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Jüdische Volkspartei (JVP), 1919-1933

Georg Karenski (1878-1947). Abb. aus: Reichshandbuch der Deutschen Gesellschaft, Bd.1, 1931, 884. (Bayerische Staatsbibliothek, Hbks/Z 35-2)

von Michael Brenner

Jüdische Partei, gegründet 1919 in Berlin. Im Gegensatz zu ähnlichen Parteien in Österreich, der Tschechoslowakei und Osteuropa nahm die Jüdische Volkspartei in Deutschland nicht an Parlaments- oder Kommunalwahlen teil, sondern beschränkte ihre Aktivitäten auf die Ebene der jüdischen Gemeinden. Hier wurde sie während der Weimarer Republik zu einem ernst zu nehmenden Gegengewicht gegen die Liberalen und die religiös Orthodoxen, die eine gemäßigte Assimilation vertraten.

Programm und Zielgruppe

Die Jüdische Volkspartei vertrat zwar zionistische Positionen, lehnte aber die zionistische Forderung ab, derzufolge alle Juden sich in Palästina ansiedeln sollten. Stattdessen unterstützte sie die Transformation der jüdischen Gemeinden von Religionsgemeinden in "Volksgemeinden". Juden wurden in diesem Konzept nicht als religiöse, sondern als nationale Minderheit verstanden; die jüdischen Gemeinden sollten neben religiösen Einrichtungen auch den sozialen und kulturellen Sektor stärken und den Ausbau jüdischer Schulen ins Zentrum rücken.

Großen Zuspruch erhielt die JVP von den aus Osteuropa zugewanderten Juden, für deren gleiche Rechte sie sich einsetzte. In Berlin gelang es ihr als Resultat der Gemeindewahlen von 1926, gemeinsam mit den orthodoxen Kräften die seit Jahrzehnten regierenden Liberalen abzulösen und mit Georg Kareski (1878-1947) den Gemeindepräsidenten zu stellen. Allerdings verloren sie diese Positionen nach den Wahlen von 1930 wieder. Auch in anderen Städten mit hohem ostjüdischen Anteil gelangen ihnen respektable Erfolge, wenngleich sie reichsweit nicht die Dominanz der Liberalen brechen konnten.

Entwicklung in Bayern

In Bayern trat die Jüdische Volkspartei sowohl in den größeren jüdischen Gemeinden wie auch im Bayerischen Israelitischen Gemeindebund zu Wahlen an. Dabei gab es durchaus unterschiedliche lokale Ausprägungen. In München, Nürnberg und Regensburg etwa traten Zionisten und Orthodoxe gemeinsam unter der Flagge der Jüdischen Volkspartei an; in München erhielt die JVP bei den jüdischen Gemeindewahlen 1921 ein Drittel der Stimmen (8 von 24 Mandaten). Aus Bamberg wurde berichtet, die Jüdische Volkpartei sei vor allem eine religiös orthodoxe Partei; in Fürth und manchen kleineren fränkischen Gemeinden gingen die Orthodoxen (die sich manchmal auch "Konservative" nannten) mit den Liberalen eine Allianz gegen die zionistisch dominierte Volkspartei ein.

Die Dominanz osteuropäischer Juden unter den Wählern der JVP kann in München gesehen werden, wo bei den Wahlen 1925 die Jüdische Volkspartei 63% in einem von "Ostjuden" dominierten Bezirk erhielt, aber nur 18% in einer Gegend, in der zumeist deutsche Juden lebten. Im Gegensatz zu Berlin und anderen Großgemeinden verliefen die Gemeindewahlen und –wahlkämpfe in München relativ harmonisch. Die Liberalen behielten ihre Mehrheit, integrierten aber den führenden Zionisten und Vertreter der Volkspartei, Eli Strauss (1878-1933), als Stellvertretenden Gemeindepräsidenten. Oftmals gab diese Kooperation Anlass zu Klagen bei der Zentrale der Zionistischen Organisation in Berlin; die bayerischen Zionisten arbeiteten enger mit den bayerischen Liberalen zusammen als mit den preußischen Zionisten.

Literatur

  • Michael Brenner, The Jüdische Volkspartei. National-Jewish communal politics during the Weimar Republic, in: Year Book of the Leo Baeck Institute 35 (1990), 219-243.

Weiterführende Recherche

Empfohlene Zitierweise

Michael Brenner, Jüdische Volkspartei (JVP), 1919-1933, publiziert am 28.08.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Jüdische_Volkspartei_(JVP),_1919-1933> (20.11.2018)