Hinweis: Durch die Nutzung dieser Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.
 Mehr erfahren

Deutscher Tag, Hof, 15./16. September 1923

von Alex Burkhardt

Völkisch-nationalistische Veranstaltung mit rund 15.000 Teilnehmern am 15./16. September 1923 in Hof an der Saale. Unter den Rednern befand sich auch  Adolf Hitler (NSDAP, 1889-1945). Der Höhepunkt des Deutschen Tages bildete ein Marsch durch die Stadt. Am Rande der Veranstaltung kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen.

Kontext: Die Radikalisierung des Hofer Bürgertums (1918-1922)

Landtagswahl- und Reichstagswahl-Ergebnisse in Hof, 1919-1924. Die Bayerische Mittelpartei (BMP) trat bei Landtagswahlen mit der Deutschen Volkspartei (DVP) mit einer gemeinsamen Liste an. (Grafik: Sonja Schweiger; Zahlen aus: Zeitschrift des Bayerischen Statistischen Landesamts)

In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg durchlief die Bevölkerung von Hof - insbesondere das protestantische Bürgertum - einen tiefgreifenden politischen Radikalisierungsprozess. Bei den Landtagswahlen im Januar 1919 hatte das Hofer Bürgertum vor allem die liberale Deutsche Demokratische Partei (DDP) unterstützt. Stärkste politische Kraft waren jedoch die Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD), die die Textilstadt Hof zu einer ihrer wenigen Wahlhochburgen in Bayern machten und großen Rückhalt in der hiesigen Arbeiterschaft genossen. Diese linke Dominanz war für die politische Haltung des Hofer Bürgertums, die stark durch die Ausrufung der Räterepublik im Frühling 1919 und den Folgen des Kapp-Lüttwitz-Putsches 1920 beeinflusst wurde, von großer Bedeutung. Die entschiedene Ablehnung des Versailler Vertrags 1919 beförderte auch in Hof die Radikalisierung des Bürgertums, das sich von der DDP abwandte. Von diesem Stimmungswandel profitierte die nationalkonservative Bayerische Mittelpartei (BMP). In den Jahren 1921 und 1922 wurde Hofs bürgerliches Milieu somit zu einer Bastion des anti-republikanischen, konservativen Nationalismus.

Zunehmende völkische Aktivitäten im Frühling und Sommer 1923

Die Folgen der französischen Besetzung des Ruhrgebiets im Januar 1923 lösten eine dramatische Hyperinflation der deutschen Währung aus. Für das deutsche – und das Hofer – Bürgertum wie auch für die oberfränkische Wirtschaft war dies verheerend. Die politische Lage radikalisierte sich infolge dessen weiter. Vor allem in Bayern geschah dies in Form einer "Vaterländischen Bewegung" nationalistischer Vereinigungen. In ganz Oberfranken fanden große vaterländische und politische Versammlungen, Märsche, Fahnen- und Gedenkweihen statt, besonders viele in der Gegend um Hof. Die Redner bei diesen Zusammenkünften verurteilten Frankreich, aber vor allem die Weimarer Republik und ihre Vertreter. Derartige Veranstaltungen wurden hauptsächlich von paramilitärischen, antirepublikanischen Wehrverbänden organisiert, die seit der Wahl Gustav von Kahrs (BVP, 1862-1934) zum bayerischen Ministerpräsidenten 1920 im Land äußerst aktiv waren. Zu ihnen gehörten der Blücherbund, der Bund Oberland, der Bund Bayern und Reich, die Reichsflagge oder der Jungdeutsche Orden in Franken. Auch die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) und die BMP entfalteten eine rege Aktivität in Oberfranken. Sommer und Herbst des Jahres 1923 sollten schließlich in einer Reihe von sog. Deutschen Tagen gipfeln, die neben Nürnberg (1./2. September), Bayreuth (30. September), Coburg (14./15. Oktober) und Bamberg (20. Oktober) auch in Hof abgehalten wurden.

