reichskommissars für das Saarland und des pfälzischen Regierungspräsidenten erreichte Bürckel erst im Frühsommer 1940, allerdings unter dem Vorbehalt, dass die staatliche Zugehörigkeit der Pfalz zu Bayern unberührt blieb. Tatsächlich jedoch war die Pfalz aus der bayerischen Verwaltung herausgelöst.

Zweiter Weltkrieg und US-Besatzung 1945

Der Zweite Weltkrieg verlangte der Pfalz, die 1939 etwas mehr als 1 Mio. Einwohner hatte, etwa 60.000 Menschenleben ab. Im Frühjahr 1945 ging der Krieg schnell über das Land hinweg. Besatzungsmacht waren zunächst die USA. Die Amerikaner dachten nicht an die Rückgliederung der Pfalz nach Bayern, sie fügten sie vielmehr in ein Gebilde namens Mittelrhein-Saar ein. Im Juli überließen sie die Region französischer Besetzung.

Entstehung des Landes Rheinland-Pfalz 1946 unter französischer Besatzung

Die neue Besatzungsmacht gab dem Saarland sogleich eine Sonderstellung und bildete am 30. August 1946 das Land Rheinland-Pfalz. Die Pfälzer waren mit dieser Lösung wenig zufrieden, wie die Volksabstimmung über die Landesverfassung im Mai 1947 zeigte.

1956: Das Volksbegehren über eine Neugliederung des Landes scheitert

Die Rückgliederung nach Bayern wünschte aber nur eine Minderheit. Trotz heftigen bayerischen Werbens - Ministerpräsident Wilhelm Hoegner (SPD, 1887-1980) machte Anfang 1956 für den Fall einer Rückkehr gewichtige Zusagen - trugen sich beim Volksbegehren über eine Neugliederung nach Art. 29 II des Grundgesetzes nur 7,6 % der Wahlberechtigten für einen Volksentscheid über den Anschluss an Bayern ein, während 9,3 % eine Abstimmung über die Vereinigung mit Baden-Württemberg wünschten. Damit war die Bundesregierung zum Handeln hinsichtlich der Pfalz nicht verpflichtet, aber sie war grundsätzlich nicht willens, den in den nordöstlichen Regierungsbezirken erfolgreichen Volksbegehren stattzugeben, denn das hätte die Auflösung von Rheinland-Pfalz bedeutet.

Politische und wirtschaftliche Entwicklung der Pfalz nach 1956

Nach den politischen Präferenzen der Pfälzer waren die beiden großen Volksparteien etwa gleich stark. Bei den Bundestagswahlen von 1949 bis 1965 hatte freilich stets die CDU eine etwas größere Resonanz. Die FDP kam immer auf über 10 %.

In wirtschaftlicher Hinsicht erfuhr die Pfalz nach einer Schwächephase in den ersten Nachkriegsjahren einen starken Aufschwung. Damit war eine lebhafte Zuwanderung verbunden: 1970 hatte sie 1,3 Mio. Einwohner; das war ein gutes Drittel mehr als 1945.

Als eigenständige adminstrative Größe existierte sie zu diesem Zeitpunkt nicht mehr: Am 1. Oktober 1968 wurde sie mit Rheinhessen zum Regierungsbezirk Rheinhessen-Pfalz zusammengefügt, und 1999 beseitigte der Landtag die Gliederung des Landes in Regierungsbezirke mit Wirkung vom 1. Januar 2000. Das pfälzische Identitätsbewusstsein blieb von diesen Maßnahmen allerdings unberührt.

Literatur

  • Hans Fenske (Hg.), Die Pfalz und Bayern 1816-1956, Speyer 1998.
  • Ellen Latzin, Bayern und die Pfalz - eine historische Beziehung voller Höhen und Tiefen, in: Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte, hg. v. der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, Themenheft 2/2006, 3-63.
  • Lenelotte Möller/Walter Rummel/Armin Schlechter (Hg.), "auf ewige Zeiten zugehören". Die Entstehung der bayerischen Pfalz 1816, Ubstadt-Weiher/Heidelberg/Neustadt a.d.W./Basel 2016.
  • Gerhard Nestler/Stefan Schaupp/Hannes Ziegler (Hg.), Vom Scheitern der Demokratie. Die Pfalz am Ende der Weimarer Republik, Karlsruhe 2010.
  • Karl-Heinz Rothenberger/Karl Scherer/Franz Staab/Jürgen Keddigkeit (Hg.), Pfälzische Geschichte. 2. Band, Kaiserslautern 2001.

Weiterführende Recherche

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Rheinpfalz, Kurpfalz, Rheinkreis

Empfohlene Zitierweise

Hans Fenske, Pfalz (19./20. Jahrhundert), publiziert am 12.06.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Pfalz_(19./20._Jahrhundert)> (19.10.2017)