Abwasserbehandlung (nach 1945)

Karte über die kommunalen Kläranlagen in Bayern aus dem Lagebericht Gewässerschutz 2014. (Bayerisches Landesamt für Umwelt)

von Peter Schleypen

Kommunen, Industrie und Gewerbe haben im Freistaat Bayern seit 1945 einen hohen Standard bei der Abwasserbehandlung zum Schutz der Menschen und Gewässer erreicht. Die Zielvorstellung der Staatsregierung im "Programm Gewässerschutz in Bayern" von 1972, für alle Fließgewässer die Güteklasse II (mäßig belastet) anzustreben, ist seit der Jahrtausendwende weitgehend erfüllt. Kanalisation und Kläranlage gehören zum größten Vermögen der Kommunen und müssen für immer höhere Ansprüche laufend instand gehalten, nachhaltig modernisiert und verbessert werden.

Stand der Abwasserentsorgung in Bayern

Jährlich (Stand: 2015) werden in Bayern rund 2 Mrd. cbm Abwasser in kommunalen Abwasseranlagen behandelt und weitgehend schadlos in den Wasserkreislauf zurückgegeben. Dafür wurden von 1946 bis 2014 insgesamt 34,4 Mrd. Euro investiert. Der Staat beteiligte sich mit 8,8 Mrd. Euro daran. Das Abwasser wird über eine 99.500 km lange öffentliche Kanalisation gesammelt und abgeleitet, in die 9.000 Regenbecken integriert sind. 2.600 kommunale Kläranlagen reinigen das Abwasser von 97 % der Bevölkerung und von vielen kleinen nicht genehmigungspflichtig sowie 1.400 größeren genehmigungspflichtig angeschlossenen Industrie- und Gewerbebetrieben. 63 % des erzeugten Klärschlamms werden thermisch verwertet. Bayern steht im bundesweiten Leistungsvergleich der kommunalen Kläranlagen mit an vorderer Stelle. 3 % der Bevölkerung werden auf Dauer ihr Abwasser in 83.700 privaten biologischen Kleinkläranlagen behandeln. 750 Industrie- und Gewerbebetriebe betreiben als Direkteinleiter eigene Kläranlagen, die genau auf ihr Abwasser abgestimmt sind. Die großen Wärmekraftwerke sind mit Rückkühlanlagen für ihr Kühlwasser ausgestattet, um das Ökosystem der angeschlossenen Gewässer nicht durch zu hohe Wassertemperaturen zu schädigen.

Grundlagen der Abwasserbehandlung

Häusliches Abwasser enthält vorwiegend fäulnisfähige organische Kohlenstoffverbindungen mit Stickstoff und Phosphor. Gewerbliches Abwasser kann häuslichem Abwasser entsprechen (z. B. Lebensmittelindustrie), aber auch für Gewässer besonders schädliche Eigenschaften (z. B. giftige Schwermetalle, Abwärme) aufweisen. Bevor Abwasser wieder in den natürlichen Kreislauf in ein Gewässer eingeleitet wird, muss es mindestens so weit behandelt werden, dass das Abbauvermögen der dort lebenden aeroben Mikroorganismen (Selbstreinigungskraft) nicht überschritten wird. Ansonsten wird das Leben für höhere Organismen (z. B. Fische) durch Sauerstoffmangel und Fäulnis gefährdet.

Recht und Vollzug

Rechtsgrundlage (Stand: 2015) für die Abwasserbehandlung sind das Wasserhaushaltsgesetz des Bundes (WHG) und das Bayer. Wassergesetz (BayWG), die auch supranationale EU-Vorgaben umsetzen. Sammeln, Behandeln und Einleiten von Abwasser dienen dem Gemeinwohl. Dazu sind in Bayern als Körperschaften des öffentlichen Rechts grundsätzlich die Kommunen verpflichtet. Sie erlassen Satzungen mit Anschluss- und Benutzungszwang. Sie können aber auch die Übernahme von Abwasser ausschließen, z. B. bei besonderem Industrie- und Gewerbeabwasser oder wenn nach ihrem Abwasserbeseitigungskonzept die Übernahme des Abwassers technisch oder wirtschaftlich nicht möglich ist. Alle zur Abwasserbeseitigung Verpflichteten können sich Dritter zur Erfüllung ihrer Pflichten bedienen.

Für jede Einleitung von Abwasser in ein Gewässer ist eine wasserrechtliche Erlaubnis der Kreisverwaltungsbehörde erforderlich. Sie ist widerruflich und an Bedingungen und Auflagen geknüpft. Das örtlich zuständige Wasserwirtschaftsamt ist amtlicher Sachverständiger und begutachtet, ob für die Einleitung die Mindestanforderungen der Abwasserverordnung ausreichen oder aus Immissionssicht weitergehende und zusätzliche Anforderungen notwendig sind. Für genehmigungspflichtige Gewerbeabwässer gelten die Mindestanforderungen nicht nur für die Einleitung in Gewässer, sondern auch in öffentliche Kanalisationen.

Abwasseranlagen sind mindestens nach den allgemein anerkannten Regeln der Technik zu planen, zu errichten und zu betreiben. Sie sind vom Betreiber nach der Bayer. Eigenüberwachungsverordnung zu überwachen. Bei der behördlichen Überwachung wirken anerkannte Private Sachverständige (PSW) mit. Das Bayer. Landesamt für Umweltschutz wertet alle Daten zur Abwasserentsorgung zentral aus, z. B. für die EU-Berichtspflicht "Kommunales Abwasser".

Nach den Abwasserabgabengesetzen des Bundes und Bayerns entrichten die Einleiter jährlich eine Abgabe für die eingeleiteten Rest-Schadstofffrachten. Sie ermäßigt oder erhöht sich, je nachdem wie die Anforderungen des Wasserrechtsbescheids eingehalten werden. Sie kann auch mit neuen Abwasserinvestitionen verrechnet werden, wenn eine erhebliche Verminderung der Gewässerbelastung zu erwarten ist. Die Mittel aus der Abwasserabgabe kommen ausschließlich dem Gewässerschutz zugute.

Abwasserentsorgung bis 1945

Nach den Cholera-Epidemien von 1837 und 1854 begannen in Bayern die großen Städte mit der systematischen Kanalisierung zur Verbesserung der Ortshygiene. Befürwortet von Max von Pettenkofer (1818-1901), Hygiene-Professor in München, wurden alle Haus-, Gewerbe- und Straßenabwässer in Mischwasserkanälen abgeschwemmt und in die nächsten Fließgewässer eingeleitet. Um 1907 waren in den Grenzen des heutigen Bayern 25 größere Städte geordnet und 35 Orte über 1.000 Einwohner teilweise oder planlos kanalisiert.

