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Judentum (Weimarer Republik)

Kriegerdenkmal auf dem Neuen Friedhof der israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, Entwurf von Fritz Landauer (1883-1968). (aus: A. Eckstein-Bamberg, Haben die Juden in Bayern ein Heimatrecht? Eine geschichtswissenschaftliche Untersuchung mit kriegsstatistischen Beilagen, Berlin 1928, nach S. 80)
Karrikatur "Der Münchner: Mei Ruah möcht' i hamm und a Revolution, A Ordnung muaß sei' und a Judenpogrom... ". (aus: Simplicissimus Nr. 36 vom 3. Dezember 1923)

von Rolf Kießling

Die jüdische Geschichte Bayerns war während der Weimarer Republik durch Übergänge und Spannungen gekennzeichnet: So setzte sich die "Verbürgerlichung" vor allem in den städtischen Gemeinden fort, während in den Dörfern und Kleinstädten die traditionelle Lebensform der "Landjuden" weiterhin dominierte. Trotz der organisatorischen Zusammenfassung im 'Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden' prägte die innere Differenzierung in liberales Reformjudentum und Orthodoxie das Alltagsleben. Die Meinungsunterschiede wurden zudem durch die Zuwanderung von 'Ostjuden' überlagert. Wachsender Antisemitismus seit der Kaiserzeit, verschärft durch das Trauma der Revolution in der Ära von Ministerpräsident Gustav von Kahr (1862-1934, Ministerpräsident 1920-1921), bewirkte einerseits Abgrenzungsreaktionen der jüdischen Gemeinden, brachte aber auf der anderen Seite - infolge einer bewussten Neubesinnung auf die eigene Tradition - vor allem in München eine neue Blüte jüdischer Kultur hervor.

Strukturen der Gemeinden

Bei den jüdischen Gemeinden Bayerns überlagerten sich im 20. Jahrhundert zwei Strukturelemente: Ein Teil hatte seine Wurzeln in den frühneuzeitlichen Landgemeinden in den Territorien Frankens, Schwabens und (einigen wenigen) der Oberpfalz, die sich vielfach bis in die Zeit der Weimarer Republik erhalten hatten und die ländliche Tradition fortsetzten. Ein jüngerer Gemeindetypus basierte vor allem auf der seit den 1860er Jahren verstärkt auftretenden innerbayerischen Migration in die größeren Städte. Zu nennen sind hier vor allem München (1910: 11.083 Personen), sodann Nürnberg, Fürth, Würzburg, Bamberg und Augsburg, wo die Gemeinden schnell angewachsen waren. Der Verstädterungsgrad – bezogen auf den Anteil in den Gemeinden mit mehr als 5.000 Einwohnern – betrug 1910 bereits knapp 69 %. Hier hatte sich auch die Akkulturation sehr viel schneller vollzogen als im traditionellen ländlich-kleinstädtischen Milieu.

Hinsichtlich der Berufsstruktur setzten sich die Trends der vorausgegangenen Jahrzehnte fort: 1925 waren von den erwerbstätigen Juden Bayerns 66,8 % in Handel und Verkehr und 19 % in Industrie und Handwerk tätig. Unter den 5,3 % Israeliten in Verwaltung und freien Berufen waren Rechtsanwälte, Notare und Ärzte mit einem auffällig hohen Anteil vertreten. Der weit überdurchschnittliche Anteil von Selbständigen (60,3 %) spiegelte die wirtschaftliche Sonderstellung der bayerischen Juden wider. Abgesehen von der traditionellen Spitzengruppe im Banken- und Finanzwesen bildeten sich außerdem neue Schwerpunkte in der Fertigwarenindustrie (Textil- und Metallverarbeitung) heraus. Eine entscheidende Rolle kam jüdischen Firmen auch im breit gefächerten Einzelhandel sowie im Bereich der Warenhäuser zu. Ebenfalls eine Domäne blieb der Landhandel. Wichtig waren hier vor allem das fränkische Hopfengeschäft sowie generell der Viehhandel.

Freilich ging der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Bayern während der Weimarer Zeit zurück: Er betrug 1933 nur noch 35.452 Personen, was gegenüber den 46.097 um 1910 bereits einen erheblichen Einbruch bedeutete.

