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Pfälzischer Separatismus

Regierungspräsident Theodor von Winterstein. Abb. aus: Dokumente aus dem Befreiungskampf der Pfalz, Ludwigshafen 1930, 5. (Bayerische Staatsbibliothek, 4 H.un.app. 252)
Franz Joseph Heinz und Mitglieder seines Kabinetts. Abb. aus: Dokumente aus dem Befreiungskampf der Pfalz, Ludwigshafen 1930, 85. (Bayerische Staatsbibliothek, 4 H.un.app. 252)
Das Kabinett der Regierung der Autonomen Pfalz unter Adolf Bley (untere Reihe Mitte, sitzend) auf einer Aufnahme vom 22.1.1924. Stehend 2. v. r. Josef Schmitz-Epper, ganz rechts Georg Kunz (Stadtarchiv Speyer Bildnr. 001295).
Vorbeimarsch eines Fackelzuges vor dem wieder aufgebauten Bezirksamt in Pirmasens am 30. Juni 1930 gegen Mitternacht (aus: Schäfer, Oskar: Die Pirmasenser Separatistenzeit 1923/1924, Pirmasens 1936, S.302).
Die verschiedenen Gruppierungen hatte ihre eigenen Vereinszeitungen Abb. aus: Dokumente aus dem Befreiungskampf der Pfalz, Ludwigshafen 1930, 34. (Bayerische Staatsbibliothek, 4 H.un.app. 252)
Straftribunal gegen Separatisten 1924 in Landau. Abb. aus: Dokumente aus dem Befreiungskampf der Pfalz, Ludwigshafen 1930, 118. (Bayerische Staatsbibliothek, 4 H.un.app. 252)

von Gerhard Gräber

Der Begriff des politischen Separatismus wird üblicherweise für Loslösungsbestrebungen von Teilgebieten eines Staates verwendet, deren Bevölkerung sich aufgrund eines ethnischen oder kulturellen Identitätsgefühls dem übergeordneten Staatsgebilde nicht zugehörig erachtet oder von diesem nicht respektiert sieht und deshalb eine Form der Autonomie oder die Zugehörigkeit zu einem anderen Staatsverband anstrebt. In diesem Sinn ist das Phänomen Separatismus in der Pfalz eigentlich nicht auffindbar. Dennoch gab es im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts mehrmals separatistische bzw. autonomistische Bestrebungen, die allerdings nur aus dem unmittelbaren Kontext der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen ihrer Zeit heraus erklärbar sind.

19. Jahrhundert: Sonderstatus der Pfalz in Bayern

Die Pfalz als politische Einheit, ungefähr in den heutigen Grenzen des rheinland-pfälzischen Regierungsbezirks Pfalz, gibt es erst seit 1816. Im Zuge der nachnapoleonischen Neuordnung Europas erhielt Bayern die linksrheinische Provinz, die aus ehemaligen Teilen der linksrheinischen Kurpfalz, des Bistums Speyer sowie 42 weiteren territorialen Sprengeln ehemaliger reichsunmittelbarer Herrschaftsgebiete gebildet wurde. Den Namen "Pfalz" oder "Rheinpfalz" erhielt die Provinz erst im Jahre 1838 von König Ludwig I. (1786-1868, reg. 1825-1848), der damit an alte dynastische Traditionen bezüglich der Kurpfalz anknüpfen wollte. Politisch sah sich Bayern gezwungen, den Pfälzern, die unter französischer Herrschaft in den Genuss des Code civil gekommen waren, 1818 einen Sonderstatus zu gewähren: Das französische bürgerliche Recht und die Selbstverwaltungsorgane blieben erhalten. Daraus könnte man auch ein gewisses Eigenständigkeitsgefühl der Pfälzer ableiten, das sich zu separatistischen bzw. autonomistischen Bestrebungen hätte entfalten können.