Damit verwandelte sich das Hygieneproblem der Siedlungen zu einem Umweltproblem der Gewässer. Die organischen Stoffe im Abwasser und manchmal toxische Gewerbeeinflüsse verursachten dort Sauerstoffmangel und faulende Schlammablagerungen. Besonders kritisch wurden die Verhältnisse im wasserarmen Nordbayern. Der zuständige Innenminister Friedrich von Brettreich (1858-1938, Innenminister 1907-1912, 1916-1918) musste aber auch am Beispiel der Isar unterhalb von München am 7. März 1910 in der Abgeordnetenkammer bekennen: "Die Erwartungen bezüglich der Selbstreinigung der Isar [...] haben sich leider nicht erfüllt. Die Isar wird grob verunreinigt, mit der Fischerei ist es dahin".

Langsam setzte sich die Erkenntnis durch, das gesammelte Abwasser vor der Einleitung zu reinigen und angeschlossene kritische Gewerbeabwässer vorzubehandeln. 1907 betrieben vier Orte kleine mechanische Kläranlagen, drei verwerteten das Abwasser landwirtschaftlich. Die ersten großen bayerischen Klärwerke gingen als mechanische Emscherbecken-Anlagen in Betrieb: 1913 Nürnberg-Süd (Nürnberg II), 1915 Fürth, 1926 München I (Gut Großlappen) mit biologischer Nachbehandlung von Mai bis Oktober im Teichgut Birkenhof der Mittleren Isar AG, 1931 Nürnberg-Nord (Nürnberg I) und 1941 Würzburg. Der anaerob stabilisierte Klärschlamm aus den Emscherbecken war ein begehrter Dünger für die Landwirtschaft.

Bis zum Zweiten Weltkrieg wurden viele Kanalisations- und Kläranlagenprojekte begonnen, oft aber im Krieg eingestellt. Trotz örtlicher Verbesserungen wurde in den beeinträchtigten Gewässern keine überörtliche Wirkung erreicht.

Flächendeckende Erschließung mit Abwasseranlagen

Belüftete Abwasserteichanlage in Oberau (Lkr. Garmisch-Partenkirchen), 1988. Die biologische Reinigung wird durch Mikroorganismen in schwebenden Schlammflocken bewirkt, die Sauerstoff durch Lufteintrag von im Wasser hin und her schwingenden Belüfterketten erhalten. (Foto: Peter Schleypen)
Tropfkörper-Kompaktanlage System Schreiber für kleine und mittelgroße biologische Kläranlagen; 1968. In einem Bauwerk sind Betriebsraum, Vorklärung, biologische Stufe und Nachklärung mit darunter liegender Schlammfaulung vereinigt. Vorne rechts Rechen und Sandfang; links die Schlammtrockenbeete. (Foto: Peter Schleypen)
Biologische Stufe der Abwasserteichanlage mit zwischengeschalteten Rotationstauchkörpern zwischen Absetz- und Nachklärteich in Markt Indersdorf, Ortsteil Niederroth (Lkr. Dachau), 1986. Auf den sich zur Sauerstoffversorgung ständig drehenden und teilweise ins Abwasser tauchenden Scheiben siedeln sich Mikroorganismen an, die das Abwasser biologisch reinigen. (Foto: Peter Schleypen)

Erste Phase: Abwasserbehandlung nach dem Verursacherprinzip bis in die 1980er Jahre

Nach Kriegsende mussten die weitgehend zerstörten städtischen Abwasseranlagen wieder funktionsfähig gemacht werden. 1949 gab es in Bayern 21 kommunale Kläranlagen, an die 1,8 Mio. Einwohner angeschlossen waren, nur sieben genügten in etwa den damaligen Anforderungen. Mit Neuanlagen wurde zunächst nur zögernd begonnen. Nach der Währungsreform entschlossen sich 1949 Bayern und ab 1953 auch der Bund, den Kommunen Zuschüsse für Kläranlagen und die erstmalige Errichtung von Kanalisationen zu gewähren. Industrie- und Gewerbebetriebe wurden ab 1956 zum Bau ordnungsgemäßer Abwasseranlagen steuerlich begünstigt.

Landesweit setzte der Bau von Kanalisationen und Kläranlagen nach wasserwirtschaftlicher Dringlichkeit ein. Die Anforderungen an die Abwasserbehandlung orientierten sich, noch ohne Festsetzung konkreter Ablaufwerte, an der örtlichen Aufnahmekapazität der jeweiligen Gewässer. So wurde an vielen Standorten zunächst mit mechanischen Kläranlagen (erste Reinigungsstufe) begonnen. Bei kritischeren Verhältnissen und generell ab Mitte der 1960er Jahre wurden mechanisch-biologische Kläranlagen zum Abbau der organischen Verschmutzungen (zweite Reinigungsstufe) errichtet. Seit Mitte der 1970er Jahre kam die Oxidation der Stickstoffverbindungen hinzu, wenn sensible Gewässer vor Sauerstoffmangel und Bildung von fischgiftigem Ammoniak zu schützen waren. Erste überörtliche Kläranlagen und Kanalisationen entstanden ab 1957 im Rahmen des "Reinhalteprogramms für die bayerischen Seen". 1972 beschloss die Staatsregierung im "Programm Gewässerschutz in Bayern", für alle Fließgewässer vorsorgend die Güteklasse II (mäßig belastet) anzustreben.


Für die Abwasserentsorgung kleiner ländlicher Orte mussten zunächst angepasste Verfahren und Strukturen gefunden werden. Seit 1952 wurden die bisher üblichen Haus-/Kleinkläranlagen in der Regel nur noch vorübergehend bis zum Anschluss an eine gemeindliche Entwässerungsanlage gestattet. Einfache, mechanisch wirkende Erdbecken waren die Lösung; ein Schwerpunkt entstand z. B. im Landkreis Ansbach. Sie dienten in großer Zahl lange Zeit als Behelf, bis zusammen mit umliegenden Orten größere und leistungsfähigere Kläranlagen, z. B. eines Zweckverbands, errichtet werden konnten. Viele wurden auch zu großflächigen Unbelüfteten Abwasserteichanlagen erweitert, manche in Kombination mit Tropfkörpern, Rotationstauchkörpern oder technischer Belüftung.