Integration und Akkulturation

Die Zweiteilung in Stadt und Land hatte sich in den Lebensformen noch spürbar erhalten: War das ländlich-kleinstädtische Milieu weiterhin von traditionellen Faktoren – wie der stärkeren Bindung an die Festtagskultur, den Sabbat- und Speisegeboten und den Alltagsbräuchen und Sprachgewohnheiten – bestimmt, so führten die großstädtischen Gemeinden mit ihrer liberalen Mehrheit den Akkulturationsprozess des 19. Jahrhunderts vielfach fort. Die Zahl der 'Mischehen' wuchs auf etwa ein Drittel an. Der teilweise vorkommende Religionswechsel und der Austritt aus den Gemeinden waren wegen der generellen Gleichberechtigung freilich eher sozial und wirtschaftlich bedingt. Der Wandel in der Rolle der Frau spiegelte sich in einer zunehmenden Erwerbstätigkeit, aber auch in der Fürsorge- und Sozialarbeit des Jüdischen Frauenbundes. Bei der Integration in das Vereinsleben ist zu differenzieren zwischen den weiterhin in vielen Gemeinden vorhandenen traditionellen religiösen Vereinen (Chewra Kaddischa etc.) oder den Logen des unabhängigen Ordens B'nai B'rith einerseits und einer Teilnahme am bürgerlichen Vereinsleben andererseits. Letzteres Engagement ist bis hin zu den Gesangsvereinen und Freiwilligen Feuerwehren der Landgemeinden vielfältig zu verzeichnen. Besonders signifikant sind etwa die Faschingsbälle des Bankhauses Aufhäuser im Münchner Hotel Union oder die langjährige Präsidentschaft von Kurt Landauer beim FC Bayern München, der den Verein 1932 zur deutschen Meisterschaft führte. Doch wird daneben auch eine wachsende Zahl von speziell jüdischen Sportvereinen als Gegenbewegung greifbar.

Organisation und innere Differenzierung

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam den Einzelgemeinden (1910: 206; 1933: 198) als Körperschaften des öffentlichen Rechts (Reichsverfassung 1919) nach wie vor der entscheidende Stellenwert für die Gestaltung des jüdischen Lebens zu. Seit 1920 übernahm hingegen der "Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden" die Vertretung der Gemeinden gegenüber dem Staat und entwickelte Initiativen für zentrale jüdische Landesinstitutionen. Die "Bayerische Israelitische Gemeindezeitung" bot den entsprechenden publizistischen Zusammenhalt und wurde seit 1930 zu einem wichtigen Diskussionsforum. Die politische Orientierung der jüdischen Wähler galt neben einigen Optionen für die Sozialdemokratie mehrheitlich eher den bürgerlichen Parteien, vor allem der Bayerischen Volkspartei (BVP). Bezeichnenderweise hatte im April 1919 der Vorsitzende des Münchner orthodoxen Synagogenvereins, Sigmund Fraenkel (1860-1925), in einem offenen Brief die Teilnahme jüdischer Intellektueller an der Räterepublik kritisiert. Während und nach dem Ersten Weltkrieg erfuhr der Zionismus vor allem in München einen erheblichen Zulauf: 1921 wurde eine Filiale der "Jüdischen Volkspartei" gegründet. Zudem stellte die Zuwanderung so genannter Ostjuden seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert einen neuen Faktor dar, der bald die öffentliche Debatte über das Judenbild mitbestimmen sollte. Wegen der Pogrome in Russland waren bereits seit 1880 Juden aus Ost- und Ostmitteleuropa eingewandert, verstärkt während des Ersten Weltkrieges als Arbeiter angeworben oder zwangsweise verschleppt worden. In Bayern stellten die Ostjuden um 1920 mit einer Gesamtzahl von 3.000 bis 4.000 Personen vor allem in München (1910: 861) eine erhebliche Gruppe, die sich 1918 mit einem "Gesamtausschuss der Ostjuden" eine eigene Interessenvertretung gab. Ihre orthodoxe Lebensweise gab der Vorstadt um den Gärtnerplatz ebenso ein eigenes Gepräge wie Teilen von Nürnbergs südlichen Arbeitervierteln (Gostenhof).