Eintritt der Pfälzer für die Reichsgründung

Die Ereignisse von 1832 (Hambacher Fest) und 1849 waren allerdings vielmehr der Ausdruck des Wunsches der pfälzischen politischen Öffentlichkeit nach Reichsgründung und Reichseinheit (neben liberalen Forderungen). So bedeutete die Gründung einer provisorischen Regierung in Kaiserslautern 1849 im Zuge der mit den badischen Revolutionären durchgeführten Reichsverfassungskampagne die Separierung von Bayern, aber nur mit dem Ziel, ein gesamtdeutsches Reich auf Basis der Paulskirchenverfassung zu gründen. Dennoch brachte den Pfälzern der gescheiterte Aufstand den Ruf "unsicherer Kantonisten" ein und in der preußischen Öffentlichkeit wurden entsprechende Befürchtungen gehegt, als man 1870 die Pfalz als Aufmarschgebiet für den Feldzug gegen Frankreich benötigte. Die Ängste waren unbegründet, die pfälzische Öffentlichkeit ließ sich für das Bismarckreich mehr begeistern als viele Bayern. Dort trat eine Mehrheit der katholisch-konservativen Patriotenpartei (später Zentrum, damals stärkste Fraktion im Bayerischen Landtag) für eine Neutralität Bayerns und gegen den Beitritt zum Deutschen Reich ein.

Nach dem Ersten Weltkrieg

Separatistische Bestrebungen in der Pfalz tauchen erstmals nach dem Ersten Weltkrieg auf. Aber sowohl die Bewegung von 1919 als auch die von 1923 sind nur aus dem unmittelbaren Kontext der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen ihrer Zeit heraus erklärbar, lassen sich nicht auf ein gewachsenes tradiertes Bewusstsein politischer oder kultureller Identität beziehen.

Die Pfalz befand sich im Schnittpunkt der beiden großen Konfliktlinien der Anfangsjahre der Weimarer Republik. Zum einen erfuhren die Menschen der Region – seit Kriegsende 1918 unter französischer Besatzung – unmittelbar die Auswirkungen der außenpolitischen Auseinandersetzungen um die Reparationen. Zum anderen wurde die Pfalz als Teil Bayerns in besonderem Maße in den innenpolitischen Kampf um die Republik hineingezogen, der zwischen Bayern und Reich in jenen Jahren die schärfste Zuspitzung erfuhr.

Bewegung von 1919

Noch in der Waffenstillstandsphase regten sich separatistische Bestrebungen, die wie entsprechende Ansätze im nördlichen Rheinland von bürgerlichen Kräften bis hinein in die katholische Zentrumspartei ausgingen (Freie-Pfalz-Bewegung). Der Hauptbeweggrund war die Angst vor einer ungewissen Zukunft in einem krisengeschüttelten und womöglich bald sozialistischen Deutschen Reich. Durch Anlehnung an die Sieger des Weltkrieges hoffte man zudem, in der Reparationsfrage glimpflicher davonzukommen. Gestützt vor allem auf die pfälzische SPD, die nach der Ermordung Kurt Eisners (1867-1919) mit dem Kaiserslauterer Johannes Hoffmann (1867-1930) den bayerischen Ministerpräsidenten stellte, gelang die Isolierung der Bewegung.

Politische Veränderungen ab 1920

Ab 1920 änderte sich die politische Landschaft in Bayern grundlegend. Johannes Hoffmann wurde im Zuge des Kapp-Putsches gestürzt. Unter seinem Nachfolger Gustav von Kahr (BVP, 1862-1934) entwickelte sich Bayern zur nationalistischen "Ordnungszelle" des Reichs, München zur Heimstatt militanter Rechtsradikaler aus dem ganzen Reich. In der Pfalz, wo die Sozialdemokratie stärker war als im übrigen Bayern, kamen separatistische Töne, auf Trennung von Bayern zielend, zusehends von links. Namentlich im Zusammenhang mit den Verfassungskonflikten Bayerns mit dem Reich nach den Morden an Matthias Erzberger (1875-1921) und Walter Rathenau (1867-1922) fanden in der Pfalz Demonstrationen der Linksparteien statt, in denen die Pfalzfrage thematisiert wurde.

