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Ruhrbesetzung, 1923

Übersichtskarte zu den besetzten Gebieten (aus: Die Verträge über Besetzung und Räumung des Rheinlandes und die Ordonnanzen der interalliierten Rheinlandoberkommission in Coblenz, Berlin 1925, S. 4)
Deutsches Flugblatt, das die Eisenbahner der Pfalz 1923 zum passiven Widerstand aufruft. (aus: Niemals! - Dokumente aus dem Befreiungskampf der Pfalz, Ludwigshafen 1930, 40)
Sabotageanschlag auf den Schnellzug Straßburg-Mainz in der Nähe von Insheim in der Pfalz am 29. Mai 1923. (Archiv und Museum der Stadt Landau in der Pfalz)

von Helmut Gembries

Am 11. Januar 1923 besetzten fünf französische und eine belgische Division das Ruhrgebiet mit der Begründung, die Lieferung ausstehender und zukünftiger Reparationen sichern zu wollen. Die französische Sanktionspolitik und die Gegenwehr der Deutschen im "passiven Widerstand" betrafen das gesamte besetzte Gebiet links des Rheins, also auch die Pfalz. Die vom Rest des Reichs abgeschnittene Pfälzer Wirtschaft brach rasch zusammen, Arbeitslosigkeit und Inflation stiegen rapide an. Auch der aktive, gewaltsame Widerstand nahm kontinuierlich zu, in der Pfalz gab es im Mai/Juni 1923 eine Reihe von Anschlägen auf Bahnlinien. Das Reich gab den passiven Widerstand am 26. September 1923 auf.

Sanktionsmaßnahmen

Zur Durchsetzung der Reparationsforderungen erließ die Internationale Rheinlandkommission mit den Stimmen ihres Präsidenten Paul Tirard (1879-1945) und des belgischen Vertreters so genannte Sanktionsordonnanzen. Die Weisungen dazu ergingen aus Paris. Der Vertreter Großbritanniens enthielt sich der Stimme. Die USA nahmen an der Rheinlandkommission nicht mehr teil. Aus Protest gegen die französische Politik räumten sie ihre Besatzungszone. Sie blieb damit Frankreich überlassen.

Die Maßnahmen der Rheinlandkommission richteten sich gegen das gesamte französisch und belgisch besetzte Gebiet. Am 18. Januar 1923 verfügte sie zunächst die Beschlagnahme der Einnahmen aus der Kohlensteuer, der Ein- und Ausfuhrzölle und der Einnahmen aus den Staats- und Gemeindeforsten. Beamte, Angestellte und Arbeiter der deutschen Behörden und Dienststellen wurden der Befehlsgewalt der Rheinlandkommission unterstellt. Verstöße gegen ihre Anordnungen wurden mit Gefängnis bis zu fünf Jahren und Geldstrafe bis zu 20.000 Goldmark bedroht. Noch am selben Tag verkündeten die Reichsregierung und die betroffenen Länderregierungen den passiven Widerstand.

Der passive Widerstand in der Pfalz

Die Bedrohung der Forsteinnahmen als bevorzugtes Objekt der Pfänderpolitik ließ die Pfalz mit ihrem Waldreichtum zu einem der Zentren des "Ruhrkampfs" werden. Als Regierungspräsident Friedrich von Chlingensperg (1860-1944) dem Kreisdelegierten der Rheinlandkommission General Adalbert Francois Alexandre de Metz (1867-1946) am 20. Januar 1923 auf Weisung aus München die Abführung der Forsteinnahmen verweigerte, verfügte die Rheinlandkommission umgehend seine Ausweisung aus der Pfalz. Nach dem Ausweisungsbefehl vom 22. Januar 1923 musste er die Pfalz spätestens am nächsten Tag um 17 Uhr verlassen haben. Nur 30 Minuten nach Ablauf dieser Frist von de Metz vorgeladen, verweigerte auch der Stellvertreter von Chlingenspergs Regierungsdirektor Jakob Mathéus (1862-1946) die Abgabe der Forsteinnahmen mit der Folge, dass er die Pfalz am 24. Januar 1923 verlassen musste. Am 25. Januar 1923 folgten ihm gleich vier leitende Beamte der Forstkammer der pfälzischen Kreisregierung.

Außer bayerischen Beamten traf die Ausweisung vor allem Beamte und Arbeiter der Reichsbahn. Sie waren verpflichtet, der französisch-belgischen Regieverwaltung der Bahn den Dienst zu verweigern. Wie die leitenden Beamten der Kreisregierung mussten auch die anderen Ausgewiesenen die Pfalz in der Regel innerhalb von 24 Stunden verlassen. Ihre Familienangehörigen mussten ihnen binnen vier weiterer Tage gefolgt sein. Bis zum Abbruch des passiven Widerstands stieg die Zahl der ausgewiesenen Personen auf etwa 21.000. Dies waren 2,5 % der pfälzischen Bevölkerung. Ihre Aufnahme und Betreuung im rechtsrheinischen Deutschland und ihre Vermittlung auf neue Arbeitsplätze und in neue Wohnungen stellte Bayern und das Reich vor erhebliche administrative und finanzielle Probleme, die sich unter dem Einfluss der Inflation der Mark zusätzlich verschärften.