Tropfkörper mit Kunststoff-Füllmaterial im Klärwerk Garmisch-Partenkirchen, 1988. Das mechanisch vorbehandelte Abwasser wird über Drehsprenger auf die Tropfkörper verteilt. Mikroorganismen im biologischen Rasen auf den Kunststoff-Elementen reinigen das Abwasser beim Durchtropfen biologisch. Sauerstoff erhalten sie durch natürlichen Luftzug (Kaminwirkung). (Foto: Peter Schleypen)

Größere Orte und Städte setzten bis Mitte der 1960er Jahre das Tropfkörperverfahren für die biologische Reinigung ein, dann aber immer mehr das flexiblere Belebungsverfahren. Manche der größeren Kläranlagen wurden nach dem ersten Bauabschnitt zunächst mechanisch betrieben, bevor die biologische Stufe in einem zweiten Bauabschnitt fertiggestellt war. Kleinere biologische Anlagen wurden oft in Kompaktbauweise errichtet, z. B. nach dem System Schreiber.

Ende der 1970er Jahre hatten alle bayerischen Großstädte Klärwerke mit biologischer Reinigung. Beispiele:

  • Ab 1956 und 1958 waren die Klärwerke Nürnberg I und II biologisch mit Tropfkörpern erweitert worden. 1973 forderte ein gemeinsamer Wasserrechtsbescheid zusätzlich Nitrifikation. Es war in Bayern der erste Bescheid, der konkrete Grenzwerte für den Ablauf enthielt.
  • 1961 wurde das Klärwerk Fürth die erste großstädtische Belebungsanlage Bayerns mit einem Kombibecken für Belüftung und Nachklärung.
  • Ab 1973 erhielt das Klärwerk München I eine Belebungsstufe und ist seither die größte biologische Kläranlage in Bayern.
  • 1976 ging in Würzburg auf dem Klärwerk eine Belebungsstufe in Betrieb.
  • 1979 begann das Klärwerk Regensburg, jüngste großstädtische Kläranlage in Bayern, mit der Abwasserreinigung.
  • Ende 1979 war das 1957 errichtete Klärwerk Augsburg nach dem Belebungsverfahren erweitert worden; der Ausbau zur Nitrifikation stand an.
Regenüberlaufbecken als Fangbecken vor der Kläranlage in Monheim nach einem Regenereignis im Jahr 2000. Der Regenüberlauf im rechteckigen Schacht vor dem Zulauf zum Becken springt erst an, wenn das Becken gefüllt ist, zu erkennen am oberen Schmutzrand im Becken. (Foto: Peter Schleypen)
Nitrifikation und Denitrifikation im Klärwerk Nürnberg II. In dem langgestreckten und unterteilten Belebungsbecken mit vorgeschalteter Denitrifikation im unbelüfteten und Nitrifikation im belüfteten Teil nutzen Denitrifikanten im unbelüfteten Teil aus dem Abwasserrücklauf den Sauerstoff des Nitrats für den Kohlenstoffabbau. Der Stickstoff entweicht als Gas in die Luft. (Stadtentwässerung und Umweltanalytik Nürnberg, Foto: Harald Bauer)
Regenrückhaltebecken Oberwiesenfeld in München, 2014. Dieses erste große, unterirdische Becken mit einem Nutzinhalt von 80.000 cbm wurde 1973 errichtet, um das überlastete Kanalisationsnetz zu entlasten. Es ist bei fast jedem Regen in Betrieb, wie die Ablagerungen am Boden und die Ringe an den Säulen zeigen. (Foto: Münchner Stadtentwässerung)

Seit 1974 werden Mischwasserkanalisationen mit Regenüberlaufbecken ausgestattet, um die Kläranlagen hydraulisch nicht zu überlasten und 90 % der Verschmutzung des Regenwasserabflusses von den Gewässern fernzuhalten. Seit derselben Zeit werden auch Regenrückhaltebecken ohne Überlauf errichtet, um überlastete Kanalstrecken hydraulisch zu entlasten. Eines der größten ist das Regenrückhaltebecken Oberwiesenfeld in München, das 1973 mit einem Speichervolumen von 80.000 cbm gebaut wurde, dem in der Stadt noch viele weitere bis zu einem Gesamtvolumen von 700.000 cbm (Stand 2007) folgten.

Zu Beginn der 1980er Jahre war der flächendeckende Ausbau mit Kanalisationen und Kläranlagen in Bayern zu rund 80 % erreicht. Von den 11 Mio. Einwohnern waren 82 % an Kanalisationen und 75 % an 2.650 Kläranlagen mit einer Ausbaugröße von insgesamt 22 Mio. Einwohnerwerten (EW) angeschlossen. Die technisch biologischen Kläranlagen hatten daran einen Anteil von über 90 %.

Im Industriebereich hatte sich von 1950 bis 1980 die Produktion fast versiebenfacht. Viele Betriebe mit hohem oder schwierigem Abwasseranfall errichteten, vom Anschluss an kommunale Anlagen befreit, eigene Kläranlagen mit speziell angepassten Behandlungsverfahren. Innerbetriebliche Maßnahmen zum Rückhalt und zum Recycling wassergefährdender Stoffen wurden stetig optimiert. Ab Mitte der 1960er Jahre waren die Werke der Zellstoffindustrie so weit, dass sie die Ablaugen verbrennen und so die Gewässer wesentlich entlasten konnten. Als neue Industrieschwerpunkte entstanden bei Ingolstadt ab 1963 fünf Raffinerien und petrochemische Werke im Raum Burghausen (Lkr. Altötting) und Münchsmünster (Lkr. Pfaffenhofen a.d.Ilm), alle mit eigenen Kläranlagen. Die großen Wärme- und Atomkraftwerke sowie Industriebetriebe nutzten geeignete Techniken (z. B. Kühltürme, Kühlwasserkreisläufe) und richteten Überwachungsnetze ein, um die Gewässer durch die Abwärme ihrer Kühlwässer (1986 rd. 4 Mrd. cbm) nicht über Gebühr zu belasten.