1923: Fiasko des passiven Widerstandes als Nährboden für Separatismus

Den eigentlichen Nährboden für separatistische Bestrebungen schuf das Fiasko der Strategie des passiven Widerstandes gegen die französisch-belgische Ruhrbesetzung. Die Anordnung der Reichs- und Länderregierungen an ihre Beamten, sich den Befehlen der Besatzungsmacht im gesamten besetzten Gebiet, nicht nur im neu besetzten Ruhrgebiet, zu widersetzen, brachte die Bevölkerung unter einen zermürbenden Druck und führte zu Tausenden von Ausweisungen durch die Besatzungsbehörden. Am 26. September 1923 musste die Reichsregierung Stresemann den passiven Widerstand abbrechen. Die Zahlungen an Beamte und zunehmend auch an Industriebeschäftigte verschlungen Unsummen. Der Abbruch verschärfte aber die Lage im besetzten Gebiet zusätzlich, die Arbeitslosigkeit stieg, viele Menschen lebten unter dem Existenzminimum. Die Rohstoffvorräte waren, wenn nicht von den Franzosen beschlagnahmt, infolge der langen Transportsperre aufgebraucht. Exporte ins Rechtsrheinische wurden von der Besatzung mit Zoll belegt, die dortigen Absatzmärkte längst von anderen Lieferanten bedient.

Versackungspolitik und Rheinstaatspläne

Frankreichs Premier Raymond Poincaré (1860-1934) weigerte sich hartnäckig, über die Probleme mit der Reichsregierung zu verhandeln, was in Berlin im Reichskabinett Verfechtern einer "Versackungspolitik" gegenüber den linksrheinischen Gebieten Auftrieb verlieh. Man spielte mit dem Gedanken, das besetzte Gebiet sich selbst zu überlassen, die Zahlungen einzustellen. Ein so verkleinertes Deutschland könnte sich dem wirtschaftlichen und militärischen Wiederaufstieg widmen und die abgetrennten Landesteile dereinst mit Waffengewalt zurückholen. In die Öffentlichkeit drangen solche Planspiele zwar vorerst nicht, aber die Demoralisierung der Bewohner des besetzten Gebietes war ohnehin weit fortgeschritten. "Das Reich hat uns im Stich gelassen!" lautete eine unter ihnen umlaufende Redewendung. Die politischen Repräsentanten der rheinischen Bevölkerung, allen voran der Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer (1876-1967), erhielten von der Reichsregierung die Ermächtigung, mit den Besatzungsbehörden über die Zukunft des besetzten Gebietes zu verhandeln. Die Verantwortung für eventuelle staatsrechtliche Konsequenzen wollte Berlin aber nicht übernehmen.

Der Vorstoß der pfälzischen SPD (Aktion Hoffmann)

Am 24. Oktober 1923 unternahm die Pfälzer SPD einen Vorstoß und wollte im Pfälzischen Kreistag eine Erklärung zur Loslösung von Bayern und die Ausrufung einer Autonomen Pfalz im Rahmen des Reichs durchsetzen. Anlass für den Beschluss war die so genannte Lossow-Krise. Im Streit um die Besetzung des Postens des Landeskommandanten in Bayern hatte die bayerische Staatsregierung die im Lande stationierten Reichswehrtruppen bis auf weiteres der Befehlsgewalt des Reiches entzogen und auf sich selbst verpflichtet. Das zweite erklärte Ziel des von Johannes Hoffmann geführten Unternehmens war, das Übergreifen des rheinischen Separatismus auf die Pfalz zu verhindern. Wenige Tage zuvor, in der Nacht zum 21. Oktober 1923, hatte sich eine separatistische Bewegung von Aachen aus rasch nach Süden ausgebreitet und in Koblenz bereits eine vorläufige Regierung der "Rheinischen Republik" unter Führung von Hans Adam Dorten (1880-1963) und Joseph Friedrich Matthes (1886-1943) gezeitigt.

