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Deutscher Tag, Coburg, 14./15. Oktober 1922

Deutscher Tag 14./15. Oktober 1922, Gruppenbild mit Fahnen, darauf enthalten sind Adolf Hitler, Ulrich Graf, Julius Schreck, Christian Weber, Wilhelm Brückner. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Franz Schwede, 1943. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)
Programm des Deutschen Tages. (Bayerische Staatsbibliothek, Fotoarchiv Hoffmann)

von Joachim Albrecht

Großveranstaltung des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes am Wochenende des 14./15. Oktober 1922 in Coburg. Erstmals war die NSDAP zu dieser Großkundgebung der vaterländischen Verbände in Nordbayern eingeladen worden. Hitlers Auftritt zusammen mit rund 650 SA-Mitgliedern führte zu gewalttägigen Auseinandersetzungen mit Gegendemonstranten und gab der Veranstaltung, die sich ansonsten ganz in den Bahnen eines traditionellen Honoratiorentreffens bewegt hätte, ein völlig anderes Gesicht. Hitler konnte sich hier erstmals als "Befreier" einer Stadt vom "roten Terror" feiern lassen.

Der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund als Veranstalter

Bereits vor 1922 hatte der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund zwei sog. Deutsche Tage, also in feierlicher Form gestaltete Zusammenkünfte von Anhängern des Bundes, in Weimar (1920) und Detmold (1921) veranstaltet. Der Bund war eine 1919 gegründete, aus dem Alldeutschen Verband hervorgegangene, rechtsvölkische Organisation, die den Kampf gegen die Weimarer Republik vor allem von der Basis des Antisemitismus aus betrieb. Die Weimarer Republik war für die Anhänger des Bundes das Produkt einer jüdischen Weltverschwörung. Als der Bund jedoch im Zusammenhang mit dem Attentat auf Reichsaußenminister Walther Rathenau (1867-1922) am 24. Juni 1922 von fast allen deutschen Ländern mit Ausnahme Bayerns verboten wurde, wollten die Verantwortlichen des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes hinter dieser Maßnahme das Wirken des Judentums erkennen. Um auch weiterhin demonstrativ Flagge zu zeigen, sollte nun ein dritter Deutscher Tag stattfinden.

Bayern, wo sich der Bund noch relativ frei bewegen konnte, war als Austragungsort prädestiniert. Coburg wiederum war eine der bayerischen Hochburgen des Bundes. Mit dem Lehrer Hans Dietrich (1898-1945), der seit 1922 Gauleiter des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes in Nordbayern war, besaß der Bund hier ein zu Taten drängendes Führungsmitglied. Dietrich sorgte für die Vergabe des Deutschen Tages nach Coburg und begann, Einladungen an alle völkischen Verbände Deutschlands und im deutschsprachigen Mitteleuropa zu verschicken, so u. a. auch an die Münchner Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP).

Ausweitung des Aktionsradius' der NSDAP

Adolf Hitlers 1919 gegründete NSDAP war bis dahin noch kaum über München und sein unmittelbares Umland hinausgekommen. Der Deutsche Tag in Coburg stellte eine erste Möglichkeit dar, ihren Aktionsradius nach Nordbayern auszuweiten. War im Einladungsschreiben von "einigen Herren" als Begleitung die Rede, so dachte Adolf Hitler (1889-1945) keinesfalls, sich an diese Vorgabe halten zu müssen. Die NSDAP-Führung fragte bei Dietrich an, ob ihnen auf die Teilnahmegebühr Rabatt gewährt werden würde, wenn sie mit 600 Mann in einem Sonderzug anreisen würden. Dietrich sagte dem auch zu, unter der Voraussetzung, dass Hitler persönlich nach Coburg komme. Die Leitung des Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes machte Dietrich deswegen später Vorwürfe, weil sie ahnte, dass der Deutsche Tag aufgrund der massiven Präsenz der Münchner Nationalsozialisten von diesen dominiert werden würde. Dietrich hoffte jedoch, die Teilnahme Hitlers und der SA würden den Charakter des Treffens als Versammlung völkischer Honoratioren abschwächen und stattdessen das aktionistische Element stärker hervorheben.

Die zwei Seiten des Deutschen Tages

Auf der einen Seite war der Deutsche Tag eine harmlose Veranstaltung, bei der völkische Referenten ihren allerhöchstens verbalen Radikalismus zum Besten geben konnten: Ein Münchner Rechtsanwalt hielt einen Vortrag über "Neue Arbeitsmethoden in der völkischen Bewegung", ein Arbeitskreis beschäftigte sich mit der Lage der Deutschvölkischen. Mysterien- und Hans-Sachs-Spiele bildeten einen kulturellen Rahmen.