Kulturelle Neubestimmung

Die maßgebliche Prägung des wissenschaftlichen und kulturellen Lebens durch jüdische Bürger kann allerdings nicht übersehen lassen, dass die Integration bereits seit längerem brüchig geworden war. Als Antwort auf einen verstärkten Antisemitismus im Kaiserreich, aber auch im Kontext des Zionismus, mündete die Entwicklung in eine vielfältige Neubestimmung jüdischer Kultur. Im Spannungsfeld von liberalem Reformjudentum und Neo-Orthodoxie versuchten schon vor der Jahrhundertwende spezifische religiöse Vereine eine Neuorientierung. In Nürnberg hatten sich mit Adas Israel (1875), in München mit Ohel Jakob (1892) eigene Gruppierungen von den Liberalen abgetrennt - beide richteten in den 1920er Jahren eigene jüdische Schulen ein. Gegenüber der liberalen Gemeinde Regensburg bildete sich im benachbarten Hermannsberg (Gde. Wiesent) ein Kreis strenggläubiger Familien heraus und auch in Augsburg hatte sich eine stärker traditionsorientierte Gruppierung um die ehemalige Vorortsynagoge Kriegshaber zusammengefunden.

Diese "Renaissance" trug vor allem in München ihre Früchte: 1920 wurde eine Bibliothek eingerichtet und 1925 das Lehrhaus - dessen Leitung 1926 durch Ludwig Feuchtwanger (1885-1947), den Bruder des Schriftstellers Lion Feuchtwanger (1884-1958), übernommen wurde - nach Frankfurter Vorbild umgebildet. Für eine Wiederbelebung der jüdischen Musik stand seit 1927 der musikalische Leiter der Gemeinde, Heinrich Schalit (1886-1976). Der Kunsthistoriker Theo Harburger (1887-1949) verzeichnete die jüdischen Kunst- und Kulturdenkmäler in Bayern. Dieser Höhepunkt ließ München in der Weimarer Republik neben Berlin und Frankfurt zu einem geistigen Zentrum des deutschen Judentums emporsteigen – ehe die Isolation, Verfolgung und Vernichtung des NS-Systems mit der jüdischen Existenz auch die jüdische Kultur auslöschten.

Wachsender Antisemitismus

Der neue rassische Antisemitismus war in den 1890er Jahren vor allem im Zentrum München fassbar; sein Einfluss blieb aber zunächst wegen Spannungen innerhalb der völkischen Bewegung eher gering. Das schließt nicht aus, dass der 'alltägliche Antisemitismus' zunahm und deshalb die Abgrenzungsbestrebungen der jüdischen Gemeinden eine neue Dynamik erhielten. So hatte vor 1914 der "Jüdische Jugendverein" erste Aktivitäten entfaltet, während 1917 eine Ortsgruppe des "Jüdischen Wanderbundes Blau Weiß" ins Leben gerufen worden war. Der "Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" (C.V.), gegründet 1893, versuchte mittels Rechtsschutz und einer breiten und differenzierten Öffentlichkeitsarbeit dem wachsenden Antisemitismus entgegenzuwirken.

Große Teile der jüdischen Bevölkerung Bayerns zeigten ein ausgeprägtes nationales Engagement. Dieses wurde nicht nur im Fronteinsatz des Ersten Weltkrieges ersichtlich, sondern auch in der seit Herbst 1916 aufkommenden prekären Diskussion um die so genannte 'Judenzählung' sowie der im Februar 1919 vollzogenen Gründung des "Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten". Trotzdem nahmen die antisemitischen Äußerungen seit der Revolution von 1918/19 massiv zu. Zum einen bot die Beteiligung einiger Juden bzw. Sozialisten jüdischer Herkunft an der Rätebewegung den Vertretern eines aggressiven völkischen Antisemitismus scheinbares Beweismaterial. Zum anderen bedingte die aus dem Trauma der Revolution erwachsene politische Reaktion der "Ordnungszelle Bayern" ein in dieser Hinsicht günstiges Klima, das von einem regierungsamtlichen Antisemitismus gestützt wurde. Seit Sommer 1919 gab es mehrere Ausweisungsaktionen von Ostjuden, wovon die spektakulärste 1923/24 unter Generalstaatskommissar Gustav von Kahr stattfand und einen deutlich antisemitischen Hintergrund hatte.