Französische Maximalpolitik

Neben diesen beiden offiziellen Motiven wurde die eigenmächtige Aktion der pfälzischen SPD aber im Wesentlichen durch die tief greifende Misere nach dem Ende des passiven Widerstandes ausgelöst. Aus dem mit dem französischen Bezirksdelegierten in der Pfalz ausgehandelten Entwurf einer pfälzischen Staatsgründungserklärung wird deutlich, dass die Formel "im Rahmen des Reichs" von den pfälzischen Sozialdemokraten faktisch sogar aufgegeben worden wäre.

Die Pfalz in ihrer exponierten Lage in unmittelbarer Nachbarschaft zu Frankreich stand unter besonderem Druck. Der französische Franc strömte als stabile Währung ein und war in den Grenzgebieten schon zur gängigen Ersatzwährung geworden. Bauern verlangten für ihre Produkte Devisen, so stand ein Hungerwinter ins Haus. Abhilfe versprach sich die pfälzische SPD von der Schaffung des "Rheinfrankens". Sowohl die Hoffmann-Aktion als auch die monetären Pläne scheiterten, weil die französische Rheinlandpolitik in dieser Phase den Bogen überspannte. Man hoffte, mit den Separatisten als Druckmittel eine weitgehende Autonomie des Rheinlandes, getragen von Persönlichkeiten wie Konrad Adenauer oder eben Johannes Hoffmann, zu erreichen. Deshalb sollte in der vergleichsweise marginalen Pfalz keine Vorentscheidung fallen, und die Sozialdemokraten wurden genötigt, auch formell, nicht nur faktisch, auf die Klausel "im Rahmen des Reichs" zu verzichten. Das war für die pfälzische SPD-Führung unannehmbar, nachdem der bisherige Vorstoß schon auf den Widerstand von bürgerlichem Lager, Reichsregierung und SPD-Reichsleitung gestoßen war.

Johannes Hoffmann selbst handelte sich durch sein Agieren aber ein Verfahren wegen Hochverrats ein (1924 durch Londoner Amnestie eingestellt) und wurde – er war ursprünglich Volksschullehrer – aus dem bayerischen Schuldienst entfernt. Zwar saß er bis zu seinem Tod (1930) für die pfälzische SPD im Reichstag, politisch war er aber weitgehend isoliert. Eine Johannes-Hoffmann-Straße beispielsweise sucht man in der Pfalz außer seit wenigen Jahren in seiner südpfälzischen Heimatgemeinde Wollmesheim (heute Ortsteil von Landau) vergebens.

Die Autonome Pfalz

Während im nördlichen Rheinland die Separatistenbewegung schon wieder zurückgedrängt worden war, begann in der Pfalz am 5. November 1923, wenige Tage vor dem Münchner Hitler-Putsch, Franz Josef Heinz (1884-1924) in Kaiserslautern einen kurzfristig vorbereiteten Putsch. Die etwa 500 bis 1.000 zum Teil bewaffneten Putschisten waren, entgegen der geläufigen Rede vom angeblichen landfremden Gesindel (Pfalzkommissar Lorenz Wappes [1860-1952] beispielsweise sprach von "gedungenen Ausländern" und dem "Abschaum der rheinischen Städte"), in der Mehrzahl Pfälzer. Angeworben wurden sie im Laufe des Oktober 1923. Wie im Norden des Rheinlandes waren es meist junge Erwerbslose. Daneben wurden innerhalb kürzester Frist mehrere Tausend Mitglieder für die Rheinische Volksvereinigung (RVV) oder als stille Teilhaber der Bewegung gewonnen. Viele kleine Geschäftsleute, die durch die wirtschaftliche Lage in ihrer Existenz bedroht waren, befanden sich darunter.