Zweite Phase: Abwasserbehandlung nach dem Vorsorgeprinzip mit Nährstoffelimination

Parallel zum Bau der noch fehlenden Anlagen begann in den 1980er Jahren die Zeit der weitergehenden Abwasserreinigung mit Nährstoffelimination (dritte Reinigungsstufe). Ein Anlass dafür war, dass in der Nordsee Algenblüten infolge zu hoher Einträge von Stickstoff und Phosphor vermehrt aufgetreten waren. 1987 verpflichteten sich die Nord- und Ostsee-Anrainerstaaten, die Einträge zwischen 1985 und 1995 um 50 % zu verringern.

Das Vorsorgeprinzip trat im deutschen Wasserrecht und mit der beginnenden EU-Umweltgesetzgebung zum staatenübergreifenden Gewässerschutz in den Vordergrund. Seit Beginn der 1980er Jahre enthalten alle Bescheide für Abwassereinleitungen konkrete Grenzwerte, die bundesweiten Mindestanforderungen – seit 1996 nach dem Stand der Technik – wenigstens entsprechen müssen. Alle kommunalen Kläranlagen ab 10.000 Einwohner Ausbaugröße sind zur Stickstoff- und Phosphorelimination verpflichtet. Ähnliches gilt für gewerbliche Abwassereinleitungen, bei denen bestimmte Rohfrachten von Stickstoff und Phosphor überschritten werden. Die bestehenden Kläranlagen mussten nachgerüstet und modernisiert werden. Ein Investitionsschub begann, der bei den Kommunen von jährlich etwa 600 Mio. Euro Ende der 1970er Jahre bis auf 1,4 Mrd. Euro im Jahr 1994 anstieg und erst einige Jahre nach der Jahrtausendwende wieder das alte Niveau erreichte.

Die Anforderungen nach Phosphorelimination waren ohne größere Umbauten durch Fällung mit Kalk, Eisen- oder Aluminiumsalzen erfüllbar. In Bayern gab es hierzu bereits Erfahrungen, denn schon 1964 war in Prien am Chiemsee (Lkr. Rosenheim) die erste deutsche Kläranlage mit Phosphorelimination in Betrieb gegangen. Für das Ziel Stickstoffelimination (Denitrifikation) mussten die Anlagen mit zusätzlichen biologischen Reaktoren und neuen Regelungen erweitert werden.

Für die großstädtischen Klärwerke sind die Entwicklungen in München und Nürnberg beispielhaft:

Luftbild über das Klärwerk München I (Gut Großlappen), 2016. Blick nach Norden über das seit 1926 immer wieder erweiterte und erneuerte größte bayerische Klärwerk. Im Hintergrund die Allianz-Arena und rechts davon der Fröttmaninger Berg mit dem darauf errichteten Windrad.. (Foto: Ghost writ0r lizensiert durch CC-BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons)

1989 ging das Klärwerk München II (Gut Marienhof) für 1 Mio. Einwohner mit einer zweistufigen Belebung und sehr strengen Anforderungen in Betrieb. Seit 1996 wird die Filteranlage vor dem Ablauf auch zur Rest-Denitrifikation genutzt. Das Klärwerk München I (Gut Großlappen) wurde 1994 für 2 Mio. Einwohner ebenfalls mit einer zweistufigen Belebung und ab 2008 mit einer ähnlichen Filteranlage ausgestattet. Beide Klärwerke betreiben die Abwasserreinigung über einen 14,5 km langen Verbindungskanal im Verbund.

Im Teichgut Birkenhof, viele Jahre lang für die biologische Reinigung des Klärwerks München I zuständig und seit 1962 ein europaweit bedeutendes Vogelschutzgebiet, haben sich die Verhältnisse total verändert. Der Nährstoffgehalt des zugeführten Abwassers ging so stark zurück, dass die Fischzucht im Jahr 2000 eingestellt wurde. Seit 2002 hat der Bayer. Naturschutzfonds das Teichgut gepachtet. Das Abwasser aus dem Klärwerk I ist der Garant dafür, dass das Vogelschutzgebiet erhalten bleiben kann.

Seit Mitte der 1980er Jahre wurden in Nürnberg die beiden Klärwerke zur Nährstoffelimination und Ablauffiltration umgerüstet. 1984 übernahm Klärwerk I die gesamte Abwasserbehandlung, bis Klärwerk II 1990 für 230.000 Einwohner mit einer sauerstoffbegasten Belebung in der ersten Stufe und einer luftbegasten Belebung in der zweiten Stufe neu errichtet war. Seit 1990 arbeiten Klärwerk I und II im Verbundbetrieb. Sie betreiben seit 1992 Phosphorelimination und seit 1995 vorgeschaltete Denitrifikation in der zweiten Stufe. 2002 erhielt Klärwerk I, ausgebaut für 1,4 Mio. Einwohner, auch eine Sauerstoff-Belebung in der ersten Stufe.

Mitte der 1990er Jahre wurden über 3.100 kommunale Kläranlagen gezählt. Seither sinkt die Zahl, weil viele kleine Anlagen zu größeren Einheiten zusammengelegt werden oder an große Anlagen anschließen. Von allen 2.600 Anlagen (Stand 2014/15) haben die Kläranlagen bis 10.000 Einwohner (keine Nährstoffelimination gefordert) an der Gesamtzahl zwar einen Anteil von 85,4 %, ihr Anteil an der Gesamtkapazität macht aber nur 15,6 % aus. Insgesamt werden von allen kommunalen Kläranlagen 87 % des Phosphors und 77 % des Stickstoffs aus dem Abwasser entfernt. Die Vorgabe der EU-Kommunalabwasserrichtlinie von jeweils 75 % wird seit 2004 eingehalten.

2001 zeigte die Gewässergütekarte auf, dass die Zielvorstellung der Staatsregierung von 1972, die Güteklasse II zu erreichen, zu fast zwei Dritteln erreicht war. Während 1973 noch fast ein Viertel der Gewässer stark verschmutzt war (Gewässergüte III und schlechter), betrug deren Anteil jetzt nur noch 1,2 %. Seit Inkrafttreten der EU-Wasserrahmenrichtlinie im Jahr 2001 wird nun für Oberflächengewässer ein guter ökologischer und ein guter chemischer Zustand angestrebt. Mehr als drei Viertel der bayerischen Gewässer hatten 2009 nach dem EU-Saprobie-Modul eine gute bzw. sehr gute Zustandsklasse erreicht. Schlechter sieht es bei der Nährstoff-Belastung aus. Zwei Drittel der Gewässer haben vor allem infolge diffuser Einträge, insbesondere aus dem landwirtschaftlichen Bereich, immer noch zu hohe Werte.