Artikel zum Deutschen Tag in Hof von Eduard Herold im "Hofer Anzeiger" vom 15. September 1923. (Frankenpost Verlag)

Der Deutsche Tag

Der Deutsche Tag in und um Hof fand am Wochenende des 15. und 16. Septembers 1923 statt. Schätzungen zufolge nahmen 15.000 bis 20.000 Menschen teil (Rabenstein, Hof 1918-1924, 120-125). Hauptorganisatoren waren Wehrverbände und die BMP. Eine Reihe prominenter Redner mit nationalen und regionalen Profilen erschien. Darunter befanden sich Admiral a.D. Reinhard Scheer (1863-1928, Anführer der kaiserlichen Marine während der sog. "Skagerrakschlacht" 1916), Hauptmann Adolf Heiß (1882-1945, Gründer der paramilitärischen Organisation "Reichsflagge"), der gebürtige Hofer Generalmajor Otto von Lossow (1868-1938, Landeskommandant der Reichswehr in Bayern). Ebenfalls sprach am zweiten Tag der Veranstaltung Adolf Hitler (NSDAP, 1889-1945), aufsteigender Stern der völkischen Bewegung in Bayern. Zu ihnen gesellten sich auch andere nationalistische Redner aus der Region, etwa der Dichter und Schriftsteller Dr. Eduard Herold (1885-1955) sowie Führungskräfte der BMP wie Dr. Hermann Strathmann (1882-1966, Abgeordneter des Deutschen Reichstages) und Dr. Heinrich Höhna (1888–1944, Lehrer in Hof).

Festzug beim Deutschen Tag in Hof 1923. (Gestaltung nach Rabenstein, Strömungen, 124: Sonja Schweiger)

Der Verlauf des Deutschen Tages in Hof ähnelte stark anderen nationalistischen Festveranstaltungen. Er begann am Freitag mit einem Begrüßungsabend in der Hofer Vereinshalle, an dem Höhna und Heiß sprachen. Am folgenden Tag ging es mit einem evangelischen Feldgottesdienst am Ufer der Saale weiter, bei dem auch Hitler anwesend war. Der Gottesdienst endete mit einer Fahnenweihe der verschiedenen Verbände, die dann in die Innenstadt zurückkehrten. Um 15 Uhr stellten sich die Teilnehmer des Deutschen Tages zu einem Marsch durch Hof, der den Höhepunkt des gesamten Wochenendes bildete. Einige Straßenzüge, durch die die Verbände marschierten, waren mit bayerischen und den Flaggen des alten Kaiserreichs (schwarz-weiß-rot) geschmückt. Die republikanische Reichsflagge (schwarz-rot-gold) fehlte. Anschließend versammelten sie sich um 20.00 Uhr in den Gasthäusern und Bierhallen der Stadt, um die Reden ihrer Führer zu hören. Gleichzeitig kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen und zu regelrechten Straßenkämpfen zwischen Besuchern des Deutschen Tags und "marxistischen" Aktivisten. Diese nahmen ein Ausmaß an, das sich sogar über die sächsische Grenze hinweg erstreckte, indem sich in Plauen Angehörige der KPD nahen Proletarischen Hundertschaften am Bahnhof versammelten, um den Rückkehrern aus Hof entgegenzutreten.

Bedeutung

Die dauerhafte Bedeutung des Deutschen Tages in Hof für die Kommunal- und Regionalpolitik beruht auf drei Schlüsselfaktoren:

  1. Die Reichweite des anti-republikanischen Nationalismus in Stadt und Region wurde erweitert und gefestigt. Die Freiluftfesten ähnelnden Veranstaltungen konnten Tausende von Teilnehmern anziehen. Es wurde ein Klima allgegenwärtiger und kontinuierlicher politischer Mobilisierung geschaffen, in dem sich neue Anhänger für die nationalistische Sache interessierten.
  2. Darüber hinaus bildete der Deutsche Tag eine neue Ebene der nationalistischen Selbstdarstellung. Die Führer der BMP hatten von einer militärischen Wiederbelebung, einer klassenlosen Volksgemeinschaft und von einer Offensive gegen den "Marxismus" gesprochen. Während ihre Anführer in der Regel biedere Honoratioren waren, kleideten sich die Wehrverbände hingegen wie Soldaten, marschierten durch Städte und bekämpften "die Linken". Auf diese Weise erweckten sie die nationalistische Ideologie zum Leben.
  3. Dies weist auf den dritten Schlüsseleffekt des Deutschen Tages hin: Zum ersten Mal standen die Nationalsozialisten in Hof im Mittelpunkt. Sie spielten eine entscheidende Rolle bei der Organisation und stellten mit Hitler den charismatischsten Redner des Deutschen Tages. Darüber hinaus machten die Nationalsozialisten ihre vermeintliche "Klassenlosigkeit" und ihre Bereitschaft, sich mit "Marxisten" auf Gewalt einzulassen, zu den radikalsten und glaubwürdigsten Trägern der völkischen Idee.

