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Reichsflagge, 1919-1927

Der Reichswehrhauptmann Adolph Heiß (1882-1945) war der Gründer des Wehrverbandes Reichsflagge. (Bayerisches Hauptstaatsarchiv, PS III 105 51)
Titelseite der ersten Ausgabe der Verbandszeitschrift "Reichsflagge". Diese erschien am 1. März 1924 in Nürnberg. (Bayerische Staatsbibliothek, 2 Eph. pol. 70 i-1/4)

von Christoph Hübner

Der militärische Wehrverband entstand im Frühsommer 1919 in Nürnberg. Er hatte seinen Schwerpunkt in Franken und organisierte in Spitzenzeiten 20.000 Mitglieder. Die Führung unterlag Hauptmann Adolf Heiß (1882-1945), das Programm war antirepublikanisch und monarchistisch. Erkennungszeichen war eine gepanzerte Faust, die nach der kaiserlichen Reichsflagge greift. 1927 trat der Verband geschlossen dem "Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten" bei.

Gründung und regionaler Schwerpunkt in Franken

Der Bund Reichsflagge nahm unter den bayerischen Wehrverbänden der Weimarer Zeit insofern eine Sonderstellung ein, als er der einzige Verband war, der seinen regionalen Schwerpunkt in Franken hatte. Gründer des Bundes war der aktive Reichswehrhauptmann Adolf Heiß (1882-1945). Er hatte bereits im Frühsommer 1919 ein "Heimatschutzbataillon Heiß" an seinem Garnisonsort Nürnberg aufgestellt. Nach dessen Einsatz am 17. März 1920 gegen demonstrierende Arbeiter in Nürnberg (im Umfeld des Kapp-Putsches) begann er, eine breitere, vereinsmäßige Basis aufzubauen - auch um Auflösungsbefehlen gegen das Bataillon zuvorzukommen. Am 11. Oktober 1920 ließ Heiß den Bund Reichsflagge in Nürnberg in das Vereinsregister eintragen und baute ihn in der Folgezeit mit Hilfe des Nürnberger Polizeidirektors Heinrich Gareis (1878-1951) zu einer besonders straff organisierten Truppe aus.

Von Nürnberg aus erfolgte dann die Gründung zahlreicher Ortsgruppen vor allem im protestantischen Mittel- und Oberfranken, wo der Bund bald mit insgesamt ca. 4.000 Mitgliedern zur stärksten Wehrorganisation wurde. Dabei erfreute er sich der besonderen Unterstützung der Industriellen und Gewerbetreibenden der Region. Diesem Umfeld des national-protestantischen Bürgertums der fränkischen Städte entsprach auch die preußenfreundliche Einstellung Heiß', dessen völkischer Monarchismus mehr auf eine Restauration des Hohenzollerschen Kaisertums denn des Wittelsbachischen Königtums zielte.

Die Entwicklung des Bundes bis zum Herbst 1923

1920/21 war die - prinzipiell reichsweit aktive - Reichsflagge in den Landesverband der Einwohnerwehren Bayerns eingegliedert. Nach dessen Auflösung im Frühsommer 1921 wollte sich Heiß jedoch nicht der Nachfolgeorganisation des Zivilisten Otto Pittinger (1878-1926) unterstellen (Organisation Pittinger, später Bund Bayern und Reich), gegen den er wie viele Offiziere eine tiefe Abneigung hegte. Stattdessen blieb er selbständig und weitete die Organisation seines Bundes nach Süden aus. Die Leitung der Ende 1921 gegründeten Münchner Ortsgruppe übertrug er seinem Offizierskollegen und Freund Ernst Röhm (1887-1934).

Es war daher nicht verwunderlich, dass Heiß sich im Konflikt zwischen Röhm und Pittinger um die Waffenbestände der von Röhm verwalteten Feldzeugmeisterei der Reichswehr 1922 auf die Seite Röhms stellte. Am 4. Februar 1923 schloss er sich auch der von Röhm neu gegründeten Arbeitsgemeinschaft der Vaterländischen Kampfverbände an, in der sich die radikalen Kräfte, unter anderem Adolf Hitlers (1889-1945) SA und der Bund Oberland, sammelten. Über das Jahr 1923 stand Heiß treu zu dieser Verbindung, die auf dem Deutschen Tag in Nürnberg am 1./2. September ihre Bande mit der Gründung des Deutschen Kampfbundes zum Missfallen der Staatsregierung und der moderateren Mehrheitskräfte um Pittinger noch enger knüpfte.