Kleinkläranlagen als Dauerlösung für nicht an öffentliche Anlagen anschließbare Einwohner

Bepflanzter Bodenfilter zur Abwasserentsorgung von Einzelanwesen, 2006. Das zugeführte Abwasser wird zunächst in einer Mehrkammergrube entschlammt und durchströmt anschließend den Wurzelhorizont des bepflanzten Bodenfilters, in dem Mikroorganismen das Abwasser biologisch reinigen. (Foto: Stefan Weiß)
Technische Kleinkläranlage mit weitestgehender Abwasserreinigung im Karst, 2009. Die Anlage wird nach dem SBR-Verfahren intermittierend mit Nitrifikation, Denitrifikation und Schlammstabilisierung betrieben. Vor dem Ablauf wird das so behandelte Abwassers auch noch hygienisiert. (aus: Bayerisches Landesamt für Umwelt [Hg.], Abwasserentsorgung in Bayern - Schutz von Fließgewässern und Seen, 34; Foto: Simone Auth)

Ende der 1990er Jahre zeichnete sich ab, dass rund 97 % aller Einwohner an öffentliche Abwasseranlagen angeschlossen werden können und die restlichen ca. 3 % nach den Abwasserbeseitigungskonzepten der Kommunen landesweit auf Dauer privat entsorgt werden müssen. Dafür waren ca. 83.700 Kleinkläranlagen mit einer biologischen Stufe nachzurüsten, was Ende 2015 zu über 92 % erfolgt war. Bayern hat die Nachrüstung von 2003 bis 2014 finanziell gefördert.

Für die Kleinkläranlagen gelten die Mindestanforderungen der Kläranlagengrößenklasse 1 der Abwasserverordnung; weitergehende Anforderungen (Nitrifikation, Stickstoff- und Phosphorelimination, Hygienisierung) sind möglich. Zugelassene Private Sachverständige (PSW) haben alle zwei Jahre – bei Mängelfreiheit alle vier Jahre – den ordnungsgemäßen Betrieb zu bescheinigen. 2014 konnte festgestellt werden, dass über 90 % der umgerüsteten Anlagen ohne erhebliche Mängel betrieben werden.

Neue Herausforderungen zur Verbesserung der Nachhaltigkeit

Kanalisation

Naturnahe, oberirdische Sammlung und Ableitung von nicht versickertem Niederschlagswasser in einem Freizeitgelände, 2008. (aus: Bayerisches Landesamt für Umwelt [Hg.], Naturnaher Umgang mit Regenwasser - Verdunstung und Versickerung statt Ableitung, 4; Foto: Florian Ettinger)
Membranen-Block in der Membran-Kläranlage Monheim,2004. Block mit Hohlfaser-Membranen zur Trennung des gereinigten Abwassers vom belebten Schlamm nach Reinigung und einjährigem Betrieb. (Foto: Stefan Bleisteiner, Bayerisches Landesamt für Umwelt)

Bis in die 1990er Jahre wurde in Bayern für Kanalisationen mehr das Mischsystem (zwei Drittel Anteil) und weniger das Trennsystem angewandt. Nach neuen Erkenntnissen und Festlegung im WHG von 2010 ist es für den Gewässerschutz und das Ortsklima von Vorteil, wenn Niederschlagswasser möglichst unmittelbar versickert, verrieselt oder ohne Vermischung mit Schmutzwasser direkt in ein Gewässer eingeleitet wird.

Viele alte Kanalisationen sind schadhaft. Die Kommunen sind seit 1995 verpflichtet, ihre Kanalisationen regelmäßig zu überprüfen und die erforderlichen Sanierungen vorzunehmen. 2012 wurde erhoben, dass ca. 15 % aller öffentlichen Abwasserkanäle kurz- bis mittelfristig saniert werden müssen. Seit 2016 unterstützt Bayern die Sanierungen nach einer Härtefallregelung. Nach Abbau des Rückstaus sind auf Dauer jährlich - allein für den laufenden Erhalt - rund 1,5 % des Kanalnetzes zu renovieren bzw. zu erneuern. Noch kritischer sieht es bei den privaten Anschlusskanälen aus. Die regelmäßige, fachliche Überprüfung und Behebung aufgetretener Schäden wird noch nicht von allen Abwassersatzungen verlangt.

Betrieb der Abwasseranlagen

Seit Mitte der 1990er Jahre wurden bei den Kommunen neue Organisationsstrukturen im Abwasserbereich möglich. Vor allem Großstädte (z. B. Augsburg 1992, München 1993, Nürnberg 1996) gingen vom Regie- zum Eigenbetrieb über, organisatorisch und mit eigenem Haushalt verselbständigt. Andere Kommunen beauftragten Dritte im Rahmen eines Betreibermodells, 1996 z. B. die Stadt Bad Wörishofen für Bau und Betrieb des kommunalen Klärwerks. Zunehmend bewähren sich kommunale Zweckverbände und gemeinsame Kommunalunternehmen.

Alle Abwasseranlagen müssen laufend modernisiert und optimiert werden, nicht nur zur Verbesserung der Reinigungsleistung, sondern auch nachhaltig im Sinne der Resourcenschonung und des Klimaschutzes. 2012 hat hierzu das Umweltministerium erstmals – seither alle zwei Jahre – den "Abwasser-Innovationspreis" ausgeschrieben, für den sich die Träger kommunaler Abwasseranlagen bewerben können. Die ersten Auszeichnungen überreichte Umweltminister Marcel Huber (CSU, geb. 1958, Umweltminister 2011-14) im Januar 2013 an die Gemeinde Rott (Lkr. Landsberg a.Lech) und die Städte Cham, Pegnitz (Lkr. Bayreuth) und Straubing für ihre herausragenden und vorbildlichen Projekte.

Noch weitergehende Abwasserbehandlung, Mikroverunreinigungen

Seit 2003 demonstriert die Stadt Monheim (Lkr. Donau-Ries) mit ihren Abwasseranlagen im Karst der schwäbisch/fränkischen Alb, dass Abwasser auch in sehr sensible Gewässer eingeleitet werden kann. Die abflussarme Gailach versickert 6 km unterhalb der Stadt und tritt nach weiteren 5 km wieder als Karstquelle zu Tage. Das am Regenüberlaufbecken vor der Kläranlage abgeschlagene Mischwasser durchströmt vor Einleitung in die Gailach einen Retentionsbodenfilter mit bakteriologisch/hygienischer Wirkung. Die neue Kläranlage ist eine Belebungsanlage für 9.700 EW mit aerober Schlammstabilisierung, Stickstoff- und Phosphorelimination. Statt eines Nachklärbeckens trennen Hohlfaser-Membranen mit 0,1 µm Porenweite das gereinigte Abwasser vom belebten Schlamm. Der Erfolg kann sich sehen lassen: Das Wasser enthält nahezu keine Feststoffe mehr und ist hygienisch einwandfrei. Der Membrantechnik sind jedoch Grenzen gesetzt, wenn es darum geht, alle Mikroverunreinigungen gezielt zu entfernen. Dafür ist eine vierte Reinigungsstufe erforderlich.