Zweckbündnis der Extreme

In welchen politischen und sozialen Lagern sonst noch Sympathien für die am 12. November 1923 ausgerufene Autonome Pfalz gehegt wurden, zeigt die Herkunft ihrer führenden Köpfe. Franz Josef Heinz war Vorsitzender der radikalen "Freien Bauernschaft", der größten Bauernorganisation in der Pfalz. Er gehörte dem rechten Flügel der pfälzischen DVP an, saß im Kreistag und war erster Nachrücker seiner Partei für den bayerischen Landtag. Am 24. Oktober 1923 erklärte er seinen Austritt aus der Partei, unzufrieden mit deren ablehnender Haltung gegenüber der Hoffmann-Aktion. Sein Stellvertreter war Adolf Bley (1874-1951), der in Kirchheimbolanden eine kleine Fabrik für Druckerzeugnisse betrieb und seit 1920 dort USPD-Stadtratsmitglied war. Der Spagat zwischen rechts und links wurde noch weiter angespannt durch den Ex-KPD-Funktionär und Organisator der Ludwigshafener Erwerbslosen, Georg Kunz (1888-1942). Die Not der Zeit hatte ein Zweckbündnis der Extreme hervorgebracht, allein der "Lösung der gegenwärtig brennendsten Fragen" verpflichtet, wie die Autonomisten selbst ihre Aufgabe beschrieben. Das politische Establishment dagegen, die politische Mitte, verharrte in Abwartehaltung. Zwar gelang es den Putschisten mit Unterstützung der Franzosen im Laufe des November 1923, sich der Kreisregierung und der Bezirksämter gewaltsam zu bemächtigen und bis zum Jahresende 1923 von ca. 75% der Landgemeinden Loyalitätserklärungen einzusammeln, aber zu einer politischen Gestaltungstätigkeit kamen sie nicht. Es fehlte an finanziellen Ressourcen, Requirierungsmaßnahmen förderten die Popularität nicht.

Scheitern der Autonomen Pfalz

Die Autonome Pfalz scheiterte, weil die Entstehungsgründe, die sie hervorbrachten, durch einen zum Jahreswechsel 1923/24 sich abzeichnenden Wandel in der politischen Großwetterlage fast schlagartig entfielen. Die Inflation wurde durch die Rentenmark gestoppt und mit Frankreichs Einwilligung in die Überprüfung der deutschen Zahlungsfähigkeit (Dawes-Kommission) wurden die Weichen für ein Reparationsabkommen gestellt, das die territoriale Unversehrtheit des Reichs zur Voraussetzung haben sollte. In der Pfalz führte Poincaré nurmehr ein Rückzugsgefecht, bei dem es darauf ankam, eine hinfällig gewordene Position mit möglichst geringem Gesichtsverlust zu räumen. Die etablierten Parteien in der Pfalz gingen nun in die Offensive gegen die Autonomisten und organisierten Kundgebungen, Abordnungen zur Rheinlandkommission und den Widerruf der Loyalitätserklärungen von den Landgemeinden.

Gewaltaktionen gegen die Separatisten

Angesichts dieser Wende muten die Gewaltaktionen gegen die pfälzischen Separatisten im Januar und Februar 1924 eher wie ein Nachtreten gegen die Verlierer an denn als heldenhafte Befreiungstaten. Als solche wurden sie aber in der Pfalz immer wieder in Schriften, Gedenkartikeln und -reden gefeiert. Am 9. Januar 1924 erschoss ein Kommandotrupp den Separatistenführer Heinz beim Abendessen im Wittelsbacher Hof in Speyer. Das Unternehmen wurde unter Billigung und mit Geldern der bayerischen Staatsregierung von einem Beamten des Pfalzkommissariats geplant und geleitet. Die Kommandomitglieder stammten aus den seit dem Hitlerputsch zum Teil verbotenen rechtsradikalen Münchner Kampfbünden (Bund Wiking, Bund Oberland, SA). Am 12. Februar 1924, zu einem Zeitpunkt, da das Ende der Autonomen Pfalz zwischen Frankreich und England bereits vereinbart und auch schon über die Nachrichtenagenturen gegangen war, griff in Pirmasens eine aufgebrachte Menschenmenge das von den Separatisten besetzte Bezirksamt an und setzte es in Brand. Sieben Angreifer und 15 Separatisten starben bei diesem Massaker.