Nachwirkungen und Fazit

Innerhalb der verschiedenen völkischen Gruppen in Hof, die am Deutschen Tag teilgenommen hatten, sollte sich die NSDAP als die stärkste politische Kraft durchsetzen können. Dies wurde im Herbst und Winter 1923/24 deutlich.

Im November 1923 inszenierte Hitler seinen Putsch in München. Anstatt ihn und die NS-Bewegung zu diskreditieren, löste der Putsch jedoch eine Spaltung der Hofer Rechten aus. Konservative Nationalisten rund um die BMP verurteilten Hitlers Umsturzversuch. Das radikale völkische Lager in Hof veranstaltete hingegen eine Reihe gut besuchter Gedenkveranstaltungen für die "Märtyrer" des Putsches. Es wurde bald klar, dass eine Mehrheit der lokalen Nationalisten Hitler tatsächlich unterstützte. Nicht-nationalsozialistische Wehrverbände mussten größere Verluste ihrer Mitglieder hinnehmen. Zum Zeitpunkt der Reichstags- und Landtagswahlen im Frühjahr 1924 stand die BMP im Wettbewerb mit dem Völkischen Block, der Ersatzliste der mittlerweile verbotenen NSDAP. Er konnte mit 39,9 bzw. 44,6 % der Stimmen einen gewaltigen Wahlsieg in Hof erringen. Sowohl die Stimmen aus bürgerlichen Stadtteilen wie auch aus den Arbeitervierteln sicherten diesen Erfolg.

Der anfängliche Linksliberalismus der Revolutionszeit machte dem anti-republikanischen Nationalismus der BMP Platz. Die zentrale Bedeutung des Deutschen Tages 1923 besteht darin, dass er einerseits eine weitere Rechtsverlagerung innerhalb des bürgerlichen Milieus in Hof signalisierte und andererseits eine Ausweitung der völkischen Politik auf gesellschaftliche Gruppen bedeutete, die sich bisher als relativ unempfänglich gegen ihre Anziehungskraft erwiesen hatten. Freilich war bei den nachfolgenden Wahlen die Unterstützung der Bevölkerung für die revolutionäre Rechte nie so überwältigend wie im Frühjahr 1924. Aber anders als in anderen Gebieten Deutschlands blieben die Nationalsozialisten während der sog. Goldenen Jahre der Weimarer Republik eine bedeutende Kraft in Hof. Selbst bei den Reichstagswahlen 1928, als die NSDAP reichsweit nur 2,6 % der nationalen Stimmen erhielt, gewann sie fast ein Viertel aller abgegebenen Stimmen in Hof. Der Deutsche Tag war damit der Startpunkt für eine herausragende Bedeutung der Nationalsozialisten in der Hofer Politik.

Literatur

  • Alex Burkhardt, Democrats into Nazis. Middle Class Radicalisation in a Single German Town, 1918-1924, Newcastle-upon-Tyne 2019.
  • Christoph Rabenstein, Politische und publizistische Strömungen in einer Stadt Oberfrankens. Hof 1918 - 1924. Ein Beitrag zur politischen Willensbildung in der Frühphase der Weimarer Republik, Bayreuth 1986.

Quellen

  • Hofer Anzeiger
  • Oberfränkische Volkszeitung

Verwandte Artikel

Hier alternative Titel für die Suchfunktion eintragen!

Empfohlene Zitierweise

Alex Burkhardt, Deutscher Tag, Hof, 15./16. September 1923, publiziert am 24.02.2020; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Deutscher_Tag,_Hof,_15./16._September_1923> (14.08.2020)






Haben Sie Anmerkungen zu diesem Artikel? Schreiben Sie an die Redaktion

© Historisches Lexikon Bayerns 2005 - 2020. Die Rechte an den Texten und Bildern dieses digitalen Angebots liegen, soweit nicht anders angegeben, bei der Bayerischen Staatsbibliothek. Die Rechte an den anderweitig gekennzeichneten Texten und Bildern liegen bei den genannten Institutionen oder Personen. Weitere Informationen, u. a. zur Zitierweise, Weiterverlinkung oder Verwendung von Inhalten finden Sie unter www.historisches-lexikon-bayerns.de.