Eine vierte Reinigungsstufe wird seit März 2015 auf dem Klärwerk des Zweckverbands Steinhäule baden-württembergischer und bayerischer Kommunen im Bereich Ulm/Neu-Ulm betrieben. Die Mikroverunreinigungen (Pharmazeutika, Hormone usw.) lagern sich in Kontaktbecken hinter der Nachklärung an Pulver-Aktivkohle (10 mg/l) an. Die beladene Aktivkohle gelangt mit dem Überschussschlamm in die klärwerkseigene Klärschlamm-Verbrennungsanlage.

Eine andersartige vierte Reinigungsstufe erhält die Kläranlage Weißenburg 2017 im Rahmen eines wissenschaftlich begleiteten Pilotvorhabens. Die Kläranlage ist mit Stickstoff- und Phosphorelimination für 35.000 EW ausgebaut und leitet das gereinigte Abwasser in die sensible, abflussarme Schwäbische Rezat ein. Nach der Nachklärung sollen hier die Mikroverunreinigungen in einem Ozon-Reaktor oxidiert bzw. aufgebrochen und die Rückstände in einer anschließenden Filterstufe entfernt werden. Die eine Filterstraße ist mit biologisch aktivierter, granulierter Aktivkohle, die andere zu Vergleichszwecken mit Filtersand gefüllt.

Klärschlammentsorgung

Abgabe von Nass-Schlamm aus dem Schlammspeicher einer Kläranlage zur landwirtschaftlichen Verwertung in den 1980er Jahren. (aus: Ludwig Strobel, Wasserwirtschaft in Bayern als Zukunftsauftrag und Herausforderung (Bayerisches Landesamt für Wasserwirtschaft, Heft 22, S. 91), München 1988; Foto: Peter Schleypen)
Verbrennungsofen und Abhitzkessel zur Klärschlammverbrennung in der Firma Emter GmbH in Altenstadt (Lkr. Weilheim-Schongau), 2014. (Foto: Karla Mix-Spagl, Bayerisches Landesamt für Umwelt)

Der stabilisierte Klärschlamm, Nebenprodukt der Abwasserreinigung, wurde lange Zeit nass oder nach Entwässerung in Trockenbeeten landwirtschaftlich verwertet. Seit Mitte der 1970er Jahre setzten vor allem größere Kläranlagen, später auch Lohnunternehmer, zur Entwässerung technische Verfahren (Zentrifuge, Filterpresse, Trocknung) ein. Aus großen Klärwerken wurde der Schlamm deponiert, oft gemeinsam mit Müll. Das ist seit 2005 nicht mehr gestattet. 1973 bis 1976 wurden erste Klärschlamm- bzw. Müll-Klärschlamm-Verbrennungsanlagen bei den Klärwerken Steinhäule (Ulm/Neu-Ulm), Marktoberdorf und dem Abwasserverband Ampergruppe eingerichtet. München errichtete noch 1980 eine Klärschlamm-Monodeponie, verbrannte einen Teil seit 1985 im Kraftwerk Nord und nahm schließlich 1998 eine eigene Klärschlamm-Verbrennungsanlage in Betrieb.

Für die landwirtschaftliche Klärschlammverwertung wurde ab 1982 die Klärschlammverordnung maßgebend. Seitdem darf nur noch seuchenhygienisch unbedenklicher Schlamm aufgebracht werden, jedoch nicht auf Grünland und Feldfutteranbauflächen. Für die Aufbringung sind die jährlichen Raten und der Zeitraum beschränkt. Auch wenn für die Schadstoffgehalte die Grenzwerte der Verordnung in der Regel gut eingehalten werden, hat die Staatsregierung im Jahr 2001 beschlossen, aus Vorsorgegründen und im Sinne der Nachhaltigkeit auf ein Ende der landwirtschaftlichen Verwertung hinzuwirken und den Schlamm thermisch zu behandeln. Auf Dauer soll das lebenswichtige Element Phosphor aus dem Klärschlamm oder der Klärschlammasche zurückgewonnen werden, wenn Verfahrensweisen, die derzeit in Deutschland entwickelt und erprobt werden, technisch und wirtschaftlich zur Verfügung stehen.

2015 fielen in Bayern rund 266.000 Tonnen Klärschlamm-Trockenmasse an. Davon wurden 15 % noch landwirtschaftlich (vor allem in ländlichen Bereichen), 22 % im Landschaftsbau und für Rekultivierungen sowie 63 % thermisch (Monoverbrennung, Zementwerke, Müllheizkraftwerke) verwertet.

Bayerische Besonderheiten

Kläranlagen mit Abwasserdesinfektion an Isar und Würm. (aus: Bayerisches Landesamt für Umwelt [Hg.], Abwasserentsorgung in Bayern - Schutz von Fließgewässern und Seen, 49; Aktualisiert von Dr. Peter Schleypen)

Seenreinhaltung

Über 300 km Ring- und Abfangkanäle schützen heute mehr als 20 größere bayerische Seen und leiten das Abwasser zu unterhalb gelegenen Kläranlagen. Sie sichern deren Freizeitnutzung und schützen die Seen vor Eutrophierung. Diese Verfahrensweise wurde in den 1950er Jahren in Bayern entwickelt und seither vielfach nachgeahmt.