Auf der anderen Seite glitt die Veranstaltung aber durch die Teilnahme der Nationalsozialisten zu einer physischen Auseinandersetzung mit den Anhängern der Linksparteien ab, die bisher die Straßen der Stadt dominiert hatten (vgl. Coburger Blutsonnabend). Hitlers aus etwa 650 Männern bestehende SA trat militärisch gedrillt und gewaltbereit gegen jeden auf, der sich ihr in den Weg stellte. Straßenkämpfe, Prügeleien und nächtliche Rollkommandos, die Gegner der Nationalsozialisten festnahmen, prägten Coburg an diesem Wochenende. Am Samstagabend sprach Hitler vor etwa 2.500 bis 3.000 Personen im Hofbrauhaus, der zentralen Versammlungsstätte des Deutschen Tages. Am Sonntag setzte er sich gar über das Programm der Veranstaltung hinweg und organisierte einen eigenen Zug zur Veste oberhalb der Stadt, der eine Stunde vor dem offiziellen Zug losging. Etwa 2.000 Anhänger begleiteten ihn dabei. Nachdem am Abend die Abschlussveranstaltung stattgefunden hatte, zogen Hitler und seine Anhänger gegen 22 Uhr zum Bahnhof und traten die Rückreise an.

Auswirkungen

Aus den Erfahrungen des Deutschen Tages zog Hitler eine wichtige Lehre: Gewalt als Mittel politischer Auseinandersetzungen wurde für ihn zur Regel. Die SA sollte nicht mehr eine "lebensunwichtige Wehrbewegung" sein, sondern eine "lebendige Kampforganisation für die Errichtung eines neuen deutschen Staates" – so resümierte Hitler den Deutschen Tag in "Mein Kampf" (2. Band, S. 618).

In Preußen hingegen verbot das dortige Innenministerium die NSDAP u. a. aufgrund der Coburger Ereignisse. Dabei stützte sich die Behörde auf den Bericht eines unbekannten Augenzeugen, der die Gewaltbereitschaft und das paramilitärische Auftreten der Nationalsozialisten als primäre Ursache der Gewaltausbrüche bezeichnete.

Die bayerischen Behörden – Innenministerium, Polizeidirektion in München und auch der bayerische Ministerpräsident Eugen von Knilling (1865-1927) – zweifelten jedoch die Zuverlässigkeit des Berichts an und betonten vehement ihre Version der Ereignisse, in der sie den Coburger Linksparteien die Verantwortung für die Ausschreitungen zuzuschieben und die NSDAP vom Gewaltvorwurf freizusprechen versuchten. Bei einer Aussprache über den Deutschen Tag im Bayerischen Landtag äußerte Ende November 1922 Innenminister Franz Schweyer (1868-1935) durchaus Verständnis für die Nationalsozialisten, die sich nur gegen Provokationen der Linksparteien zur Wehr setzen würden.

In Coburg selbst hatte der Deutsche Tag die Gründung einer Ortsgruppe der NSDAP zur Folge, die ab Mitte der 1920er Jahre unter ihrem Vorsitzenden Franz Schwede (1888-1960) zur allein dominierenden rechtsvölkischen Kraft und im Juni 1929 zur stärksten Rathausfraktion werden sollte. Schwede, in dessen politischer Biographie der Deutsche Tag eine Art Erweckungserlebnis für den Nationalsozialismus darstellte, wurde am 16. Oktober 1931 zum ersten NSDAP-Bürgermeister einer deutschen Stadt gewählt.

Der Deutsche Tag wird zum Parteimythos

Seit 1932 feierte die NSDAP den Deutschen Tag systematisch. Anlässlich des zehnjähriges Jubiläum signalisierte Hitler im Wahlkampf des Jahres 1932, wie er 1922 Coburg aus der Herrschaft der "Roten" befreit habe, werde ihm dies nun auch mit Deutschland gelingen. Im gleichen Jahr wurde der Deutsche Tag mit einem eigenen Parteiabzeichen, dem "Koburger Ehrenzeichen", gewürdigt. Die Partei schuf sich damit ihre eigene Erfolgsgeschichte, in der Coburg zum mythenhaften Ort der frühen "Kampfzeit" verklärt wurde.

Literatur

  • Joachim Albrecht, Die Avantgarde des "Dritten Reiches". Die Coburger NSDAP während der Weimarer Republik 1922-1933, Frankfurt am Main 2005.
  • Jürgen Erdmann, Coburg, Bayern und das Reich 1918-1923 (Coburger Heimatkunde und Landesgeschichte 22), Coburg 1969, 92-122.

Weiterführende Recherche

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Empfohlene Zitierweise

Joachim Albrecht, Deutscher Tag, Coburg, 14./15. Oktober 1922, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Deutscher_Tag,_Coburg, 14./15._Oktober_1922> (14.11.2018)