Das Ausscheren aus der radikalen Front und die Spaltung des Verbandes im Herbst 1923

Gegen diesen Schritt aber formierte sich nun in den Nürnberger bürgerlichen Kreisen eine deutliche Opposition. Sie forderte Heiß am 1. Oktober 1923 ultimativ auf, das Bündnis der Radikalen zu verlassen und sich dem gemäßigten Lager Pittingers und des eben ernannten Generalstaatskommissars Gustav von Kahr (1862-1934) anzuschließen. Heiß fügte sich und trat aus dem Kampfbund aus. Dies veranlasste wiederum die südbayerischen Ortsgruppen unter Röhm, sich am 7. Oktober 1923 von Heiß loszusagen und sich als Bund "Reichskriegsflagge" neu zu konstituieren.

In der weiteren Entwicklung des Herbstes 1923 war die Reichsflagge zwar noch in die Aufstellung des "Grenzschutzes Nord" involviert; sie blieb aber – anders als ihr Ableger Reichskriegsflagge – am Hitlerputsch des 8./9. November 1923 vollkommen unbeteiligt. Heiß fand sich lediglich zur Unterzeichnung des Aufrufs der Vereinigten Vaterländischen Verbände Bayerns vom 10. November bereit, in welchem Kahr nochmals – folgenlos – zur Errichtung einer nationalen Diktatur aufgefordert wurde. Trotzdem spaltete sich noch im November 1923 erneut eine Gruppe völkischer Aktivisten unter dem Namen "Altreichsflagge" ab. Führer dieses im Wesentlichen auf Franken beschränkten Bundes war der spätere Nürnberger NS-Oberbürgermeister Willy Liebel (1897-1945).

Die weitere Entwicklung des Bundes bis zum Eintritt in den Stahlhelm 1927

Heiß' Verband dagegen blieb auf der nunmehr eingeschlagenen moderateren Linie und kooperierte 1924 mit dem staatlich kontrollierten Deutschen Notbann, um auf diese Weise seine Wehrarbeit fortsetzen zu können. Andererseits verlor auch die Reichsflagge wie alle Wehrorganisationen mit der allgemeinen Beruhigung der politischen Lage zunehmend an Dynamik. Dem Zwang zur Bündelung der verbleibenden Kräfte entsprach es daher, dass Heiß Vereinigungsverhandlungen mit dem ebenfalls vergleichsweise gemäßigten "Stahlhelm. Bund der Frontsoldaten" aufnahm. Am 1. Dezember 1927 gliederte er die Reichsflagge unter Wahrung ihrer Strukturen in den Frontsoldatenbund ein. Obwohl der Stahlhelm in den Jahren 1930 bis 1935 ein neues Bündnis mit den Nationalsozialisten schloss und mit ihnen zusammen 1933 die Reichsregierung bildete, verziehen die alten Kameraden des Kampfbundes Heiß sein "Umfallen" von 1923 nicht und führten eine lang andauernde Pressefehde gegen ihn. Während der NS-Zeit spielte er daher politisch keine Rolle mehr.

Dokumente

Literatur

  • Hans Fenske, Konservativismus und Rechtsradikalismus in Bayern nach 1918, Bad Homburg u. a. 1969.
  • Harold J. Gordon jr., Hitlerputsch 1923. Machtkampf in Bayern 1923/24. Aus dem Amerikanischen, München 1978.
  • Rainer Hambrecht, Der Aufstieg der NSDAP in Mittel- und Oberfranken (1925-1933) (Nürnberger Werkstücke zur Stadt- und Landesgeschichte 17), Nürnberg 1976.
  • Hanns Hubert Hofmann, Der Hitlerputsch. Krisenjahre deutscher Geschichte 1920-1924, München 1961.
  • Horst G. W. Nußer, Konservative Wehrverbände in Bayern, Preußen und Österreich 1918-1933. Mit einer Biographie von Forstrat Georg Escherich 1870-1941. 2 Bände, München 1973.

Quellen

  • Ernst Deuerlein (Hg.), Der Hitlerputsch. Bayerische Dokumente zum 9. November 1923, Stuttgart 1962.
  • Ernst Röhm, Die Geschichte eines Hochverräters, München 2. Auflage 1930. (Autobiographie Röhms bis 1928, daher in der Wertung oft problematisch)

Weiterführende Recherche

Empfohlene Zitierweise

Christoph Hübner, Reichsflagge, 1919-1927, publiziert am 11.05.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Reichsflagge,_1919-1927> (13.11.2018)