Offizielles Ende der Autonomen Pfalz

Einen politischen Nutzen hatte die Aktion von Pirmasens allenfalls für die französische Besatzungsmacht, die absichtlich erst anrückte, als alles vorbei war. Mit dem Hinweis auf die Pirmasenser Vorgänge, die aus Heidelberg von bayerischen Stellen gesteuert worden wären – eine Version, für die es tatsächlich eine ganze Reihe von starken Indizien gibt (führende Kämpfer waren nachweislich im unmittelbaren Vorfeld der Aktion in Heidelberg und hatten Kontakte zur bayerischen Abwehrstelle) -, konnte sie die Wiederherstellung der vollen bayerischen Hoheitsrechte in der Pfalz noch etwas hinauszögern. Zunächst wurde dem Kreissausschuss der Pfalz formell die Regierungsgewalt übertragen. Am 17. Februar 1924 ging die kurze Geschichte der Autonomen Pfalz offiziell zu Ende.

Entstehung eines Geschichtsbildes

Die geschlagenen Pfälzer Separatisten wurden rasch zu Sündenböcken. Zweifellos ließen sie sich außer der prinzipiellen Illegalität ihres Unternehmens einiges zu Schulden kommen: Misshandlung von Gefangenen, Tötung von Menschen, nicht nur in Kampfsituationen. Das sich in der Bevölkerung festsetzende Bild eines brutalen Terrorregimes ist mit den historischen Fakten selbst jedoch nicht erklärbar. Vielmehr versuchte man, die Separatisten haftbar zu machen für alles Schlimme, das man 1923/24 seit der Ruhrinvasion erleben musste. Durch eine solche Projektion ließ sich die eigene, in Zeiten der Ungewissheit bewiesene Wankelmütigkeit und Abwartementalität bewältigen. Denn obwohl sich zu Beginn des Putsches in der Pfalz vereinzelte blutige Zusammenstöße zwischen Separatisten und Abwehrgruppen ereigneten, erhob sich der hernach beschworene allgemeine Proteststurm der pfälzischen Parteien, Verbände und Kommunalbehörden erst Wochen später, als die beschriebene Veränderung der politischen Großwetterlage absehbar war.

Auch der bayerische Staat betrieb aktiv Geschichtspolitik. Seine Abwehrspezialisten gingen daran, die amtliche Version des Geschehens zu fixieren. Ihre Veröffentlichungen (vor allem die 1925 und 1930 vom jeweiligen Staatskomissar für die Pfalz herausgegebenen Chroniken "Die Pfalz unter französischer Besatzung") waren es nicht zuletzt, die auf Jahrzehnte hinaus das Separatistenbild der Pfälzer prägten.

Separatistenprozesse und NS-Politik

Wegen einer mit Frankreich auf Gegenseitigkeit vereinbarten Amnestie konnte man die Separatisten nicht strafrechtlich belangen. Trotzdem fanden in der Pfalz nach 1924 zahllose Prozesse statt. Ausgangspunkt waren öffentliche Bezichtigungen gegen Separatisten oder separatistischer Sympathien Verdächtigte, um diese zu Klagen wegen Beleidigung zu provozieren. Die Gerichte machten aus den Verfahren dann Tribunale gegen die Kläger, deren Ruf dadurch ruiniert wurde. Viele der sozial Geächteten und behördlich Schikanierten verließen die Pfalz in Richtung Frankreich, die meisten 1930 nach pogromartigen Ausschreitungen gegen sie in der Nacht nach dem Abzug der französischen Besatzung (30. Juni 1930). Zahlen darüber, wie viele ehemalige Separatisten das Land verlassen haben, liegen allerdings nicht vor.

Vor allem die pfälzischen Nationalsozialisten bedienten sich des Instruments der Separatistenbeleidigungsprozesse. Ihre Kampagne konzentrierte sich mit Erfolg auf Funktionsträger der demokratischen Parteien, da deren Verhalten während der Separatistenzeit den hinterher selbst mitformulierten Ansprüchen energischen Widerstandes selten entsprach. Nach 1933 wurde die Separatistenverfolgung allerdings nicht systematisch betrieben. Zwar kam es zu Einweisungen in Konzentrationslager und ab 1940 fahndete man in Frankreich nach ehemaligem Führungspersonal der Separatisten, um diese wegen erneuter hochverräterischer Umtriebe im Exil vor den Volksgerichtshof zu bringen, aber das Thema war nach der Machtübernahme sekundär geworden. Einer von mindestens drei nach Volksgerichtshofurteil hingerichteten Separatisten war Georg Kunz.