Die weltweit erste Ringkanalisation errichtete von 1957 bis 1965 der am Tegernsee 1956 gegründete erste bayerische kommunale Zweckverband zur Abwasserbeseitigung. Schon kurz darauf entstanden ähnliche Anlagen an anderen großen Seen, z. B. am Ammersee (1961-1972) und Starnberger See (1965-1976). 1971 beschloss die Staatsregierung das "Reinhalteprogramm für die bayerischen Seen" mit dem Sofortziel, hygienisch einwandfreie Wasserqualität für die Erholungsnutzung, insbesondere zum Baden, an den Seen zu sichern. Mittelfristig sollten die Seen von Nährstoffen entlastet werden, um eingetretene Eutrophierungen zurücktzudrängen und die natürlichen Verhältnisse wiederherzustellen. 1989 war mit Fertigstellung der Ringkanalisation und des Klärwerks zur Reinhaltung des Chiemsees erreicht, dass alle großen bayerischen Seen vor unmittelbaren Abwassereinträgen geschützt wurden. Bundespräsident Richard Freiherr von Weizsäcker (CDU, 1920-2015, Bundespräsident 1990-1994) und Ministerpräsident Max Streibl (CSU, 1932-1998, Ministerpräsident 1988-1993) nahmen im November die Anlagen in Betrieb. Als Soforterfolg war an allen so geschützten Seen die Badegewässerqualität gesichert. Nach und nach konnten sich die Seen wieder dem ursprünglichen Gütezustand annähern und in der Folge auch mit hochwertigen Fischpopulationen.

Kleinere, von Abwasserzuflüssen befreite Seen erhielten ab 1979/80 zusätzlich eine Seentherapie, um den Wasserkörper vor der Rücklösung von Phosphor aus dem Bodenschlamm zu schützen. Hierzu wurden z. B. im Schliersee die Totalumwälzung, im Wesslinger See die Tiefenwasserbelüftung, im Obinger See der Tiefenwasserabzug und im Fischkaltersee eine chemische Behandlung eingesetzt.

Badegewässerqualität in Fließgewässern

Begleitend zur Renaturierung in und außerhalb der Millionenstadt München wurde die Isar durch Abwasserdesinfektion über 130 km Flussstrecke ein Badegewässer – einmalig in Europa.

UV-Bestrahlung zur Abwasserdesinfektion des weitgehend gereinigten Abwassers vor der Einleitung in die Isar im Klärwerk Bad Tölz, 2000. (aus: Bayerisches Landesamt für Umwelt [Hg.], Abwasserentsorgung in Bayern - Schutz von Fließgewässern und Seen, 49; Foto: Stephanie Kexel)

Mit einer Filtration und nachgeschalteten Desinfektion können die Abläufe kommunaler Kläranlagen so weit keimfrei gemacht werden, dass sie die Anforderungen der Bayer. Badegewässerverordnung erfüllen. Das macht dort Sinn, wo im aufnehmenden Gewässer die Keimbelastung aus diffusen Einträgen gering ist. An der Oberen und Mittleren Isar zwischen dem Sylvensteinsee und Moosburg a.d.Isar (Lkr. Freising) sowie an der Würm zwischen Starnberg und München ist das mit Ausnahme von Zeiten mit längeren Starkniederschlägen der Fall. Dort desinfizieren jährlich vom 15. April bis 30. September elf Kläranlagen ihren Ablauf mit UV-Bestrahlung. Bayern unterstützt und fördert das freiwillige Sonderprogramm. Die erste UV-Anlage wurde im September 2000 von Umwelt-Staatssekretärin Christa Stewens (CSU, geb. 1945) auf dem Klärwerk Bad Tölz in Betrieb genommen. Die größte UV-Anlage bestrahlt seit 2005 den Ablauf im Klärwerk München II (Gut Marienhof). Nach dem bisher großen Erfolg haben sich im August 2016 die Betreiber der Kläranlagen mit Umweltministerin Ulrike Scharf (CSU, geb. 1967, Umweltministerin seit 2014) geeinigt, das Sonderprogramm mindestens bis ins Jahr 2030 zu verlängern.

An der Unteren Ilz liegen in Niederbayern ebenfalls günstige Verhältnisse vor. Dort läuft ein ähnliches Programm seit 2005.

Abwasser-Fachleute in Bayern

Staatliche Abwasser-Fachleute sind in den Wasserwirtschaftsämtern, den Bezirksregierungen und dem Landesamt für Umwelt im Zuständigkeitsbereich des Umweltministeriums tätig. Ihre Hauptaufgaben sind, im Vollzug der Gesetze mitzuwirken, Strategien und Konzepte für eine nachhaltige, landesweite Gewässergütewirtschaft zu entwickeln sowie die Öffentlichkeit, Verwaltung und Politik zu beraten. Öffentlich geförderte Projekte begleiten sie baufachlich. Entwicklungsvorhaben werden von ihnen in Auftrag gegeben und betreut, in der Regel aus Mitteln der Abwasserabgabe finanziert.

Zugelassene Private Sachverständige (PSW) sind seit 2002 für Kleinkläranlagen im wasserrechtlichen Erlaubnisverfahren als Gutachter und für die Bauabnahme eingesetzt. Sie bescheinigen alle zwei bzw. vier Jahre den ordnungsgemäßen Betrieb und die fachgerechten Wartung. Seit 2012 ist ihnen auch die Überwachung von kommunalen und industriellen Kläranlagen vor Ort übertragen worden.

Ingenieurbüros auf dem Abwassersektor sind fachliche Berater, planen Abwasseranlagen und sind bei der Baudurchführung tätig. 250 bayerische Ingenieurbüros haben im Rahmen ihrer DWA-Mitgliedschaft einen regelmäßigen Erfahrungsaustausch.

Die fachbezogenen Lehrstühle an den bayerischen Hochschulen sind in Forschungs- und Entwicklungsprojekte eingebunden und werden zur Beratung herangezogen.

Mit dem Ziel, die Fachleute der Wasserwirtschaft zusammenzuführen, ist der Bayer. Landesverband der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e. V. (DWA) tätig. Er wurde 1952 als Landesgruppe der damaligen Abwassertechnischen Vereinigung e. V. (ATV) gegründet und hat rund 2.400 Mitglieder (Stand: 2016). Zu seinen Schwerpunkten gehören - unterstützt durch die bayerische Umweltverwaltung - die Fort- und Weiterbildung des Betriebspersonals von Abwasseranlagen, Erfahrungsaustausche der Kommunen und Ingenieurbüros sowie im Rahmen des Bundesverbands die Entwicklung und Fortschreibung des Technischen Regelwerks "Abwasser- und Abfalltechnik". Seit 1962 werden vom Landesverband Kurse zu den Grundlagen des Kläranlagenbetriebs durchgeführt. 1973 begannen der Erfahrungsaustausch und die Weiterbildung des Betriebspersonals im Rahmen von Nachbarschaften. Jede der 93 Kanal- und Kläranlagen-Nachbarschaften (Stand: 2017) trifft sich zwei- bis dreimal im Jahr auf einer Anlage, um unter Leitung eines erfahrenen Abwassermeisters oder Ingenieurs praxisnah Betriebsprobleme zu diskutieren und Erfahrungen auszutauschen. Ergänzend zu den regionalen Nachbarschaften gibt es Sondernachbarschaften zu den Themen "Maschinelle Schlammentwässerung", "Phosphor-Elimination", "SBR-Anlagen", "Kleine Kläranlagen" und "Große Kläranlagen".