Neben den Ausweisungen kam es zu zahlreichen Verurteilungen durch französische Militärgerichte. Eine geordnete Verwaltung der Pfalz war unter diesen Umständen nicht mehr möglich. Unter der Leitung von Mathéus wurde deshalb in Heidelberg eine Geschäftsstelle der Kreisregierung eingerichtet. Sie war im selben Haus untergebracht wie die Haupthilfsstelle für die Pfalz (Pfalzzentrale) und bediente sich mit deren Hilfe konspirativer Mittel (Bespitzelung, Flugblätter, Propagandamaßnahmen u. ä.), um in die Pfalz hineinzuwirken.

Wirtschaftliche Folgen

Zu den Maßnahmen des passiven Widerstands zählte auch das Verbot des Reichs, die Regiebahn zu benutzen. Im Gegenzug unterband die Besatzungsmacht den als Ersatz gedachten Kraftfahrzeugverkehr. Beides beschleunigte den Verfall der Wirtschaft. Am 1. Juni 1923 wurde der Franc gesetzliches Zahlungsmittel im Saargebiet. Auf Waren aus dem unbesetzten Deutschland erhob die Besatzungsmacht bald darauf Zölle in hochwertigen Devisen. Die Folge war ein verstärkter Abfluss von Waren in das Saargebiet bei gleichzeitig geringerer Warenzufuhr. Der inflationäre Preisanstieg beschleunigte sich. Der Brotpreis stieg im Mai binnen drei Wochen von 660 Mark auf 1.950 Mark. Die Mark verlor in der Pfalz noch schneller an Wert als rechts des Rheins. Im August 1923 betrug der Wert einer Goldmark in Berlin 752.000 Papiermark, in Ludwigshafen 1,17 Mio. Papiermark.

Eisenbahnanschläge

Angesichts der vielfältigen Belastungen begann der passive Widerstand zu erlahmen. Gleichzeitig formierten sich separatistische Gruppierungen und Parteien neu. Damit sahen sich gewaltbereite nationalistische Kräfte auf den Plan gerufen. Nachdem die Bevölkerung seit dem Frühjahr 1923 die Regiebahn stärker frequentierte, kam es Ende Mai und Anfang Juni gegen die ausdrückliche Warnung der Kreisregierung zu mehreren Anschlägen auf die Bahnlinien bei Rheingönheim, Weidenthal und Insheim. Die Sprengung der Gleise mit dynamitgefüllten Bleirohren brachte einen Personenzug und eine Lokomotive zum Entgleisen. Personen kamen aber nicht zu Schaden.

Als Urheber der Attentate galt die nach Heidelberg verlegte ehemalige "Zentralstelle für pfälzische Angelegenheiten" (Pfalzzentrale). Die Anschläge konnten aber nicht verhindern, dass der passive Widerstand angesichts der Erschöpfung der Bevölkerung und des bevorstehenden Winters eingestellt wurde. Am 26. September 1923 verkündete die Reichsregierung unter Gustav Stresemann (1878-1929) den Abbruch des passiven Widerstands und damit das Ende des "Ruhrkampfs". Das hatte auch für die angespannte Lage in Bayern konkrete Folgen: Noch am selben Tag wurde Gustav von Kahr (1862-1934) zum Generalstaatskommissar ernannt.

Literatur

  • Helmut Gembries, Verwaltung und Politik in der besetzten Pfalz zur Zeit der Weimarer Republik (Beiträge zur pfälzischen Geschichte 4), Kaiserslautern 1992.
  • Ludwig Zimmermann, Frankreichs Ruhrpolitik von Versailles bis zum Dawesplan, hg. von Walther Peter Fuchs, Göttingen/Zürich/Frankfurt am Main 1971.

Quellen

  • Werner Vogels (Bearb.), Die Verträge über Besetzung und Räumung des Rheinlandes und die Ordonnanzen der Interalliierten Rheinlandoberkommission in Coblenz. Textausgabe der Verträge und der Ordonnanzen 1 bis 302 und der Anweisungen 1 bis 26 in Französisch und Deutsch nebst einer Karte des besetzten Gebiets, Berlin 1925.
  • Jakob Mathéus, Auf Wache in Heidelberg, in: Niemals! - Dokumente aus dem Befreiungskampf der Pfalz, hg. von Verlag und Redaktion der "Pfälzischen Rundschau", Ludwigshafen 1930.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Helmut Gembries, Ruhrbesetzung, 1923, publiziert am 04.06.2007; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Ruhrbesetzung,_1923> (19.10.2019)




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