Nach 1945: Neoseparatismus und gescheitertes Volksbegehren

Adolf Bley hingegen, wie Kunz und weitere führende Funktionäre der Autonomen Pfalz bereits 1924 nach Frankreich emigriert, konnte mit Hilfe der Résistance im Vichy-Gebiet untertauchen. 1945 kehrte er in die Pfalz zurück und wurde von der französischen Besatzungsmacht als Verwalter eines Sägewerks eingesetzt. Er versuchte, eine neoseparatistische Bewegung zu organisieren, die aber mit der Gründung des Landes Rheinland-Pfalz 1946 wieder verschwand, bevor sie sich in politisch relevanter Weise hätte entfalten können. Bley starb unbeachtet von der Öffentlichkeit 1951 in Neustadt an der Weinstraße. In den 20 Jahren seines Exils hatte er sich beharrlich geweigert, französisch zu lernen.

Den Schlusspunkt unter das Thema "Pfalz, Separatismus und Bayern" setzte 1956 der Versuch probayerischer Kräfte, im Zuge einer möglichen Länderneuordnung die Pfalz aus Rheinland-Pfalz herauszulösen und wieder für Bayern zu gewinnen. Die Kampagne für eine entsprechende Volksabstimmung scheiterte schon am notwendigen Quorum von 10 % der Wahlberechtigten, da sich nur 7,6 % für eine Rückkehr der Pfalz nach Bayern aussprachen. Erklären lässt sich diese deftige Niederlage vielleicht vor allem damit, dass in der doch stark industrialisierten Pfalz zu diesem Zeitpunkt schon das Wirtschaftswunder zu spüren war, während Bayern, weitgehend agrarisch strukturiert, noch mit erheblichen Problemen zu kämpfen hatte. So erschienen die Protagonisten des Volksbegehrens, meist pfalz-bayerische Staatsbeamte der 1920er Jahre, geprägt durch den Abwehrkampf gegen französische Besatzung und Separatismus, mit ihrem deutschnationalen Pathos wie Künder aus einer Vergangenheit, in die man nicht mehr zurückkehren wollte.

Literatur

  • Kurt Baumann, Probleme der pfälzischen Geschichte im 19. Jahrhundert, in: Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz 51 (1953), 231-272.
  • Helmut Gembries, Verwaltung und Politik in der besetzten Pfalz zur Zeit der Weimarer Republik, Kaiserslautern 1992.
  • Gerhard Gräber/Matthias Spindler, Die Pfalzbefreier. Volkes Zorn und Staatsgewalt im bewaffneten Kampf gegen den pfälzischen Separatismus 1923/24, Ludwigshafen am Rhein 2005.
  • Gerhard Gräber/Matthias Spindler, Rheinlandbesetzung, rheinischer Separatismus und Nationalsozialismus. Ein folgenreiches Szenario - skizziert am Beispiel der Pfalz, in: Hans-Georg Meyer/Hans Berkessel (Hg.), Die Zeit des Nationalsozialismus in Rheinland-Pfalz. Band 1, Mainz 2000, 57-68.
  • Gerhard Gräber/Matthias Spindler, Revolverrepublik am Rhein. Die Pfalz und ihre Separatisten. Band 1: November 1918-November 1923, Landau in der Pfalz 1992.
  • Erich Schneider, Die Rheinpfalz bei Kriegsausbruch 1870. Eine Provinz im Blickpunkt der deutschen Öffentlichkeit, in: Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz 82 (1984), 279-327.

Weiterführende Recherche

Externe Links

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Empfohlene Zitierweise

Gerhard Gräber, Pfälzischer Separatismus, publiziert am 09.10.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Pfälzischer_Separatismus> (13.11.2018)