Seit 1984 werden Facharbeiter für Abwassertechnik im ersten staatlich anerkannten Ausbildungsberuf des Umweltbereichs ausgebildet. 1987 folgte die Verordnung für die Meisterprüfung. Bis 2015 haben weit mehr als 350 Beschäftigte bayerischer Abwasseranlagen ihre Meisterprüfung erfolgreich abgelegt.

Literatur

  • Abwassertechnische Vereinigung e. V., Herausgeber: ATV-Handbuch Biologische und weitergehende Abwasserreinigung, Berlin 4. Auflage 1997.
  • Erwin Bach, Pettenkofer – Sein Beitrag zur Lösung der Abwasserfrage, in: Bayerisches Landesamt für Wasserwirtschaft und Technische Universität München, Seminar "Geschichtliche Entwicklung der Wasserwirtschaft und des Wasserbaus in Bayern" am 30. April 1981. Informationsberichte des Bayerischen Landesamtes für Wasserwirtschaft 4/81, München 1981, 261-285.
  • Bayerisches Landesamt für Statistik und Datenverarbeitung, Statistik der öffentlichen Wasserversorgung und Abwasserentsorgung in Bayern 1991-2013, 2017.
  • Bayerisches Landesamt für Umwelt, Abwasserentsorgung in Bayern – Schutz von Fließgewässern und Seen, Neudrosselfeld 2010.
  • Bayerisches Landesamt für Umwelt, Umsetzung der EG-Kommunalabwasserrichtlinie in Bayern – Lagebericht 2014, 2015.
  • Bayerisches Landesamt für Wasserwirtschaft, 100 Jahre Bayer. Landesamt für Wasserwirtschaft – Festschrift (Schriftenreihe des Bayerischen Landesamtes für Wasserwirtschaft 8), München 1978.
  • Baureferat der Landeshauptstadt München Hauptabteilung Entwässerung, 100 Jahre Stadtentwässerung München 1885-1985, München 1985.
  • Klaus Bucksteeg, Seenreinhaltung in Bayern – Eine Zwischenbilanz nach 25 Jahren Gewässerschutzarbeit, in: Informationsbericht 2/83 des Bayer. Landesamtes für Wasserwirtschaft, München 1983, 313-327.
  • DWA-Landesverband Bayern, Chronik zum 60jährigen Bestehen, München 2012.
  • Oberste Baubehörde im Bayer. Staatsministerium des Innern, Tätigkeitsbericht Bayerische Staatsbauverwaltung 1948–1968, München 1968.
  • Oberste Baubehörde im Bayer. Staatsministerium des Innern, Seenreinhaltung in Bayern (Schriftenreihe Wasserwirtschaft in Bayern), Garching 1971.
  • Karl Imhoff/Klaus R. Imhoff/Norbert Jardin, Taschenbuch der Stadtentwässerung, München 32. Auflage 2017.
  • Landeshauptstadt München Baureferat, Stadtentwässerungswerke, Im Untergrund von München – Die Kanaler einer Großstadt erzählen, München 2001.
  • Leonhard Lutz, Gesellschaft und Wirtschaft Nürnbergs unter Otto Freiherr von Stromer, Stuttgart 1992.
  • Wilhelm Salisko/Friedrich Wieselsberger, München – Wasserversorgung und Abwasser, in: Bayerisches Landesamt für Wasserversorgung und Gewässerschutz (Hg.)/Max Lohr (Bearb.), Gewässerschutz in Bayern, München 1966, 49-53.
  • Peter Schleypen, Abwasserreinigung in Bayern. Entwicklung der Klärtechnik bei kommunalen Abwasseranlagen, in: BAU INTERN. Zeitschrift der Bayerischen Staatsbauverwaltung 7 (1988), 118-125.
  • Thomas Schranner, Kleinkläranlagen bewähren sich in der Praxis. Auswertung der Überwachungsdaten von über 50.000 bayerischen Kleinkläranlagen, in: KA Korrespondenz Abwasser 8/2014, 695-700.
  • Stadt Nürnberg Stadtentwässerungsbetrieb, Alles klar – Jubiläums Festschrift 125 Jahre Stadtentwässerung 1874-1999, Zirndorf 1999.
  • Fritz Stimmelmayr, Das Bayerische Landesamt für Wasserversorgung und Gewässerschutz – seine Aufgaben und seine Organisation, in: Bayer. Landesamt für Wasserversorgung und Gewässerschutz (Hg.)/Max Lohr (Bearb.), Gewässerschutz in Bayern. Anläßlich der 3. Internationalen Abwasserkonferenz 1966 in München, München 1966, 9-15.
  • Ludwig Strobel, Wasserwirtschaft in Bayern als Zukunftsauftrag und Herausforderung (Schriftenreihe des Bayerischen Landesamtes für Wasserwirtschaft 22), München 1988.
  • Heinrich Völk, Wasserversorgung und Gewässerschutz, in: Wasserbau und Wasserwirtschaft in Bayern 1, München 1962, 22-27.
  • Friedrich Wieselsberger, Stand der Abwasserbeseitigung in Bayern. Wasserwirtschaft in Bayern. Aus dem Arbeitsbereich des Bayerischen Landesamtes für Wasserwirtschaft. Seminar am 8. Februar 1983, München 1983.

Quellen

  • Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Akten und Veröffentlichungen der Obersten Baubehörde bis 1993, der ehemaligen Landesstelle für Gewässerkunde 1905-1957, des ehemaligen Landesamtes für Wasserversorgung und Gewässerschutz von 1957-1974 und des ehemaligen Landesamtes für Wasserwirtschaft von 1974-2005.

Weiterführende Recherche

Externe Links


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Empfohlene Zitierweise

Peter Schleypen, Abwasserbehandlung (nach 1945), publiziert am 31.07.2017; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Abwasserbehandlung_(nach_1945)> (19.10.2017)