In Würzburg forcierte der "Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund" unter der Führung des fränkischen Adligen Konstantin Freiherr von Gebsattel (1854-1932) auf Reichsebene beziehungsweise des späteren Kreis- und Gauleiters Otto Hellmuth (1896-1968) in den Jahren 1919 bis 1923 die antisemitische Propaganda und unterwanderte damit die bürgerlichen Parteien. Der im Sommer 1923 gegründete "Bund Frankenland" schwenkte bald auf die Linie der NSDAP ein. Der örtliche Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens versuchte weitgehend vergeblich, mit einem Aufklärungsprogramm dagegen zu arbeiten. Die prekäre Lage kulminierte in einem neuen so genannten Ritualmordfall von Manau bei Hofheim im März 1929 und in dem so genannten Habima-Skandal von 1930/31, der sich am Auftritt einer hebräischsprachigen Theatergruppe im Würzburger Stadttheater entzündete. Gesamtbayerisch wurde die Spannung dadurch unterstrichen, dass der Landtag – nachdem bereits 1925 eine breit gestreute Kampagne gestartet worden war – am 29. Januar 1930 das Schächten von Tieren verbot und damit erstmals trotz energischer Proteste der jüdischen Organisationen eine gesetzliche Einschränkung der Religionsfreiheit verfügte.

Jüdische Bevölkerung in Bayern 1818-1933 (ohne die linksrheinische Pfalz)
1818 1871 1933
Oberbayern 489 3.033 9.522
Niederbayern 5 111 293
Oberpfalz 991 1.221 1.004
Oberfranken 6.286 4.045 2.133
Mittelfranken 11.816 10.830 11.631
Unterfranken 16.637 14.573 8.520
Schwaben 6.514 4.369 2.359

Quelle: Peter Fassl, Juden in Bayern. Von den Anfängen bis zur NS-Zeit, in: Hans-Jürgen Müller/Ursula Rudnick (Hg.), Christen und Juden, Juden und Christen. Katalog zur Wanderausstellung in Bayern, Hannover 2002, 12-21, 18.

Juden in Bayern 1925-1939
1925 1933 1939
Amberg 63 64 41
Ansbach 232 197 18
Aschaffenburg 643 591 190
Augsburg 1.203 1.030 554
Bad Kissingen 504 344 63
Bamberg 972 812 548
Bayreuth 306 261 108
Coburg 316 233 65
Erlangen 161 130 26
Gunzenhausen 219 184 3
Ingolstadt 103 100 0
Kempten 56 50 25
Kitzingen 421 360 165
Landshut 45 48 18
Memmingen 170 161 104
München k.A. ~ 12.000 ~ 4.500
Neumarkt/Oberpfalz 114 105 31
Nördlingen 233 186 71
Nürnberg k.A. ~ 6.000 ~ 3.800
Passau 48 40 8
Regensburg 478 427 226
Rosenheim 39 38 7
Schweinfurt 414 363 120
Straubing 115 110 51
Weiden 154 168 57
Würzburg 2.261 2.145 1.081

Quelle: Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) (Hg.), Aufstehen! gegen Vergessen und Unrecht. Die Verfolgung und Ermordung jüdischer Lehrerinnen und Lehrer in Bayern 1933 bis 1945, München 2011, 13.

Literatur

  • Richard Bauer/Michael Brenner (Hg.), Jüdisches München. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München 2006.
  • Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) (Hg.), Aufstehen! gegen Vergessen und Unrecht. Die Verfolgung und Ermordung jüdischer Lehrerinnen und Lehrer in Bayern 1933 bis 1945, München 2011.
  • Michael Brenner, Jüdische Kultur in der Weimarer Republik, München 2000.
  • Bernward Deneke (Hg.), Siehe der Stein schreit aus der Mauer. Geschichte und Kultur der Juden in Bayern, München 2000.
  • Peter Fassl, Juden in Bayern. Von den Anfängen bis zur NS-Zeit, in: Hans-Jürgen Müller/Ursula Rudnick (Hg.), Christen und Juden, Juden und Christen. Katalog zur Wanderausstellung in Bayern, Hannover 2002, 12-21.
  • Rolf Kießling, Jüdische Gemeinden, in: Max Spindler (Begr.)/Alois Schmid (Hg.), Handbuch der bayerischen Geschichte. Vierter Band: Das neue Bayern. Von 1800 bis zur Gegenwart. Zweiter Teilband: Die innere und kulturelle Entwicklung, München 2. Auflage 2007, 356-384.
  • Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918-1945. Geschichte und Zerstörung, München u. a. 1979.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Rolf Kießling, Judentum (Weimarer Republik), publiziert am 25.10.2007; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Judentum_(Weimarer_Republik)> (18.04.2019)